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Heulsuse der Woche

Richter des hessischen Justizministeriums wollen ihre Teebeutel nicht selbst entsorgen und der ARD-Chefredakteur wälzt Sexismusvorwürfe auf einen Mitarbeiter ab.

von Lisa Ludwig
09 Januar 2015, 9:33am

Und wieder ist es an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertig werden.

Heulsuse #1: Daniel Saam, Vorsitzender des hessischen Richterbunds

Foto: Dan McKay | Flickr | CC BY 2.0

Der Vorfall: Die Angestellten des hessischen Justizministeriums sollen ihre Teebeutel in Zukunft nicht mehr einfach in den Papierkorb werfen.

Die angemessene Reaktion: Die paar Schritte in die nächste Teeküche gehen und den Müll dort entsorgen.

Die tatsächliche Reaktion: Sich öffentlich über diese „Geringschätzung" eines ganzen Berufstandes empören.

Niemandem macht es Spaß, seinen Müll zu trennen. Dass es trotzdem sein gutes hat, wenn Apfelschnitze nicht wochenlang im Papiermüll vor sich hinschimmelt, hat jetzt auch das hessische Justizministerium erkannt und alle Angestellten dazu verdonnert, ihren Biomüll in den dafür vorgesehenen Mülleimern zu entsorgen. Sprich: Wer zukünftig feuchte Teebeutel und Kaffeepads loswerden möchte, muss dies an „zentralen Sammelstellen wie Teeküchen" tun. Das Ministerium verspricht sich davon neben einer deutlichen Senkung der Reinigungskosten auch einen deutlich angenehmeren Geruch in den Büros.

Was nach nachvollziehbarer Maßnahme klingt, ist für den Vorsitzenden des hessischen Richterbunds, Daniel Saam, allerdings unzumutbar. Im Akt der persönlichen Müllentsorgung sieht er eine „Geringschätzung" seines Berufstandes, die „den Beruf des Richters und Staatsanwalts in unserem Bundesland noch unattraktiver" mache. Ob und inwiefern der Gesetzeshüter gerichtlich gegen die „nach den Paragraphen 11 und 14 Kreislaufwirtschaftsgesetz geforderten Trennung der Abfallfraktionen" vorgehen wird, bleibt abzuwarten. Ministeriumssprecher Ommert versprach in jedem Fall schon einmal vorsorglich, die Teeküchen „büronah" einzurichten und somit die zusätzlichen Laufwege für die ehrenwerten Rechtssprecher möglichst kurz zu halten.

Heulsuse #2: Der Chefredakteur von ARD-aktuell

Screenshot: Tagesschau vom 06.01.2015

Der Vorfall: Die Tagesschau in der ARD zeigt auf sexualisierte Art und Weise die Beine einer FDP-Politikerin.

Die angemessene Reaktion: Der zuständige Chefredakteur entschuldigt sich öffentlich und nimmt die Sache auf seine Kappe.

Die tatsächliche Reaktion: Der zuständige Chefredakteur schiebt alles auf einen Mitarbeiter.

Die FDP war in dieser Woche in aller Munde. Statt um die politischen Inhalte der Partei, ging es aber vor allem um ihr neues, deutlich farbenfroheres Logo—und die Beine der Hamburger Spitzenkandidatin. Als die Tagesschau in einem Videobeitrag über das Dreikönigstreffen der FDP berichtete, zeigte sie von allen beteiligten Politikern vor allem die Gesichter—nur bei Katja Suding hangelte sich die Kamera nahezu zärtlich an den langen, nahezu freiliegenden Beinen Richtung Oberkörper entlang.

Ein sexistischer Ausfall eines sonst so nüchternen Nachrichtenmagazins? Ja, zumindest wenn es nach dem Chefredakteur von ARD-aktuell geht. In einem Blogeintrag auf tagesschau.de wollte sich Dr. Kai Gniffke öffentlich für diesen Fauxpas entschuldigen. Statt—wie seiner Position als Hauptverantwortlicher für die redaktionellen Inhalte angemessen—die Schuld an diesem Beitrag vollends auf die eigene Kappe zu nehmen, entschied er sich allerdings erst einmal dazu, ordentlich auszuteilen. Gegen die FDP („sabbernde Liberale"), gegen Frauenrechtler („und das nicht, weil feministische Gäule mit mir durchgehen") und natürlich auch gegen diesen mysteriösen Mitarbeiter, der das Ganze verbrochen und mit dem Gniffke so gar nichts zu tun hat.

„Ich nehme an, der Kameraschwenk wurde von einem Menschen aus der Schule und der Geisteshaltung vergangener Jahrzehnte produziert, der diese Darstellung besonders apart fand", schreibt der—um es erneut zu betonen—verantwortliche Chefredakteur der Sendung, der sich anschließend wieder als zerknirschter Medienmacher voller „Selbstkritik" stilisiert. Es bleibt zu hoffen, dass er aus dieser Situation wirklich lernt und in Zukunft zumindest ansatzweise einen Überblick darüber hat, wer bei ihm arbeitet. Und was diese Leute eigentlich tun.

Das letzte Mal haben wir euch über die Heulsuse des Jahres abstimmen lassen.

Der Gewinner: die gefühlstote Vermieterin, die einem Vergewaltigungsopfer die Wohnung gekündigt hat!

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