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Was die Leute an der Kasse über deine Einkäufe denken

"Zwei Alkoholikerinnen haben bei mir immer nur Wodka und Tampons gekauft. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob die überhaupt auch mal was essen."

von Johanna Siegemund
02 November 2016, 5:00am

Foto: Andrew Filer | Flickr | CC BY-SA 2.0

Einkaufen bedeutet Monotonie. Der gleiche Tag, der gleiche Supermarkt, die immer gleiche Route, die gleichen Produkte und meistens auch der gleiche Preis. In Deutschland werden pro Einkauf etwa 16 Euro ausgegeben, und Deutsche lieben Supermärkte, weswegen auch nur 17 Prozent Lebensmittel online kaufen. In Österreich gibt man 11 Euro pro Einkauf aus, bei durchschnittlich 170 Einkäufen pro Jahr.

Im Gegensatz zu den Deutschen finden Österreicher den Supermarkteinkauf allerdings eher lästig und legen mit den Waren auf das Band auch gleichzeitig ihre Manieren ab. Der Mensch, der hinter der Kasse sitzt, interessiert die wenigsten. Und zwar egal ob diesseits oder jenseits der Alpen. Und falls der Verkäufer zu lange braucht, um uns von der Einkaufsmonotonie zu befreien, wird ihm auch gerne mal ein abfälliger Blick geschenkt.

Dabei sitzen die Personen hinter der Kasse oft jeden Tag für mehrere Stunden in einer Art Ein-Quadratmeter-Stall und können von den monotonen Scan-Geräuschen schon fast wortwörtlich ein Lied singen. Und weil das "über das Band ziehen" keine mental anstrengende Aufgabe ist, entwickeln sich viele Verkäufer zu wahren Konsumpsychologen. Getreu dem Motto: Zeig mir was du einkaufst und ich denke mir, wie eigenartig du bist. Verkäufer und Verkäuferinnen haben uns über die unausgesprochenen Wahrheiten hinter den vielen Scan-Codes aufgeklärt.

Mara, 21

Ich analysiere immer gerne, worauf die Kunden besonderen Wert legen. Natürlich gibt es die klassischen Einteilungen in Schnösel, Junggeselle, Öko und so. Aber auch junge Familien sind interessante Analysegegenstände. Wenn eine junge Mutter nur Fertigprodukte und Süßigkeiten für ihre Kinder kauft und die dann auch noch die ganze Zeit daneben stehen und schreien, dann fragt man sich schon, inwiefern hier der Erziehungsauftrag erfüllt wird. Ich verstehe bis heute nicht, warum man seinen Kindern diese süßen Quetsch-Joghurts kauft.

Ich hatte auch mal einen Schnösel, der hat zehn Minuten vor Ladenschluss mit seinen vier Kindern von vier unterschiedlichen Frauen ganze drei Einkaufwagen ausschließlich mit Markenprodukten gefüllt. Einkaufswert: 500 Euro. Auf der anderen Seite hat man dann wieder eine hartnäckige Minderheit an Rentnern, die nur wegen einer Aktion in deinen Laden kommen. Man entwickelt dann einen regelrechten Hass auf diese Angebots-Produkte und diese Coupons aus Billig-Zeitschriften. Besonders, wenn die nicht in unserem Geschäft funktionieren und die Rentner dann ziemlich ausfallend werden.

Wie kann man eine Salami kaufen , die billiger ist als eine Premium-Katzenfutterdose?

Freundlich bleiben muss man trotzdem immer. Meistens sogar übertrieben freundlich. Bei Nazis hat mir das oft Schwierigkeiten bereitet, die habe ich manchmal auch einfach ignoriert. Daraufhin hat mich dann einer einmal als "Fotze" beschimpft und gemeint, dass er mich umbringen wird. Das ist eben die Gefahr, wenn man in einem Provinz-Supermarkt arbeitet. Man bekommt die Wutbürger live mit. Seine eigenen Einstellungen da zu unterdrücken ist ganz schön schwierig. Gedanken über die Werte- und Moralvorstellungen der Kunden macht man sich aber trotzdem.


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Ich habe mich beispielsweise ständig gefragt, wie man eine Salami kaufen kann, die billiger ist als eine Premium-Katzenfutterdose. Der kurioseste Einkauf, an den ich mich erinnern kann, war aber von einem schwulen Pärchen. Die haben einmal bei mir einen robusten Strick, eine Gurke und Gleitgel gekauft. Ich habe nur eine Ahnung, was sie damit gemacht haben könnten. Im Gegensatz zu den vielen Teenagern, die immer peinlich berührt bei mir Kondome gekauft haben, sind die beiden cool geblieben.

Maximilian, 28

Der Laden, in dem ich gearbeitet habe, war kein typischer Supermarkt. Da ich am Bahnhof eingesetzt wurde, hat man sich nicht nur Gedanken über die Einkäufe gemacht, sondern auch über die Klientel. Am Anfang hat man eher mehr damit zu tun, die Kasse zu bedienen und die Artikelnummern auswendig zu lernen. Aber irgendwann wird die Arbeit Routine und dadurch auch stupide. Da fängt man automatisch an, auf die Kunden und ihre Einkäufe zu schauen.

Es ist ziemlich merkwürdig, was die Leute an Bahnhöfen kaufen. Ich hatte ein paar Kundinnen, die sich als Alkoholikerinnen herausgestellt haben. Die haben nichts anderes gekauft als Tampons und Wodka. Da fragt man sich schon, ob die überhaupt mal was essen. Ritualisiertes Verhalten. Immer die gleichen Produkte, immer zur gleichen Zeit.

