An dieser Treppe kam es 2010 in Duisburg zu einer Massenpanik, bei der 21 Menschen starben.
Foto: imago images | Jochen Tack
Popkultur

10 Jahre Loveparade-Unglück: Warum nie geklärt werden wird, wer schuld war

21 Menschen starben 2010 bei der Loveparade in Duisburg. Der Prozess wurde eingestellt – wegen Corona. Wir haben mit Julius Reiter, dem Anwalt der Betroffenen, über die Konsequenzen gesprochen.
24 Juli 2020, 8:32am

Der Tunnel, durch den die Raver am 24. Juli 2010 gingen, um zur Loveparade zu kommen, war 400 Meter lang und 18 Meter breit. Dahinter führte eine Rampe zum stillgelegten Güterbahnhof in Duisburg, dem Veranstaltungsgelände. Doch es waren zu viele Menschen – und viel zu wenig Platz.

Die Rampe wurde zum tödlichen Nadelöhr: 21 Menschen starben, über 650 Menschen wurden verletzt. Genau zehn Jahre ist das Unglück her. Die Getöteten kamen nicht nur aus Deutschland, sondern waren aus Australien, den Niederlanden, Spanien, Italien und China angereist. Doch wer für ihren Tod verantwortlich ist, wird nie geklärt werden.

Das Verfahren war von Anfang an ein Verwaltungsdesaster. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf reichte 2014 erstmals Anklage ein, das Landgericht lehnte sie jedoch 2016 ab. Es hieß, es gäbe keinen ausreichenden Tatverdacht gegen die Angeklagten. Angeklagt waren mehrere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Duisburger Bauamts und des Veranstalters, der Firma Lopavent. Die Hauptverantwortlichen, der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland und der Lopavent-Chef Rainer Schaller, dem auch die Fitnesscenter-Kette McFit gehört, waren selbst nie angeklagt. 2017 wurde das Verfahren doch wieder aufgenommen – unter anderem weil Anwalt Prof. Dr. Julius Reiter, der rund einhundert Angehörige und Verletzte des Unglücks vertritt, hartnäckig geblieben ist.


Auch bei VICE: Gefangen im Paradies – Das Festival im Lockdown


Im April 2020 wurde der Prozess nun tatsächlich eingestellt. Aufgrund der Corona-Pandemie sei es nicht mehr möglich, den Prozess vor Eintritt der Verjährung der Taten zu Ende zu bringen, erklärte die Staatsanwaltschaft im April.

Wir haben den Anwalt Julius Reiter gefragt, wie es ihm und seinen Mandanten zehn Jahre nach dem Unglück geht – und wie sie mit der Einstellung des Verfahrens umgehen.

VICE: Herr Reiter, Sie vertreten seit zehn Jahren Verletzte und Angehörige der Opfer der Katastrophe in Duisburg – wie fühlen Sie sich, wenn Sie auf ein Konzert gehen?
Julius Reiter: Sicherlich anders als in meiner Jugend, als ich Open-Air-Konzerte besucht habe. Heute habe ich immer die Gespräche mit den Traumatisierten im Kopf. Diese Menschen können teilweise nicht mehr den öffentlichen Nahverkehr nutzen, weil sie sich sofort beengt fühlen. Eine meiner Mandantinnen musste ihre Bäckerinnenausbildung abbrechen, weil sie in der Hitze der Backstube immer wieder Beklemmungen bekam.

Es dauerte sieben Jahre, bis es zu einem Prozess kam. In diesem Frühjahr wurde er dann eingestellt, wegen der Corona-Pandemie.
Angeblich. Das eigentliche Problem, die Verjährung der Taten, war schon lange bekannt. Ich finde das ist ein unwürdiges Prozessende.

Welches Ziel hatten Sie als Anwalt der Opfer?
Die Opfer und Hinterbliebenen wollten in erster Linie, dass das Unglück aufgeklärt wird. Ich habe immer gesagt, dass die Betroffenen vor allem wissen wollen, was passiert ist. Warum sind unsere Kinder gestorben? Warum sind wir traumatisiert und verletzt worden? Der zweite Punkt ist die Entschädigungsfrage. Man darf die Opfer auch in Zukunft mit Ihren Verletzungen nicht alleine lassen. Und erst an dritter Stelle stand die Bestrafung.

