Anzeige
Syronics on Speed

Wie ich vom Syrer zum Inder wurde, damit die Deutschen mich endlich lieben

"Ich blieb stehen und wartete, bis die Ampel grün wurde, bevor ich die Straße überquerte. Ganz ordentlich, wie jeder andere vertrauenswürdige Inder auch."

von Aboud Saeed
11 November 2016, 5:00am

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen Der klügste Mensch im Facebook daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ihn gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

Mein Bindi und ich

Während der deutsche Klempner den Wasserhahn in der Küche reparierte, hörte ich einen Song von Saadoun Dschaber:

Sie kam zu mir am Morgen, ihre Augen ganz verquollen.

Da fiel der Blick des Klempners auf das Muttermal, das mir mitten auf der Stirn prangt, und er sagte: "Indish music?"

Und ich: "Yes, yes. Indish. India!"

Er lächelte und sagte: "Sehr schööön!"

Sein Lächeln ging von einem Ohr zum anderen, und ich musste mir ein Lachen verkneifen. Ich wollte ihn weder mit der Wahrheit vor den Kopf stoßen noch enttäuschen, was seine Analyse der Musik in Kombination mit meinem Aussehen betraf. Dann war ich in den Augen des Klempners eben ein Inder. Warum auch nicht!? Als Inder war ich in seinen Augen sicher entweder Koch in einem indischen Restaurant, Computeringenieur, Tourist, oder, im allerschlimmsten Fall, eben ein in Berlin lebender Inder. Aber ganz bestimmt kein Flüchtling. Keiner, der jeden Monat 400 Euro vom Jobcenter braucht. Ich wäre jemand, der den Staat nichts kostet, der niemandem verdächtig scheint. Ein angenehmer Mitbürger. Gerade zur heutigen Zeit ist man lieber Inder als Syrer.

Der deutsche Klempner verließ meine Wohnung wieder, gutgelaunt, seinem "Sehr schööön!" nach zu ordnen, weil er sich glücklich schätzte, meine nette Person kennen gelernt zu haben, und mit dem Wasserhahn war jetzt natürlich auch alles wieder in bester Ordnung.

Doch der Klempner hatte mich auf die großartige Idee gebracht, dass ich ja eigentlich auch ein Inder sein könnte. Das fand ich gut. Seit 20 Jahren hatte ich nun schon diesen Leberfleck mitten auf meiner Stirn. Im Spiegel nahm ich ihn nicht einmal mehr wahr. Jetzt war der Moment gekommen, ihn zum Einsatz zu bringen. Wenn nicht jetzt, wann dann?! Los, Junge, zieh ihn mit noch ein bisschen Farbe nach und dann ab mit dir nach draußen! Mach ihn für jedermann sichtbar. Ich erfülle alle indischen Eigenschaften, sogar einen natürlichen Bindi habe ich auf der Stirn!

Außerdem sind die Inder ein Völkchen, dessen Essen beliebt ist und das immer nett wirkt. Man hat sie gern. Wie gesagt, lieber Inder als Syrer.

Ich schwärzte meinen Leberfleck mit Kajal nach. Dann packte ich mir meine Deutschbücher mitsamt der Atteste für meine Abwesenheitstage unter den Arm und machte mich auf den Schulweg.

Ich blieb stehen und wartete, bis die Ampel grün wurde, bevor ich die Straße überquerte. Ganz ordentlich, wie jeder andere höchstvertrauenswürdige Inder auch. Schließlich wurde es grün. Ich tat den ersten Schritt, um die Straße zu überqueren, als ungefähr auf halber Strecke eine blonde Frau stehen blieb, lächelte und schüchtern in meine Richtung zu winken schien.

Als ich sie sah, sagte ich mir: Na, die winkt bestimmt jemandem hinter mir zu. Da bin ich nämlich schon öfter drauf reingefallen. Du lieber Himmel, was habe ich schon Leuten zugelächelt, die, wie sich später herausstellte, lediglich jemanden hinter mir angelächelt hatten! Deswegen nahm ich mir fest vor, mich diesmal nicht umzudrehen, um nachzusehen, ob jemand hinter mir stand. Ich würde mich einfach zusammenreißen und mich gar nicht erst darauf einlassen.

Ich tat den zweiten Schritt, und als dann die Frau noch immer in meine Richtung lächelte und winkte, wich ich einen Schritt nach links aus. Denn ich dachte mir: Lass mich dem Typen hinter mir, den das Mädchen anlächelt am besten mal den Weg frei machen. Mich gehen die beiden nichts an. Ich gehe einfach schön brav in meine Schule.

Ihr Blick ruhte noch immer auf mir und sie lächelte weiter in meine Richtung. Könnte es doch sein, dass sie mich anlächelt? Warum eigentlich nicht? Möglich ist ja einiges. Und vielleicht stehen deutsche Mädchen ja auf indische Typen. Vielleicht mögen sie ihre braune Haut und ihre schwarzen Haare. Irgendwo habe ich auch mal gehört, die Deutschen hätten mittlerweile die Nase voll von all dem Blond, und stünden jetzt auf braune Leute. Nur eben keine Flüchtlinge. Da bleiben ja nur noch die Inder! Und ein Inder bin ich ja. Ich werde dieses deutsche blonde Mädchen heiraten. Wir werden Kinder bekommen. Kinder von einer hybriden indisch-deutschen Schönheit, mit brauner Haut und blondem Haar.

Sollte sich gleich herausstellen, dass sie wirklich auf mich steht, werde ich sie auf ein Bier einladen und nicht in den Sprachkurs gehen. Ich pfeif' sowieso auf die Schule und die Sprache. Hallo? Ich bin Inder! Ich brauche keinen Integrationskurs. Ich bin Inder und meine Frau ist eine deutsche Blondine. Zur Hölle mit der Deutschlehrerin.

Warum auch nicht? Möglich ist alles! Das ist Deutschland, das Land der Möglichkeiten: Hier kannst du vom Flüchtling zum Inder werden, durch den Blick eines Klempners oder eines Mädchens, das dir mitten auf der Straße zulächelt.

Ich ging auf sie zu. Ich sagte mir: Vielleicht ist es ja Liebe auf den ersten Blick. Hier, das ist er, der erste Blick! Und die Liebe folgt bestimmt!

Als ich bei ihr angekommen war, explodierte mein Gesicht zu einem Riesenlächeln.

Auf möglichst indische Art und Weise fragte ich sie:

- "Me?! Hattest du mit all dem mich gemeint?"

- "Yes! You!"

- "Why me?"

Da holte sie tief Luft und gab mir eine langatmige Erklärung, die mit folgendem Satz endete: "We support refugees, welcome refugee!"

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.