VICE-Autor Yves Bellinghaus beim Schachspielen im Bett. Der Autor hat versucht, so lange Schach zu spielen, bis sich sein Bewusstsein erweitert.
Foto: Mira Lauterbach
Menschen

Ich habe 25 Stunden Schach gespielt, um mein Bewusstsein zu erweitern

Schon einige Schachgroßmeister hatten psychische Störungen. Ich will herausfinden wieso.
16.6.21

Als ich am Sonntag um vier Uhr in der Früh aufstehe, mir einen Energydrink öffne und mich vor den Laptop setze, nehme ich mir vor, nicht zu ruhen, bis ich nicht mehr kann. Ich logge mich auf lichess.org ein, meiner liebsten Schachwebsite, und werde in den kommenden 25 Stunden und 11 Minuten nichts anderes tun, als Schach zu spielen. Ich will so lange Schach spielen, bis ich zusammenbreche und das hat einen ernsten Hintergrund: Zwischen diesen 64 Feldern haben sich schon viele große Spieler verloren. Ich möchte herausfinden, woran das liegt.

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Paul Morphy etwa war einer der besten Spieler seiner Zeit. Im 19. Jahrhundert trieb er seine Gegner mit stürmischem Temposchach in die Ecke, bis er sich in seiner eigenen Paranoia verlor. Schon mit 21 beendete er seine Karriere. Wilhelm Steinitz, der erste Schachweltmeister, begann zu halluzinieren, glaubte bald, er besäße telepathische Fähigkeiten und meinte, er könne in seinem Kopf gegen Gott spielen. Der legendäre Carlos Torre Repetto galt schon als äußerst eigensinnig bevor er auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen Nervenzusammenbruch hatte, sich in einem Bus auf der Fifth Avenue auszog und in eine Klinik kam. 


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Ein Tag Schachspielen wird mich sicherlich nicht in die Psychiatrie bringen. Aber vielleicht, wenn ich lange genug auf diese schwarz-weißen Quadrate starre und die Schlaflosigkeit mein Gehirn weichgespült hat, vielleicht finde ich dann eine Antwort auf die Frage, die sich schon vor mir viele Leute gestellt haben. Kann man psychisch erkranken, wenn man sehr viel Schach spielt, oder spielen nur Menschen sehr viel Schach, die psychisch erkrankt sind?

Ein Spiel wie eine Sprache

Obwohl ich Schach liebe, spiele ich selbst mittelmäßig. Und heute morgen auch noch unkonzentriert. Die ersten Partien des Tages eröffne ich wahllos: erst mit der Nimzo-Larsen-Attacke, dann mit der Ponziani-Eröffnung. Gegen fünf Uhr morgens gebe ich nach 20 Zügen auf. Es ist meine fünfte Niederlage in Folge.

Im Gegensatz zu mir haben Großmeister oft ein fotografisches Gedächtnis. Sie erinnern jeden einzelnen Zug von tausenden Partien, der eigenen wie die der anderen großen Meister, und rechnen ein Dutzend Züge im Voraus. Sie können gegen etliche Gegnerinnen gleichzeitig antreten und ganze Partien im Kopf spielen, ohne ein einziges Mal aufs Brett zu sehen. 2016 nahm es der usbekische Großmeister Timur Gareyev mit 48 Gegnern gleichzeitig auf und gewann 35 der Spiele. Mit verbundenen Augen. Während er auf einem Ergometer strampelte. Im Gegensatz zu diesen Männern habe ich den Geist eines Pantoffeltierchens.

Ödipus in Schwarz-Weiß

Wenn Helmut Pfleger, jahrzehntelang einer der besten deutschen Spieler und ehemaliger Psychotherapeut, auf eine Schachstellung blickt, dann erkennt er sofort Muster. So wie es Wörter in einer Sprache gibt, gebe es im Schach Motive, die ständig wiederkehren. Wer oft spiele, sehe das Brett mit anderen Augen, sagt Pfleger.

