Wie sich die Polizei auf den 1. Mai vorbereitet

Die Polizei steht uns Rede und Antwort, wie sie sich auf den ersten Mai vorbereitet, und was sie an den Krawallmachern am meisten nervt—nämlich mediale Ausnutzung und fehlende politische Ziele.

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30 April 2013, 9:09am

Die Polizei wappnet sich für den 1. Mai. Letztes Jahr wurde einer jungen Polizistin alle Zähne ausgeschlagen, obwohl in dem Augenblick noch nicht mal ein Konflikt stattfand Da ist keine politische Aussage dahinter, sagt uns Stefan Redlich vom Stab des Berliner Polizeipräsidenten und ist sichtlich genervt von den jungen Krawallmachern ohne Sinn und Zweck dahinter. Die, die wir festnehmen, haben eigentlich selten politischen Background. Seiner Meinung nach folgen die Krawallmacher Ritualen, die sich über die Jahre verfestigt haben, aber keinen politischen Zielen. 

Das sieht Ari von der Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin sicher anders, denn er erzählt uns sehr wohl, dass die Linke in Deutschland klar Ziele hat: Sie kämpfen gegen die Ausbeutung von Arbeitskräften, den europäischen Imperialismus und den institutionalisierten Rassismus der Bundesrepublik, in dem sich Staat und Nazis die Hand reichen. Ari ist seit seiner Kindheit und Jugend in der linken Szene und seit Jahren aktiv beim 1. Mai dabei. Mittlerweile ist er sogar einer der Hauptorganisatoren der alljährlichen Demo in Berlin. 

Aber das alles weiß Redlich gar nicht so genau, sondern will einfach nur, dass die Aktion am 1. Mai friedlich über die Bühne geht. Er erzählt uns, dass die Polizei mit einer Doppelstrategie vorgeht: auf der einen Seite werden Anti-Konflikt-Teams rausgeschickt und es wir versucht, mit jugendlicher Sprache an die junge Brut ran zu gehen. Aber wenn’s hart auf hart kommt, nehmen sie auch fest. Vor allem will er sich nicht medial ausnutzen lassen—die Polizei wird provoziert, nur damit die Demo ins TV kommt. Verstärkung kommt aus allen Bundesländern. 

VICE: Was macht die Berliner Polizei, um sich auf den ersten Mai vorzubereiten?
Stefan Redlich: Wir haben eine Doppelstrategie entwickelt. Zum einen reden wir mit allen, die mit sich reden lassen während der Demo und im Vorfeld. Wir setzen auf Kooperation. Wenn aber Straftaten und Gewalttaten passieren, dann nehmen wir auch konsequent fest. Diese Strategie haben wir auch immer weiter verfeinert in den letzten Jahren und ist, glaube ich, die erfolgreichste. 

Wer sind die Demonstranten und wer sind die Randalierer?
Wenn eine Demonstration angemeldet wird, dann gucken da bei uns Fachleute drauf, ob sie glauben, dass es bei dieser Demonstration zu gefährlichen Störungen kommen kann, und wir schreiben eine sogenannte Gefährdungsbewertung. In dieser Bewertung steht dann drin, was die Polizei glaubt, was passieren wird und danach richtet sich dann das Einsatzkonzept. 

Und für den 1. Mai im Speziellen? Wer macht da mit und wer könnte gefährlich werden in ihren Augen? Sie schützen sich ja nicht umsonst mit Schutzkleidung und Waffen, da müssen sie ja mit Ausschreitungen rechnen...
Am 1. Mai wird es mehrere Demonstrationen geben, wir haben alleine schon 20 Anmeldungen, und die sind natürlich sehr unterschiedlich, was die Störanfälligkeit betrifft. Die, die klassisch immer als störanfällig gesehen wird, ist die 18-Uhr-Demo, aber auch da muss man differenzieren. Im letzten Jahr gab es Menschen, die komplett friedlich demonstriert haben, die getanzt haben, die ihren politischen Willen zum Ausdruck gebracht haben, aber es gibt immer wieder auch Einige, die so eine Demonstration nutzen, um Gewalt in die Straßen zu tragen. Da ist natürlich unser Ziel, die zu erkennen, und sie möglichst zu separieren, und die die Gewalt verüben, nehmen wir fest.

