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Stefan Kaufmann will doch keinen #Twitterbeef mit mir

Stefan Kaufmann ist schwul und bei der CDU. Wir hatten gestern ein bisschen Streit mit ihm, aber jetzt hat er sich wieder bei uns gemeldet und seine Parteifreunde verteidigt.

Vorgestern hatte ich eine Konversation auf Twitter mit Stefan Kaufmann, bei der es darum ging, dass die CDU eine Überarbeitung des Bildungsplans 2015 fordert. Mit ähnlichen Argumenten wie die breite Front der Bildungsplangegner, die sich aus klassischen Wutbürgern, aber auch aus äußerst unappetitlichen Fundamentalisten und Reaktionären zusammensetzt. Kaufmanns Stellvertreter Hausmann stellt sich mit diesen Gegnern gerne in eine Reihe, während Kaufmann zwar für LGBT-Aufklärung eintritt, sich aber eben mit den Forderungen der CDU auf die Seite der Bildungsplangegner schlägt. Den vollständigen Text über unsere kleine Meinungsverschiedenheit könnt ihr hier lesen, es endete jedenfalls damit, dass sich einer der unangenehmeren Bildungsplangegner in unser Gespräch einschaltete und damit meine Argumentation ziemlich untermauerte. Wie gestern bereits erwähnt, ist Kaufmann in einer interessanten Situation. Er ist Mitglied der CDU, ich nehme an, dass er sich selbst eher als konservativ einschätzt und er ist schwul. Natürlich ist er nicht der einzige Schwule in der CDU, aber in seiner Position ist er durchaus exotisch. Vor allem auch noch als Bundestagsabgeordneter aus Baden-Württemberg, wo sich, wem man den Bildungsplangegnern glaubt, bald der Boden auftut, um die Sodomiten zu verschlingen, wenn sich nichts an den Plänen der rot-grünen Regierung ändert. Ich habe Herrn Kaufmann um eine nachträgliche Stellungnahme gebeten, die er mir heute auch tatsächlich gegeben hat.

VICE: Wie stehen Sie dazu, dass von der Stuttgarter CDU angemahnt wird, dass die Formulierung „Sexuelle Vielfalt“ unglücklich gewählt sei, „weil hier der Eindruck entstehen kann, Schülerinnen und Schüler könnten aus einem Angebot sexueller Ausrichtungen frei wählen“? Nimmt dieser Passus nicht exakt die Argumentationslinie der Bildungsplangegner auf, die davon ausgehen, dass Schüler und Schülerinnen zur Homosexualität „konvertiert“ werden sollen?
Stefan Kaufmann: Sie sprechen mich auf die Stellungnahme des CDU-Kreisvorstandes an, die wir am Montagabend einstimmig beschlossen haben. Das Papier stellt einen Kompromiss dar und ich klammere mich nicht an jede einzelne Formulierung. Mir geht es darum, die Gesellschaft insgesamt mitzunehmen und damit auch jene, die Ängste mit dem Entwurfstext zum Bildungsplan verbinden.
 
Erinnern wir uns: die Debatte um den Bildungsplan entzündete sich an einer Online-Petition, die sich gegen das Entwurfspapier und gegen einen „Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ wandte. Gegen diese herabsetzende und diskriminierende Petition habe ich mich in aller Deutlichkeit und auch in einem parteiübergreifenden Aufruf ausgesprochen. Gleichzeitig habe ich aber auch deutlich gemacht, dass das Thema Toleranzerziehung als solches breiter gefasst und nicht nur auf das Thema sexuelle Vielfalt“ reduziert werden sollte. Und selbstverständlich ist die Sorge, Kinder könnten durch die Beschäftigung mit anderen Lebensentwürfen schwul oder lesbisch werden, unbegründet. Hetero, lesbisch oder schwul ist man, das lässt sich nicht anerziehen. Das ist nach meiner Wahrnehmung auch Konsens im CDU-Kreisvorstand.
 
Im Übrigen werden wir als CDU Stuttgart im Juli einen eigenen Parteitag zur Familienpolitik durchführen. Dort werde ich noch einmal in aller Deutlichkeit dafür werben, dass das Thema Toleranzerziehung in einer angemessenen Form in den Lehrplänen verankert wird und dann auch in der Schule stattfindet. Denn es geht darum, dass wir etwas für ein tolerantes Miteinander tun. Niemand soll umerzogen werden. Aber das Schimpfwort „schwule Sau“ soll auch von unseren Schulhöfen verschwinden.
 