"Einer der Gründe, warum manche Männer viel Schach spielen, mag ein ödipaler Komplex sein", sagt Pfleger. Mithilfe der Mutter, repräsentiert durch die Dame, versuche der Schachspieler den Vater, also den König, zu töten. Etliche der besten Spieler der Welt seien vaterlos aufgewachsen, sagt Pfleger. In der Netflix-Serie Das Damengambit wächst Beth Harmon als Waise auf, ihren späteren Pflegevater hasst sie. Auch in Nabokovs Roman Lushins Verteidigung hat der Protagonist ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. Ich selbst habe meinen Vater nicht kennengelernt. Ermorden würde ich ihn trotzdem nicht.

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Aber kann Schach psychische Krankheiten auslösen? "Nein!", sagt Pfleger, Schach sei sogar gesund, als Gehirnjogging. Mental belastend seien im Schach nur die Niederlagen. Denn eine Partie Schach wird jedes Mal persönlich. Die Fußballerin kann sich immer trösten: die Mitspielerin, das Wetter, die Linienrichterin, der verschleppte Muskelfaserriss oder was auch immer. Aber der Schachspieler, der ganz allein vor dem Brett sitzt, kann nur an sich selbst zweifeln, wenn er verliert. 

Und er wird sich für einen brillanten Kopf halten, wenn er gewinnt. In keinem anderen Spiel fühlt sich ein Sieg so gut an: Der Verlierer kann nichts auf den Zufall schieben, keine Würfel, kein Kartenglück. Der Gewinner wird immer behaupten: Genau so habe ich es geplant. Und immer schwingt mit: Ich habe dich intellektuell überrumpelt. Dich in eine geometrische Falle gelockt. Deinen Plan erkannt, bevor du ihn ausführen konntest. Ich war klüger als du. 

Das wohl berühmteste Schach-Opfer

Wenn ich wissen will, was mit den betroffenen Großmeistern passiert ist, muss ich mich mehr anstrengen und jetzt ganz dem Schach widmen. Ich konzentriere mich und spiele nur noch die italienische Eröffnung, mit der ich mich auskenne. Wenn ich früh im Spiel eine Figur verliere, dann werde ich nicht wütend, sondern kämpferisch. Ich habe eine Siegesserie.

Gegen sechs Uhr in der Früh schleiche ich mich durch die WG, steige aufs Dach und spiele im Sonnenaufgang weiter. Mein Körper ist jetzt wach, ich bin voll da: 20 Stunden bevor ich zusammenbrechen werde, glaube ich, bis in alle Ewigkeit weiterspielen zu können.

Ich besaufe mich an meinen Siegen. Wie ich die Dame des lichess-users "ManFai" in Zug 22 fessele und er sofort aufgibt. Wie ich den König des users "Br0nc0" in die Ecke dränge, ihn mit zwei Springern und der Dame umtänzele, bevor ich ihn hinrichte. Wie ich "Hrach1949" mit meinem eigenen König und zwei Bauern matt setze. Großer Gott, fühlt sich das gut an. So spielt kein Pantoffeltierchen, so spielte der junge Bobby Fischer.

Als Bobby Fischer 1972 für die USA gegen den Russen Boris Spasski um den WM-Titel spielte, beschimpfte er die Veranstalter und tauchte zur zweiten Partie des Duells gar nicht erst auf. Fischer war ein exzentrischer Choleriker, aber er spielte brillant. Im sechsten Spiel besiegte er Spasski mit einer solch schlichten Eleganz, dass dieser vom Brett aufstand und Fischer applaudierte. Mitten im Kalten Krieg.

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Fischer wurde weltberühmt und löste in den USA einen Schachboom aus, bevor er endgültig abdrehte. Später leugnete er den Holocaust und lobte die Anschläge vom 11. September. Fischer hatte Verfolgungswahn, wechselte ständig seinen Wohnort und legte die amerikanische Staatsbürgerschaft ab, bevor er 2005 Asyl in Island fand, wo er drei Jahre später starb. 