Was gibt es da für unterschiedliche Gruppierungen unter den Demonstranten beim 1. Mai?
Es gibt Aufzügen von Gewerkschaften, die durch die Stadt ziehen. Dann haben wir die 1. Mai Demonstration der NPD, die angemeldet ist. Wenn die NPD eine Demonstration anmeldet, gibt es auch immer Gegendemonstrationen, die angemeldet werden. Ich glaube wir haben im Moment 16 Gegenanmeldungen. Und wir haben eine Anmeldung zu der sogenannnten 18-Uhr-Demo, wo die Route noch nicht klar ist, und wo sicherlich Linke und ein paar Linksextreme demonstrieren werden. Das ist immer die, wo wir natürlich ein Augenmerk drauf haben. 

Inwiefern?
Teilweise ist es die lautstarke Rhetorik vorab, die sich auf diese Demonstration bezieht. Hoffen wir mal nicht, dass das von den Anmeldern ist, aber es gibt Rufe, dass Gewalt verübt wird und dass man sich das Recht auf der Straße nimmt etc. Unser Ziel ist, dass auch diese Demonstration irgendwann komplett friedlich verläuft und wir wollen das Demonstrationsrecht sicher stellen. Aber wir müssen natürlich auch Personen festnehmen, die Straftaten verüben. 

Also nehmen sie die Rhetorik der radikalen Linken vorab Ernst?
Die laute Rhetorik von dem Ein oder Anderen ist nur ein Ritual. Wir stimmen da nicht drauf ein. Aber wir Polizisten haben eine Anspruch darauf, friedlich und ohne Verletzungen durch den 1. Mai zu kommen. Wir sind darauf vorbereitet, dass es Menschen gibt, die diesen Tag nutzen wollen, um Gewalt zu verüben. 

Verstehen Sie die Wut der Linken?
Die Polizei hat nicht die Rolle, sich ein Thema in irgendeiner Art zu Eigen zu machen. Unsere Aufgabe ist es, das Versammlungsrecht zu schützen. Egal wer demonstriert, und egal zu welchem Thema. Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Thema besser oder schlechter zu finden. Dann wären wir eine schlechte Polizei, wenn wir differenzieren würden unter den einzelnen Themen. Deswegen kann’s nicht drauf ankommen, was ich zu dem Thema X oder Y denke. 

Viele Demonstranten sind ja gegen die Polizei und sie werden als Arschloch oder Mörder bezeichnet. Geht das so spurlos an einem vorbei?
Ich kann nur sagen, wie ich es empfinde. Ich kann jetzt nicht für alle meine Kollegen sprechen. Für mich ist davon viel Ritual. Da werden eben Sprechgruppen gerufen, die hör ich jetzt schon seit Jahren, seitdem ich auf Demos unterwegs bin. Immer wieder dieselben Dinge. Die Menschen meinen ja nicht mich persönlich. Die kennen mich ja gar nicht. Sie meinen ein System, eine Form von Sicherheit, die sie als Repression empfinden. Mich persönlich fasst das jetzt so nicht an. Natürlich weiß ich, dass ich da in einer potential problematischen Gegend stehe, und ich bin dann auch vorsichtig, weil ich ja nicht kugelsicher bin und möchte auch keinen Stein abkriegen. Aber es ist nicht so, dass ich mich beleidigt fühle. Bei dem ein oder anderen wünsche ich mir, dass man mal ins Gespräch kommen könnte, das wäre sicher hilfreicher, als wenn man das Gegenüber beleidigt und beschimpft. 

Der Job ist in erster Linie für Ordnung zu Sorgen, wie bereiten sie sich darauf vor? Gibt es ein besonderes Training? Vielleicht auch psychologisches Training um mit den Hassattacken zurecht zu kommen?
Es gibt kein Special Training. Die Berliner Polizei ist auf Tausenden Demonstrationen jedes Jahr unterwegs. Das heißt, wir sind sehr erfahren, wir trainieren unsere Beamten in der Ausbildung und auch während des Jahres, vor allem bei Demonstrationen gelassen zu bleiben. Dass man nicht bei jeder Provokation, bei jeder Beleidigung hoch geht und gleich reagiert, sondern auch erstmal eine ganze Menge mit anhört und weg hört. 

Gibt es dieses Jahr neue Instrumente bei der Schutzausstattung?

