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Popkultur

Diese drei Filme werden Hollywood nicht retten

The Lone Ranger kommt in die Kinos, Prince Avalanche sollte in die Kinos kommen und The Canyons scheißt auf Kino und steht auf Filme am iPhone.
9.8.13

Irgendetwas ist faul an diesem Sommer. Und damit meine ich nicht nur, dass im Juni noch Winter und Anfang August plötzlich Rekordhitze war. Ich meine damit auch nicht, dass das Sommerloch noch nie so absurd war wie dieses Jahr (beste Schlagzeile: "Scared Dad Seeks Alsylum Over Mustache") oder dass pünktlich zu Sharknado scheinbar alle Haie der Welt verrückt spielen und auf Réunion eine Touristin in zwei Teile zerfetzen oder sich in Brasilien filmreife Zeitlupenjagden mit Lebensrettern liefern.

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Ich meine vielmehr das, was gerade mit Hollywood los ist. Denn die berühmte Institution des Sommer-Blockbusters, die seinerzeit Der weiße Hai losgetreten hat, leidet heuer massiv unter mangelnden Durchschlagserfolgen. Die Traumwerkstatt findet in der Ferienzeit 2013 einfach keine Kundschaft. Mit Ausnahme von Fast & Furious 6 haben bisher alle großen Produktionen Geld in den Sand gesetzt—nicht mal Pacific Rim hat da was gebracht.

Sieht man Hollywood als das, was es aus Produzentensicht ist—also eine Börse für Bewegtbilder—, dann steuern wir also direkt auf einen schwarzen Freitag zu. Daran ändert auch Disneys durchgeplanter Hitgarant The Lone Ranger nichts, der diese Woche bei uns startet. Wir schauen uns trotzdem an, ob das Remake die Untertöne des Originals abgeschüttelt hat.

Abgesehen davon präsentieren wir euch einen Streifen, der in den USA jetzt und bei uns leider nie starten wird, es aber unbedingt sollte (Prince Avalanche), und einen weiteren, der international vor genau einer Woche im Kino und auf iTunes gestartet ist und bei dem längst jeder den Überblick verloren hat, welchen Start man hier bitteschön noch abwarten muss, bevor man ihn auch bei uns legal schauen kann (The Canyons). Alle drei Filme werden Hollywood auch nicht retten, enthalten aber Hinweise darauf, wie's doch wieder funktionieren könnte.

BEI THE LONE RANGER SIND AUCH WIR ZUSCHAUER EINSAM.

Es hätte funktionieren können: Johnny Depp einfach noch einmal dasselbe Charakterdesign wie in Fluch der Karibik verpassen, Schiffe gegen Züge austauschen, Piraten und Freibeuter mit Sklaven und Indianern ersetzen und dann einfach darauf hoffen, dass alle Menschen nur den stummen Trailer zu Gesicht bekommen, der in den U-Bahnstationen gerade auf und ab läuft wie sonst nur Junkies auf der Suche nach ein bisschen Balsam für ihre kaputten Nervenenden.

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Leider scheitert der Plan schon dort, wo einige Menschen vereinzelt doch über den Trailer mit Ton stolpern und direkt danach in eine katatonische Leere fallen, die ihnen einen Kinobesuch leider unmöglich macht. Denn The Lone Ranger ist nicht, was er vorgibt zu sein und hat dummerweise auch nichts von dem zu bieten, was es für einen Trailer bräuchte, der wie Fluch der Karibik auf Schienen daherkommen will.

Flapsige Sprüche gibt es zwar, aber in Wahrheit ist der Film eine ambitionierte Hommage an das Western-Genre und die Geschichten der 30er- sowie 50er-Jahre, als unsere Helden zuerst im Radio, dann im frühen TV durch das Texas seiner Zeit wüteten, um den John Locke'schen Glauben an das Gesetz und die Vernunft an der wilde Landschaft auszutesten.

Das ist ziemlich viel—und definitiv mehr, als man einer Disney-Zuseherschaft zumuten kann, die vom Marketing gleichzeitig auf Jack Sparrow 2.0 geeicht wird. Wer genau hier was falsch gemacht hat, ist schwer zu sagen. Johnny Depp wirkt ausverkauft, sein legendäres Engagement für amerikanische Ureinwohner disneyfiziert.