Herr Hausmann tritt zusammen mit Rednern wie Matthias von Gersdorff auf, der über den Bildungsplan beispielsweise sagt: „In diesem ist vorgesehen, dass im Rahmen der Erziehungseinheit ‚Akzeptanz sexueller Vielfalt’ Kinder alles über Homosexualität, Transsexualität, Bisexualität sowie die vielen sexuellen Orientierungen erfahren, die inzwischen von den Gender-Theoretikern erfunden wurden, wie etwa Intersexualität.“ Christa Meves erklärt Homosexualität zu etwas unnatürlichem. Gabriele Kuby sprach ebenfalls von „Umerziehung“. Wie stehen Sie dazu, dass Herr Hausmann mit diesen Meinungen kokettiert? Bzw. wie stellt sich die Zusammenarbeit mit ihm dar?
Ich pflege mit Karl-Christian Hausmann eine professionelle und konstruktive Zusammenarbeit im CDU-Kreisvorstand, auch wenn wir nicht immer bei allen Themen einer Meinung sind. Das muss eine große Volkspartei wie die Union aushalten können, finde ich. Als Großstadtverband sehe ich die CDU Stuttgart als einen Verband, der eine besondere Verpflichtung hat, progressiver Motor in der Partei insgesamt zu sein. Dafür arbeite ich als Kreisvorsitzender. An welchen Veranstaltungen Karl-Christian Hausmann als Privatperson teilnimmt, ist seine persönliche Angelegenheit. Die vorhin angesprochene Stellungnahme hat er jedenfalls mitbeschlossen und in dieser finde ich mich selbst auch wieder.
 
Sexuelle Identität ist selbstverständlich nicht alles, was eine Person ausmacht. Nichtsdestotrotz sind Sie ein schwuler Mann. Wie gehen Sie persönlich damit um, dass offenbar Teile der Partei Sie persönlich als „unnatürlich“ ablehnen?
Ich habe in der CDU bislang noch nie offene oder unterschwellige Ablehnung erlebt. Selbstverständlich gibt es nach öffentlichen Auftritten, zum Beispiel im Fernsehen, auch Schmähzuschriften. Aber insgesamt war es bislang stets so, dass die positiven Rückmeldungen klar überwogen haben. Homosexualität ist eine natürliche sexuelle Orientierung, das hat im vergangenen Jahr die Generalversammlung des Weltärztebundes auch noch einmal in aller Klarheit festgestellt.

 
Wie stehen Sie dazu, dass die CDU sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene sich einer kompletten Gleichstellung verschließt?
In der vergangenen Legislaturperiode haben wir einige Verbesserungen bei der Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe erreicht, zum Beispiel im Einkommensteuerrecht. Das habe ich unterstützt, weil es richtig und auch notwendig ist. Wer die gleichen Pflichten hat, verdient auch die gleichen Rechte. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Ich setze auf sachliche Debatten und nehme lieber eine gewisse Verzögerung hin, als Entscheidungen mit knapper Mehrheit zu erzwingen. Im Konsens voranzukommen, das sollte unser Ziel sein. Massendemonstrationen gegen eine gleichgeschlechtliche Ehe wie in Frankreich möchte ich lieber vermeiden.
 
Sie sind offensichtlich per Twitter direkt ansprechbar. Ab wann ist für Sie der Punkt gekommen, an dem Sie nicht mehr reagieren?
Ich versuche, möglichst unmittelbar zu reagieren und auf sachliche Argumente einzugehen. Natürlich kann ich auch keine „Brieffreundschaften“ auf Twitter eingehen, insofern klinke ich mich dann aus „Twitter-Dialogen“ aus, wenn die wesentlichen Argumente ausgetauscht sind – oder ich zum Beispiel aufgrund terminlicher Verpflichtungen schlichtweg nicht mehr dazu komme, weiter zu antworten. So war es übrigens im konkreten Fall vorgestern.
 
Mir als quasi Privatperson steht es natürlich frei, eine Person wie den User @Tomte_Tummetot zu ignorieren. Sollten Sie als Politiker sich hier nicht äußern?
Ich äußere mich dann, wenn ich eine Notwendigkeit dazu sehe. Im Übrigen herrscht in unserem Land Meinungsfreiheit. Diese gilt auch für Auffassungen, die Sie und ich nicht teilen. Den User Tomte_Tummetot habe ich übrigens seit seinen damals unqualifizierten und diffamierenden Äußerungen über mich im Zusammenhang mit der Stuttgart21-Debatte geblockt. Ich sehe also gar nicht, was er schreibt.

Wie stehen Sie persönlich dazu, dass eben solche Menschen wie @Tomte_Tummetot durch die Petition und die Kundgebungen gegen den Bildungsplan angesprochen und dann von CDU-Politikern (sorry, aber eben Leuten wie Herrn Hausmann) hofiert werden?
 Mit Blick auf den Bildungsplan bin ich der Auffassung, dass es zunächst Aufgabe der Landesregierung ist, ihren kommunikativ und in den einzelnen Formulierungen missglückten Vorschlag zu überarbeiten. Diese haben bei vielen Menschen Sorgen und auch Ängste ausgelöst, die nicht begründet sind. Sexualität lässt sich nicht anerziehen, doch genau diese Sorge habe ich bei vielen Gegnern des Bildungsplans herausgehört. Dass das Thema Toleranzerziehung – ausdrücklich auch zum Beispiel für die gleichgeschlechtliche Liebe – in der Schule stattfinden soll, halte ich für richtig und deshalb war ich persönlich auch auf der Pro-Kundgebung.