Dieses Jahr kam nichts neues dazu. Letztes Jahr hatten wir unsere Kollegen alle mit Gehörschutz ausgestattet, weil bei großen Demonstrationen auch mal Böller auf Polizisten geworfen werden. Das sind jetzt nicht die normalen Böller von Silvester, sondern welche mit hochbrisanten Sprengstoff drinnen. Das knallt so richtig. Da hatten wir Kollegen, die zusammengebrochen sind durch diese Schallentwicklung. 

Wieviele Kollegen von welchen Teams sind am 1. Mai also im Einsatz?
Mehrere Tausend der Bereitschaftspolizei, das sind die in den Einsatzanzügen, die auch schnell einen Helm aufsetzen, wenn es Probleme gibt und wenn wir zum zweiten Teil der Strategie übergehen müssen, also festnehmen. Im letzten Jahr waren es 7.000. Dann haben wir über 100 vom Anti-Konflikt-Team. Die tragen bewusst ganz gut zu erkennende gelbe Warnwesten, und keinen Helm, sondern Basecap. Deren Aufgabe ist es, mit allen zu sprechen, und auch Kontakt zu denen zu suchen, die vielleicht Schwierigkeiten haben, sich erstmal mit uns zu unterhalten. Es wird Kriminalpolizei dabei sein, wenn Straftaten begangen werden, so dass ermittelt werden kann. Wir werden einen Hubschrauber haben. Und wir haben auch Verkehrsposten. 

Was war die beste Verbesserung in Bezug auf den 1. Mai?
Ich denke es ist das Maßnahmenpaket. Aber wir hatten auch im letzten Jahr verletzte Kollegen, teilweise auch schwerverletzt—mit Krankenhausaufenthalten und so weiter. Von Erfolg kann ich da schlecht sprechen. Viele Dinge kommen da zusammen, zum Beispiel haben  Anwohner keine Lust mehr, dass ihnen der Bezirk auseinander genommen wird, und verbieten den Verkauf von Alkohol. 

Sie erwähnen Kollegen, die im Krankenhaus landen. Wie gehen sie mit dieser Aggressivität um? Auch wenn es gegen das System ist, Sie persönlich müssen doch da auch was fühlen.
Die, die wir festnehmen sind häufig relativ unpolitische Menschen, die einen gewissen Spass haben, zu einer bestimmten Situation einfach mal auch einen Stein zu werfen, oder eine Flasche. Das ist nicht unbedingt ein repräsentativer Querschnitt von denen, die da mitlaufen. Oft lese ich dann in den Vernehmungen,dass sie sich haben mitreißen lassen, dass sie sich wie ein Idiot fühlen und dass es ihnen leid tut. 

Haben sie da ein Beispiel?
Ja, es war schon kurz nach 0 Uhr. Der erste Mai war eigentlich vorbei. Meine Kollegin stand in Kreuzberg und hat das Visier von ihrem Helm hoch gemacht, um was zu trinken. Als sie ihren Strohhalm an den Mund führte, kam aus dem Dunklen von irgendwoher eine Flasche geflogen. Es gab da gar keine Auseinandersetzung in diesem Augenblick. Es war einfach jemand, der feige irgendwo aus der Deckung eine Flasche geworfen hat. Die Kollegin ist Mitte 20, ist von dem Flaschenboden direkt auf der Lippe getroffen worden. Die Lippe ist gesprungen, vier Zähne waren raus. Die ist zu Boden gegangen und musste ins Krankenhaus. Dann rief eine Menge drum herum, „Wir haben das Bullenschwein getroffen”. Sie hat mir erzählt, dass das für sie eigentlich das schlimmste war. Dass sie da lag und blutete und dass sie Leute sich darüber freuten, dass sie so ein Unglück hat. Und für eine junge Frau ist so eine Gesichtsverletzung natürlich sehr schlimm, und man macht sich 1000 Gedanken darüber.

Geht es ihr heute wieder besser und was denkt sie über den Vorfall?
Sie ist dann sehr gut genesen mit vielen, vielen medizinischen Eingriffen. Ich hab sie gefragt, ob sie jetzt ein Hassgefühl hat, und sie sagte, sie würde einfach gerne mit dem sprechen, was der sich dabei gedacht hat, wieso er das gemacht hat. Viele, mit denen wir danach sprechen, haben eigentlich gar kein politisches Konzept dahinter. Das mag früher so gewesen sein und es war viel stärker politisierend. Das wird auch immer wieder von der Linken kritisiert, dass der 1. Mai eigentlich zu wenig politisch ist. Aber einen Stein auf einen Polizisten zu werfen, ist keine politische Aussage. 

