Joe von Hutch steht vor dem Berghain in Berlin
Alle Fotos: Philipp Sipos 
Sozialer Aufstieg

Bronx, Elite-Schule, Waffen-Deals – Wie Joe reich wurde und alles hinschmiss

"Ich musste aufhören, die Welt zu ficken. Ich musste aufhören, mich selbst zu ficken."
14.5.20

Vor drei Jahren tanzte Joe im Berghain mit einem Mann, den er mochte. The Black Madonna wummerte durch den Raum und eigentlich hätte das ein guter Moment sein können. Aber Joe weinte. In diesem Moment wollte er sterben. "Mein Leben war egal. Ich wollte, dass mir etwas Schlechtes passiert." Zumindest von einem Bus überfahren werden, nicht mehr arbeiten müssen, das wäre gut, dachte Joe.

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Joe gehörte zu den reichsten zwei Prozent aller US-Amerikaner. Oder wie Joe es nennt: Sieben Jahre Hölle. Es dauert fünf Generationen, bis ein armes, US-amerikanisches Kind in die Mittelschicht aufrückt. Sticky Floors nennt das die OECD – klebriger Fußboden.

Joes Geschichte erzählt davon, wie ein junger Mensch von ganz unten nach fast ganz oben aufsteigt – und wie er daran zerbricht.

Die Geschichte beginnt an Weihnachten 1984 in Harlem, New York. Als Joseph Arthur Hutchinson der Dritte auf die Welt kam, war eine Platinkreditkarte eigentlich nicht abzusehen. Joes Eltern sind damals noch keine 20, beide sind Schwarz und Migranten im eigenen Land: Die Großeltern kamen mit der Great Migration aus den Südstaaten, flohen wie viele Afroamerikaner vor Armut und Rassismus. Joes Mutter ist Sekretärin, der Vater Türmann in einem Luxuskaufhaus. "Er hat die Tür gehalten, für reiche Menschen, die einkaufen wollten."


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Der Vater verlässt die Familie und Joes Mutter muss den Jungen allein durchbringen. Sie arbeitet im "Word Processing". Tagsüber kommen damals die New Yorker Banker und Anwälte in ihre schicken Büros, machen PowerPoints und Excel-Tabellen. Nachts kommen Sekretärinnen wie sie, korrigieren Texte und Grafen, die für die Meetings am nächsten Tag makellos aussehen sollen. Joes Mutter schiebt die "Friedhofsschicht" zwischen Mitternacht und 8 Uhr morgens. Sie kommt heim, wenn Joe zur Schule geht und steht auf, wenn er zurückkommt.

Aus der Bronx ans Eliteinternat

Die Geschichte von Joes Aufstieg ist eine Aneinanderreihung von Zufällen – und hartem Drill. Als er zehn ist, sucht ihn seine Lehrerin für eine Summer School begabter Schüler aus. Er lernt, bis 2 Uhr morgens Karteikarten zu bekritzeln, sein Lernen zu strukturieren und auf ein Ziel hinzuarbeiten. Und bekommt die Zusage für eine der besten privaten Elite-Internate der USA, die "Hackley School". Hier treffen Kinder aufeinander, die sich in den USA sonst nur selten im Alltag begegnen: "Die Kinder von Milliardären – und wir: Schwarze, Latinos, Asiaten aus den sozial schwachen Bezirken."

Für den ersten Tag kauft Joes Mutter einen Stapel hellgelber und grüner Hemden, wie Joe sie sonst nur beim Sonntagsbesuch in der Kirche trug – aber die reichen Kids tragen Polohemden. Lektion eins: Dress for success. Joe schickt seine Großmutter am nächsten Wochenende in eines der großen, billigen Kaufhäuser. Lektion zwei kommt fast zeitgleich: Kontakte sind alles. Ein Mädchen, mit der er sich ab dem ersten Tag gut versteht, hat einen Vater – der Joe später eine Empfehlung für die Eliteuni gibt.

Zu Schwarz, zu Weiß, zu schwul

Hinzu kommt, dass Joe sich mit 13 outet. Für die Bronx und seine Familie ist Joe jetzt zu schwul. Dass er an seiner Schule einen Club namens "Gay-Straight Alliance" gegründet hat, versteht nicht einmal seine Mutter. Halte die Hand nicht so schwul, sagen ihm die Leute von zu Hause. Und "You talk white" – du redest wie ein Weißer.