Die Frage, warum Leute das kaufen, was sie kaufen, stellt man sich ja meistens, wenn die Optik des Kunden und der Inhalt des Einkaufes nicht zusammenpassen. Es kam mal so ein Metal-Typ und hat nur Obst und Gemüse gekauft. Klar habe ich mich gefragt: Was kocht der jetzt damit? Kauft der das nur einmal im Monat, weil er sonst jeden Tag Bier und Fleisch zu sich nimmt? Darauf angesprochen habe ich aber nie jemanden. Nur manchmal habe ich allwissend gegrinst, wenn beispielsweise ein Paar mal schnell noch Kondome gekauft hat und ihnen auf besondere Art "einen schönen Abend" gewünscht.

Wenn man aber mal mit Leuten ins Gespräch gekommen ist, haben sie mir sogar manchmal den Einkaufswagen-Euro geschenkt, um sich für das nette Gespräch zu bedanken. Behalten durfte ich das Geld aber nicht. Allgemein ist die Zahlung eine witzige Angelegenheit. Jeder kennt die Oma, die gerne auf den Cent genau zahlt, auch in der absoluten Rush-Hour.

Von diesen Omas wird dann auch keine Rücksicht darauf genommen, dass sie gerade bei der Suche nach dem passenden Münzgeld den ganzen Laden aufhalten. Dann gibt es noch den modernen Einkäufer, der es nicht versteht, dass er den 99 Cent-Schokoriegel nicht mit seiner VISA zahlen kann.

Die Ladendiebe haben auch gerne mal rumgespuckt und unseren Aufenthaltsraum vollgepinkelt.

Einmal ist auch so ein Typ gekommen, der mich gefragt hat, ob ich irgendeinen Typen namens "den Hessen" gesehen hätte. Der schulde ihm nämlich noch sehr viel Geld. Ich habe ihn dann weitergeschickt und plötzlich ist ihm der Ladendetektiv hinterhergegangen und hat ihn geschnappt. Der hatte einfach drei Flaschen Schnaps unter seinem Anorak.

Solche Ladendiebe waren meistens total aggressiv, wenn sie erwischt wurden. Zumindest gegenüber den Leuten, die sie geschnappt haben. Wenn der Ladendetektiv auf sie zugegangen ist, haben sie schon versucht, zu flüchten. Die Wachleute aus dem Bahnhof mussten dann immer mithelfen, obwohl es gar nicht deren Aufgabe war. Dann haben die Ladendiebe auch gerne mal rumgespuckt und unseren Aufenthaltsraum vollgepinkelt. Das war manchmal richtig ekelhaft.

Foto: Iwan Gabovitch | Flickr | CC BY-SA 2.0

Sarah, 23

Immer, wenn ich angefangen habe, zu arbeiten oder keine Konzentration mehr hatte, habe ich ein Spiel daraus gemacht. Irgendwann muss man sich ablenken, weil diese monotone Arbeit sonst sehr schnell langweilig wird. Das lief dann so ab: Man sitzt auf einer anderen Ebene als der Einkäufer und sobald die Artikel rüber gezogen werden, siehst du ja ungefähr, was da eingekauft wird. Erst beim Bezahlvorgang guckst du hoch und siehst dir den Kunden an. Das ist zwar nur ein Bruchteil von Sekunden aber immer noch genug Zeit, um sich eine Vorstellung von dem Kunden zu machen. Zum Beispiel, wenn da nur gesunde Sachen gekauft werden, denkt man sich so: "Der hat einen super sportlichen Lifestyle, immer unterwegs und achtet auf die Ernährung."

Man hat eben bestimmte Klischees im Kopf. Manchmal werden die dann bestätigt, manchmal nicht. An meiner Kasse habe ich auch sehr viele Gerichte für Dates analysiert. Knackpunkt war hier, dass zu dem meist pastaartigem Gericht oft noch zwei von diesen exklusiven Desserts dazugekauft wurden.

Man wird zu einer Plattform, um schlechte Laune abzuladen.

Auch Schnäppchenjäger waren so eine Spezies für sich. Man wusste ja, was im Angebot war. Es gibt tatsächlich Leute, die ausschließlich die Schnäppchen kauften. Das ist dann teilweise so wild gemixt, dass man sich fragt, was man damit anfangen soll. Das war manchmal so undurchsichtig. Warum kauft man solche Kombinationen? Ich bin auch meistens die Vermutung nicht losgeworden, dass das meiste davon dann im Kühlschrank vergammelt.

Am meisten Probleme bereitet es aber, die Laune der Kunden zu ertragen. Manchmal ist man eben nur die Plattform, um schlechte Laune abzuladen.

Da immer freundlich zu bleiben, war sehr schwierig. Manche Leute verstehen eben nicht, dass man manchmal nichts dafür kann, wenn es so lange dauert. Das ist oft auch die Technik, die nicht mitspielt. Da funktionieren die Scan-Codes nicht oder die eingetragenen Preise stimmen nicht. Als Kassierer bist du dann eben der Buhmann. Aber es ist menschliche Arbeit und man kann auch nicht von Kassierern erwarten, dass sie wie Maschinen arbeiten. Sobald du da sitzt, weißt du, was das für ein Stress ist.

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