Links spielen mehrere asiatische Kinder auf einem Geröllhaufen vor einem Wohnhaus, rechts trägt eine Mutter mit Kopftuch ihr Kind auf der Schulter; die Fotografin Youqine Lefèvre stammt aus China, wurde aber mit acht Monaten adoptiert, jetzt dokumentiert
Alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: Youqine Lefèvre
Politik

Fotos: Die dramatischen Folgen der chinesischen Ein-Kind-Politik

1994 wurde Youqine Lefèvre als Säugling von einem Mann aus Belgien adoptiert. Knapp 25 Jahre später versuchte sie, ihre Vergangenheit mit dem Fotoapparat einzufangen.
Gen Ueda
Brussels, BE
9.9.21

Ab den 1940er Jahren kam es in China zu einem unglaublichen demografischen Boom: Die Bevölkerung verdoppelte sich bis zum Ende der 70er Jahre auf fast eine Milliarde Menschen. Um 400 Millionen weitere Geburten zu vermeiden, die die finanziellen Wachstumspläne Chinas zunichte gemacht hätten, führte die Regierung 1979 die sogenannte "Ein-Kind-Politik" ein. Damit wurde gesetzlich geregelt, wie viele Kinder Paare bekommen dürfen.

Anzeige

Obwohl das Gesetz mehrere Ausnahmen beinhaltete und oft auf finanzielle Anreize zur Folgebereitschaft der Massen setzte, wurden Millionen Menschen hart bestraft, wenn sie sich nicht an die Geburtsvorgabe hielten. Zu den Bestrafungen gehörten neben Bußgeldern auch erzwungene Abtreibungen und Sterilisationen. Aus diesem Grund hatten viele Eltern das Gefühl, ihre "überschüssigen" Kinder weggeben zu müssen, um nicht bestraft zu werden. Viele dieser Kinder kamen in Waisenhäuser und wurden später von Menschen adoptiert, die nicht in China lebten. Laut Nanfu Wang, der Regisseurin der Dokumentation One Child Nation, seien viele der Kinder, die man zur internationalen Adoption ausschrieb, aber auch gewaltsam und ohne das Einverständnis der Eltern von ihren Familien getrennt worden.


Auch bei VICE: Der Babyschmuggel in Bulgarien und Griechenland


Zu den Adoptierenden aus dem Ausland gehörte auch ein Belgier namens Lefèvre, der sich im Juli 1994 mit fünf anderen belgischen Familien am Flughafen von Brüssel traf. Die neunköpfige Gruppe verbrachte die darauffolgenden zwei Wochen in Yueyang, einer Stadt in der chinesischen Provinz Hunan, um ihre Adoptionsvorgänge abzuschließen. Lefèvre filmte die Reise zum Yueyanger-Waisenhaus mit seiner Videokamera. 

Seine Aufnahmen zeigen die lange Fahrt der Gruppe durch Felder und verlassene Landstreifen, bis sie endlich beim Waisenhaus ankommen: ein heruntergekommenes Gebäude, bei dem die Farbe von den Wänden blättert. Nach kurzem Warten werden den Adoptierenden die sechs Kinder – alles kleine Mädchen – vorgestellt, die man ihnen zugewiesen hatte. In diesem Moment trifft Lefèvre zum ersten Mal auf seine Adoptivtochter Youqine, die damals erst acht Monate alt ist. Alle sechs Kinder bekommen an diesem Tag neue Eltern. 

Mehrere Erwachsene stehen vor einem heruntergekommenen Gebäude und halten Babys und kleine Kinder auf dem Arm

Die belgische Reisegruppe am Tag der Adoption im Juli 1994 | Foto: privat

Seitdem ist viel Zeit vergangen und viele Erinnerungen gingen verloren. Aber als Youqine Lefèvre 2017 zum ersten Mal die Videoaufnahmen ihres Vaters von damals ansah, hatte sie plötzlich ein wertvolles Zeugnis ihrer Herkunft. "Jahrelang war meine Beziehung zu China sehr zwiespältig, und ich verspürte kein bisschen den Drang, dorthin zurückzukehren", sagt die heute 27-Jährige. "Mit 23 fühlte ich mich aber instinktiv dazu bereit. Ich glaube, das ist eine Sache der Reife – also dass man herausfinden will, wo man im Leben steht."

Nachdem sie ihren Abschluss an der School of Graphic Research in Brüssel erfolgreich absolviert hatte, entschied sich Lefèvre dazu, nach China zu reisen. Dabei besuchte sie auch das Waisenhaus in Yueang. Die Umgebung war mit neuen Gebäuden und Straßen kaum wiederzuerkennen. Das Waisenhaus hatte sich ebenfalls verändert: Heute wohnen dort auch Menschen mit körperlichen und mentalen Beeinträchtigungen sowie ältere Leute, die nicht mehr selbstständig leben können. Den Hof, auf dem der Bus mit der belgischen Reisegruppe 1994 geparkt hat, gibt es nicht mehr. Nur das Gebäude, in dem Lefèvres Adoptivvater sie zum ersten Mal in den Armen hielt, steht noch.