Als er am Elite-College Williams’s sein Studium beginnt, weiß er bereits bestens, wie reiche Leute ticken. "Sozialkapital", nennt er das. Joe konnte seinen Sozialkapital-Cash-Wert in den Augen der Eltern seiner Kommilitonen erkennen:

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- Wo kommst du her?
- Bronx
("Der Wert fällt.")

- Aber wo bist du zur Schule gegangen?
- Hackley
("Dann gewinne ich wieder.")

- Was machen deine Eltern?
- Sekretärin
("So ging es weiter. Ich kannte die Regeln, das Spiel und ich konnte mitspielen.")

Joe will gewinnen. Aber nicht nur für sich: Er absolviert zwei Semester in Paris, will sich vielleicht einen Job bei der Uno suchen. Die Welt verbessern, vielleicht den Irakkrieg beenden. "Es gab Barack Obama noch nicht, aber Kofi Annan, der war ein Vorbild."

Joe nimmt einen Kredit auf und studiert Jura an der NYU. Im ersten Jahr an der Law School wird er depressiv. Im zweiten Jahr werden seine Leistungen besser. Kurz vor dem dritten Jahr verkauft er seine Seele an eine der zehn größten Kanzleien der Welt.

"Kurz vor der Finanzkrise waren die auf der Suche nach Armeen junger Anwälte."

Freundinnen fangen an, für illegale Immigranten aus Lateinamerika zu arbeiten. Joe unterschrieb bei Latham & Watkins. "Lieber ein bad Guy in a good suit statt ein a good guy in a bad suit." Außerdem: Hatten sich nicht auch Barack und Michelle bei einem Sommerpraktikum in der Großkanzlei Sidley Austin kennengelernt?

"Die Kanzlei brauchte neues Blut. Der Kreislauf geht so: Du fängst an, dein Leben wird zur Hölle gemacht, du steigst aus." Jeder Anwalt darf drei oder vier Praktikanten zum Lunch oder zum Abendessen einladen. In die Oper, ins Ballett, zum Konzert: Alles zahlt die Kanzlei.

Ein junger Mann sitzt uaf einer Steinbank, er trägt ein Black Lives Matter Shirt

Als Schwarzer Junge musste sich Joe ziemlich durchbeißen

Nach jedem Essen wird bewertet: Welche Fragen hat Joe gestellt? Kann er mit dem Besteck umgehen? Wird er sich so benehmen, wenn er mit einem Mandanten essen geht? Niemals Pasta mit Soße essen, das gibt Flecken!

Ein Leben wie in Pretty Woman

Patrón Tequila, Grey Goose Vodka, Champagner, Country Club, Golfspiele, das ist das Leben New Yorker Junganwälte. Joe besucht Restaurants, die er in Sex and the City gesehen hat. "Obwohl ich aus New York kam, kannte ich diese Seite der Stadt nur aus Filmen."

Ein Blog sammelt Geschichten über Jurastudenten, die sich daneben benehmen: Queen dieser Storys ist "Aquagirl", eine Praktikantin, die sich auf einem Firmenevent auszog, von den schicken Chelsea Piers in den Hudson River sprang und herausgefischt werden musste.

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Aquagirl bekam kein Jobangebot.
Joe schon, Einstiegsgehalt: 160.000 Dollar.

Der erste Scheck über 45.000 Dollar geht an Joes Großmutter in South Carolina. "Sie hat geweint, als sie den Check gesehen hat. Sie meinte, sie hat noch nie in ihrem Leben so viel Geld gesehen."

Am ersten Tag als fertiger Anwalt bekommt Joe ein Blackberry und muss ab diesem Moment jederzeit erreichbar sein. Arbeitsstunden gibt es nicht. Ein paar Tage darauf soll er in einem Konferenzraum mit anderen Jung-Anwälten mehrere zehntausend Dokumente eines Mandanten überfliegen, um herauszufinden, ob eines vor Gericht zum Problem werden könnte. Eine fast unmögliche Aufgabe: "Man findet fast nie die E-Mail, in der die sagen: Jetzt werden wir betrügen."

Um Mitternacht verabschiedet sich die Chefin: "Ich komme um neun zurück mit Bagels." Es war eine Ansage: Jeder Tag und jede Nacht in Joes Leben gehören jetzt der Firma.

"Dass diese Art von Arbeit total bescheuert ist, dass du nur Fehler machen kannst, dass du Sachen übersehen wirst, ist egal. Wichtig ist der Kanzlei der Betrag, den er beim Mandanten abrechnen kann."

2.000 abrechenbare Stunden muss er im Jahr ableisten. Mails schreiben, Dokumente durchschauen. Sechs Minuten entsprechen einer Einheit, die er beim Mandanten abrechnen kann. Ein Programm auf dem Rechner dokumentiert das. Klick, klick, klick, klick. Jede Stunde ist 400 Dollar wert.