Aber die linken Jugendlichen, die da rum laufen, sehen sich ja selber als sehr politisch. Das ist ihnen gar nicht so aufgefallen?
Das ist zumindest bei denen, die wir festnehmen, die Minderheit. Das kann vielleicht daran liegen, dass sie so clever sind, und sich nicht festnehmen lassen, und schnell genug weg sind, wenn die Polizei kommt. Und wir immer die festnehmen, die sozusagen mehr freizeitmässig unterwegs sind. Aber wie gesagt, da kann ich nur spekulieren. Die, die wir festnehmen haben eigentlich selten politischen Background. 

Glauben Sie die Demonstrationen am 1. Mai kann man auch in einen europäischen Kontext setzen—von wegen viele Linke auf der Straße?
Für mich mich sehe ich da keine Verbindung zu anderen europäischen Städten bezüglich des 1. Mai. Vor 26 Jahren hatten wir die ersten Ausschreitungen am 1. Mai, 1987, und seitdem ist es auch relativ konstant und es kommt immer wieder mal stärker, mal weniger stark zu Störungen und Gewalttätigkeiten bei Demonstrationen an diesem Tag. Ich kann da jetzt keine europäische Komponente sehen. Natürlich wird das immer aufgegriffen, die aktuellen Probleme oder die aktuellen Fragen—seien es Kriege, die in der Zeit geführt werden, oder die Eurokrise. Das wird in den Themen reflektiert, aber ein Anlass zu den Demonstrationen ist es nicht. Nach meine Eindruck ist das eben noch stark ein Ritual, was sich so verfestigt hat. Und es ist schwierig, sich von Ritualen zu trennen. 

Das Anti-Konflikt-Team soll einen Dialog herstellen—helfen die auch den Poliziste cool zu bleiben?
Wir trainieren unsere Kollegen, dass sie nicht unnötig Unruhe beim Gegenüber auslösen. Wenn wir zum Beispiel in eine ruhige Demonstration hinein gehen, dann wäre es ja dumm plötzlich zu rennen, oder zu laufen. Aber natürlich muss es in bestimmten Situationen auch anders gehen. Wenn sie eine Menge von Leuten haben, die gewalttätig sind, oder man will da jemanden bestimmten raus holen, der von einer Menge geschützt wird. Dann können sie da nicht rein spazieren, sondern müssen zielgerichtet und konsequent sein. 

Wir versuchen auch verstärkt zu kommunizieren. Wir werden dieses Jahr mit Lautsprechern arbeiten. Und nicht, wie man das so kennt “Hier spricht die Polizei, dieses war die erste Durchsage”, sondern wir versuchen stärker eine Sprache zu finden, die freundlicher ist, die sich nicht so anhört, dass man sich angemacht oder angegangen fühlt. 

Können Sie das demonstrieren?
Da kamen Fußballfans aus Dresden, und die wurden hier am Bahnhof empfangen. Da war ein Sprecher der Dresdner Polizei und hat per Lautsprecher mit denen gesprochen, so “Mensch, Hallo, ich begrüße Euch in Berlin, und ich bitte Euch, macht unserem Verein keine Schande, wir wünschen uns ein tolles Spiel, seid mit dabei...” Also wirklich in einer Art mit den Menschen zu sprechen, wo man sagen kann, das ist nett, und nicht so von oben herab behördenmässig. 

Passiert es trotzdem, dass einem Kollegen mal die Sicherung durchbrennt und zurück schlägt, wenn er provoziert wurde?
Ja, natürlich. Wir haben auch schon Fälle gehabt, wo Polizisten nicht zurückschlagen, sondern als erste geschlagen haben. Heutzutage hat jeder Zweite in einer Demonstration ein Smartphone dabei. Im Gegensatz zu früher sind solche Vorfälle gut dokumentiert. Zusätzlich kommt dazu, dass wir von der Berliner Polizei die Einzigen in Deutschland sind, die Namensschild tragen, oder eine Nummer auf dem Rücken. Es war noch nie einfacher zu dokumentieren, wenn man sich falsch behandelt fühlte als Demonstrant oder sich über einen bestimmten Polizisten zu beschweren. Es gibt natürlich Vorfälle, wo Polizisten sich falsch verhalten—sei es bei Stresssituationen oder warum auch immer. Wenn das so ist, dann wird das untersucht, und führt dann auch zu Konsequenzen. 