Gore Verbinski bleibt seiner Schiene treu (die anders als die amerikanische Eisenbahn nicht von chinesischen Sklavenarbeitern erbaut wurde) und arbeitet sich weiter in dieselbe Recycling-Richtung wie bereits bei Fluch der Karibik und Rango vor. Am Ende und am Anfang dieser Straße steht übrigens das Disney-Schloss, hinter dessen Mauern fleißig an neuen Gimmicks gebastelt wird. Neu ist nur, dass diese Gimmicks nicht von pickeligen Studenten in schweißtreibenden Mickey-Anzügen, sondern von Hollywood-Celebritys verkörpert werden, die ihre eigenen Gesichter als Masken tragen.

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DER LAWINENPRINZ BEIM LEITPLANKEN-ZIEHEN

Diese Review erschien in leicht geänderter Form bereits als Teil unseres Berlinale Breakdowns.

Gerade in Bezug auf Paul Rudd gab es bei VICE ja schon einiges an Uneinigkeit, wobei sowohl Dalias Quasi-Hasstirade als auch Magdalenas Quasi-Liebesbekundung in Wahrheit nur die zwei Seiten eines Westside Story-mäßigen Dance-Offs waren, dessen Refrain in etwa lautete: "Irgendwiiiiiiie ist eeeeeer uns einfach scheißeeeeeegaaaaaaaaal!"

Ein Film, der Paul Rudd nun aus dem Fahrwasser der Gleichgültigkeit hebt, als wäre es das Fruchtwasser seiner filmischen Wiedergeburt, ist Prince Avalanche. Der Gewinner des silbernen Bären für beste Regie bei der Berlinale wird seither auch überall sonst als nächstes ungeschliffenes Indie-Juwel gefeiert und hat jede einzelne Lobhudelei auch wirklich verdient.

David Gordon Green inszeniert hier mit Paul Rudd und Emile Hirsch—beide als entkitschte Versionen von Wes Anderson-Charakteren—ein Kammerspiel entlang texanischer Straßenbauarbeiten im Jahr 1988. Das Ganze wirkt auf den ersten Blick belanglos und auf den zweiten Blick noch belangloser. Aber auf den dritten Blick wird aus der symbolträchtigen Sisyphus-Tätigkeit sowas wie unfreiwillige Selbsterkenntnis, die ohne große Gesten auskommt.

Zu Beginn wird der Rahmen der Geschichte noch mit tragischen Schicksalsschlägen festgelegt: 1987 haben schwere Waldbrände mehrere tausend Häuser in Texas vernichtet, 1988 beginnt nun der Wiederaufbau der Zivilisation im Nirgendwo—und bezeichnenderweise erleben wir diesen nicht, indem wir uns an größe Helden oder Politiker anhängen, sondern von der pragmatischen Seite der Leitplankenaufsteller und Leitlinienzieher.

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Viel wissen wir über die Hauptdarsteller nicht, die da mit verbeamteter Ruhe die Straßenlinien neu ziehen. Der etwas verkniffene Paul Rudd macht den Sommerjob, um sich mit seiner Freundin einen Deutschlandurlaub zu leisten; Emile Hirsch ist sein junger, dooftreuer Beinahe-Schwager, der den Job nur als gute Geste bekommen hat, obwohl er mit seiner ständigen pubertären Obsession fürs Ficken eigentlich mehr Belastung ist (we feel you, Emile).

Pathos und Rührseligkeit sind in der Straßenarbeit genauso ausgespart wie überhaupt jede Erwähnung der vorangegangenen Vernichtung. Stattdessen ist Prince Avalanche ein Charakterfilm mit weitestgehend nur vier Darstellern und dem Fokus auf kleinen, persönlichen Geschichten; Gesprächen beim Camping, Musikhören beim Arbeiten, Wichsen im Zelt und dem unvermeidlichen Aneinandergeraten der beiden Sturköpfe.

