Shoa Überlebende Batsheva Dagan beantwortet Fragen über Auschwitz, den Holocaust und Rechtsextremismus, ihren linken arm hat sie über die Schulter gelegt, darauf steht eine Nummer
Menahem Kahana | AFP via Getty Images
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11 Fragen an eine Holocaust-Überlebende, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Hast du in Auschwitz gute Momente erlebt? Hattest du Freunde, die Nazis waren? Wolltest du dich rächen? Kennst du Alexander Gauland?
17 Juli 2020, 5:42am

Seit Batsheva Dagan, 94, Auschwitz verließ, verbringt sie ihre Tage damit, Fragen zu beantworten. Batsheva beantwortet aus Prinzip alle Fragen: von Zweiflern, von Deutschen und Polen und jungen Juden. Und von Kindern, denn Batsheva ist eine glühende Verfechterin davon, so früh wie möglich vom Holocaust zu lernen.

Vor einem Jahr war sie dafür in Schwerin. Sie war im Landtag eingeladen, um ihre Geschichte als Shoah-Überlebende zu teilen. Batsheva erzählte von ihrem Triumph ("Ich lebe") und mahnte, wie immer, sie nicht zu vergessen. Das ist ziemlich nötig: Bei der letzten Landtagswahl wählte in Mecklenburg-Vorpommern jeder fünfte die AfD.

Batsheva kennt Schwerin ganz gut: Vor 80 Jahren hatte sie versucht, hier unterzutauchen. Mit falschen Papieren einer polnischen Freundin arbeitete sie als Dienstmädchen im Haus des nationalsozialistischen Kreisgerichtsdirektors.

Man denunzierte und verhaftete sie, deportierte sie durch sechs Gefängnisse und schließlich, im Mai 1943 nach Auschwitz. Später nach Ravensbrück. In Treblinka ermordet man Batshevas Eltern, auf der Flucht aus dem Ghetto wird ihre kleine Schwester erschossen. Zwei ihrer Brüder starben im Holocaust.

Batsheva überlebte. Nach der Befreiung ging sie nach Israel, heute lebt sie in Holon bei Tel Aviv. Über das Grausame, das ihr widerfahren ist, hat sie mehrere Bücher geschrieben.

Wir haben Fragen.


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VICE: Batsheva, wo ist deine Heimat?
Batsheva Dagan: Jetzt ist meine Heimat Israel. Meine erste Heimat war Polen. Jetzt wenn ich von Zeit zu Zeit Polen besuche, weil ich mit Warschau und Auschwitz zu tun habe, habe ich ein gutes Gefühl dorthin zu fahren. Weil ich die Sprache beherrsche, so wie früher. Ich habe nichts vergessen und ich kann kommunizieren.

Du hast Kinderbücher über den Holocaust geschrieben – ist das nicht sehr makaber?
Nach der Befreiung, am Anfang meiner Karriere, war ich Kindergärtnerin. Ich habe eine Nummer auf meinem linken Unterarm und die Kinder haben gefragt, was da geschrieben ist. Eigentlich haben mich die Kinder im Kindergarten so zum Schreiben gebracht. Denn ich suchte eine Antwort, eine Antwort, die die Kinder verstehen konnten.

Die Kinder lernen, ob wir das wollen oder nicht wollen.

Mein erstes Buch ist diese Antwort für die Kinder. Es heißt: "Was geschah in der Schoah? – Eine Geschichte in Reimen für Kinder, die wissen wollen". Das ist der Titel, auf hebräisch, das Buch gibt es auch auf Englisch und Russisch, aber nicht auf Deutsch. Ich denke, das Buch sollte auch auf Deutsch erscheinen, ich werde mich um eine Übersetzung bemühen.

Denkst du, alle Deutschen müssten schon als Kinder über den Holocaust lernen?
Die Kinder lernen, ob wir das wollen oder nicht wollen. Die Medien bringen viele Nachrichten und Kinder wissen mehr als wir denken. Deshalb ist es notwendig, das Thema richtig einzuführen und nicht über die Horrorerzählungen.

Man soll über die schwere Zeit erzählen, darüber was geschehen ist. Aber es ist wichtig, dass die Kinder auch über die guten Taten während der Shoah wissen. Es gab auch positive Momente, wie die Hilfe von einem für den anderen Häftling im Lager.

Denn ich möchte, dass Kinder wissen, dass sie immer die Wahl haben, zwischen dem Guten und dem Schlechten. Diese Wahl macht man eigentlich jeden Tag, auch bei Alltagsproblemen. Das gilt für alles, was wir vom frühen Morgen bis zum späten Abend machen.

Ich war die Brotverteilerin für noch sieben Frauen. Und ich habe die Ordnung gehalten, wer die Brösel bekommen hat.

