„Wer die Kritiker kritisiert, ist für das System“—Die Montagsdemos kreisen weiter um sich selbst

8000 Leute sollten zum „Marsch auf Berlin“ kommen, 2000 waren da. Die Mahnwache wertet das trotzdem als Erfolg.

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Juli 22 2014, 12:14pm

Lars Mährholz—Das Bad in der Menge (Foto: Stefan Lauer)

Letzten Samstag sollte ein großer Tag für die Mahnwachen werden: zum ersten Mal wollten Montagsdemonstranten aus ganz Deutschland sich zur ersten bundesweiten „Mahnwache für den Frieden“ in Berlin versammeln. Gut sechs Wochen wurde mobilisiert, organisiert, es fanden Vorbereitungstreffen statt und Redner wurden eingeladen. Der Organisator der Berliner Mahnwache, Lars Mährholz, sprach immer wieder von den 90 Städten bundesweit, von zehntausenden Abgesandten aus ganz Deutschland. Ken Jebsen nannte die Demo den „Marsch auf Berlin“ (was ihm allerdings schnell peinlich war, woraufhin er seinen Beitrag löschte) und einige Kommentatoren sahen die Bewegung schon dabei, den Bundestag zu stürmen.

Bei der Demoanmeldung für vergangenen Freitag wurde also erstmals konservativ geschätzt. 8000 wurden angemeldet, mit 10.000 wurde gerechnet. Erschienen sind laut offiziellen Schätzungen 2000. Umgerechnet auf die angeblichen 90 Städte sind das: 22 Personen pro Stadt.

Die neue Montagsmahnwache auf den Alexanderplatz (Foto: Gergana Petrova)

Ohnehin ist die derzeitige Situation der Demos ein Paradebeispiel für Zerfall. In Berlin existiert seit Anfang des Monats eine zweite Mahnwache auf dem Alexanderplatz, die sich von der bisherigen abgespalten hat, da man seit dem Auftreten von Pedram Shahyar und seiner mittlerweile prominenten Position auf den Mahnwachen und der Distanzierung von Elsässer zu stark linke Tendenzen vermutet hat. Eine kategorische Distanzierung von Rassismus, Antisemitismus und Homophobie wird von dieser Gruppe kritisiert, weswegen sich hier auch die größten Fürsprecher von Elsässer finden. Dank der Alexanderplatzaktivisten durfte er deswegen am vergangenen Samstag auch wieder sprechen.

Jürgen Elsässer mit Personenschützern am Samstag vor dem Neptunbrunnen (Foto: Stefan Lauer)

Aber nicht mal das hat wirklich geholfen. Wie immer schöpfte Elsässer aus seinem üblichen Repertoire und sprach über die „Neue Weltordnung“, die von den „Eliten“ gesteuert wird, die „Sprachpolizei“ der Political Correctness, Zionismus und Faschismus setzt er gleich und nennt die israelische Politik Völkermord. Als er Angela Merkel mit der Aussage „Israel hat ein Recht auf Selbstverteidigung“ zitiert, kommen Buhrufe aus dem Publikum. Danach spricht er über MH-17 und absurde Verschwörungstheorien, die ohnehin bereits widerlegt sind. Und dann natürlich Russland. Schon lange macht sich Elsässer gerne bei Putin beliebt, sei es dadurch, dass er seine Familienpolitik glorifiziert und den Initiatoren der ekelhaften Homo-Gesetzgebung Russlands eine Bühne bietet. Oder eben auch in dieser Rede, wo er die deutsch-russische Freundschaft beschwört, die seiner Meinung nach schon immer gut für die beiden „Völker“, ja für den ganzen Kontinent gewesen sei. Wie in dem Zusammenhang der Hitler-Stalin-Pakt zu sehen ist, ließ er leider aus.

