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Musik

Selbst DEVO hat gemischte Gefühle über die Zukunft

7.7.10

Seit 20 Jahren verwirklicht Mark Mothersbaugh Filme von Wes Anderson, macht Apple Werbung, Kinder TV-Shows und Video-Spiele aber vor all dem war er Teil der Band DEVO. Sie trugen witzige Hüte, die sie „Energy Domes" nannten, schrieben  lustige Lieder übers Prügeln, und rundeten es mit verrückten Filmen ab. Die Welt verliebte sich sofort, doch plötzlich verließen sie uns. Nun aber sind sie wieder da und haben auch noch ein neues Album mitgebracht. Und weil ich wissen wollte warum ihre „Energy Domes" jetzt blau sind, zog ich los um ihn zu treffen.

Vice: Hey Mark, haben wir eigentlich schon aufgehört uns zurückzuentwickeln?

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Mark Mothersbaugh: Überhaupt nicht. Im Gegenteil, wir bewegen uns mit einer solchen Geschwindigkeit dem Abgrund entgegen dass es schon richtig Angst macht. Nicht einmal in meinen paranoidesten Zeiten in den 70er Jahren - damals als Jerry und ich noch meinten „Hey, wir glauben dass wir uns anstatt voran zu bewegen zurückentwickeln." - hätte ich gedacht dass es so schlimm wird.

Vice: Du warst doch ziemlich pro-Obama. Hat seine Präsidentschaft etwas bewirkt, diesen Trend zu verlangsamen?

Mark: Ich weiß es leider nicht, obwohl ich natürlich am liebsten Ja sagen würde, aber vielleicht hab ich mir nur ein Wunder gewünscht. Er arbeitet ja weiterhin in einem System, das von Dieben geführt wird und da macht es fast nichts aus, wer ganz oben steht. Es ist doch wie beim modernen Film. Auch sie haben sich vollkommen verändert. Jetzt sind so viele Leute involviert, dass selbst ein Regisseur vollkommen daneben liegen kann aber wegen der ganzen Instanzen und Richtlinien wird seine Person  vollkommen unwichtig, und seine Rolle ist nur noch die einer Galionsfigur. DEVO ist von Natur aus optimistisch, aber wir haben jeden Grund zur Sorge.

Wenn man sich alles einmal genauer ansieht merkt man, dass wir genau die selben Probleme haben wie vor 40 - 50 Jahren - und daraus kann man nur schließen, dass wir Menschen uns selbst überlebt haben. Wir sind an einem Punkt angelangt, der weder gut für unsere eigene Spezies ist, ganz zu schweigen von allen anderen. Ich engagiere mich für viele Schutzprojekte für aussterbende Tiere aber in Wirklichkeit weiß ich genau was passieren wird. Die Welt wird sich von Grund auf ändern und wir werden der Grund dafür sein, und für all die Eisbären und Walrösser und Elefanten und alle anderen wilden Tierarten wird ganz einfach kein Platz mehr sein.

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Die andere Möglichkeit ist, dass sich die Menschheit selber von Grund auf ändert - entweder von uns aus oder von der Natur selbst diktiert. Dann werden plötzlich alle schreien „Oh Gott was haben wir uns nur gedacht? Hier ist doch nur so viel Luft, so viel Land, und so viel Wasser." Vor allem unseren Fortpflanzungswahn sollten wir mal ein bisschen herunterschrauben. Sechs Milliarden Menschen sind toll aber nicht alle gleichzeitig. Wir sind viel zu viele für unsere Erde. Entweder merken wir das selber oder Mutter Erde wird das Problem für uns lösen und eine Milliarde mitnehmen - was sehr realistisch ist. Das Seuchenszenario ist brisanter denn je, da alles auf dieser Welt zusammenhängt. Es gibt nur noch wenige isolierte Plätze auf der Erde. Das heißt wenn die richtige Seuche kommt, dann wird sie sich ohne Probleme ausweiten, bis irgendwer herrausfindet welches Antibiotikum man benutzen muss.

Vice: Wärst du für die Kolonisierung vom Mars oder Mond damit es uns nicht alle gleichzeitig treffen kann?

