Menschen

"Liking Gap": Wenn du dich ständig fragst, ob Leute dich eigentlich hassen

Hast du bei neuen Bekannten oft das Gefühl, dass sie dich bestimmt nicht mögen? Du liegst vermutlich falsch.
Hannah Smothers
Brooklyn, US
18.6.21
Zwei junge Frauen sitzen in einem Café und unterhalten sich; vielleicht denkt eine von ihnen nach dem Gespräch unberechtigterweise, dass die andere sie nicht mag – ein Phänomen, das Experten als „Liking Gap“ bezeichnen
Symbolfoto: AJ_Watt via Getty

Stell dir vor, du lernst auf einer Party jemanden kennen, ihr unterhaltet euch locker über irgendein Thema. Das Gespräch hat einen angenehmen Ton. "Das läuft ja echt gut", denkst du dir, während du lächelst und nickst. Zufrieden verabschiedest du dich. 

Aber nur wenige Stunden später kommt dir ein neuer Gedanke: "Verdammt, ich hätte das und das nicht sagen sollen." Du kannst nicht aufhören, die Unterhaltung im Kopf immer wieder durchzuspielen und immer neue Dinge zu bemerken, die dich deiner Meinung nach total dumm wirken ließen. So kommst du zum bedauerlichen Schluss, dass dich deine neue Bekanntschaft für komplett bescheuert und gesprächsunfähig halten muss.

Diesen Gedankengang bezeichnen Experten als sogenannten "Liking Gap". Die wissenschaftliche Theorie besagt, dass man häufig unterschätzt, wie gut man nach einem Gespräch bei einer anderen Person ankommt. 2018 wurde in der Zeitschrift Psychological Science die erste Studie zum Liking Gap veröffentlicht. Gus Cooney, Dozent an der Wharton School der University of Pennsylvania und einer der Autoren der Studie, sagt gegenüber VICE, dass der Liking Gap schon seinen Zweck habe. "Angenommen, ich mache während einer Unterhaltung einen eher unangebrachten Witz. Da ergibt es schon Sinn, wenn ich mich danach frage, ob dieser Witz meinen Gesprächspartner gekränkt hat", erklärt Cooney. "Das Problem liegt eher darin, dass man sich da oft hineinsteigert."

Oder wie es in der Studie heißt: Der Liking Gap existiert, weil wir nach einem Gesprächsende die andere Person nicht einfach fragen können, wie sehr sie uns nun mag. Wir können nur mutmaßen, die Unterhaltung noch einmal durchgehen und alle Dinge bewerten, die wir gesagt haben. Und dabei fragen wir uns natürlich, wie diese Dinge auf einen Menschen gewirkt haben, dessen Wertvorstellungen und persönliche Ansichten wir noch nicht kennen. Unsere Mutmaßungen werden oft von einer inneren Stimme beeinflusst, die laut Studie außergewöhnlich selbstkritisch und negativ sei – vor allem dann, wenn noch die Ungewissheit dazukommt, die beim Gespräch mit einer neuen Bekanntschaft mitschwingt.


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Der Liking Gap erklärt, warum sich viele Menschen nach einer stinknormalen Unterhaltung häufig fragen, ob die andere Person sie hasst. Wie die Forschenden herausfanden, unterschätzt man häufig, wie beliebt man ist – und das selbst in Situationen, in denen die Gesprächspartner etwa mit einem Lächeln oder positiven Gesten signalisieren, dass ihnen die Unterhaltung Spaß macht. Das liegt daran, dass man zu sehr darüber nachdenkt, was man sagt und wie das ankommt, um diese Signale zu bemerken.

Interessanterweise schreibt das Autorenteam in der Studie, dass man in fast allen anderen Aspekten dazu neigt, sich zu überschätzen – etwa beim fahrerischen Können oder bei Beziehungen. Wir halten uns also für super, bis wir mit einer anderen Person reden, dann finden wir uns plötzlich richtig doof.