Kann man reich werden und gut bleiben?

Am Bring your kids to work day nimmt Joe den Sohn seiner Tante mit, sein Patenkind. "Bist du reich?", fragt der Junge. Ich habe Kredite und ich bin kein 1-Percenter, denkt Joe und antwortet wie ein Anwalt: indem er ausweicht.

Zwischen zwei Terminen in Manhattan geht Joe manchmal zu "Western Union", um der Mutter Geld zu überweisen, für die Miete. Mit 400 Dollar Gebühren, weil sie es am selben Tag braucht. "Als würde ich Geld nach Afrika überweisen."

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Die Verantwortung für die Familie spürt Joe immer stärker. Er tut, was er gelernt hat. "Ich dachte, ich könnte ihre Probleme lösen, wenn ich sie wie meine Mandanten sehe." Mit manchen Tanten und der Mutter beginnt er zu rechnen: So viele Schulden hast du. Die sind so hoch, weil du sie mit Kreditkarten und Kurzzeitkrediten bezahlt hast – also warum leihe ich dir nicht was? Aber natürlich löst man Armut nicht mit Krediten. Stattdessen ist Joes Familie jetzt von ihm abhängig. Wieder abzusteigen ist keine Option.

Im Jahr als Joe seine erste Gehaltserhöhung bekommt, schreibt NBC die Top-2-Prozent seien das "größte Problem auf dem Weg zu Einkommensgerechtigkeit" in den USA. Denn sie stecken ihr Geld lieber in Konsum als in Charity.

Sein Spezialgebiet werden Kapitalmärkte und US-Sicherheitsgesetze. Ein Märchen so alt wie der Kapitalmarkt: Hedgefonds kaufen billig Unternehmen ein, nehmen Kredite auf und zahlen sich eine Dividende aus. "Dass das schlecht für die Firma ist, weil sie pleite gehen und Leute entlassen könnte, ist egal." Joe wird der Mechaniker, der das System am Laufen hält: Er sorgt dafür, dass die heiklen Deals auf dem Papier den US-Gesetzen und Vorgaben der Finanzbehörden entsprechen.

Millionen, Milliarden? Alles Zahlen auf Papier

Abends übergibt Joe seine PowerPoints und Exceltabellen jetzt an die Sekretärinnen vom "Word Processing", die Friedhofsschicht.

Im zweiten Jahr verdient Joe 170.000 Dollar.

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Im Dritten Jahr verdient Joe 185.000 Dollar.

Joe wechselt die Kanzlei und zieht nach London. Wenn er auf Partys ist, lässt er sich manchmal vom Chauffeur seinen Laptop liefern.

Im vierten Jahr verdient Joe 210.000 Dollar.

Auf der Junggesellinnenparty seiner Schwester schreibt er an einem Papier. Am Morgen der Beerdigung seines Vaters wählt er sich in eine Telefonkonferenz ein – nicht weil er muss, sondern weil er will.

Im fünften Jahr verdient Joe 230.000 Dollar.

"Dann entschieden sie, dass Anwälte zu wenig verdienen, weil es seit zehn Jahren keine Gehaltserhöhungen gegeben hatte. Über Nacht verdiente ich 30.000 Euro mehr."

Im siebten Jahr verdient Joe fast eine halbe Million Dollar im Jahr.

Er schläft nur noch zwei oder drei Stunden. Sein längster Arbeitstag dauert 36 Stunden, ohne Pause.

Seine Spezialdisziplin ist das "Structuring": Subunternehmen so um den Globus platzieren, dass wenig Steuern anfallen. "Eine gute Struktur ist, wenn die Tochtergesellschaft Schulden in Luxemburg aufnimmt. Nicht auf den Cayman Islands wie bei den Panama Papers: Die Profis machen das in Europa."

Innerhalb von Sekunden kann Joe ändern, wo eine Firma existiert. "Du nimmst das Dokument von deinem letzten Projekt, änderst die Namen, änderst die Daten und klickst auf senden."

250-Millionen-Geschäfte fliegen über Joes Schreibtisch. Der größte Deal wog zwei Milliarden Euro, eine griechische Bank. "Aber das war wie die Kredite, die man aufnimmt, wenn man arm ist: Nur Zahlen auf Papier." Ein Freund sagt zu Joe: "Du bist daran schuld, dass es kein Geld für Krankenhäuser und Schulen gibt."

