​Warum auch der totale Lucke den Niedergang der AfD nicht aufhalten kann

Der AfD-Parteitag ist gerade vorbeigegangen. Aber was hat sich wirklich geändert?

|
Feb. 2 2015, 3:30pm

Foto: Flickr | blue-news.org | CC BY-SA 2.0

Die meisten Kommentatoren sehen Bernd Lucke nach dem Parteitag der AfD gestärkt. Das ist ein Trugschluss: Die Partei braucht ihn noch als Feigenblatt, hat den Kurs aber längst festgelegt.

Bei der Alternative für Deutschland standen auf dem Parteitag in Bremen am vergangenen Wochenende wichtige Satzungsentscheidungen an. Die entscheidende Frage war, ob es in Zukunft weiterhin drei gleichberechtigte Sprecher geben soll, oder ob es einer alleine—vermutlich Bernd Lucke—richten soll. Das ist politisch brisanter, als es auf den ersten Blick klingt, kämpfen doch verschiedene Strömungen—zwischen ziemlich weit rechts und ganz weit rechts—um die Vorherrschaft in der jungen Partei. Mit einem Sprecher, so hoffte vor allem Bernd Lucke, würde seine etwas moderatere Position in Zukunft die Außenwirkung dominieren—eine Idee, die beileibe nicht allen Parteifreunden gefällt.

Die gesamte Geschichte des Parteitages ist übrigens schon in der Hinsicht bemerkenswert, dass die AfD—und insbesondere Bernd Lucke—die Regeln, nach denen die von ihnen so verhassten „Altparteien" funktionieren, in Rekordzeit adaptiert haben. Wer die eigene Partei disziplinieren will, der legt die wichtigsten Entscheidungen einfach kurz vor eine wichtige Wahl—und schon traut sich kaum noch jemand, offen gegen die Parteilinie zu stimmen. So lief das am vergangenen Wochenende auch bei der AfD: Aus Angst, die für die AfD unfraglich extrem wichtige Wahl in Hamburg mit den lokalen Zugpferden Lucke und Henkel im dauernden Gezänk vor die Wand zu fahren, zickte man in der Aussprache zwar fröhlich gegeneinander, verhielt sich in den Abstimmungen zähneknirschend aber doch linientreu. Noch, so wird man sich selbst bei den rechten Hardlinern der Partei rund um die ostdeutschen Wahlsieger Höcke, Gauland und Petry denken, braucht man Bernd Lucke als bürgerlich wirkendes Zugpferd, um auch in Westdeutschland die fünf Prozent zu überspringen.

Man sollte das allerdings nicht als Richtungsentscheidung zugunsten von Bernd Luckes Linie missdeuten. Die AfD ist längst durchsetzt von Kräften, die weder liberal noch konservativ zu nennen sind—und selbst Bernd Lucke spielt bereits von Anfang an und mit zunehmendem Maß mit Ressentiments gegen Minderheiten aller Art. Die Austrittswelle moderater Kritiker der Merkelschen Europolitik, die zunächst glaubten, in der AfD ihre politische Heimat gefunden zu haben, haben die Partei längst wieder verlassen. Und das nur selten in Frieden.

Das professionelle Marketing und die cleveren Selbstzuschreibungen der „Partei neuen Typs" verhalfen ihr zum raketenhaften Aufstieg. Die zunehmende Transparenz über die tatsächlichen Zustände leitet ihren unwiderruflichen Niedergang ein. Aus den „Einzelfällen" rechtsradikaler Ausfälle und Verbindungen wurde mit der Zeit ein Massenphänomen, das die Partei maßgeblich prägt. Vom Mythos der „Professorenpartei" bleibt bei näherer Betrachtung kaum etwas übrig: Außer Lucke und Starbatty und einer bisher öffentlich nicht in Erscheinung getretenen 78-jährigen Dame im Bundesvorstand finden sich keine Volkswirtschaftsprofessoren in führenden Positionen. Und bei näherer Betrachtung bleibt auch von Bernd Luckes ursprünglichen Positionen zur Eurokrise, die maßgeblich für den Gründungsmythos der Partei waren, nicht viel übrig. Um nicht zu sagen: Er behauptet heute das glatte Gegenteil von damals.

Für keines dieser Probleme hat der Parteitag eine Lösung gebracht—und der Fakt, dass auf dem Parteitag selbst und auch danach schon wieder Lucke verbal zum Abschuss freigegeben wurde, lässt erahnen, wie es in der Parteiseele kocht. Der Ausbruch diese Vulkans dürfte spätestens am Tag nach der Hamburgwahl anstehen, umso mehr, wenn die AfD hinter ihren Erwartungen zurückbleibt und ein schlechtes Ergebnis einfährt oder gar den Sprung ins Parlament verpasst, was bei den derzeitigen Prognosen und dem Chaos in der Hamburger AfD durchaus möglich ist.

Alexander Gauland attestierte Bernd Lucke, eine katastrophale, vergiftete Rede gehalten zu haben, die aber hätte ausgleichend sein müssen. Dafür hätte Bernd Lucke aber inhaltlich auf seine Gegner zugehen müssen—und hätte damit das Koordinatensystem der Partei gut sichtbar für Medien und Bürger dorthin verrückt, wo die Partei intern sowieso längst steht. Er hat sich dagegen entschieden und damit den innerparteilichen Krieg nur weiter befeuert. Bernd Lucke ist jetzt Kaiser. Der totale Lucke gewissermaßen. Aber er ist nackt. Und bald ist niemand mehr da, der ihm das im Vertrauen sagen könnte. Sein Hofstaat löst sich weiter auf—und ein Ende ist nicht absehbar.

Christoph Giesa ist Publizist. Er schrieb über AfD schon vor ihrer Gründung und hat ihren Werdegang seitdem kontinuierlich publizistisch begleitet. Am 4. Februar erscheint von ihm gemeinsam mit Liane Bednarz das Ebook „Deutschland dreht durch – Die Wahrheit über die AfD" bei Hanser.

Mehr VICE
VICE-Kanäle