Beide Schauspieler strahlen in untypisch brüchigen und gleichzeitig opaken Arthouse-Comedy-Rollen, in denen sie wie spaßige Blackboxen ihre Oberflächlichkeiten kultivieren, bevor beim gemeinsamen anarchistischen Schnapssaufen doch alles in Echtheit und Katharsis aufbricht. Die durchaus beträchtlichen privaten Skandale der beiden Protagonisten passieren, genau wie alles andere Furchtbare in diesem Film, abseits der Leinwand und finden ihren Weg zu uns nur über mündliche Erzählungen.

Am Ende scheint es, als ob unsere beiden pragmatischen Straßenhackler das Trauma der anderen—konkret: der ehemaligen Hausbewohner, die in Gestalt alter Mütterchen in die Ruinen zurückkehren und das man nur durch seine Abwesenheit nach und nach begreifen und aufarbeiten kann—bereinigen. Aber Prince Avalanche ist nicht nur postmoderne Traumatheorie, sondern macht auch ziemlichen Spaß. Obwohl man (genau wie beim Trauma auch) nicht ganz genau den Finger darauf legen kann, was diesen wirklich ausmacht.

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THE CANYONS, ODER: ENDLICH KRIEGEN SMARTPHONESCLOSE-UPS!

Dieser Film hat zugegebenermaßen einige Hürden, die selbst so groß wie Canyons sind. Zum einen wären da die Schauspieler, die nur beschränkt wirklich welche sind (und wenn, dann auch eher beschränkte). Zum anderen fällt es nicht unbedingt leicht, den Hochglanz-Inhalt mit dem Videokamera-Look zusammenzubringen, ohne ununterbrochen aus der Erzähung rausgerissen und an die Grenzen seines suspension of disbelief gezerrt zu werden.

Wenn man aber erst mal über Porno-Schleimi James Deen und die recht passend kaputte Lindsay Lohan hinweggesehen hat, ist The Canyons dann doch erstaunlich ergiebig und voll mit Bret Easton Ellis; und ich spreche hier nicht von den ersten 300 mühevollen Seiten von Glamorama—leider zwar auch nicht von den letzten 300, aber immerhin von etwas, das nicht langweilig wird, ziemlich schnell Fahrt aufnimmt, unangenehme Gefühle erzeugt und die Promi-Welt der L.A.-Hügel voller Suspense gegen den Niedergang der Filmwelt abzeichnet.

Obwohl alle Akteure der Story beruflich mit Film zu tun haben, sind sie längst zynisch geworden und scheißen in Wahrheit gepflegt auf Zelluloid und seine digitalen Nachfolger. Interessiert sind sie bestenfalls an Premierenfeiern und Koks und die Zukunft der Branche sehen sie, wenn überhaupt, in iPhone-Videos von den eigenen Sexpartys, die sie im Vergleich zu leergelutschten Leinwand-Geschichten zumindest noch nicht ganz kalt lassen.

Manchmal bricht Paul Schrader (bekannt als Autor von Taxi Driver und Raging Bull, aber fairerweise auch als Regisseur von Dominion: Prequel to the Exorcist) das Hollywood-Dogma der vierten Wand, lässt seine Schauspieler in die Kamera blicken und stilisiert ihre Vierecks-Liebesgeschichte damit zu einer koketten Spielerei, die bewusst vor den Augen der Zuschauer passiert. Weil das Drehbuch aber eben von Bret Easton Ellis stammt, kippt das Ganze natürlich sehr schnell in eine beengende Eifersuchtstragödie, deren vollen Ernst nicht alle Beteiligten sofort realisieren (was durchaus auch realistisch ist).

Das heißt wie gesagt nicht, dass der Film keine Fehler hätte: Ja, die Dialoge sind plump, die Charktere sind dumpf und die Kinokritik ist ein bisschen einfach, aber alles das funktioniert eben auch angesichts des Society-Umfelds, in dem wir uns hier bewegen. Das absichtlich plumpe Gesellschaftsbild erreicht dabei nicht die Authentizität und die Power von Spring Breakers, aber mit seinen Close-ups für Smartphones, die völlig alleine im Kader stehen, ist The Canyons auf ganz andere Art ein guter Zeitgeist-Film und macht, genau wie bedeutungslose Sex-Orgien mit Koks in den Hollywood Hills, vielleicht auf lange Sicht keinen Unterschied, aber zumindest Spaß, während er anhält.

Markus auf Twitter: @wurstzombie