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Popkultur

Heulsuse der Woche: Penny-Kundin vs. Reichsbürger

Eine Frau glaubt, dass der Weihnachtsmann durch den „Zipfelmann" ersetzt werden soll, und ein Holocaustleugner treibt ein Gericht in den Wahnsinn.

von Lisa Ludwig
11 Dezember 2015, 10:20am

Und wieder ist es an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertigwerden.

Heulsuse #1: Eine islamophobe Penny-Kundin

Der Vorfall: Der Lebensmitteldiscounter Penny bietet, wie jedes Jahr, nicht nur Schokoweihnachtsmänner, sondern auch „Zipfelmänner" an.

Die angemessene Redaktion: Es hinnehmen. Man ist als Kunde ja nicht dazu gezwungen, sich am kompletten Sortiment eines Lebensmittelhändlers zu bedienen.

Die tatsächliche Reaktion: Eine wütende Nachricht auf der Facebook-Seite des Marktes hinterlassen und das Ganze als Verschwörung gegen deutsche Weihnachtstraditionen werten.

Es ist nicht immer ganz einfach, bei den ganzen besorgten Bürgern und ihren alltäglichen Wehwehchen die Übersicht zu behalten. Klar, es gibt Dinge, vor denen man Angst haben kann und sicherlich ist gut, über Dinge öffentlich zu diskutieren. Während Andere momentan darüber nachdenken, wie akut die Terrorgefahr für Deutschland durch den IS tatsächlich ist, sehen andere die wirklichen Gefahren des islamistischen Terror ganz woanders: Im Regal des örtlichen Lebensmitteldiscounters nämlich. Und das auch nur durch Hörensagen.

Der gute, „deutsche" Weihnachtsmann soll ersetzt worden sein, von einer essbaren Figur der Firma Decoir, die „in Zipfelmann umbenannt wurde". Gesehen hat Claudia M. das zwar nicht selbst, allerdings ist da so ein verdächtiges Foto in ihrem Newsfeed aufgetaucht und das macht sie wütend. Sehr wütend. So wütend, dass sie einen Beitrag auf die Facebook-Pinnwand des Lebensmitteldiscounters Penny postet, der es in sich hat (und eine rekordverdächtige Zahl an Ausrufezeichen enthält). „Penny Verkauft [sic!] Decoir Zipelmänner [sic!] statt Weihnachtsmänner???? Wenn dem so ist [sic!] werde ich bei Penny in zukunft [sic!] nie mehr kunde [sic!] sein!!!! [...] !!!!!" schreibt sie. Schließlich heiße es Weihnachtsmann „und NICHT Zipfelmann!!!!!".

Anschließend kündigt die erboste Kundin noch an, sich direkt am nächsten Tag höchstpersönlich ein Bild von der Lage im Penny-Schokoladensortiment machen zu wollen, „und wenn ich da so ein schoko als zipfelmann [wir haben das mit dem sic! jetzt aufgegeben] entdecke dann seid ihr mich los!!!!!! Und nicht nur mich!!!!! Wir sind DEUTSCHLAND - CHRISTLICH und nicht ISLAM!!!!!"

Penny äußerte sich recht pragmatisch und erklärte, dass es sich bei dem Skandal-Schokomann um einen „alten Hut" handle, der schon „vor Jahren" zur Sortimentserweiterung aufgenommen wurde und den herkömmlichen Weihnachtsmann in keinster Form bedrohe. Die Vorwürfe der Kundin seien „völlig absurd und mindestens genau so hohl wie eine Schokoladenfigur". Was das alles mit dem „ISLAM!!!!!!!" zu tun hat, bleibt weiterhin ungeklärt. Fakt ist aber: Wer sich den Wanst mit Schokofiguren in Menschenform vollschlagen möchte, hat auch in diesem Jahr verschiedene Optionen. Und bald gibts auch schon die ersten Schoko-Osterhasen. Ganz bestimmt.