Was für Konsequenzen?
Zum einen wird ein Strafverfahren eingeleitet, wenn es um Körperverletzung geht oder Nötigung. Und zum anderen gibt es diziplinarrechtliche Konsequenzen. Das hängt dann von der Situation ab, das geht vom Verweis bis zu einer Gehaltskürzung. 

Man muss also starke Nerven behalten...
Die Polizei ist eine Verwaltung, wie keine andere, die in die Rechte der Menschen eingreift. Das ist gesetzlich geregelt. Das ist ja auch das Recht des Staates, in bestimmten Situationen in die Grundrechte einzugreifen. Aber das muss auch genauso passieren, wie es geregelt ist. Da darf man nicht über die Strenge schlagen, und deswegen steht die Polizei zu Recht unter einer starken Beobachtung der Medien, der Bürger und der kritischen Öffentlichkeit. 

Sind sie da 100% in dem System der Polizei drin und immun gegenüber den Beschwerden der Jugendlichen? Schämt man sich da manchmal? Was ist die Beziehung zwischen Ihnen als Individuum und dem System, dessen Teil Sie ja sind?
Ich kann mich damit gut identifizieren. Es gilt sicher nicht für jede Situation. Es gibt sicherlich Situationen, wo ich sage, da könnte ich mich eigentlich zu den Demonstranten stellen. Das ist aber meine persönliche Sache. Meine Aufgabe ist, und damit kann ich mich 100prozentig identifizieren, dass wir in Deutschland ein Land sind, wo jeder demonstrieren kann. Aber sich auch an die Regel hält und alles gewaltlos und friedlich macht, und dass er auch mal einen anderen zu Wort kommen lässt, und den nicht verdrischt oder das Haus anzündet. 
Es wird keinen Staat geben, wo jeder Polizist und jeder Bürger immer die Meinung der Regierung oder des Gesetzes hat. Wo soll es sowas geben? Aber wir sind ein Staat, wo sich jeder äussern kann, und Mehrheiten suchen kann, um Gesetze zu ändern. Das passiert ja jedes Jahr, dass neue Mehrheiten gefunden und die Dinge angepasst werden. So muss man die Rolle des Polizisten sehen und ich ermögliche, dass Minderheiten, ob die Meinungen gewollt oder gemocht ist, demonstrieren können. Ich glaube das ist wichtig, unabhängig von der Meinung des Einzelnen. 

Also können sie den Hass gegen die Polizei auch nachvollziehen?
Den Hass gegen die Polizei finde ich teilweise problematisch, weil es oft gar nichts mit den Forderungen der Demonstranten zu tun hat. Bei manchen Demonstranten entsteht offenbar der Eindruck, dass die Polizei die Demonstrationen unterdrückt will. Das Gegenteil ist der Fall. Jeder kann hier demonstrieren. Und von mir aus auch jeden Tag im Jahr. Die Polizei ist dafür da, dass Demos statt finden können, aber dass trotzdem der Verkehr fliessen kann, und dass es zu keinen Übergriffen auf Anwohner kommt etc. Da habe ich manchmal das Gefühl, dass die Anwesenheit der Polizei instrumentalisiert wird und extra Konflikte herbeigeführt werden. Das finde ich manchmal ein bisschen nervig.  

Haben Sie da ein Beispiel?
Wir hatten am Pariser Platz Demonstrationen von Flüchtlingen. Da ging es ums Asylrecht. Das Asylrecht hat erstmal nichts mit der Polizei zu tun, das ist ein Bundesgesetz, wo man bestimmte Erleichterungen erreichen wollten. Da kann man ja auch demonstrieren—auch am Brandenburger Tor. Aber nach dem Versammlungsgesetz sind Zelte und Isomatten nicht bei einer Demonstration gestattet. Also ist es für uns die Pflicht, zu sagen, „Leute wenn ihr Zelte aufbaut, bitte baut die wieder ab, sonst müssen wir sie mitnehmen”. Hier sind über Tage Zelte aufgebaut worden, was uns dazu bringt, dass wir immer wieder rein gehen müssen, und die Zelte abholen müssen. Wir müssen uns immer wieder beschimpfen lassen und es kommt zu Rangeleien. All das ist unnötig. Und es entsteht das Bild—und mein Eindruck war, dass das gewollt war—die Polizei geht hier gegen Flüchtlinge vor, gegen Menschen, die frieren und wir sind hartherzig. Also aus meiner Sicht war das ein orchestriertes Bild. Das ist auch so von den Medien aufgenommen und weitergetragen worden. 

