Schwarzrotgold – Eine neue Serie über das Leben von schwarzen Deutschen

NS-Überlebende, Manager und Moderatoren zeigen, dass es auch schwarze Vorbilder in diesem Land geben kann.

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Apr. 30 2015, 3:08pm

Jermain Raffington ist in Hamburg und später in einem kleinen Ort in der Nähe von Freiburg aufgewachsen und mit 16 auf ein Basketball-Internat in der Nähe von Ulm gegangen. Mit 18 ging er dann in die USA und spielte in der College-Liga für Burlington in Iowa. Danach wurde er Basketballprofi in Deutschland und spielte in Chemnitz, Bayreuth, Göttingen und Bremerhaven. Mittlerweile hat er mit dem Profisport aufgehört und ist einer unserer Redakteure von VICE Sports. Das ist aber noch nicht alles, zusammen mit seiner Frau Laurel arbeitet er seit drei Jahren an Schwarzrotgold, einer Video-Porträtserie über schwarze Deutsche. Die erste Staffel feiert am Mittwochabend Premiere. Wir haben Jermain gebeten, uns etwas über Alltagsrassismus, völkisches Menschenverständnis und seine Haare zu erzählen.

VICE: Warum habt ihr dieses Projekt gestartet?
Jermain: Es klingt cheesy, aber wir wollen damit die Welt für unsere Kinder ein bisschen besser machen. Klar wissen wir nicht, wie sie aussehen werden, man wird ihnen aber ansehen, dass sie einen bikulturellen Hintergrund haben.

Wann hast du persönlich gemerkt, dass das ein Problem ist?
Das hat mit meiner eigenen Identitätsfindung angefangen. Ich kam in Situationen, wo mir diese blöde Frage gestellt wurde: „Woher kommst du denn eigentlich?" Das ist mir so oft passiert, dass ich wissen wollte, wieso es Leute gibt, die aufgrund meines Äußeren annehmen, dass ich woanders herkomme. Ich spreche perfekt deutsch und werde trotzdem auf Englisch angesprochen. Ich habe dann versucht, soviel es ging, über schwarzes Leben in Deutschland rauszufinden, bin auf unterschiedliche Leute gestoßen, wie Hans-Jürgen Massaquoi, den Autor von Neger, Neger Schornsteinfeger. Das Buch habe ich verschlungen, weil ich endlich einen Bezugspunkt hatte und Parallelen gesehen habe zu meinem Leben. Ich habe mir dann die Frage gestellt, wie das bei jungen Leuten ist, weil dieser Identifikationsprozess bei mir erst sehr spät eingesetzt hat, mit 17, 18.

Du bist in Hamburg aufgewachsen und dann später in Freiburg?
Ich bin in Hamburg aufgewachsen, bis ich 11 war und dann sind wir nach Freiburg gezogen. Also in die Nähe von Freiburg: Bad Krotzingen. Da war's natürlich viel extremer. In Bad Krotzingen gab es nur noch zwei weitere Familien, die schwarz waren.

Wie war das dann?
In meiner Jugend hatte ich keine Person, zu der ich aufschauen konnte, die mir ähnlich war. Klar, es gab interessante Menschen, aber es gab da eine Barriere. Wenn man sich visuell nicht mit einer Person identifizieren kann, ist das ein Stück schwerer. Zu meiner Zeit gab es nur Mola Adebisi und Arabella im Fernsehen.

Der Dreh mit Theodor Wonja Michael

Hast du diese Suche nach Identifikationsfiguren gemeinsam mit den Leuten aus der Serie?
Jemand, der in den 80ern großgeworden ist, hatte eben amerikanische Vorbilder, weil es noch weniger schwarzes Leben in den deutschen Medien gab. Roberto Blanco halt.

Wow. Das war gerade die einzige Person, die mir aus der Zeit eingefallen ist.
Patrick Mushatsi-Kareba, einer der Protagonisten, hat gesagt, dass die Vorbilder, die er in der deutschen Medienwelt hatte, ihm nicht gefallen haben. Er wollte eben nicht sein wie Roberto Blanco. Gerade als junger Mnesch willst du dich natürlich mit „coolen" Leuten identifizieren und da fällt der Blick nach Amerika leicht. Hadnet zum Beispiel ist nach Amerika gegangen, hat dann aber festgestellt, dass die schwarzen Menschen in den USA eigentlich nichts mit ihr gemeinsam haben, weil die Kultur eine ganz andere ist. Der Umgang mit Rassismus ist komplett unterschiedlich.