Um den Liking Gap zu demonstrieren, betrachteten die Forschenden mehrere Szenarien, in denen Menschen Bekanntschaft miteinander machten: fremde Leute trafen im Labor zum ersten Mal aufeinander, Studienanfänger begegneten ihren neuen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern im Wohnheim, und fremde Leute lernten sich in einem Workshop kennen. In jedem Szenario fragten die Forschenden die Probandinnen und Probanden, wie sehr sie die Person mochten, mit der sie redeten, und wie hoch sie einschätzten, dass diese Person sie mochte. Das Ergebnis: Die wahrgenommene Sympathie wurde immer niedriger eingeschätzt als die von der anderen Person tatsächlich empfundenen Sympathie.

Wie Cooney sagt, sei es nicht verkehrt, dass man erstmal unterschätzt, wie sehr man nach einem ersten Gespräch von einer neuen Bekanntschaft gemocht wird. Wir bräuchten diese kleine selbstkritische Stimme im Hinterkopf, damit wir nicht über die Stränge schlagen und unangebrachte Dinge sagen. Wie der Liking Gap aber zeigt, ist diese Stimme gar nicht so klein, und wir sind übermäßig selbstkritisch – bis wir annehmen, dass uns jemand nicht mag, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

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Die einzigen Menschen, die laut Studie dieses Problem nicht haben, sind die, die sich nicht als schüchtern empfinden. Ist das vielleicht die Erklärung für Selbstvertrauen? Es erklärt auf jeden Fall, warum manche Leute mit augenscheinlicher Leichtigkeit durchs Leben gehen und dabei nie von dem Gedanken ins Straucheln gebracht werden, ob alle Menschen, die sie jemals getroffen haben, sie hassen oder nicht.

"Wenn Kinder richtig jung sind, denken sie noch nicht wirklich darüber nach, ob jemand sie mag oder nicht. Ihnen ist ihr 'Ruf' quasi egal."

Um die Existenz des Liking Gaps noch weiter zu untermauern, zieht Cooney eine andere Studie zum Thema heran, die im April 2021 in Psychological Science erschien. Darin wird der Liking Gap bei Kindern über fünf erforscht und herausgefunden, dass er bei sehr jungen Kindern noch nicht existiert und sich erst im Laufe der Kindheit entwickelt – genau vom Zeitpunkt an, ab dem Kindern wichtig wird, was andere Leute über sie denken. "Wenn Kinder richtig jung sind, denken sie noch nicht wirklich darüber nach, ob jemand sie mag oder nicht. Ihnen ist ihr 'Ruf' quasi egal", sagt Cooney. "Aber sobald sich diese Einstellung ändert, erscheint auch langsam der Liking Gap."

Alle Studien zum Liking Gap konzentrieren sich auf Gespräche zwischen Personen, die sich gerade kennenlernen. Wie Cooney sagt, wäre es auch vorstellbar, dass das Phänomen bei Leuten auftritt, die lange nicht mehr miteinander gesprochen haben. Die derzeitige Situation mit dem Ende von über einem Jahr relativer Isolation könnte auf jeden Fall dazu führen, dass wir bei alten Freunden die noch vorhandene Sympathie unterschätzen – vor allem dann, wenn es mit diesen Freunden irgendeine Form von pandemiebedingtem Streit gab. 

Was ebenfalls herauskam: Bei den Bewohnenden des Studentenwohnheims verschwand das Phänomen im Laufe der Zeit. Wenn du dir also bei neuen Bekanntschaften dumm und abgelehnt vorkommst, kannst du aufatmen, denn es ist wissenschaftlich belegt, dass dieses Gefühl nicht von Dauer ist. Mit der Zeit lernt ihr euch besser kennen und die Gespräche werden immer angenehmer. Der Liking Gap schließt sich, und du hast nicht mehr länger das Bedürfnis, jedes deiner Wörter zu hinterfragen.

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