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Sex

Warum 90 Prozent der deutschen Männer mit ihrem Sexleben unzufrieden sind

"Männer haben kein Problem damit, sich eine Glühbirne in den Hintern zu stecken, aber damit, darüber zu reden, was sie wollen."

von Wlada Kolosowa
25 Oktober 2016, 6:00am

Foto: imago | Westend61

Bisher galt das Sexleben der Frauen als Sorgenkind. Die (westliche) Welt hatte gelernt: Die meisten Frauen können durch bloße Penetration nicht kommen. Wissenschaftler machten sich auf die Suche nach dem weiblichen Orgasmus. Das Internet ist voller Gebrauchsanweisungen für orgasmische Meditation oder Suchanleitungen für den G-Punkt. Mit Apps wie OMGYES kann man auf dem Smartphone seine Klitoris-Skills trainieren. Philosophen schreiben ganze Romane über den Frauenorgasmus. Männersex erscheint im Vergleich geradezu wie Unkraut im Verhältnis zur pflegeintensiven Orchideenblüte: simpel, robust, immer da.

Die Zahl, die in der aktuellen Welt am Sonntag zu lesen war, überraschte deshalb: 90 Prozent der deutschen Männer zwischen 20 und 59 wünschen sich "ein erfüllteres Liebesleben". In der zitierten Studie wurden 20.000 Männer im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. befragt. Es ist eine der größten Studien zur männlichen Sexualität, die es je in Deutschland gegeben hat.

Ist es doch nicht so einfach mit dem Männersex? Wir haben bei Prof. Dr. Jakob Pastötter nachgefragt, der die Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung leitet.

VICE: Als ich gelesen habe, dass 90 Prozent der Männer mit ihrem Sexleben unzufrieden sein sollen, war ich überrascht. Das gängige Bild ist ja, dass es eher die Frauen sind, die beim Sex zu kurz kommen.
Jakob Pasttötter: In den letzten Jahrzehnten haben Frauen zum Glück gelernt, dass diese doch sehr männliche lineare Vorstellung vom Sex nicht in Stein gemeißelt ist. Sex ist mehr als Erregung, Erektion, Ejakulation, beziehungsweise feucht werden und Orgasmus. Inzwischen findet man zum Glück viele Studien und Artikel darüber, dass weibliche Sexualität nicht so simpel funktioniert. Und Frauen reden auch untereinander.

Tun Männer das nicht? Also wenn man an so einem Kneipentisch mal mithört...
Klar sprechen Männer über Sex, aber eher als Leistung, als Prestigeobjekt. Mein Haus, mein Auto, meine Frau. Das Reden darüber, wie man Sex besser macht, gilt als weiblich, das Sprechen über Schwierigkeiten überhaupt. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Berliner Wissenschaftssenator, der auf den Antrag, Sexualwissenschaft an die Universität zu bringen, mit dem Satz geantwortet hat: "Mit Sexualität sollen sich solche beschäftigen, die Probleme haben. Wir haben keine."

Das heißt, Frauen profitieren davon, dass jetzt viel mehr über Sex gesprochen wird, die Männer sind davon aber verunsichert?
Genau. Heute reden und lesen wir so viel über Sex wie nie zuvor. Aber Männer empfinden das oft nicht als konstruktive Kritik, sondern als Vorwürfe. Die Frau sagt zum Beispiel: Ich möchte mehr Oralsex. Aber der Mann hört raus: Mein Penis genügt ihr nicht.

Müssen Frauen lernen, anders zu kommunizieren?
Es geht nicht darum, das Reden abzuschaffen. Sondern darum, es nicht mehr als bloß weiblich abzustempeln. Und Frauen müssen lernen, dass sie sich nicht drauf verlassen können, dass alles, was sie sagen, auch so ankommt, wie sie es meinen. Und, dass das Reden allein nicht reicht: Sex ist ja auch Fantasie, Körper, Hormone. Im Bett kommuniziert man auch ohne Worte.

Und Männer?
Männer müssen andere Formen finden, über Sexualität zu kommunizieren. Aber oft machen sie es sich einfach. Sie holen sich ihre Vorstellungen von Sex aus...

Jetzt sagen Sie bestimmt: Pornos.
Genau. Bilder sind stärker als Worte. Pornos sind Märchen für Erwachsene. Es ist gut, dass es sie gibt, aber man darf ihnen nicht glauben. Oft läuft es so: Mann sieht einen Porno mit einer Analszene. Die Frau darin schreit: "Fester, härter, doller." Zuhause klappt das natürlich so nicht. Viele sind deshalb frustriert.

Also ist nicht unbedingt der Sex an sich schlecht. Sondern es ist die Schere zwischen Fantasie und Realität?
Es geht nicht nur um Sexpraktiken. Ich glaube die beliebteste Fehlannahme ist, dass die Frau einfach auf Knopfdruck will. Man müsste den Männern erklären, dass Sex nicht für umsonst zu haben ist. Masturbation ist umsonst, Pornos sind umsonst. Aber Sex ist im echten Leben mehr als, "Trieb da, Trieb abgebaut." Das ist eine sehr männliche Sicht. Reale Frauen machen das nicht mit, sie wollen spüren, dass sie begehrt werden.

Aber ist der männliche Sex wirklich so simpel? Mich stört es, dass weibliche Sexualität wie ein kompliziertes Mysterium dargestellt wird und die männliche als ein stupides Rein-Raus.
Natürlich ist es so nicht. Auch für Männer gibt es unzählige Möglichkeiten. Sie können Nippelorgasmen haben, haben einen G-Punkt und mögen es, langsam zum Orgasmus gebracht zu werden. Aber oft ist die Vorstellung da: Am Körper schraube ich herum wie an einem Auto, ich streichele es nicht. Oft gibt es eine sehr grobe, mechanische Vorstellung der männlichen Sexualität. Sie müssen nur mal in der Notaufnahme anrufen. Männer haben kein Problem damit, sich eine Glühbirne in den Hintern zu stecken, aber sehr wohl damit, darüber zu reden, was sie wollen.

Ich war neulich bei einem Klitoris-Workshop. Bräuchte die Welt auch einen Penis-Workshop?
Ja, aber ich fürchte, da würde keiner kommen. Oder die Falschen. Die, die unglaublich soft sind und zu viel über ihren Penis nachdenken.

Und was machen wir jetzt?
Es ist unglaublich kompliziert. Viele Männer sind verunsichert und die meisten Frauen wollen, dass der Mann im Bett die Führung übernimmt. Daran kann Gleichberechtigung wenig ändern. So ist unsere Sexualität aufgebaut. Kennen sie die Tangoszene aus dem Film "Der Duft der Frauen", in der der blinde Oberstleutnant bei einem Tango eine Protagonistin erobert?

Ihre Metapher für heterosexuellen Sex im Jahr 2016 ist also ein Blinder, der eine Frau führt?
Was ich damit meine: Einfach Reden und Aufklären reicht nicht. Es geht um Begehren, um verführt werden. Schauen sie sich einfach den Film an, dann wird klar, was ich meine.

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