The Borders Issue

Der Klimawandel verschiebt die Grenze zwischen Österreich und Italien

Sie hat sich bereits stark verändert. Dass Gletscher sich verschieben, ist normal, doch die globale Erwärmung hat das Eis schneller schmelzen lassen als erwartet. Irgendwann wird die geologisch festgelegte Grenze verschwunden sein.

von Livia Albeck-Ripka
22 August 2016, 4:00am

Ein Hubschrauber fliegt davon, nachdem er ein Forscherteam auf einen Gletscher am Fuße des Similaun gebracht hat. Die Gruppe installiert GPS-Sensoren, um die Bewegungen des Gletschers in Echtzeit aufzuzeichnen | Fotos von Delfino Sisto Legnani

Aus The Borders Issue

1991 fand ein deutsches Wandererpaar an der italienischen Grenze zu Österreich eine verschrumpelte braune Leiche, die mit dem Gesicht im Schnee aus dem Eis ragte. Erika und Helmut Simon vermuteten einen verunglückten Bergsteiger, und so zogen sie nach einem Foto weiter in ihre Pension in den Ötztaler Alpen, wo sie den Inhabern von ihrer Entdeckung berichteten.

Forensische Wissenschaftler brauchten vier Tage, um die Leiche aus dem Eis zu befreien. Sie wurde per Hubschrauber geborgen und dann mit dem Leichenwagen ins Institut für Gerichtliche Medizin Innsbruck gebracht.

Einen Tag später untersuchte der Archäologe Konrad Spindler ungewöhnliche Objekte vom Fundort, darunter ein Kupferbeil mit einer 9,5 Zentimeter langen Klinge. Der Forscher wusste: Dies war kein verirrter Wanderer, sondern ein prähistorischer Mann. Die Simons hatten eine der besterhaltenen Mumien der Geschichte entdeckt, die sich als über 5.000 Jahre alt herausstellen sollte.

Im Medienrummel, der darauf folgte, taufte ein Wiener Journalist die Mumie "Ötzi", nach dem nahegelegenen österreichischen Ötztal, doch italienische Behörden bestanden darauf, er sei auf italienischem Boden gefunden worden, und nannten ihn L'Uomo venuto dal ghiaccio ("Der Mann aus dem Eis"). Der Grenzverlauf entlang der Gletscher des Berges Similaun—eine riesige Eisfläche, die jährlich um bis zu neun Meter verrutschen kann—machte eine Zuordnung zu einem Land so gut wie unmöglich. Im folgenden Monat wurde die Grenze zum ersten Mal seit ihrer Festlegung nach dem Ersten Weltkrieg vermessen: Ötzi war 93 Meter von der Grenze entfernt in Italien gefunden worden.

Heute hat sich diese Grenze stark verändert. Dass Gletscher sich verschieben, ist normal, doch die globale Erwärmung hat das Eis schneller schmelzen lassen als erwartet. Im April 2016, 25 Jahre nach der Entdeckung Ötzis, ist ein Team von Geologen, Geophysikern und Designern zu einer Expedition aufgebrochen, um GPS-Sensoren entlang der Grenze zu positionieren, die es ermöglichen würden, in Echtzeit Informationen zum Gletscher Grafferner zu sammeln, der am Fuße des Similaun liegt und aufgrund seines geringen Umfangs geeignet ist, den Klimawandel zu verdeutlichen. Ich habe mich der Expedition angeschlossen.

Der Gletscher Grafferner definiert einen Grenzabschnitt zwischen Italien und Österreich. Die GPS-Geräte verfolgen die Gletscherschmelze und damit die Verschiebung der Grenze

DER HELIKOPTER musste dreimal fliegen, um uns 13 auf den Grafferner zu bringen. Dick eingepackt gegen die minus zehn Grad stiegen wir den restlichen Weg auf das Plateau, eine weiße Ebene umringt von den spitzen Gipfeln der Dolomiten, 3.300 Meter über dem Meeresspiegel. Der Pilot ließ 300 Kilogramm Ausrüstung in einem Netz aus dem Hubschrauber he­runter und verließ uns für neun Stunden.

Das Team trennte sich in zwei Gruppen, um die GPS-Geräte am Eis anzubringen. Jedes Gerät enthielt Sensoren, einen Akku und ein Heizsystem, das das Funktionieren der Geräte bei Minusgraden sicherstellen sollte. In der Zwischenzeit gruben zwei der Geophysiker, Roberto Francese und Aldino Bondesan, ein Loch in den Schnee, um ans Gletschereis zu kommen. In die einen Meter tiefe Grube steckten sie ein Seismometer (das Tiefen anhand von Vibrationen misst), um das Ausmaß der Schmelze des Grafferner im Laufe des letzten Jahres festzustellen. "Wenn es so weitergeht", seufzte Francese, "wird dieser Gletscher in etwa 20 Jahren weg sein."