Die Kinder können wählen. Unsere Pflicht ist es, ihnen zu helfen, zwischen Gutem und Schlechtem zu unterscheiden. Dass die Kinder unserer Tage das Gute wählen.

Hast du in Auschwitz gute Momente erlebt?
Ja, zum Beispiel wie man das Brot isst und wie man das Brot verteilt. Wenn ich auf etwas stolz bin: Ich war die Brotverteilerin für noch sieben Frauen. Und ich habe die Ordnung gehalten, wer die Brösel bekommen hat.

Die Brösel bekamen nach der Reihe alle einmal, heute eine morgen die andere und so weiter. Wie man das Brot isst, darüber hab ich in meinem Buch ein Gedicht geschrieben: Wie jede eine kalkuliert hat, mit ihrer Portion. Jede eine hat ihr Brot auf eine andere Art und Weise gegessen.

Ich habe das Leiden als etwas natürliches in dieser schlechten Zeit empfunden, aber ich habe immer gehofft.

Hattest du Freunde, die Nazis waren?
Nein, nein, nein, keine. Jüdin zu sein, war eine Plage. Juden waren zum Tod verurteilt. Die Familie, bei der ich mit falschen Papieren gearbeitet habe, das war eine nationalsozialistische Familie. Im Gästezimmer war ein großes Bild von Hitler, das ich jeden Tag abstauben musste.

Sie hat selbst nicht mehr nachgedacht, sie war wie eine aus einer Herde von Vieh.

Ich war nach der Befreiung dort, um zu sagen: Ich lebe doch und noch. Und die alte Oma der Familie hat gesagt: Und ich dachte … und dann hat sie mit der Hand an den Hals gezeigt, dass sie dachte, man hätte mich getötet, mir den Hals durchgeschnitten. Und dann hat sie gesagt: Der Führer hat uns betrogen.

Wolltest du dich rächen?
Nein. Rache … vielleicht nur an meiner Aufseherin. Die war zum Tode verurteilt in Lüneburg. Und man hat sie gefragt, ob es ihr Leid tut und sie sagte: Oh nein, ich habe das für mein Vaterland getan. Also so eine Art von Patriotismus. Krankhaft. Sie hat selbst nicht mehr nachgedacht, sie war wie eine aus einer Herde von Vieh.

Hast du im Lager die Angst vor dem Tod verloren?
Mit Angst habe ich leider die ganze Zeit gelebt. Aber ich habe mich überwunden, weil ich mir in Auschwitz Inhalte gesucht habe. Ich habe zum Beispiel gelesen, was andere Häftlinge verfasst haben. Das war mein Seelenmaterial.

Ich habe meine Seele mit etwas Positivem gefüttert, habe etwas gelernt. Auch Sprachen, denn es waren doch Menschen aus ganz Europa dort. Ich habe Französisch im Lager gelernt. Ich habe eine Frau aus Belgien getroffen und ich habe ihr gesagt: Ich will Französisch lernen. Und ich habe jeden Tag Fragen gestellt und Auschwitz mit frischem Französisch verlassen

Danach bin ich nach Belgien gefahren. Denn Belgien war das nächste Land, wo man Französisch sprach. Ich war dort drei Monate. Und aus Belgien bin ich nach Palästina gefahren.

Kennst du Alexander Gauland?
Nein.

Das ist ein Funktionär der rechten Partei "Alternative für Deutschland".
Nein, den kannte ich nicht.

Er hat mal gesagt, dass der Nationalsozialismus ein "Vogelschiss" der deutschen Geschichte ist.
Kannst du mir diesen Satz aufschreiben?

Ja, mache ich.
Hast du noch mehr Fragen?

Ja. Glaubst du, die Deutschen haben aus der Geschichte gelernt?
Ich habe einen Zweifel, ob sie gelernt haben. Denn es gibt heute Neonazis in Deutschland und das ist ein Zeichen, dass ein Teil der Deutschen nicht gelernt hat. Obwohl auch Deutsche Opfer waren.

Du konntest gleich wissen, wer noch Haare hat, ist Deutsche.

Findest du, alle Deutschen sind automatisch Täterinnen und Täter?
Nein, ich denke die Deutschen haben Angst gehabt, ihr Meinung offen zu halten, denn es war gefährlich. Ich denke, viele waren gleichgültig und haben sich nicht gekümmert. Das heißt: Sie haben keinen Standpunkt gehabt.

Deutsche waren auch in Lagern, sie wurden besser behandelt, man hat denen die Nummer nicht tätowiert. Im Lager in Auschwitz wurden deutsche Frauen besser behandelt als alle anderen. Du konntest gleich wissen: Wer noch Haare hat, ist Deutsche.

Gibt es Dinge von damals, die du bis heute nicht erzählst?
Ja. In Träumen erlebe ich manchmal Momente, in denen ich zurück bin. Aber ich komme heraus, ich lebe.

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