Heulsuse #2: Ein holocaustleugnender Reichsbürger

Symbolbild. Foto: imago | BildFunkMV

Der Vorfall: Ein selbsternannter Reichsbürger stellt auf Facebook den Holocaust in Frage und muss sich deshalb vor Gericht verantworten.

Die angemessene Reaktion: Seine gerechte Strafe demütig entgegennehmen, den Vorfall bereuen—oder sich zumindest nicht noch unsympathischer verhalten als sowieso schon.

Die tatsächliche Reaktion: Sich zusammen mit seinem Anwalt weigern, auch nur ansatzweise zu kooperieren, weil Deutschland kein legitimierter Staat sei.

Ach, Reichsbürger. Viel haben wir bereits über sie geschrieben und versucht zu ergründen, warum sie so besessen von der Idee sind, dass es sich bei der Bundesrepublik um eine GmbH und kein Land handle. Bisher leider erfolglos. Was passiert, wenn überzeugte Verschwörungstheoretiker auf den deutschen Staat respektive das Gesetz treffen, illustriert jetzt ein gelinde gesagt abstruser Fall, der diesen Dienstag vor dem Schorndorfer Amtsgericht abgeschlossen wurde. Womöglich zur großen Erleichterung aller Beteiligten, die nicht an die „Deutschland GmbH" glauben.

Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, musste sich ein 51-Jähriger vor Gericht verantworten, weil er anonymen Hinweisen zufolge in zwei Facebook-Postings die Opferzahlen des Holocaust in Frage stellte und behauptete, die Gaskammern seien im Dritten Reich so nicht möglich gewesen. Das erfüllte den Strafbestand der Volksverhetzung und wurde nun schlussendlich mit einer Geldstrafe von 2.850 Euro in 95 Tagessätzen geahndet. Bis es zu diesem Urteil kam, spielten sich im Gerichtssaal allerdings Szenen ab, die selbst Richterin Barbara Salesch zu albern gewesen wären.

Die BRD ist also kein souveräner Staat und wir haben keinen Friedensvertrag?

Der Angeklagte soll sich geweigert haben, irgendwelche Angaben zu seiner Person oder dem zur Anzeige gebrachten Vorfall zu machen. Sein Begleiter konzentrierte sich derweil darauf, die Rechtmäßigkeit der Verhandlung in Frage zu stellen. „Das ist hier alles eine Farce, ein Kasperletheater". Dass es sich um kein wirkliches Gericht, sondern lediglich um ein Geschäft handle, erkenne man ja „schon an Wörtern wie Geschäftszeichen". Unterstützt wurden die beiden Reichsbürger in ihrem demaskierenden Anliegen von Leuten im Publikum, die die Aufforderung an den 51-Jährigen, auf der Anklagebank Platz zu nehmen, mit Kommentaren wie „Wer sich setzt, der unterwirft sich" kommentierten.

Interessante Randnotiz: Obwohl der Angeklagte und sein Begleiter von den Justizangestellten und Richtern forderten zu beweisen, dass sie Vertreter eines „legitimierten Staates" seien, konnte der vermeintliche Rechtsvertreter des Holocaust-Anzweiflers sich selbst nicht als Anwalt ausweisen. Stattdessen konterte er laut der Stuttgarter Zeitung mit „Hinweisen auf das Völkerrecht und die Haager Landkriegsordnung" und warf der Richterin vor, die „Grund- und Menschenrechte" seines Mandanten zu verletzen. Erst als mehrere Polizeibeamte im Gericht erschienen, nahm er missmutig im Publikum Platz.

Nach kleineren und größeren Eskalationen wurde das Urteil von den anwesenden Reichsbürgern allerdings recht optimistisch aufgenommen. Rechtsmissbräuchlich solle das Verfahren gewesen sein und „Stoff für eine Verfassungsklage" bieten, wie jemand aus dem Publikum äußerte. „Dieses Urteil hat keine fünf Minuten Bestand." Klar.

Letzte Woche: Ein Haufen Spinner hat Angst vor der Islamisierung der Adventskalender, und die Deutschen hassen Zuckerberg, weil er viel Geld verschenkt.

Der Gewinner: Die Lindt-Shitstormer!