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Reisen

Die Unsterblichkeitsgemeinde von Gavdos

Ein paar Überlebende der Katastrophe von Tschernobyl haben auf einer abgelegenen Insel eine Sekte gegründet und haben nun vor, ewig zu leben.
12.6.12

Auf einer kleiner felsigen Insel am südlichsten Punkt Europas spricht ein russischer Wissenschaftler in einem abgedunkelten Nebengebäude vor einer nervösen Kirchengemeinde. „Es wird keine neuen Generationen mehr geben“, sagt er. „Wir sind die letzte Generation. Wir werden keine Geburt mehr von Sterblichen zulassen. Sie werden nicht gebraucht.“

Wie er so seine Selbstgedrehte raucht, einen zerfledderten Anorak tragend, sieht er eher wie ein Vagabund aus. Doch ist er eines der intelligentesten Mitglieder der sogenannten „Unsterblichkeitsgemeinde“, die von sieben russischen Wissenschaftlern vor mehr als 15 Jahren auf der Insel Gavdos gegründet wurde. Unter ihnen sind Psychoanalytiker und Raketenwissenschaftler und die meisten von ihnen haben Tschernobyl überlebt. Ihr Anführer hat sogar eine lebensbedrohliche Dosis an Radioaktivität abbekommen. Ihre geheimnisvolle Arbeit verrichten sie in selbstgebauten Laboratorien auf einem abgesperrten Gelände mit nicht identifizierbaren Vorrichtungen, die auf den matschigen Pfaden vor sich hin rosten. Eines der von ihnen gebauten Häuser hat eine dunkelgrüne Glaspyramide als Dach, die aussieht, als wäre sie direkt J.J. Abrams’ Phantasie entsprungen.

Alle Wissenschaftler dort haben einen angesehen Hochschulabschluss und einige von ihnen haben sogar für das russische Pendant zur NASA gearbeitet. Aber anstatt Reagenzgläser gefüllt mit Chemikalien unter die Lupe zu nehmen oder neue Technologien zu entwickeln, haben die Wissenschaftler nahezu umsonst Jahre lang das Land hier bestellt. Der Priester der Insel Gavdos gab ihnen knapp 30.000 Quadratmeter Land, auf denen sie ihre eigenen Häuser bauen konnten. Den anderen Inselbewohnern halfen sie beim Aufbau der Elektronikinfrastruktur, aber auch beim Anbau und als Zimmerer haben sie sich nützlich gemacht.

Nachdem sie sich ihr nachhaltiges Selbstversorgerdasein organisiert hatten, konnten sie sich ganz auf ihre seltsamen, verschlossenen und esoterischen Philosophien über Unsterblichkeit konzentrieren und ihr Vorhaben in Dunkelheit hüllen. Es wurden sogar Geheimdienste von europäischen Regierungen auf sie angesetzt, um herauszufinden, was dort geschieht. Doch sie fanden anscheinend nichts.

Für mehr als ein Jahrzehnt hatten Wissenschaftler und Kirche ein harmonisches Verhältnis zueinander, doch nun haben die Unsterblichen die örtliche Gemeinde verärgert, da sie ihre geheimen Pläne öffentlich gemacht haben. Sie glauben tatsächlich daran, die Welt müsse umstrukturiert werden, um die Geburt eines neuen unsterblichen Menschen hervorzubringen. Den Wissenschaftlern droht sogar der Rausschmiss aus der Gemeinde, weil sie begonnen haben, einen griechischen Tempel zu bauen. Dort wollen sie pythagoreische Philosophie und vergessene griechische Mythen wiederbeleben.

Der norwegische Filmemacher Yiorgos Moustakis macht gerade eine Dokumentation über die Wissenschaftler und ihre außergewöhnlichen Theorien.

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„Es gab viele Legenden über diese Gruppe“, erzählt er mir. „Einige glaubten, dass sie hierher gekommen seien, um die radioaktive Strahlung loszuwerden. Andere wiederum meinten, dass sie Spione im Auftrag des KGB oder der CIA seien, die an einem streng geheimen Programm arbeiteten. Die meisten dieser Geschichten wurden von Leuten erzählt, die sie schon getroffen und vor allem ihre wilden Konstruktionen auf der Insel gesehen hatten.

Die Pläne der Wissenschaftler en détail darzustellen ist ungefähr so einfach wie die Länge einer aufgewickelten Schnur zu schätzen. Aber generell scheinen sie nach einer Möglichkeit zu suchen, die menschliche Evolution auf die nächste Stufe zu heben.

„Sie haben eine riesige Studie angelegt“, sagt Moustakis. „Der Beweis, nach dem du fragst, liegt innerhalb dieser Studie, so wie der Beweis von Einsteins Relativitätstheorie in der Mathematik liegt. Im Falle der Relativitätstheorie wurde das Ganze natürlich später im Labor experimentell bewiesen – z.B. im CERN-Teilchenbeschleuniger usw. Aber bevor diese Theorie in der Praxis bewiesen werden konnte, war ein funktionierender theoretischer Rahmen nötig. Um es anders auszudrücken: Ja, die Wissenschaftler der Gavdos Insel haben definitiv einen theoretischen Rahmen, der funktioniert.“

Die Theorie, von der die Wissenschaftler bei der Unsterblichkeitsidee ausgehen, ist laut Moustakis vergleichbar mit dem Buddhismus, beruht aber auf handfester Wissenschaft, also etwas, das tatsächlich greifbar ist.

Manche meinen, es handle sich um Pseudowissenschaft oder Voodoo. Andere haben Angst vor ihren Plänen. Die meisten aber verstehen es einfach nicht. Nachdem sie jahrelang abseits auf dem Land gelebt haben, erinnert ihre Idee langsam an eine

Alex Supertramp

- mäßige Philosophie, wobei sie fernab des Versorgungsnetzes leben und ihr Bewusstsein erweitern, indem sie den täglichen Wahnsinn pandemischen Konsums vermeiden, und sich nicht wie Ratten die Hirne waschen lassen. Diese Theorie berücksichtigt aber nicht ihre stark religiösen Wurzeln, mystischen Zeremonien oder ihre Besessenheit von radikalen griechischen Philosophen. Und sie kann auch nicht ihre provisorische Technik erklären oder die Tatsache, dass sie gegen den Wunsch der Inselbewohner einen Tempel errichtet haben, den sie den „Tempel des Apollo“ nennen.

An den Seiten des Gebäudes befinden sich heidnisch wirkende Glyphen. Allein seine Existenz verursacht Ärger auf der Insel; die Wissenschaftler werden zunehmend als Gotteslästerer betrachtet. Da es ihnen offensichtlich Spaß macht, für noch mehr Ärger zu sorgen, hat die Unsterblichkeitsgemeinde kürzlich die Kirche auf dem Festland gebeten, einen Bischof oder erleuchteten Priester auf die Insel zu schicken, damit dieser Zeremonien und Gebete für die Jungfrau Maria abhält. Er soll sie für ihr neuestes Projekt um Hilfe bitten: den Bau eines Tempels für einen Gott, der für eine gänzlich neue Art der Religion einsteht. Einer der Wissenschaftler fragt in Yiorgos Moustakis’ Film, ob es möglich sei, die Menschheit auf die nächste Stufe der Existenz zu hieven. Vielleicht finden sie auf ihrer verlassenen Insel mit ihrer grenzwertigen Forschung ja die Antwort. Mehr über Yiorgos Moustakis’ Film findet ihr hier.