Es war absehbar, dass es nicht mehr zu einem Strafurteil kommen würde. Wir dachten dann wenigstens noch an eine Einstellung mit Auflagen, also zum Beispiel eine Geldstrafe. Aber es wussten auch alle von Anfang an: Dort saßen nicht die wahren Verantwortlichen auf der Anklagebank. Der Veranstalter Rainer Schaller und der Oberbürgermeister fehlten, ebenso wie der Ordnungsdezernent Raabe und auch von der Polizei war niemand angeklagt.

Der Anwalt Julius Reiter vertritt über einhundert Verletzte und Angehörige der Opfer des Unglücks der Loveparade von 2010. Foto: Carsten Sander

Wie geht es den Angehörigen der Opfer und den Verletzten, die Sie vertreten, mit der Einstellung des Verfahrens?
Alle sind tief enttäuscht. Sie hatten anderes erwartet. Zumindest hätten sie nicht erwartet, dass das Gericht auf den letzten Metern das Hauptziel, die Aufklärung, abschneidet. Denn der Gutachter, der über 2.000 Seiten Gutachten erstellt hat, konnte nicht einmal befragt werden. Das ist ungeheuerlich gegenüber den Opfern. Was hätte es denn ausgemacht, noch mal fünf Tage den Gutachter anzuhören? Nun steht der Einstellungsbeschluss teilweise gegensätzlich zu dem, was der Gutachter in den Medien bekundet hat. Er sagt: Die Veranstaltung hätte auf diesem Gelände gar nicht gut gehen können. Dem Einstellungsbeschluss zufolge hätte es theoretisch gut gehen können. Der ehemalige Oberbürgermeister, Adolf Sauerland, nimmt den Einstellungsbeschluss als Beleg dafür, dass die Stadtverwaltung nichts falsch gemacht habe. Wir haben also wieder keine Klarheit.

Fühlt sich das für Sie an wie ein Scheitern?
Wir schämen uns gegenüber unseren Mandanten, vor allem gegenüber denen im Ausland, bei denen die deutsche Justiz ein hohes Ansehen hatte. Das vorzeitige Ende des Strafprozesses war ein schwarzer Tag für die deutsche Justiz.

Der Prozess war riesig, die Angeklagten kamen aus verschiedensten Ländern, die Masse des Untersuchungsmaterials war unermeßlich (die Unterlagen für den Prozess umfassen mehr als 46.700 Seiten) – ist der Justizapparat bei dieser Verhandlung an seinen eigenen Grenzen gescheitert? War es einfach "zu groß"?
Wir müssen uns fragen, warum die deutsche Justiz bei solch großen Verfahren immer wieder scheitert. Das Verfahren zur Loveparade ist nur eines von vielen, das so unrühmlich endete: Denken Sie nur an den Contergan-Fall, das Zugunglück von Eschede, den Flughafenbrand in Düsseldorf oder das Stadtarchiv in Köln. Immer wieder hat es Jahre der Ermittlungen gegeben und am Ende gab es einen Wettkampf um die Zeit, weil die Taten verjährten. Die Landesregierung will eine Expertenkommission einsetzen, die sich damit beschäftigt, was ich sehr begrüße.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Prozesse dieser Größe tatsächlich zu Ende gebracht werden könnten?
Wir brauchen effiziente Sonderdezernate, die in solchen Großverfahren ermitteln. Und: Sobald ein Prozess eröffnet wird, müsste es eigentlich eine neue Verjährungsfrist geben, damit genug Zeit verbleibt, um zu einem Urteil zu kommen. Hier blieben nach der Eröffnung nur noch zweieinhalb Jahre. Das heißt, wenn die Strafverteidiger mit einer Konfliktverteidigung blockiert hätten, was ihnen zusteht, wäre der Prozess sowieso gescheitert.

