Das ist die Heulsuse des Jahres 2015

Ihr habt abgestimmt.

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28 Dezember 2015, 10:00am

Illustration: Sarah Schmitt

2015 war ein Jahr, in dem politisch wie gesellschaftlich ziemlich viel passiert ist. Im Positiven wie im Negativen. Umso beruhigender ist es, wenn man kurz vor Jahresende auf die vergangenen 12 Monate zurückblickt und feststellt: Auf manche Dinge kann man sich einfach verlassen. Dass es da draußen jede Menge Menschen gibt, die einfach nicht klarkommen, zum Beispiel. Auch dieses Jahr haben wir Woche für Woche zwei Heulsusen nominiert und anschließend das wohl unbestechliste Tribunal der Welt (euch, liebe Leser) darüber abstimmen lassen, wer sich in die stille Ecke setzen und für sich und seine Taten mal ordentlich schämen darf.

Weil wir, wie sicherlich jeder Mensch auf der Welt, die Flut an Jahresrückblicken lieben, die jeden Dezember aufs Neue über einen hereinbricht, durftet ihr aus den spektakulärsten Heulsusen der letzten 12 Monate eure Heulsuse des Jahres wählen. Das habt ihr engagiert getan und wir sind glücklich, den imaginären güldenen Pokal der Heulsusigkeit 2015 unter lautem Trommelwirbel an die besorgten Asylkritiker vergeben zu können! Mit 38 Prozent konnten sie die mit Abstand meisten Stimmen für sich beanspruchen.

Screenshot: Polldaddy

Platz 2 geht mit 31 Prozent ebenso verdient an die AfD. Verdient, schließlich war keine andere Partei so regelmäßig als Heulsuse der Woche nominiert. Deutlich abgeschlagen auf Platz 3 folgt Til Schweiger, Mark Medlock sichert sich Platz 4 und das Schlusslicht bildet (doch ein bisschen überraschend) Mario Barth. Wir bedanken uns bei allen, die abgestimmt haben, und freuen uns auf ein neues, hoffentlich ebenso abwechslungsreiches Heulsusenjahr.

Das hier waren die Nominierten:

Besorgte Asylkritiker

Neben dem besorgten Bürger hat sich im vergangenen Jahr noch eine ganz andere Spezies im rechten Spektrum etabliert: der „Asylkritiker". Statt Kritik zu üben, wie der Begriff nahelegen könnte, ging es bei diesen Personen jedoch primär darum, ihre rassistischen Ressentiments in Parolen, Aktionen und ganz allgemein in Hass gegen Flüchtlinge auszuleben. Da gab es beispielsweise einen Arzt, der sich weigerte, Flüchtlinge zu behandeln, einen Immobilienmakler, der Stimmung gegen Asylbewerber machte, und einen Feuerwehrmann, der keine Brände in Flüchtlingsheimen löschen wollte. Mehr als genug Gründe also, sich berechtigte Hoffnungen auf die Auszeichnung als Heulsuse des Jahres zu machen.

Mario Barth

Wenn es darum geht, ob Mario Barth nun die Krone des deutschen Humors ist, ließe sich die Frage ziemlich klar mit „Nein" beantworten. Ob der Mann, der mit der rhetorischen Frage „Kennste?" nach wie vor ziemlich viel Geld verdient, allerdings im Privaten ein unfassbar sympathischer Typ ist? Wir wissen es nicht. Allerdings hat er 2015 zwei Aktionen gebracht, die das ziemlich in Frage stellen und für die er vollkommen zu Recht als Heulsuse der Woche nominiert wurde: Seinen Rant gegen Facebook-User, die ihn nicht lustig finden (denn nichts sagt „Ich bin ein entspannter, lustiger Kumpeltyp!", als sich an derartigen Dingen aufzuhängen), und einen Verkehrsunfall, den er direkt für seine „Ich decke die Unfähigkeit des Systems auf!"-Sendung verwursten wollte. Dabei allerdings vergessen hat zu erwähnen, dass er den Unfall selbst verursacht haben soll.

Die Alternative für Deutschland

Wenn die Wahl zur Heulsuse des Jahres alleine danach entschieden werden würde, welche Organisation sich am häufigsten im Voting wiedergefunden hat, ginge der Titel ohne weitere Diskussion an die Alternative für Deutschland. Ob Partei-Chefin Petry nun eine Verschwörung vermutete, weil sie aus einer Talkshow wieder ausgeladen wurde, Maximilian Kneller einer andersdenkenden Frau mit einem „Hatefuck" drohte, oder Beatrix von Storch in einem politkritischen Theaterstück ihre Menschenwürde verletzt sah—ohne die AfD wäre das Heulsusenjahr 2015 nicht dasselbe gewesen.

Til Schweiger

Es gibt viele Dinge, die man Deutschlands Brad Pitt in diesem Jahr positiv anrechnen muss. Dass er sich medienwirksam für Flüchtlinge eingesetzt hat, beispielsweise. Auch wenn das mit dem eigenen Flüchtlingsheim nicht so geklappt hat wie geplant. Dass Til Schweiger allerdings nicht nur sehr erfolgreich und sehr engagiert, sondern auch oft genug sehr selbstgerecht und etwas dramatisch ist, zeigte sich, als sein erster Tatort im Fernsehen ausgestrahlt und (wie jeder Tatort) vom Twitter-Publikum durch den Kakao gezogen wurde. In einem ebenso wortgewaltigen wie wütenden Facebook-Post bezeichnete er seine Kritiker als „Internetnerds" und frustrierte „Spackos, die sich hinter irgendwelchen Phantasieprofilbildern verstecken". Der Großteil seines Hasses richtete sich allerdings gegen Spiegel Online, die die „besten" Tweets zum Schweiger-Tatort sammelten und als Artikel publizierten. Falls es ein bisschen hilft, lieber Til: Den Typen, der dich wegen deiner Brandrede gegen rechte Demonstranten wegen Volksverhetzung angezeigt hat, haben wir dieses Jahr auch schon als Heulsuse nominiert.

Mark Medlock

Mark Wer? Eine Frage, die nicht ganz unberechtigt wäre, schließlich hat man von dem ehemaligen DSDS-Sieger und Ex-Dieter-Bohlen-Spezi in den letzten Jahren nicht mehr so richtig viel gehört. Umso überraschender dürfte es für alle Telefonsex-Interessierten gewesen sein, als der Sänger eines Nachts bei dem Erotiksender Babestation24 anrief, um sich in die Live-Sendung durchstellen zu lassen. Und das nur, um anschließend richtig freizudrehen. „Kannst du dir keinen richtigen Job suchen, du Fotze? Hier ist Mark Medlock. Mach, dass du dich vom Sender verpisst, du dreckige Hure, Alter!", brüllte der 37-Jährige in den Hörer und begründete seinen Ausraster damit, dass er einfach nur fernsehen wolle—und ihn die beiden halbnackten Frauen vor der Kamera dabei stören würden. Warum er nicht einfach umgeschaltet hat, wissen wir nicht. Fakt ist: Mit dieser Aktion dürfte Medlock keine unerheblichen Chancen auf den Titel der Oberheulsuse haben. Vor allem dann nicht, wenn all die Zuschauer abstimmen, die durch seinen Anruf unsanft aus ihrem Masturbationsdelirium gerissen wurden.

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