Ein Spiel für Eigenbrötler

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden. Ich sitze schon seit neun Stunden ununterbrochen vor dem Schachbrett, stopfe mich mit Kuchen voll und trinke Eiskaffee. Ich fühle mich großartig, der Zucker und das Koffein treiben mich an. Bobby Fischer war der letzte Großmeister, der einen öffentlichen Wutanfall hatte. Heute werden psychische Krankheiten früher erkannt. Menschen bekommen im Idealfall rechtzeitig Hilfe und nicht erst, wenn sie in der Öffentlichkeit auffällig werden.

Ist meine ganze These also Unsinn? Um 12:30 Uhr rufe ich André Schulz an, während ich eine Partie gegen den User "math-lover" verliere. Schulz ist Chefredakteur der deutschsprachigen Nachrichtenseite von chessbase.com und hat ein Buch über Schachgeschichte geschrieben. Kann Schachspielen jetzt psychische Störungen auslösen oder nicht?

Schachspieler würden nicht psychisch krank, weil sie so viel Schach spielen, sagt Schulz. „Vielmehr interessieren sich überdurchschnittlich viele sonderbare Menschen für Schach", sagt er. "Das Spiel zieht etwa oft solche Autisten an, die die logische Klarheit darin lieben." Und auch Eigenbrötler können sich beim Schach stundenlang gegenüber sitzen, ohne dabei ein Wort wechseln zu müssen. Nerds können hier unter ihresgleichen bleiben. Aber haben die alle Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit?

"Nein", sagt Schulz, "aber wenn solche Leute dann auch noch blind Schach spielen, eine eigene Wissenschaft zu dem Spiel entwickeln und ihr ganzes Leben einem Brettspiel widmen, dann wirkt das auf Außenstehende wie Wahnsinn."

Live-Action Schach

Um Punkt 15 Uhr steht mein Schachfreund Daniel vor der Tür. Schon immer spielt er besser als ich und vor ein paar Monaten hat er mir gestanden, er sei schachsüchtig.

"Macht dich das Schachspielen manchmal irre?", frage ich ihn.

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"Manchmal sehe ich abends noch Schachbretter vor meinem inneren Auge, wenn ich viel Blitz-Schach gespielt habe", sagt er.

Wenn Schach wie Kokain ist, dann ist Blitz-Schach wie Crack: schneller, härter, aggressiver. Für die gesamte Partie hat jeder Spieler beim Blitz nur fünf Minuten Bedenkzeit. Beim Blitzen bilden sich unter meinen Achseln jedes Mal große Schweißringe. Aber heute spielen Daniel und ich ohne Uhr. 

Bald merke ich, dass meine Gefühle intensiver sind, wenn mein Gegner mir physisch gegenüber sitzt: Spiele ich einen starken Zug, sehe ich, wie Daniels Augen über das Brett rasen und nach einer Lösung suchen. Ich liebe das, aber natürlich zeige ich es ihm nicht. Wenn ich verliere, reiche ich ihm die Hand und beglückwünsche ihn. Würde ich 24 Stunden gegen Daniel spielen und ständig meine Gefühle unterdrücken: Vielleicht würde ich dann auch irgendwann cholerische Anfälle bekommen, so wie Bobby Fischer.

Nach vier Partien steht es zwischen uns 2:2. "Entscheidungs-Blitz?", fragt Daniel schelmisch. Fünf Minuten später gebe ich auf. In mir kocht die Wut, aber ich lächele. Dann bringe ich Daniel zur Tür, umarme ihn und setze mich wieder vor meinen Computer, wo ich meine Wut rauslassen kann. Fuck! Ich verliere und komme meinem Ziel trotzdem nicht näher.

Mittlerweile ist es schon neun Uhr abends und mein Magen fühlt sich flau an vom Zucker. Zum Abendessen genehmige ich mir eine entspannte Partie mit 30 Minuten Bedenkzeit. Läufer B5, einen Happen Butternutkürbis. Springer F3, ein Schlückchen Energydrink. Diese erholsame Partie werde ich brauchen, denn jetzt kommen die harten Stunden: Ich will auf Crack umsteigen. Wenn mich 17 Stunden Schach noch immer nicht in den Realitätsverlust getrieben haben, dann muss ich blitzen.