"Selbst die größten und stabilsten Dinge, wie Gletscher und Berge, können sich in wenigen Jahren verändern. Unser Planet wandelt sich, und wir versuchen, Regeln aufzustellen und Bedeutung zuzuschreiben, doch die Bedeutung ist vollkommen künstlich, denn der Natur ist das alles egal."—Marco Ferrari

Es ist normal, dass kleine Teile eines Gletschers im Jahreszeitenwechsel schmelzen und neu einfrieren, doch die steigenden Temperaturen der letzten 30 Jahre haben eine besorgniserregend schnelle Schmelze verursacht, die an Gletschern wie dem Grafferner besonders deutlich wird. "Innerhalb eines Jahrhunderts haben wir 70 Prozent der vergletscherten Oberfläche verloren", sagte Bondesan, ein Koordinator des Italienischen Glaziologischen Komitees. "Forscher haben nicht die nötigen Informationen, um einzuschätzen, ob diese Veränderung—die definitiv von Menschen verursacht wurde—eine vo­rübergehende ist, die sich in 10 oder 100 Jahren wieder ausgeglichen hat", sagte er.

Wir hatten unser Quartier in der Frühstückspension Leithof in Vernagt am See, einem Skiort auf der italienischen Seite des Tals. Obwohl der letzte Februar in der Region der wärmste der Geschichte war, hat die Pension noch nicht gelitten. Inhaber Rainer Alois war dennoch besorgt. Mitte Januar, normalerweise die kälteste Jahreszeit, wurden die Pisten noch mit Schneekanonen befahrbar gemacht. "Der Gletscher ist die letzten Jahre stark zurückgegangen, das sieht man mit bloßem Auge", sagte mir Alois. "Ich bin schon recht alt. Wenn ich sterbe, ist der Gletscher noch da. Aber für die jüngeren Leute wird das ein großes Problem."

Die Veränderung treibt auch den Alpenführer Robert Ciatti zur Verzweiflung. "Ich vermisse den Gletscher, wie er war, als ich dort anfing zu klettern. Im Sommer kann ich das Gestein unter dem Eis erkennen, es sieht ganz dreckig aus ... Es ist so traurig."

Bondesan erklärte allerdings, wir sollten uns lieber um das Verschwinden unserer natürlichen Reservoirs sorgen als um das Ende unserer Bergsportarten. In Gletschern lagert 69 Prozent des weltweiten Süßwassers, der wichtigsten Ressource unseres Planeten. In Kombination mit den großen Höhen über dem Meeresspiegel entsteht durch die Schmelze ein verheerender Dominoeffekt. "Das wirklich Beängstigende", sagte Stefano Picotti vom Nationalen Institut für Ozeanographie und Experimentelle Geophysik (OGS), "ist, dass es ein solches Experiment mit der Natur noch nie gegeben hat."

"Der Klimawandel vollzieht sich so schnell und in so großem Maßstab, dass er uns zwingt, die Grenzen unseres Landes neu zu definieren", sagte der Leiter der Vermessungsexpedition, Marco Ferrari. Die Grenze, an der wir uns befanden, war zwar seit dem Vertrag von Saint-Germain 1919 beobachtet worden, doch Ferraris Projekt, Italian Limes (lat. "Grenzweg"), ist das erste, das sie akkurat und konstant vermisst. Die Grenzen eines Landes sind "etwas, das wir als stabil betrachten, sie sind ein politisches Werkzeug, die Grundlage des modernen Staats, das Allerheiligste. Aber diese riesige natürliche Transformation macht klar, wie besorgniserregend die Veränderungen sind", sagte er. "Selbst die größten und stabilsten Dinge, wie Gletscher und Berge, können sich in wenigen Jahren verändern. Unser Planet wandelt sich, und wir versuchen, Regeln aufzustellen und Bedeutung zuzuschreiben, doch die Bedeutung ist vollkommen künstlich, denn der Natur ist das alles egal."


Die GPS-Sensoren werden auf dem Gletscher angebracht und messen seine Koordinaten, während er sich verschiebt. Ein Mitglied des Italienischen Glaziologischen Komitees sagte: "In einem Jahrhundert haben wir 70 Prozent der vergletscherten Oberfläche verloren."