Wie hast du Alltagsrassismus erlebt?
Das müssen nicht mal Sachen sein, die gesagt werden. Es sind diese Annahmen und Zuschreibungen, nur weil man eine andere Hautfarbe hat. Mein Onkel war Vertreter für Klamotten und ich fand es als Kind immer total spannend, mit ihm unterwegs zu sein und in Hotels zu übernachten. Einmal waren wir in der Pfalz und wollten abends essen gehen, in ein sehr gutbürgerliches Restaurant, Schlachtplatten und so. Ich war damals acht. Wir kamen in das Restaurant und der gesamte Raum hat aufgehört zu essen. Alle haben mich angestarrt und wir standen in der Mitte des Raumes. Oder einmal, als ich noch Haare hatte, stand ich mal mit meiner Mutter an der Ampel und eine Frau fasst mir einfach in die Haare. „So schöne Locken!" Meine Mutter ist natürlich total durchgedreht und hat ihr gesagt, dass sie das nicht machen kann. Dieses als anders wahrgenommen werden, obwohl man sich innerlich nicht anders fühlt und auch nicht anders ist, nur weil man kein Teil der Mehrheitsgesellschaft ist. Gerade wenn man noch jung ist, ist es schwierig, mit solchen Dingen umzugehen. Meine Mutter ist weiß, die war immer für mich da, aber trotzdem brauchst du auch diesen schwarzen Einblick.

Für euch gehört dazu, mögliche Vorbilder zu generieren?
Dadurch, dass wir so einen breiten Querschnitt an Protagonisten haben, wollen wir zeigen, dass es in ganz unterschiedlichen Bereichen erfolgreiche schwarze Menschen gibt. Es soll eben nicht immer nur dieses Klischee bedient werden, du bist schwarz, du kannst gut tanzen—ich bin ein schrecklicher Tänzer. Du bist schwarz und kannst irgendeinen Sport richtig gut oder du bist schwarz, du kannst gut singen. Das hört jede schwarze Person. „Ist natürlich nicht so gemeint. Stell dich doch nicht so an." Aber die Leute sind nicht in der Position, sowas sagen zu dürfen, nur weil sie denken, es sei nicht schlimm für eine Person. Ähnlich war es auch bei der Filmförderung. Uns wurde immer wieder gesagt, das Thema sei zu spezifisch. „Schwarze Deutsche, da weiß man doch nicht mal genau, wie viele es gibt. Das ist kein relevantes Thema." Und es war immer eine Person aus der Mehrheitsgesellschaft, die uns gesagt hat, dass es kein Problem gibt. Aber warum ist das kein Problem, wenn ich so was jeden Tag erlebe?

Theodor Wonja Michael ist der älteste von euren Protagonisten und danach ist jede Altersgruppe vertreten. Hast du den Eindruck, dass sich die Zeiten wenigstens ein bisschen geändert haben?
Die Möglichkeiten für Leute, die außerhalb der Mehrheitsgesellschaft leben, sind auf jeden Fall besser geworden. Aber es gibt noch sehr viel zu tun. Mir fällt da immer wieder dieser abschätzige Blick ein. Leute behandeln dich anders, weil sie ein bestimmtes Bild im Kopf haben.

Und das fängt schon in der Kindheit an, oder?
Als Kind wird dir von der Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten und dann merkst du es, dass du anders wahrgenommen wirst. Aber innerlich bist du wie dein Sitznachbar in der Schule. Es ist wahnsinnig schwierig, damit umzugehen.

Wer sind die Menschen, die ihr für die Serie getroffen habt?
Theodor Wonja Michael greift die Anfänge der schwarzen Kultur und Geschichte in Deutschland auf. Er spricht viel über seinen Hintergrund, wie sein Vater als Elfenbeinhändler nach Deutschland gekommen ist und seine Mutter hier kennengelernt hat. Sein Leben während der Nazizeit und seine Suche nach Vorbildern. Seine Mutter ist früh verstorben und er hatte nur wenig Kontakt zu seinem Vater, deswegen sind er und seine Schwester in die Völkerschauen gekommen und durch ganz Europa gezogen. Er war damals fünf und wurde ausgestellt wie ein Tier. Er wurde auch zweimal gemustert, aber wurde beide Male abgelehnt, weil die Leute sich einfach keinen schwarzen Soldaten vorstellen konnten.

Dann ist da Patrick Mushatsi-Kareba.
Patrick ist Musikchef bei einem großen digitalen Musikunternehmen. Er hat eine italienische Mutter, sein Vater kommt aus Burundi. Zu dem hatte er wenig Kontakt und ist bei seiner Mutter aufgewachsen. Eigentlich ist er also als Deutschitaliener in einer italienischen Gastarbeiterfamilie groß geworden und hat erst später gelernt, dass er sich mit schwarzem Leben befassen muss, weil die andere Gesellschaft ihm zu verstehen gegeben hat, dass er weder Deutscher noch Italiener sein kann und ihn in irgendeine Rolle gepresst hat.