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Während ich regungslos vor meinem Computer sitze, gewittert es in meinem Kopf. Ich will die Siege so sehr, aber ich werde immer dümmer. Meine Augen tun weh, weil ich seit vier Uhr morgens auf den Rechner starre. Und mit jeder Niederlage werde ich ängstlicher. Sogar Bobby Fischer hatte panische Angst vor dem Verlieren, obwohl er einer der besten Spieler seiner Zeit war. Ich starre nervös auf das Brett: Droht mir da gerade ein Grundreihenmatt? Der hat es doch auf meinen Königsspringer abgesehen!

Ich sehe Gefahren, wo keine sind. Am Brett werde ich immer paranoider und wenn ich kurz die Augen schließe, dann sehe ich das Brett weiter vor mir. Ein Anflug von Verfolgungswahn, aber wenn ich vom Brett aufschaue, dann ist das Gefühl wieder weg. Vielleicht würde ich mich jetzt von Daniel verfolgt fühlen, wenn ich den ganzen Tag gegen ihn gespielt hätte.

Kurz und unruhig

Gegen zwei Uhr morgens fühle ich mich plötzlich sonderbar leicht. Schachzüge fliegen durch meinen Kopf, die ich auf dem Brett nicht sehe. Sie verlieren den Bezug zu dem, was da ist. Schwebe ich? Ein schrilles Plingen von meinem Computer holt mich zurück: Ich habe nicht geschwebt, sondern bin über meinem Laptop zusammengebrochen, habe ein paar Sekunden geschlafen und das Zeitlimit meiner Partie überschritten. 

Schnell öffne ich mir einen Energydrink, gehe ins Bad, kaltes Wasser ins Gesicht. Das Schachbrett vor meinem inneren Auge wird immer deutlicher. Sind das schon Halluzinationen? Jetzt nicht nachlassen! Ich blitze weiter, aber da kommt nichts mehr. Ich lasse mich nur noch von fremden Menschen aus dem Internet zerpflücken und könnte vor Wut heulen. Aber ich werde meinen Marathon nicht als Verlierer beenden.

Um 4:49 Uhr beginne ich eine Partie gegen mohapmahmoud. Ich verliere früh meinen Turm, aber egal: Ich konzentriere mich auf mein Bauernspiel. In Zug 52 bekomme ich einen Bauern durchgedrückt und verwandele ihn in eine Dame. Scheiße, JA! Zwei Züge später, um 5:11 Uhr, ist mohapmahmoud matt und ich bin erlöst. Ich falle ins Bett, überall Schachbretter.

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Ich schlafe kurz und unruhig. Als ich am nächsten Morgen aufwache, sind die Schachbretter vor meinem inneren Auge verschwunden. Hätte ich gestern 25 Stunden lang Backgammon gespielt: Vielleicht hätte ich dann Zackenmuster vor meinem inneren Auge gesehen. Schach allein führt sicher nicht zu psychischen Störungen, aber dass auffällig viele Großmeister darunter litten, kann auch kein Zufall sein: Vereinsspielerinnen versuchen ständig, die Gedanken ihrer Gegnerinnen zu lesen. Kein Wunder, dass Steinitz irgendwann an Telepathie glaubte.

Schachspieler müssen kreativ sein, logisch denken und das alles unter Zeitdruck. Schach ist kraftzehrend. Und dann ist da noch die ständige Angst vor der Niederlage, die immer auch eine intellektuelle Demütigung bedeutet. Aber nur weil man regelmäßig Schach spielt, muss man nicht enden wie Bobby Fischer.

Am nächsten Morgen bin ich noch ziemlich erledigt von meinem Schachmarathon – die letzte Nacht fühlt sich an wie ein Drogentrip. Meine Erinnerung an die späten Stunden, in denen ich geblitzt habe, sind verschwommen und fransen gegen Ende aus. Vom Blitzen lasse ich in Zukunft lieber die Finger. 

Ich stehe auf, mache mir einen Kaffee und spiele zum Start in den Tag eine Partie Schach. Mit reichlich Bedenkzeit. 

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