Der Eingang eines heruntergekommenen Waisenhauses, an den Wänden sind chinesische Schriftzeichen zu sehen

Das Waisenhaus, in dem Lefèvre sieben Monate lang lebte

Lefèvre weißt nichts über ihre biologischen Eltern. Sie lebte nach ihrer Geburt einen Monat lang bei ihnen, bevor man sie mit einem Zettel, auf dem ihr Geburtsdatum stand, ausgesetzt haben soll. Jemand fand das Baby im Stadtteil Wulipai und brachte es auf eine Polizeiwache. Von dort aus kam Lefèvre in das Waisenhaus.

Bei ihrer Chinareise besuchte Lefèvre auch diese Polizeiwache. Es löste bei ihr ein beunruhigendes Gefühl aus, die Orte in echt zu sehen, die sie vorher nur von Verwaltungsdokumenten gekannt hatte. "Das machte sie realer", sagt sie. "Dass ich ihre Spuren mithilfe der Fotografie festhalte, ist ein Versuch, Besitz über sie zu ergreifen. Ich baue sie in meine Geschichte ein."

Ein mit grünen Pflanzen zugewucherter Innenhof einen chinesischen Wohngebäudes

So sieht es in Wulipai aus, dem Yueyanger Stadtteil, in dem Lefèvre gefunden wurde

Lefèvres aktuelles Fotoprojekt The Land of Promises vereint die Fotos, die sie während ihrer beiden Reisen nach Yueyang 2017 und 2019 geschossen hat. Autobiografisch ist das Ganze aber nicht. Während das Projekt zwar schon auf Lefèvres Kindheit beruht, hat die Künstlerin den persönlichen Aspekt bewusst zurückgeschraubt, um mehr Raum für ein anderes wichtiges Thema zu geben: "In Wahrheit wollte ich so die Ein-Kind-Politik verstehen", sagt sie.

China setzte die Ein-Kind-Politik erst im Jahr 2015 wieder aus, das Gesetz hatte vorher schon zu vielen unerwarteten Folgen geführt – zum Beispiel zu einem Geschlechts-Ungleichgewicht in der Bevölkerung. "Wegen des Patriarchats und der kulturellen Präferenz für Söhne wurden Mädchen häufig abgetrieben, ausgesetzt, umgebracht oder vernachlässigt", sagt Lefèvre. Das Fehlen von Frauen hat auch dazu geführt, dass die Geburtenrate zurückging und die chinesische Bevölkerung immer älter wurde. Dieses Problem wurde so groß, dass Familien in China seit diesem Jahr sogar bis zu drei Kinder haben dürfen.   

Weil sie jahrzehntelang nicht gewollt waren, wünscht man sich in China heute Mädchen als Kinder – vor allem in den ländlichen Gegenden, wo fast nur Männer leben. "Es ist richtig unheimlich, dass es in vielen Dörfern nur Männer gibt", sagt Lefèvre. "Jeder ist arm, und die Frauen, denen mehr Möglichkeiten offen stehen, haben diese Gegenden verlassen und sind in die Städte gezogen." Die traurige Folge: Frauen und Mädchen aus benachbarten Ländern wie Kambodscha, Nepal, Indonesien oder Nordkorea werden entführt oder von ihren Familien verkauft und nach China gebracht, wo man sie zwangsverheiratet.

Eine Frau sitzt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn auf einem Bett vor einer rot gemusterten Tapete

Eine Mutter mit ihren beiden Kindern

Lefèvre sagt, sie werde eines Tages vielleicht versuchen, ihre biologischen Eltern aufzuspüren. Ihr helfen soll dabei das allererste Foto, das man von ihr gemacht hat: ein Passbild, wie es von allen Kindern geschossen wird, die auf eine Adoption warten. "Ich habe dieses Foto immer in meinen Unterlagen gesehen, aber nie weiter darüber nachgedacht", sagt sie. "Ich weiß nicht mal genau, wie alt ich darauf bin. Genauso, wie ich nicht weiß, was vor der Adoption mit mir geschah." 

Die Fassade eines verfallenden Hauses in der chinesischen Provinz, auf den Mauern verblassen aufgesprühte chinesische Schriftzeichen

Mit inzwischen verblassten Graffitis versuchte die chinesische Regierung, die Ein-Kind-Politik zu bewerben. Hier steht: "Wer sich an die Vorgabe der Geburtenkontrolle hält, wird respektiert. Wer das nicht tut, wird beschämt."

Eine junge Chinesin in kariertem Oberteil und mit Zopf sitzt auf einer Wiese
Eine ältere chinesische Frau steht im Mantel vor roten und grünen Pflanzen
Mehrere Menschen fischen in einem Fluss vor einem steinigen Ufer und einer hügeligen Landschaft

Die ländliche Gegend der chinesischen Provinz Yueyang

In einer rudimentären Küche stehen mehrere Kochutensilien wie Töpfe und Becher
Ein älterer Mann mit grauen Haaren und rosafarbener Jacke trägt einen Jungen in einem Korb auf dem Rücken
Eine chinesische Mutter in Jeanshemd und kurzer Hose hält ihr Kind in die Kamera
Mehrere chinesische Kinder spielen auf einem Geröllhaufen vor einem Wohnhaus, im Hintergrund weht die chinesische Flagge

Folge VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.