Lahmer Beef, Schießereien und Straßenkämpfe—Staiger will kein Internet mehr
Staiger vs das Elend der modernen Welt

Lahmer Beef, Schießereien und Straßenkämpfe—Staiger will kein Internet mehr

Alpa Gun vs. 187 Strassenbande, Xatar vs. KC Rebell, Ego vs. Gemeinschaft—Marcus Staiger ist zurück aus seinem Offline-Urlaub.
30 September 2016, 12:51pm

​Fotos: Screenshot von YouTube aus dem Video „Alpa Gun beleidigt und bedroht die 187 Strassenbande​"​ / Imago​

Als ich gestern beim Friseur saß, tauchte ein junger Mann auf, der wort- und gestenreich von einem Streit auf der Straße erzählte. Es ging um Ehre und Bezirke. Es ging um irgendwelche nichtigen Streitigkeiten, um Bomben, die verteilt wurden, um Eins gegen Eins oder Zwei gegen Zwei. Es war ein Meisterstück gelebter Straßenerzählung, mit vollem Körpereinsatz—„ ... Und dann hat er ihm eine Schelle gegeben, so eine Schelle, dass er zwei Meter nach hinten gefallen ist. Was ist das für ein Junge, Mann? Warum macht er das?"

Während ich auf meinem Stuhl saß und den Nacken ausrasiert bekam, ging die Beschreibung weiter und ich fragte mich, warum die jungen Herren ihre Kraft in diesen unsinnigen Kämpfen liegen lassen. „Warum fahrt Ihr nicht nach Bautzen, anstatt Euch gegenseitig zu schlagen", fragte ich quer durch den Raum. „Da gibt es ein paar Endgegner, die Lust auf eine Auseinandersetzung haben, und außerdem hätten sie es auch verdient", ergänzte ich und alle lachten. Ich weiß nicht, ob sie wirklich verstanden haben, was ich meinte, aber sie fanden es lustig.

Als ich neulich aus den Sommerferien zurückkehrte, in denen ich so gut wie keinen Internetzugang hatte, was übrigens sehr entspannend ist, konnte ich in den deutschen HipHop-Medien lesen, was ich alles verpasst hatte. Fast im selben Augenblick wünschte ich mir, dass mir mein Handy abgenommen, mein Internetanschluss gesperrt und ich für das kommende Jahr von sämtlichen digitalen Medien ausgeschlossen werden würde. Mit ungläubigem Staunen las ich von Schießereien vor Shisha Cafes und internationalen Haftbefehlen​. Ich sah das Videostatement eines Berliner Rappers, das gegen irgendwelche Hamburger Rapper gerichtet war und musste lesen, dass sich in diesem Zusammenhang auch noch ein Frankfurter Rapper​ angesprochen fühlte, der sein Statement zur Sache veröffentlichte—den sozialen Medien sei Dank—, woraufhin sich dann aber auch nochmal der Berliner Rapper wieder zu Wort melden musste und so der Beef lustig auf den Wellen der unterschiedlichen Egos weiterschaukelte. Ganz verstanden habe ich es nicht, worum es bei den Streitigkeiten überhaupt ging, aber irgendwie hatte es mit Ehre und Städten und Auftrittsverboten, abgesagten Konzerten, doch durchgeführten Konzerten, verschiedenen Camps und Ähnlichem zu tun und ich dachte mir nur: „Was für eine Kraftverschwendung."

Freundinnen und Freunde, wahrscheinlich gibt es immer wichtigere Sachen zu tun und selbst jetzt, wo ich hier sitze und diesen Text über die Unterhaltungsindustrie schreibe, könnte ich rausgehen und ein paar sinnvollere Dinge machen. Alten Frauen die Einkaufstüten in den vierten Stock hochtragen, Kinder unterrichten, damit sie sich nicht gegenseitig abknallen, Essen kochen und verteilen in der Notunterkunft für Geflüchtete um die Ecke oder für die obdachlosen Junkies vom Kottbusser Tor. Vielleicht auch nur ganz normal Hausaufgabenhilfe für die Nachbarskinder oder mich bei der Mietschuldenberatung engagieren, was auch immer.

Das Problem an der Sache ist: Wir sind alle so vereinzelt und auf uns allein gestellt, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, irgendwas gemeinsam zu machen. Jeder muss gucken, wo er bleibt ist die Devise und das setzt sich dann genauso fort beim Friseur, wie in irgendwelchen Videostatements oder Schießereien vor Shisha Cafes. Es geht ums Para und das eigene Fortkommen. Es geht um den eigenen Ruhm und die eigene Selbstvermarktung als unzerstörbare Premium-Marke im selbstgewähltem Marktsegment, ganz egal, ob man nun im Handwerkerk auf dem Bau tätig ist, wo man sich gegenseitig mit Tiefstpreisen unterbietet, oder im Drogenhandel, in dem eine gewisse Härte verlangt wird. Oder eben im Rapgeschäft—überall kommt es nur auf die eigene Durchsetzungsfähigkeit an.

Das alles wäre ja nicht weiter schlimm, wenn auf Dauer nicht ein gewisser Ermüdungseffekt einsetzen würde. Auch wenn es immer wieder Ausreißer nach oben oder unten gibt, am Ende fehlt es schlichtweg an Originalität, weil sich die Geschichten ewig wiederholen und es letztendlich immer nur ums eigene Ego geht. Das ist dann wie US-Wahlkampf oder die Diskussionen um die europäische Flüchtlingspolitik. Am Ende kommt immer nur heraus, dass alle beteiligten nach dem größtmöglichen Vorteil streben, wobei die mit der meisten Power sich dann auch in der Regel durchsetzen—die Konkurrenzgesellschaft macht es möglich. Entgegen der landläufigen Meinung, dass eben jene Konkurrenz die innovativsten Ideen hervorbringt, führt sie letztendlich nur zu einer lahmen Gleichförmigkeit und verhindert neue und originelle, weil gemeinschaftliche Vorschläge, welche die Probleme vielleicht auch mal ganz grundsätzlich lösen würden.

Das aber ist wenig gewünscht, weil die mit der meisten Power dann vielleicht nicht immer gewinnen würden, und der FC Bayern ja auch nur sehr ungern verliert, und vielleicht funktioniert das auch alles gar nicht, genauso wenig wie eine kollektive Rapgemeinschaft, die sich mal mit Dingen außerhalb des eigenen Bauchnabels beschäftigen würde.

Das Leben ist ein Battle—warum sollte Rap da also anders sein. Welcome to the Terrordome. Welcome im Irrenhaus dieser Gesellschaft.