Als vorbildlich sehe ich das sogenannte Safety Board in den Niederlanden. Das ist eine unabhängige Expertenkommission, die nach solchen Verwaltungsdesastern wie hier, eingesetzt wird. Dann hat man einen unabhängigen und eindeutigen Expertenbericht zu dem Geschehen.

Angeklagt waren sechs Mitarbeiter des Duisburger Bauamts sowie vier Mitarbeiter des Un­ter­neh­mens Lo­pa­vent, dem Eventveranstalter. Die Staatsanwaltschaft Duisburg geht davon aus, dass sich der Tatverdacht gegen die Angeklagten erhärtet hätte. Sie auch?
So genau kann man das nicht sagen. Ich sehe verschiedene Seiten, die hier versagt haben. Erst mal ist von politischer Seite in Duisburg Druck ausgeübt worden – und zwar auf das Bauamt, das grundsätzliche Sicherheitsbedenken geäußert hatte. Aber man wollte diese Veranstaltung auf jeden Fall haben. Und dann hat man sich ein Gutachten von einem Experten geholt, meiner Meinung nach ein Gefälligkeitsgutachten, um so nach außen hin Bedenken zu entkräften.

Die Polizei wiederum hat bei der Bildung der Polizeiketten ebenfalls Fehler gemacht. Sie wurde nicht angeklagt. Und auch der Veranstalter in Person selbst ist nicht angeklagt worden, der wissentlich viele Auflagen der Stadtverwaltung nicht erfüllt hatte.

Am Ende war die Zeit knapp und obwohl viele Auflagen noch nicht erfüllt waren, hat man die Veranstaltung einfach laufen lassen. Das war “organisierte Verantwortungslosigkeit”.

Durch diesen Tunnel mussten alle Festivalbesucher laufen – hier kam es zur Katastrophe | Foto: imago images | Jochen Tack

Warum wurde gegen den Oberbürgermeister und den Chef von Lopavent nie ermittelt?
Es wurde ermittelt, aber sie waren angeblich zu weit weg vom unmittelbar Operativen. Außerdem fehlten bei beiden E-Mails und SMS, die etwas hätten belegen können. Das ist im Prozess deutlich geworden.

Waren der Veranstalter und die Stadt Duisburg letztlich einfach zu gierig?
Gier ist bezogen auf den Veranstalter das richtige Wort, denn es wurde ja auch bei Sicherheitsauflagen gespart. Aber den Wunsch nach Ruhm gab es sicher auf beiden Seiten. In Bochum war die Loveparade zuvor wegen Sicherheitsbedenken abgesagt worden. Das sollte sich nicht wiederholen. Die Veranstaltung war politisch gewollt, sodass sie auf Biegen und Brechen durchgesetzt werden sollte.

Sie haben dem SPIEGEL gesagt, es gehe Ihnen auch darum, in Zu­kunft der­ar­ti­ge Ka­ta­stro­phen zu ver­mei­den. Haben wir trotz Einstellung des Verfahrens etwas darüber lernen können, wie Katastrophen wie diese zukünftig zu vermeiden sind?
Das wird die Expertenkommission ausarbeiten müssen.

Sie haben mehr als hundert Menschen vertreten in diesem Prozess – ist Ihre Arbeit beendet oder stehen Sie den Betroffenen weiter zur Seite?
Auf unsere Initiative hin ist der Nothilfefonds für Härtefälle auf fünf Millionen Euro aufgestockt worden. Davon werden in Härtefällen Trauer- und Schmerzensgelder an Opfer und Hinterbliebene ausgezahlt. Das ist ein gutes Signal der Landesregierung, um nach dem Versagen der Justiz die Opfer nicht allein zu lassen. Ich bin froh, dass es diesen Fonds gibt. Denn ansonsten hätten die Geschädigten für ihr Schmerzensgeld erneut vor Gericht ziehen müssen. Wir stehen den Betroffenen weiterhin zur Seite, um Schmerzensgeld zu bekommen.

Folge Lisa auf Twitter und VICE auf Facebook und Instagram.