Ein pinker Vibrator in einer Hand, Sexspielzeug ist in Pakistan offiziell verboten, trotzdem boomt der Handel im Internet
Symbolfoto: GREG BAKER / AFP
Sex

In Pakistan blüht der Schwarzmarkt für Dildos und Buttplugs

Sextoys sind in Pakistan offiziell verboten, aber der Onlinehandel boomt.
11.6.21

Ehtisham Qamar hatte während seines Studiums eine Geschäftsidee: Buttplugs aus Metall. Zusammen mit Freunden wollte er die in seiner Heimatstadt Sialkot, Pakistan, herstellen und exportieren.

"Wir sind recht früh in dieses Geschäft eingestiegen und haben schnell gutes Geld verdient", sagt Qamar.

"Wir hätten uns nie vorstellen können, dass so was in Sialkot möglich ist", sagt er. "Wir haben es heimlich gemacht. Wenn du fragst, würden die meisten Hersteller behaupten, dass sie Operationsinstrumente produzieren."

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Sialkot, wo ein Großteil der pakistanischen Sexspielzeuge hergestellt wird, ist eine Industriestadt im Osten des Landes, unweit der indischen Grenze. Sie ist eigentlich bekannt für die Produktion von chirurgischen Instrumenten und Sportartikeln, vor allem für Fußbälle aus Leder. 

Die Expertise in der Leder- und Metallverarbeitung hat Pakistan aber offensichtlich auch zu einem gefragten Exporteur und Onlinehändler für Sexspielzeug und Fetischkleidung gemacht. Die Kundinnen und Kunden sitzen in den USA, Australien und Großbritannien.


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Dabei sind in der Islamischen Republik Pakistan Unterhaltungen über Sex tabu und die Herstellung sowie der Verkauf von Gegenständen zur sexuellen Stimulation illegal. Durchgesetzt werden diese Regeln mit alten Gesetzen aus der Kolonialzeit, die "obszönes Material und Objekte" verbieten. 

Demnach ist der Kauf, Verkauf, das Bewerben oder die Herstellung von Sexspielzeug strafbar. Es drohen Bußgelder und Haftstrafen von drei Monaten oder mehr.

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Die Importeure, Exporteure und örtlichen Händler von Sexspielzeugen umgehen das, indem sie ihre Produkte in Pakistan ausschließlich online anbieten.

"Diese Industrie ist so groß, dass du die Schulden, die du in einem Jahr anhäufst, mit deinem Profit begleichen kannst. Es ist wie Bitcoin oder andere Kryptowährungen", sagt der in Karatschi lebende Sextoy-Verkäufer Nasir Qureshi, der aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen hier nicht seinen echten Namen genannt haben möchte.

Qureshi erhalte pro Monat 100 Bestellungen aus dem Inland, sagt er. Die Höhe seiner Einnahmen wollte er zwar nicht mit uns teilen, aber anhand der Preise kann man davon ausgehen, dass Qureshi etwa das Fünf- bis Zehnfache des durchschnittlichen pakistanischen Monatseinkommens verdient. "Der Verkauf im Inland ist schwierig. Aufgrund von Pakistans Internetgesetzen dürfen wir keine Werbung auf Google oder Facebook schalten", sagt Qureshi.

Aber das hält manche Pakistanis nicht davon ab, Sextoys offen über Social Media zu verkaufen. Einer der beliebteren dieser Accounts hat auf Instagram fast 9.000 Follower. Das Profil zeigt vor allem Unboxing-Videos von Sexspielzeug. In jedem Video sieht man einen handschriftlichen Zettel, auf dem der Preis – in der Regel etwa zwischen 80 und 250 Euro pro Spielzeug – geschrieben steht, dazu eine WhatsApp-Nummer und der Name des Online-Shops. Offenbar operiert der Account aus Islamabad. Eine Interviewanfrage von VICE lehnte man allerdings ab.

Screenshot eines pakistanischen Instagram-Profils, das Videos mit Sextoy-Unboxing postet

Screenshot eines Instagram-Profils, über das Sextoys verkauft werden

Amazon hat Pakistan inzwischen in seine Verkäuferliste aufgenommen, was es Pakistanis wie Qureshi ermöglicht, ihre Produkte auf der Seite zu verkaufen. Auch wenn das ein großer Sieg für den Einzelhandel ist, bleiben die lokalen Sexspielzeugverkäufer skeptisch. "Was überhaupt auf der pakistanischen Amazon-Seite verkauft werden kann, ist noch mal eine ganz andere Frage", sagt Qureshi.

Er hat recht. 2017 wurde ein Student wegen des Verkaufs von Sexspielzeug verhaftet. Immer wieder sehen sich Händler verdeckten Ermittlungen durch die Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt.