EINE WEITE Gletscherlandschaft, mehr als fünf Fußstunden vom nächsten Dorf entfernt, wirkt nicht, als könne sie Anlass für eine hitzige politische Debatte bieten. Doch in Südtirol hat es zwischen Österreich und Italien schon immer Spannungen gegeben. Die Region wurde nach dem Zweiten Weltkrieg an Italien zurückgegeben. Noch heute stehlen Vandalen oft zum Protest italienischsprachige Schilder von den Wanderwegen des Similaun.

Auf dem Heimweg hielten wir in Bozen, wo ein Triumphbogen aus der Mussolini-Ära an die faschistische Geschichte der Stadt erinnert. Die Regierung hat das Denkmal, das noch immer einen Kern der Spannungen zwischen italienisch- und deutschsprachigen Bewohnern bildet, umzäunt, um es vor Vandalismus zu schützen.

Beim Abendessen erzählte mir Simone Simonelli, Designdozent an der Freien Universität Bozen, die kulturellen und ideologischen Spannungen würden direkt unter der ruhigen Oberfläche der Stadt schwelen. Beim Spaziergang war Simonelli an jenem Tag eine kleine rechte Demo gegen Migranten aufgefallen. Am nächsten Nachmittag kämpfte die österreichische Polizei mit 500 italienischen Aktivisten, die eine flüchtlingsfreundlichere Haltung am Brennerpass forderten. Dort versuchen seit Monaten Tausende Migranten nach Österreich zu gelangen. Am Ende des Monats begann die österreichische Regierung mit dem Bau eines kontroversen Zauns, der Flüchtlinge von der Einreise abhalten sollte.

In den letzten Jahren ist ein Netzwerk aus scheinbar ruhenden Grenzen zu etwas geworden, das Ferrari als "eine Psychose des 21. Jahrhunderts" bezeichnet, mit Polizeikontrollen, Soldaten, Mauern, Flüchtlingslagern und Vertriebenen. "Kartografie wird als politisches Werkzeug benutzt, um Grenzen zu legitimieren, doch auch natürliche Grenzen sind nur Formen, denen wir politischen Wert zuschreiben", sagte er. "Schengen, eine Errungenschaft des modernen Europas, ist nur ein politisches Abkommen, das sich über Nacht ändern kann. Grenzen sind völlig künstlich. Wir legen sie fest, und können genauso gut auch behaupten, dass sie abgeschafft gehören."

VOR 18 JAHREN GABEN die Österreicher Ötzi den Italienern zurück, nachdem sie ihre Untersuchungen abgeschlossen hatten. Heute ist er in einer Kühlkammer im Südtiroler Archäologiemuseum verwahrt, wo Besucher seinen gefrorenen Körper durch Isolierglas betrachten können. Sein Beil—aus dem neuentdeckten Metall, das der Epoche den Namen Kupferzeit gab—deutet darauf hin, dass er ein angesehener Mann war, denn nur jemand Wohlhabendes konnte sich einen solchen Luxus leisten.

Heute sieht es jedoch leider so aus, als sei der wahre Luxus ein Planet, der uns allen—und nicht nur den Wohlhabenden—weiterhin ein artgerechtes Leben ermöglicht. Unser Zeitalter wird als "Anthropozän" bezeichnet, als das Zeitalter des Menschen, weil der Mensch die Erde unwiederbringlich verändert hat. Wir haben zehn Prozent der weltweiten Korallenriffe zerstört, ein Drittel der Amphibienspezies gefährdet, eine Meeresmüllhalde von der Größe Westeuropas erschaffen und könnten unsere wichtigste Süßwasserquelle verlieren: die Gletscher. Grenzen sind noch unser geringstes Problem.

Doch bisher ist die beste Antwort auf die Gletscherschmelze eine Art weiße Reflektorschicht aus Vlies oder Plastikfolie, die über das Eis gezogen wird—ein recht verzweifelter Versuch, wie Geophysiker meinen. Wenn heiße Winde aus der Sahara nach Norden wehen und eine dunkle Staubdecke über die Alpen legen, verdreifacht sich die Schmelzrate; dann könnte die Gletscherabdeckung helfen.

Im Sommer vor Ötzis Entdeckung hatten die Staubstürme das Eis gerade weit genug zurückgedrängt, um die Mumie freizulegen. Als wir den Similaun bestiegen, wehte wieder ockerfarbener Sand durch die weiße Landschaft. Anders als Menschen kann der Saharastaub Tausende Kilometer zurücklegen, ohne sich nach Grenzen zu richten. Die Gipfel des windgepeitschten Bergs erinnern mich ein wenig an Dünen, und vielleicht ist das ja ein Omen, denn "ohne die Gletscher", so Francese, "wären die Alpen vermutlich eine Art Wüste".