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Wie eine Ecstasy-Pille zu chronischem Augenrauschen geführt hat

Luuk wollte in einem Berliner Club Spaß haben und hat sich dort mit Freunden Drogen besorgt. Seitdem sieht er alles wie auf einem rauschenden alten Fernseher und niemand weiß, warum.

von Jari Goedegebuure
12 Juli 2016, 11:00am

Der Alexanderplatz in Berlin unter einer Schicht Rauschen | Fotogrundlage: Christian Wolf | Wikimedia | CC BY-SA 3.0 DE

An einem wunderschönen Tag Ende Juli 2015 spaziert Luuk mit drei Freunden durch Berlin. Die Niederländer wollen die Sehenswürdigkeiten und vor allem die Partys der Stadt kennenlernen. Es ist ihr vorletzter Abend und sie gehen in den legendären Techno-Club Tresor.

Sie haben Lust auf Drogen, doch es gibt ein Problem: Sie haben nichts dabei, kennen keine Dealer in Berlin und wollen sich auch nicht von zwielichtigen Straßentickern abziehen lassen. Die Freunde haben gehört, in manchen Berliner Clubs gäbe es feste Dealer, wodurch sich dort kein schlechter Stoff verbreitet. Ein bisschen kommt es ihnen vor wie ein Großstadtmärchen.

Nach ein paar Stunden im Tresor, in denen sie nur Alkohol trinken, lernen sie einen Typen kennen, der sagt, er könne helfen. Sie kaufen ihm Ecstasy und Speed ab. Nicht lange nach der Einnahme merken die jungen Männer, dass etwas nicht stimmt. Das Ecstasy fühlt sich seltsam an. Sie beschließen, es den Rest der Nacht ruhig angehen zu lassen, und überstehen die Clubtour ohne Zwischenfälle.

Doch am nächsten Morgen fühlt Luuk sich seltsam. Er hat ein distanziertes, unkonzentriertes Gefühl, als würde er in einer anderen Welt leben. Außerdem ist seine Sicht ganz verschwommen und er sieht ständig dieses Rauschen, wie wenn der Fernseher schlechten Empfang hat. Es wird nicht besser; im Gegenteil: Wieder bei seinen Eltern zu Hause ist das Rauschen so schlimm, dass die Möbel sich zu bewegen scheinen. "Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passiert", erklärt mir Luuk. "Ich dachte, ich kriege eine Psychose oder ein anderes psychisches Problem." Er beschließt nachzuforschen und realisiert schnell, dass er an Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD) leidet.


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Laut dem psychiatrischen Klassifikationssystem DSM erleben Menschen mit HPPD langfristig eines oder mehrere Wahrnehmungssymptome, die während eines Drogenrauschs aufgetreten sind. Eines der häufigsten Symptome ist Augenrauschen (auch "Visual Snow" genannt), doch HPPD-Patienten können auch Mouches volantes (auch als "Floater" bekannt), Palinopsien (wiederkehrende Bilder) und Halos um Objekte sehen.

Zu den Ursachen für HPPD gibt es verschiedene Theorien, aber alle Patienten haben eins gemeinsam: Sie haben Drogen konsumiert. Dr. Gerard Alderliefste ist Suchtexperte und arbeitet bei einer niederländischen Info-Hotline für Menschen, die nach dem Konsum von Partydrogen chronische Gesundheitsprobleme haben. Dr. Alderliefste meint, Fluktuationen in der Neurotransmission, also der Kommunikation zwischen Nerven, könnten die Ursache sein: "Signale können so möglicherweise nicht mehr gefiltert werden. Es ist allerdings unklar, welche Rolle Drogen hier spielen. Die meisten HPPD-Patienten haben schon mindestens 50 Mal Drogen genommen, ob Ecstasy, Speed, LSD oder Cannabis. Aber es gibt auch Fälle, wo Leute beim dritten Mal Ecstasy an HPPD erkranken."

Zu HPPD gibt es bisher wenig Forschung. Laut Alderliefste liegt das an der Unbekanntheit des Problems. "Viele Ärzte verkennen HPPD, was zu Fehldiagnosen führt", erklärt er. "Und es sind von vornherein nicht viele, die daran leiden. Daher ist es schwierig, Forschungsgelder zu bekommen."