Marie Nejar ist auch eine Überlebende aus der NS-Zeit.
Marie ist ein bisschen jünger als Theo und ist in Hamburg auf St. Pauli bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Sie war Zwangsarbeiterin in der Keksfabrik in der Nähe vom Timmendorfer Strand, wo sie dann später zufällig als Sängerin entdeckt wurde. 1944 war sie Statistin bei Quax in Afrika und musste mit 13 oben ohne jemandem Luft zufächeln. War ihr natürlich total unangenehm. In den 50ern ist sie mit Peter Alexander in Filmen aufgetreten und hat auch „Zehn kleine Negerlein" gesungen. Ihr Künstlername war Leila Negra, den hat sie sich nicht selbst ausgesucht. Sie war Schlagersängerin und kam sehr gut an, weil sie dieses Bild des Exoten bedient hat. Sie brauchte halt das Geld und sie konnte in der NS-Zeit keine Ausbildung machen.

Was denkst du über die Diskussion über das N-Wort?
Es ist etwas, das Menschen verletzt. Die Mehrheitsgesellschaft sagt: „Das ist doch nicht so schlimm. Stellt euch nicht so an." Die Mehrheitsgesellschaft hat aber keinen Anspruch, das zu sagen. Die Leute haben kein Recht, mir meinen Schmerz abzusprechen. Deswegen finde ich die Umbenennung der Mohrenstraße eine wichtige Geschichte, dieser kulturelle Hintergrund ist problematisch und kolonialistisch geprägt. Man sollte das, gerade auch in Kinderbüchern, nicht weiterführen, nur „weil es immer schon so war".

Genau. Zurück zu Marie, wie war das Aufwachsen für sie in der Zeit?
Sie ist von ihren Freunden und anderen Kindern immer angenommen worden. Es waren eher die Erwachsenen, die ihr Probleme gemacht haben. Sie war voll in dieser weißen Welt drin und sie wollte das machen, was die anderen Kinder gemacht haben. Sie wollte in den Bund Deutscher Mädchen und ist natürlich abgewiesen worden und war sehr betrübt, weil sie es einfach nicht verstanden hat. Theo wollte auch unbedingt in die Hitlerjugend und sagt, dass ihn das immer noch beschäftigt, dass er fast Teil des Verbrechens geworden wäre.

Jermain und Hadnet beim Dreh

Hadnet Tesfai ist die jüngste Protagonistin der ersten Staffel und wahrscheinlich auch jemand, den viele jüngere Leute eher kennen.
Hadnet gibt einen Einblick in die Medienwelt, wo die Typfrage im Vordergrund steht. Sie war länger in den USA und sie sah die Cosbys als eine normale schwarze Familie und als Vorbild. In Amerika hat sie gemerkt, dass es ganz anders ist und die Leute wenig mit ihr gemeinsam haben. Sie wird eben auch doppelt diskriminiert, erstens wegen ihrer Hautfarbe und zweitens, weil sie eine Frau ist.

Und dann gibt es auch noch eine CDU-Stadträtin aus Freiburg.
Bei Sylvie Nantcha ist interessant, wie auf politischer Ebene wegen der Hautfarbe Stimmung gemacht wird. Sie hat Morddrohungen bekommen, der Bürgermeister hat Morddrohungen bekommen, weil sie kandidiert hat. Sie ist Vollblutmutter, die für die Politik brennt und stand vor der Wahl, ob die Sicherheit ihrer Familie wichtiger ist als ihre Vorbildrolle, und sie hat versucht, Beides zu vereinen. Sie hatte für über zwei Wochen Polizeischutz.

Ihr habt ja alle eine komplett andere Geschichte. Hadnet kam mit vier aus Eritrea mit ihren Eltern nach Deutschland. Dein Vater kommt aus Jamaika. Wie siehst du den Zusammenhang?
Da kann man bei den Begrifflichkeiten anfangen. Nenne ich mich afrodeutsch? Eigentlich bin ich ein karibischer Deutscher. Aber das wird dann auch schwierig. Es geht nicht darum, ob du im Land X oder Y geboren wurdest, sondern wo du kulturell verwurzelt bist. Ich spiele Basketball und höre HipHop und trotzdem bin ich kein Amerikaner und fühle mich keiner Kultur zugehöriger als der deutschen.

Schwarzrotgold wird vom Medienboard Brandenburg, DeutschPlus und vom Auswärtigen Amt unterstützt.

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