Also die Polizei ist ein dankbares Feindbild?
Naja, wenn sie einfach nur demonstrieren, dann kann es ihnen passieren, dass sie zu 20 Mann irgendwo stehen und es nimmt sie keiner wahr. Wenn aber die Polizei da ist, weil sie öfter mal kleine Ordnungsstörungen begehen, und es ständig zu Gerangel kommt, dann kommen auch die Journalisten. Und schon haben sie eine riesige Öffentlichkeit und eine andere Wahrnehmung. 

Werden Zellen frei geräumt um Platz für Nachschub zu sorgen für den 1. Mai?
Wir haben ja relativ hohe Kapazitäten in der Stadt.  Wir bereiten uns zwar auf sogenannte Masseningewahrsamnahmen vor, aber wir werden dieses Jahr nichts extra unternehmen. 

Wie nehmen sie die Demonstranten wahr, die offenbar radikale oder extreme Ansichten vertreten?
Radikale haben polizeilich keine Bedeutung. Was eine Bedeutung hat, ist der Extremismusbegriff. Es gibt ja Rechts- und Linksextremismus. Die Linksextremisten wehren sich sehr dagegen, auch als Extremisten bezeichnet zu werden. 
Für uns als Polizei ist nur relevant, ob Straftaten begangen werden, die stehen im Strafgesetzbuch, oder ob irgendwelche Gefahren für die öffentliche Ordnung drohen. Extremismus oder Radikale, das ist alles für den Verfassungsschutz relevant. Die Polizei fährt nicht los und sagt, „heute müssen wir mal wieder ein paar Extremisten festnehmen”. Vielleicht war das in den 20er Jahren so. Extremismus ist für uns keine Kategorie. Hat jemand einen Stein geworfen, ist er ein Steinewerfer. Hat jemand jemanden geschlagen, hat er eine Körperverletzung begangen. Wenn er das als Rechter gemacht hat, dann erfassen wir den mit seiner politischen Motivation. Hat er das als Linker gemacht, dann genauso. Aber Radikale und Extremisten ist für uns nichts, was wir über Funk melden „hier sind zehn Radikale” oder so. 

Ja gut, aber die sind ja entsprechend angezogen, schauen schon anders aus, das muss sie doch gleich in Alarmbereitschaft versetzen?
Ja, aber nehmen wir mal einen Linksextremist, wenn man den mal nicht als gewaltbereit einstuft. Der Linksextremist wäre jemand, der sagt, ich glaube das ganze kapitalistische System und der Parlamentarismus ist falsch, wir brauchen eine Räterepublik, wo die Arbeiter selber entscheiden, wie hier alles läuft. Und alle Großgrundbesitzer werden enteignet, und wir müssen die auch nicht mit Wahlen bestätigen, sondern das Volk weiß es schon selbst am besten. Das wäre die linksextremistische Position, die für die Polizei uninteressant wäre, weil hier geht es nicht um Straftaten oder Gefahren. Der will kein Feuer anzünden oder sowas, der hat einfach nur eine extremistische Meinung, dass er die freiheitliche demokratischen Grundordnung abschaffen will. 
Genauso der Rechtsextremist: jemand sagt, ich bin der Meinung, dass Parlamentarismus falsch ist, wir brauchen einen Führerstaat und die Deutschen sollten sie vor allem aufgrund ihrer rassischen Abstammung und Stärke zusammen setzen, und nicht aufgrund eine Ausweises. Dann ist es ein Rechtsextremist. Das ist polizeilich irrelevant. Erst wenn dieser Rechtsextremist sagt, so jetzt werfe ich bei den Juden, die bei mir gegenüber wohnen, mal die Scheibe ein, weil die nicht hier her gehören, dann wird er für uns interessant. Die Polizei bekämpft nicht Rechts- und Linksextremisten, sondern unsere Aufgaben ist nur, Straftaten oder Gefahren aufzuklären und zu verhindern. 

Fotos von Grey Hutton