"Sie geben sich als Kunden aus und bestellen Produkte. Wenn wir sie dann liefern, füllen sie Polizeiberichte aus und setzen den rechtlichen Prozess in Gang", sagt Abdullah Chaudhary, ein weiterer Sexspielzeughändler aus Islamabad. Auch er möchte hier aus rechtlichen Gründen nicht seinen richtigen Namen sehen.

Am besten verkaufen sich laut Chaudhary Dildos, Vibratoren und Strap-ons, die meisten Kunden sind Männer. "Sie kommen aus dem ganzen Land, manche auch aus konservativeren Gegenden wie Swat, Peschawar und Multan", sagt er.

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Während Chaudhary vor allem Sexpielzeug verkauft, das in Pakistan hergestellt wurde, und vor allem die örtliche Polizei fürchtet, ist für diejenigen, die Sexspielzeug importieren, vor allem der Zoll ein Problem.

2020 wurden Qureshis Waren im Wert von 6.500 US-Dollar sichergestellt. Qureshi sagt, die Zollbeamten hätten Schmiergeld gefordert, um die Ware freizugeben. Nachdem er dieses bezahlt habe, habe er dieses Jahr sein Importgeschäft fortführen können.

Abgesehen von den rechtlichen Hürden, bekommen die Geschäftstreibenden auch die Tabus um sexuelle Lust zu spüren.

"Einige Menschen haben uns gesagt, dass das, was wir tun, falsch ist. Wir sind langsam dazu übergangen, Lederprodukte zu verkaufen, und haben den Verkauf von Sexspielzeug komplett aufgegeben", sagt Qamar. Als er sein Geschäft vor neun Jahren als Student gründete, sei er jung gewesen, sagt er. Jetzt wolle er nicht länger Teil der Industrie sein.

Aufgrund der Verschwiegenheit der pakistanischen Sexspielzeug-Industrie wissen viele potenzielle Kundinnen und Kunden nicht, dass es sie überhaupt gibt, und kaufen stattdessen Produkte aus China.

Rubeena Ahmed ist eine der Kundinnen für Sexspielzeug. Sie lebt in Karatschi und möchte anonym bleiben. "Vor Ort findest du keine Sextoys”, sagt sie. "Du wirst nicht einmal so etwas Simples wie einen Vibrator finden. Aber du findest sie auf dem chinesischen eBay-Pendant AliExpress. Dort kannst du sie auch bestellen, dann musst du aber extrem vorsichtig sein."

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Wenn Frauen wie Ahmed das Sexspielzeug nicht selbst aus China bestellen, machen sie es über Männer, denen sie vertrauen. "Ich habe ein Toy über einen Freund von mir bestellt. Ich habe es zu seiner Arbeit liefern lassen. Ein gewisses Risiko, dass es nicht durchkommt, bestand trotzdem", sagt Ahmed.

Screenshot der Seite AliExpress mit verschiedenen Sexspielzeugangeboten

Screenshot von Sextoys, die man in Pakistan über AliExpress kaufen kann. Buttplugs gibt es ab 1,50 Euro, aber der kostenlose Versand dauert bis zu drei Monaten

Vor allem für die Frauen in Pakistan kann das soziale Stigma um Masturbation und weibliche Sexualität eine weitere Hürde beim Kauf und Besitz von Sextoys darstellen.

Die in Kanada lebende Autorin und Aktivistin Zarah Haider sagt, dass sie Angst habe,Sexspielzeug mitzunehmen, wenn sie von Kanada nach Pakistan reise. "Ich habe aus Panik nicht mal riskiert, einen Vibrator mitzunehmen – für den Fall, dass jemand meinen Koffer am Flughafen öffnet. Ich hatte große Angst."

Haider ist fest davon überzeugt, dass sich das ändern muss. "In patriarchalen Gesellschaften wie Pakistan steht die männliche Lust sehr im Mittelpunkt, die weibliche Lust wird nicht genug beachtet. Ich finde, dass Frauen eine Chance auf einen Orgasmus verdienen, und Sexspielzeug eignet sich wunderbar dafür."

Bis dahin ist es allerdings wohl noch ein weiter Weg.

Laut der pakistanischen Bloggerin Ujala Ali Khan gibt es in Pakistan wenig Räume für offene Unterhaltungen über Sexualität. Wenn überhaupt, dann vor allem online. Und selbst diese wenigen Orte, die es gibt, sind geprägt von strenger Selbstzensur.

Khan hat das selbst erfahren müssen. 2020 postete sie ein Sextoy-Unboxing als Livestream in einer privaten Frauengruppe auf Facebook. Entgegen der Community-Standards gelangten Screenshots davon nach draußen und wurden in anderen Social-Media-Gruppen geteilt. Danach sah sich Khan zahlreichen Vergewaltigungs- und Todesdrohungen ausgesetzt.

"Sachen wie Armut, Korruption, Terrorismus, Missbrauch, Vergewaltigung und Gewalt – darüber regen sich die Leute nicht so sehr auf wie über eine Frau, die über Sexualität spricht", sagt Khan.

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