Ein weiteres Beispiel dafür, wie das HPPD-Rauschen aussehen kann | Fotogrundlage: Grim23 | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Als Luuk seine Krankheit weiter online recherchiert, sorgt er sich immer mehr: "Ich habe nur von Leuten gelesen, bei denen es nach und nach schlimmer wurde. Manchmal hielt es jahrelang an, manchmal für immer." Er bereitet sich innerlich darauf vor, für immer mit HPPD leben zu müssen. Als er sich bei der Suchtberatung Brijder meldet, zu der auch Dr. Alderliefstes Hotline gehört, bietet der Arzt Luuk einen Termin an, um seine pharmazeutischen Optionen zu besprechen. "Ich habe abgelehnt. Ich wollte zuerst versuchen, ohne Medikamente gesund zu werden." Der Arzt schlägt eine Reihe Maßnahmen vor, die dabei helfen sollen: kein Alkohol, kein Tabak, gesunde Ernährung und viel Bewegung.

Im Oktober verschlechtert sich Luuks Zustand. "Ich habe versucht, nach diesem Plan zu leben, aber manchmal habe ich den Glauben daran verloren und konnte mich nicht mehr aufraffen. Manchmal trank ich drei Wochen lang keinen Tropfen und hatte dann am Wochenende einen Totalabsturz." Er hält seine Situation für hoffnungslos und entwickelt Depressionen.

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In seinen Treffen mit dem Experten von Brijder erklärt Luuk, dass er das Gefühl hat, sich selbst verloren zu haben – die Welt erscheint ihm nicht real. Der Arzt diagnostiziert zusätzlich zum HPPD noch eine Depersonalisationsstörung (DPD). DPD ist ein Abwehrmechanismus gegen Gefühle, die schädlich oder bedrohlich sind. Alderliefste erklärt: "Trauma kann diese Reaktion auslösen – und ein schlechter Trip ist an sich eine Quelle für Traumata." DPD macht die Person weniger ängstlich, doch gleichzeitig wird die Emotionen oberflächlicher und schwächer. Wer sich nicht mit den Mitmenschen verbunden fühlt, verliert nach und nach die emotionalen Bande zu Freunden und Angehörigen. "Das allein macht den Patienten schon Angst, was wieder den Mechanismus auslöst. Es ist ein Teufelskreis. Oft entwickeln die Patienten Depressionen."

Luuk sieht sich nach einem Psychotherapeuten um, doch die fast 20 Praxen, die er kontaktiert, lehnen ihn alle ab, sobald sie erfahren, dass sein Problem etwas mit Drogen zu tun hat. "Es wirkte, als wollte mir niemand helfen, also hörte ich auf zu suchen. Das war ein schrecklicher Fehler, aber ich hatte Depressionen und keine Kraft mehr." Alderliefste findet es seltsam, dass Luuk so oft abgewiesen wurde. "Psychologen sollten niemals Patienten [wegen Drogen] ablehnen – sie sollten stattdessen in Suchtzentren Informationen anfordern, damit sie diesen Patienten trotzdem helfen können. Sie können die Person dabei unterstützen, sich zu entspannen, sich abzulenken und Ängste zu bewältigen."

Luuk findet schließlich einen Bericht von einem Mann, der sich nach drei Monaten restlos von HPPD erholt hat. Der Ex-Patient beschreibt darin genau, welche Schritte er unternommen hat, und Luuk beschließt, den Plan diesmal konsequent zu befolgen. Er hört auf zu rauchen und zu trinken, macht mindestens viermal die Woche Sport und isst nur natürliche Produkte. "Anfangs habe ich keinen Unterschied bemerkt, aber wenn ich die jetzige Lage und den Zustand vor zwei Monaten vergleiche, hat sich definitiv viel getan. Vor allem bei meinem psychischen Zustand." Seine Entscheidung, HPPD als ein vorübergehendes Problem zu sehen, hat ihm eine viel positivere Lebenseinstellung ermöglicht. Im Moment ist er noch nicht geheilt, doch Luuks Zustand bessert sich langsam und er bleibt mit der gesunden Lebensweise am Ball. "Ich bin entschlossen, mich wieder komplett zu erholen."

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