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Heulsuse der Woche: NPD vs Berliner Senat

Die NPD sieht die Bombardierung Dresdens als den wahren Holocaust und der Berliner Senat verklagt einen Blog, weil der sich über die Olympia-Kampagne lustig macht.
13.2.15

Und wieder ist es an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertigwerden.

Heulsuse #1: Die NPD

Der Vorfall: Die Bombardierung Dresdens jährt sich zum 70. Mal.

Die angemessene Reaktion: Das historische Datum im Zusammenhang des 2. Weltkriegs sehen und pietätvoll der Opfer gedenken.

Die tatsächliche Reaktion: Den Vorfall als den wahren Holocaust bezeichnen und Nazi-Propaganda verbreiten.

„Nach der Party sieht der Club aus wie Dresden '45" rappen K.I.Z. in ihrem Song „Adolf Hitler" und tatsächlich gibt es wohl keine andere Stadt in Deutschland, der man die Folgen des Zweiten Weltkriegs nach wie vor noch so ansieht. Am heutigen Freitag, dem 13. Februar 2015, jährt sich der Angriff der Aliierten auf Dresden zum 70. Mal und während man es spätestens seit den geschmacklosen Diskussionen um den Ausschwitz-Jahrestag eigentlich besser wissen müsste, gingen zumindest wir dann doch irgendwie davon aus, dass nicht jedes Gedenken etwaiger Kriegsopfer zwingend mit nationalsozialistischer Propaganda in Zusammenhang stehen muss.

Die NPD sieht das ein bisschen anders und veröffentlichte am Mittwoch einen Facebook-Post, in dem sie ihre Anhänger darauf einschwört, „eines der größten Kriegsverbrechen der Weltgeschichte", den „anglo-amerikanischen Terrorangriff auf die sächsische Landeshauptstadt Dresden", niemals zu vergessen. Schließlich sei das Wort „Holocaust" schon rein von seiner ursprünglichen Bedeutung her auf keinen anderen Vorfall in der deutschen Geschichte her passender, auch wenn die „antideutschen Schuld- und Sühne-Prediger" das nicht einsehen wollen.

In dem ziemlich langen Beitrag, den hier in Gänze lesen könnt, geht die NPD dann noch ein bisschen ins Detail und erklärt, warum die Bombardierung Dresdens eigentlich der wahre Tiefpunkt des Zweiten Weltkriegs war. Diese Einstellung ist anscheinend vor allem deshalb wichtig, um „diesem fast gebrochenen Volk seinen Selbstbehauptungswillen und geschichtlichen Stolz wiederzugeben." Denn: „Mit den sattsam bekannten Selbsterniedrigungsritualen und dem krankhaften Schuldkult muß [sic!] endlich Schluß sein!"und das lässt sich bekanntermaßen nur dann erreichen, wenn man Schuldfragen einfach abwälzt—und so das Andenken aller umgekommener Dresdner direkt mit beschmutzt.

Heulsuse #2: Der Berliner Senat

Der Vorfall: Ein Blog macht sich über die Olympia-Kampagne des Berliner Senats lustig.

Die angemessene Reaktion: Sich freuen, dass das eigene Bestreben überhaupt medial angenommen wird.

Die tatsächliche Reaktion: Den Blog verklagen.

Die Gedanken sind frei, Satire sowieso und Pressefreiheit ist eins der größten Güter unserer Gesellschaft—zumindest vertrat die deutsche Politiklandschaft diese Meinung noch, als das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo die Schlagzeilen beherrschte. Allerdings hört der Spaß anscheinend genau dann auf, wenn es sich nicht mehr um das Verballhornen einer Religion, sondern die Olympiabewerbung von Berlin handelt.

„Wir wollen die Spiele"—dieser Slogan schreit Berlinern mittlerweile sogar auf Wagen der Müllabfuhr entgegen. Weil die Bevölkerung aber durchaus gespaltener Meinung zum Thema ist, hat der Blog metronaut sich einen kleinen Scherz erlaubt und die totalitäre Ansage auf Propaganda-Plakate der Sommerspiele von 1936 montiert Geschmacklos? Sicherlich. Trotzdem irgendwie passend? Ganz bestimmt.

Statt das Ganze zumindest zu ignorieren oder sich in der Teeküche mal so richtig über das undankbare Volk auszukotzen, entschied der Berliner Senat sich für die wohl unsouveränste Möglichkeit von allen: Er reichte gleich zwei Unterlassungsklagen gegen die Blogger ein. Die wiederum haben jetzt vermutlich deutlich mehr Leute mit der Aktion erreicht, als ursprünglich geplant. Nachdem die Fake-Plakate für kurze Zeit nicht mehr auf der Seite zu sehen waren, stellte das metronaut-Team sie mittlerweile wieder online. Als Zeichen für Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Reaktion des Senats bleibt abzuwarten.

Letzte Woche: Lilly Becker gibt die eifersüchtige Stiefmutter und Deutschrap-Fans greifen Oasis-Sänger Noel Gallagher an.

Der Gewinner: die erbosten Deutschrap-Fans!