Stephane Simon (links) (Foto von M. Jäger)

Auch die restlichen Redner sparten nicht mit dem Üblichen. Einer plante die Abschaffung aller Regierungen, da man sich auch sehr gut über Facebook organisieren könne. „Deutschland muss aufwachen“ war auch zu hören. Stephane Simon, der normalerweise in Leipzig gegen den Bau einer Moschee hetzt, durfte sich ebenfalls auf seine ganz eigene Art für den Frieden stark machen. Er sagte, dass die „Amerikaner seit den 40er Jahren die größten Verbrecher sind.“ Den Antifa-Gegendemonstranten warf er vor, Kollaborateure zu sein: sie hielten die Flagge des Landes hoch, das Deutschland zerbombt habe, daher seien sie Verräter. Interessant an seiner Rede ist vor allem folgender Satz, der die vergangene Berichterstattung über die Montagsdemo und die Reaktionen darauf in der Gedankenwelt der Demo-Teilnehmer gut zusammenfasst: „Wer die Kritiker kritisiert, ist für das System.“ Tatsächlich ist derjenige, der rechtsnationale Verschwörungstheorien, Antisemitismus und dummdreiste Kapitalismuskritik kritisiert noch lange nicht für das System, sondern viel mehr gegen dämliche Verschwörungstheorien, Antisemitismus und dummdreiste Kapitalismuskritik.

(Foto: Stefan Lauer)

Am Rande der Demo, während ein Chemtrail-Theoretiker über Silberpartikel, Polymerchemiker und von Menschenhand verursachte Vulkanausbrüche fabuliert, geht ein Mann mit einem „Free Palestine“-Schild, auf dem eine „jüdische“ Hand zu sehen ist, die einer palästinensischen Person den Mund zuhält, und den Worten „Weg mit Israel“ auf die Gegendemonstranten der Antifa los.

Vom Alexanderplatz zog dann eine Laufdemo zum Potsdamer Platz, wo sich das gleiche Schauspiel auf anderer Bühne wiederholte. Evelyn Hecht-Galinski, eine umstrittene jüdische Publizistin, nannte Israel einen Apartheidsstaat, die Staatsgründung Israels eine Katastrophe und forderte einen Boykott des „Unrechtstaates Israel.“ Usw., usw.

Die Montagsmahnwache am Brandenburger Tor. Inwieweit eine Guillotine mit einer Karrikatur von Merkel für den Frieden stehen soll bleibt offen. (Foto: Gergana Petrova)

Jetzt könnte man ja davon ausgehen, dass eine Demo, die für 8000 Leute angemeldet war und zu der gerade mal ein Viertel erscheinen, und die ohnehin schon seit einiger Zeit nur noch Bruchteile des Publikums anzieht, den Organisatoren Grund zum Nachdenken geben könnte. Aber es wird immer deutlicher, dass die Montagsdemo in einem eigenen kleinen Biotop existiert, in dem nur die eigene Wahrheit gilt. So spricht die von Anfang an für die Montagsdemos agitierende Facebook-Seite „Anonymous-Kollektiv“ (Anonymous Deutschland distanziert sich eindeutig von dieser Seite) für Samstag allen Ernstes von 8-10.000 Teilnehmern. Und gestern erzählt eine Dame auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor (vor ca. 200 Teilnehmern) ebenfalls von 7000 Teilnehmern an der Samstagsdemo. Gleichzeitig existiert auch immer noch die Montagsmahnwache auf dem Alexanderplatz, die gestern zwischen null und vierzig Teilnehmer verzeichnen konnte.

Klar war von Anfang an, dass es sich bei den Initiatoren dieser Bewegung nicht um Sympathieträger handelt. Und obwohl ein dumpfer Wunsch nach „Frieden“ ausreichte, um kurzfristig einige Menschen zu mobilisieren, so verlor sich die Bewegung doch im Personenkult, Verschwörungssumpf und in unhaltbaren Thesen. Den wenigen, die noch dahinter stehen, fällt das nur leider nicht auf. 

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