FYI.

This story is over 5 years old.

News

Dein Leben in einer Wohnkonserve

Weil die Mieten immer teurer werden, hat sich jetzt einer etwas ganz Schlaues ausgedacht: Wir ziehen alle in Container. Das ist schön billig und soll sogar schick sein.
24.5.13

Containerwohnsiedlung in Amsterdam. 

Vor zwei Jahren stand in der Berliner Dreiraumwohnung von meinem Mitbewohner und mir in Treptow-Köpenick für kurze Zeit ein Zimmer leer. Es war nicht besonders groß und nicht besonders schön. Die S-Bahn-Strecke vor dem Fenster und ein undichtes Fenster trugen ihr Übriges zum allgemeinen Flair bei. Eine Internetannonce und einen Tag später hatten sich trotzdem etwa 60 Leute darauf beworben. Wo kommen die nur alle her, fragt man sich da. Nach etlichen biertrunkenen „Castings“ war dann aber doch eine neue Mitbewohnerin gefunden. Aber es war schon erstaunlich zu sehen, dass der Wohnraum mehr und mehr zum seltenen Gut wird, die Mieten steigen und die Zimmer heiß umkämpft sind. Die Wohnungssuche an sich gleicht einem Spießrutenlauf zwischen verkifften WGs und überteuerten Maisonettewohnungen.

Anzeige

Ein Grund dürfte sicherlich das Gespenst sein, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend in europäischen Großstädten umgeht: Die gute, alte Gentrifizierung.

Der Wohnraum wird also knapper und noch ein bisschen teurer. Wenn dann alles nichts mehr hilft, müssen neue Konzepte her.

Jemand, der versucht, einen etwas anderen Weg zu gehen, ist der Berliner Investor Jörg Duske. „Franky, Johnny & Nelly“ nennt sich sein Projekt. Was im ersten Augenblick nach einem seichten schwedischen Indiepop-Trio klingt, ist eigentlich ein unorthodoxes Wohnungsbauprojekt, bei dem man in Containern lebt. Wenn es nach ihm geht, werden die ersten Berliner Studenten ab Herbst 2013 in bis zu 30m2 großen Containern im Plänterwald in Treptow-Köpenick ziehen. Selbstverständlich mit Fenstern, Bad und Küche. Momentan steht dort noch nichts. Aber „die Idee an sich ist nicht neu. Ich kam darauf, als ich mir im letzten Jahr Galileo angeschaut habe. Dort wurden 1000 Frachtcontainer in Amsterdam vorgestellt, die man zu einem Studentenwohnkomplex umgebaut hatte. Ein Wohnungsbau, der schnell vonstatten geht und architektonisch sehr reizvoll ist“, erzählt mir der Investor. „Durch eine weltweite Architekturausschreibung und letzten Endes auch ein Voting bei Facebook sind wir dann beim Entwurf eines Schweizer Architekturbüros gelandet.“ Das Projekt „Franky, Johnny & Nelly“, ein Synonym für all die namenlosen kosmopolitischen Studenten dort draußen, war geboren.

Anzeige

Einer, der mehr über die dort vorgestellten Amsterdamer Container weiß, ist Amar. Er ist 25, kommt ursprünglich aus Brandenburg, macht gerade seinen Masterabschluss in Amsterdam und teilt sich einen Container mit seinem Mitbewohner. „Gegen eine kleine Gebühr wird ausländischen Studenten dort eine Unterkunft garantiert. Ob man dann, so wie ich, im Container landet, ist Zufall“, erzählt er mir. „Die Immobilienlage in Amsterdam ist kompliziert. Wenn man als Student eine Wohnung bekommt, ist die meist teurer oder schlechter gelegen“, sagt Amar: „Bei uns werden die Mietverträge für die Studenten auf Zeit vergeben. Der provisorische Charakter macht es für einen Mieter daher recht schwer, sich wirklich wie zu Hause zu fühlen. Hinzu kommt, dass die Containersiedlungen doch etwas trostlos wirken.“

Ein Zustand, den Jörg Duske vermeiden möchte. „Da wurde sehr viel eingespart, um es günstig zu halten. Daran habe ich aber kein Interesse. Wir geben uns da sehr viel Mühe, um das cool, sexy und zeitgemäß zu machen—und nicht, um irgendwelche Notunterkünfte zu errichten.“

Doch das ist nicht alles, erzählt er mir weiter: „Wir werden darauf achten, das alles, inklusive der Fassaden, auch sehr grün zu halten. Es wird eine Form von ‚Urban Gardening’ geben, wo Biogemüse gezüchtet wird. Dazu werden wir uns mit Gärtnern und Studenten zusammentun.“ Der große Plan ist außerdem, einen Veranstaltungsraum mit Bar, eine Gemeinschaftsküche für alle Studenten und vielleicht einen Teich (inklusive Steg) zu errichten. Ein beschauliches Studenten-Utopia par excellence, wenn man denn so will.

Anzeige

Trotz allem Idealismus und so schön das auch klingen mag, sind „Franky, Johnny & Nelly“ keine billigen Zeitgenossen. Bei Kosten von etwa 350 Euro (für ein vollmöblierten Einzelcontainer) reißt es dem einen oder anderen studentischen Geldbeutel womöglich ein Loch in die lederne Hülle oder man zieht gleich in ein echtes Haus in einem uncoolen Viertel. „Ganz klar, die Container sind hochmoderne Bauwerke und keine preiswerte Alternative für Leute, die aufgrund der zunehmenden Gentrifizierung irgendwo vertrieben wurden und untergebracht werden müssten. Auch wenn andere Leute sicherlich dort wohnen können, sind Studenten schon unsere Hauptzielgruppe“, sagt Duske dazu. Genau wie andere Studentendörfer und -wohnheime ist der Preis also nicht wirklich niedrig. Erst recht nicht für das Wohnen in einem Container. Immerhin sind dafür sämtliche Nebenkosten und, wenn gewünscht, auch Internetanschluss inklusive.

Die Container kommen übrigens nicht aus dem Import/Export-Geschäft, es wurden also nicht bereits Bananen aus Afrika und Handys aus Südkorea darin um die Welt geschifft. Obwohl der ständige Duft von indonesischen Kakaobohnen natürlich den perfekten Raumduft abgibt, „werden die Container extra für diesen Zweck industriell hergestellt.“

Inwieweit bietet das Leben in der Blechhülle, umgeben von zahlreichen anderen Containerbewohnern, aber nun eine wirkliche Alternative zum Leben in einer „normalen“ Wohnung? Ich kann mir trotz aller Annehmlichkeiten nur schwer vorstellen, dort wirklich einziehen zu wollen. „Naja, ich wohne bereits seit neun Monaten hier und werde voraussichtlich noch weitere zwei Monate bleiben. Prinzipiell bin ich damit zufrieden, solange es nur auf Zeit ist. Jemand Anderem würde ich aber, um ehrlich zu sein, nicht empfehlen, hier zu wohnen“, erzählt mir Amar.

Letztendlich muss man bei der jetzigen Wohnungsmarktlage in deutschen Großstädten wohl zwangsläufig Kompromisse eingehen. Inwieweit es ab Herbst 2013 eine Berliner Alternative sein kann, in einen Setzkasten zu ziehen, weiß ich nicht.

Am Ende ist es genau das, wonach es aussieht: Ein unkonventionelles Studentenwohnheim in (einer schicken, teuren) Dose.

Wer sich für diese neue Wohnmethode anmelden möchte, kann dies hier tun.

Bilder: Holzer Kobler Architekturen