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Er geht in die besten queeren Clubs, Vogue Fabrics, Dance Tunnel. Manchmal direkt von der Arbeit zum Club und wieder arbeiten. Ecstasy, Kokain, Ketamin helfen dabei – aber nur in der Freizeit, sagt er.

Wenn er Sex oder Gespräche haben will, beschließt er, nicht über seinen Job zu sprechen. "Ich channelte Miranda von Sex and the City, und log: Ich bin Schriftsteller." Das war nicht wahr, aber auch nicht ganz falsch. "Das hat mich zu einem guten Anwalt gemacht – Wörter zu manipulieren, um zu kriegen, was ich wollte."

Sein Chef sagt: Du musst mit Körper und Seele dabei sein. Wach bleiben, Urlaub canceln, ans Telefon gehen. "Manchmal flog ich für ein Mittagessen irgendwohin durch Europa. Ich hatte nie Jetlag, denn ich schlief einfach nicht."

Dann überschreitet Joe die Rote Linie: Waffendeals

Weil Joe Deutsch spricht und Deutsche Waffen produzieren und Waffenfirmen Anwälte brauchen, dauerte es nicht lange, bis ein Kollege einen Stapel Dokumente auf Joes Schreibtisch fallen lässt: "Die Produktpalette […] umfasst Pistolen, Maschinenpistolen, Sturmgewehre, Präzisionsgewehre und Maschinengewehre …", habe darin gestanden.

Joe wird klar, dass er eine Wahl hat. Projekte aus moralischen Gründen abzulehnen, ist nicht ungewöhnlich, sagt Joe. Viele Kollegen haben Rote Linien: Glücksspiel, Tabak, Pornos. Seine Rote Linie waren Waffendeals. Doch Joe lehnt nicht ab. Er fragt nach der Deadline für den Auftrag.

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"Das Problem mit Roten Linien ist, wie leicht man sie überschreitet. Ich musste nicht einmal meinen Schreibtisch verlassen. Und hey, Waffen werden auch an die Regierungen verkauft, um mich und meinen Lebensstil zu schützen, oder?"

In den Dokumenten versteckten sich allerdings auch Handfeuerwaffen, die leicht genug sind, um von jedem benutzt zu werden, und auch der Favorit von Amokschützen, die AR-15. Alle "Made in Germany" mit Präzisionstechnik. Niemand könne einen bestimmten Waffentod auf Joe zurückführen, sagt er, aber Deutschland ist der viertgrößte Waffenexporteur der Welt und exportiert schonmal illegal Tausende Gewehren nach Mexiko.

Von Ally McBeal verwandelte sich Joes Leben in Wolf of Wall Street.

"In den Konferenzräumen vom Mittleren Westen bis zum Nahen Osten trug ich meine besten Anzüge. Ich habe keine Befehle befolgt, sondern nur meinen Job gemacht. "

Joe arbeitete nicht lange für den Kunden. Immerhin zahlen sie Steuern, sagte er sich. Was soll er schon tun? "Ich wäre nie auf die Straße gegangen, um Gegen die Waffenindustrie zu protestieren." Menschen ändern sich, Rote Linien verwischen, redet er sich ein.

Bis Joe im Berghain steht und explodiert.

Ein Ende und ein Anfang

Einige Monate danach kündigt Joe.

"Ja, ich habe viel Geld hinter mir gelassen und ja, meine Großmutter weinte, als ich ihr sagte, wie viel, aber ich musste aufhören, die Welt zu ficken. Ich musste aufhören, mich selbst zu ficken."

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Joe ist mit dem Mann aus dem Berghain mittlerweile verheiratet. Weil er Schwarz ist, wird Joe manchmal gefragt: Und, lebst du jetzt vom deutschen Staat? Aber Joe ist, was sein Ehemann "Privatier" nennt.

Joe van Hutch schaut lustig in die Kamera

Heute tritt Joe in Berliner Comedyclubs auf, ein Abend im Berghain (im Hintergrund) hat ihn verändert

Joe tritt als "Joe von Hutch" mit einem Comedy-Duo auf, schreibt für queere Magazine und ist bald Herausgeber eines Indie-Magazins, dem Daddy Mag. Er fährt Bahn statt Taxi, geht seltener in teure Restaurants und kann seiner Familie kein Geld mehr schicken.

Wenn er nicht will, muss Joe nie wieder in seinem Leben Geld verdienen.

Aber es gibt genug Leute, die nachrücken: Das Branchenmagazin Legal Tribune meldete eine "neue Höchst­marke" bei Einstiegsgehäl­tern der amerikanischen Großkanzleien: 190.000 Dollar.

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