Mark: Ich glaube dieser Gedanke war es auch weshalb plötzlich auch alle Intellektuellen meinten „Oh ja, wir finden schon noch einen Weg. Es gibt ja immer noch den Mond und den Mars", aber wenn man sich das mal genau anschaut, dann haben wir in der absehbaren Zukunft einfach nicht die richtige Technologie, um so was umzusetzen. Alle Weltreligionen dieser Erde pumpen unzählige Kinder auf die Welt und ermutigen ihre Anhänger - vor allem jene, die gar nichts haben und daher eher das wenige, was sie haben horten sollten - dazu auf Kinder zu zeugen als gäbe es kein morgen mehr. Und wenn es so weiter geht, dann wird es auch kein morgen geben.

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Vice: Ihr habt euer erstes Album seit 20 Jahren auf www.colbertnation.com veröffentlicht - wolltet ihr damit ein politisches Zeichen setzen?

Mark: Wir sind Fans der Sendung; und wir sind auch nicht apolitisch. Als ich Jerry zum ersten Mal traf, protestierten wir gerade gegen den Krieg in Vietnam und dachten, dass man Veränderungen damit erzwingt in dem man Schilder hochhält und lauthals brüllt. Aber wir merkten damals, dass die Rebellion eine veraltete und überholte Vorstellung war, die keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft hatte. Die Hippies aus den 60ern wurden die angesagten Kapitalisten der 70er und die nihilistischen Punks verendeten an Überdosen und verschwanden, und wir schauten uns um und realisierten, dass der einzige Weg, um was zu ändern nur durch einen kompletten Umsturz und nicht durch Rebellion zu erreichen war. Damals war ich von einer Burger King Werbung vollkommen beeinflusst und dies endete damit, dass die Worte in einem unserer Songs „Too Much Paranoia" aus dem ersten Album eben aus dieser Werbung stammen. Ich hielt immer Madison Avenue als Vorreiter dieses Umsturzes, da sie immer nur Scheiße verkauften. Wir dachten uns natürlich dass wir deren Art und Weise benutzen können, nicht unbedingt deren Methoden.

Vice: Glaubst du dass meine Generation noch Lust hat Künstler zu werden?

Mark: Ich glaube es gibt viele Gründe noch Künstler zu werden und sich vor allem eine Meinung über unsere Erde zu machen. Sogar nach 20 Jahren voll Grunge-Musik und Rap, welche den Menschen gezeigt hat, dass es weder einen Grund zum Leben gibt, noch was sie machen auch nur im entferntesten jemals von Bedeutung sein wird, gibt es viele Dinge die einem Hoffnung geben und genug Gründe die Welt zu verändern und Teil einer besseren Zukunft zu sein.

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Vergiss den ganzen Epidemie-Scheiß den ich vorher meinte und versuchen wir mal was anderes - Vielleicht müssen wir den Menschen nur neu definieren. Ich weiß, eben war noch alles negativ und die Richtung in die  unsere Welt driftet nicht gut, aber gleichzeitig sehe ich die jetzige Zeit als unglaublich aufregend und fruchtbar wenn man ein junger Künstler ist.

Als ich jung war sah ich Bands und dachte mir „Wie nimmt man ein Album auf? Wie bekomme ich einen Rekord-Deal? Was sind das alles für Dinger?" und jetzt können kleine Kinder schon Musik auf ihren Handys aufnehmen - ist doch unglaublich aufregend jetzt zu leben. Ich habe vor kurzem einen Rekord-Deal mit einer Firma abgeschlossen, und das ist etwas was ich mir vor drei Jahren nie im Leben hätte vorstellen können. Wir wurden überredet als wir mit ihnen sprachen und sie meinten „ Wir sind entweder in fünf Jahren weg oder wir schaffen es uns komplett neu zu erfinden um wieder relevant zu sein", dass heißt sie waren offen für Vorschläge und Anregungen. Sie fragten uns „Was können wir tun?" und ich meinte nur „Das hört sich doch schon viel lustiger an als beim ersten Mal als die nur meinten 'So läuft das hier alles; so und nicht anders werdet ihr das machen, und hau ab mit deinen Ideen über Broadway oder irgendwelchen Kunst Projekten oder Kunst Bücher. Macht einfach nur einen Hit."

Vice: Welche revolutionären Gedanken behandelst du in deinem Album?

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Mark: Eigentlich nur anstatt von Warner Brothers geleitet zu werden, eine kleine Werbefirma zu beschäftigen. Ich finde das schon eine ziemlich große Sache. Wir haben viel mit Fokusgruppen gemacht, was auch der Grund ist warum unsere „Energy Domes" jetzt blau sind; das wurde von eben diesen Gruppen entschieden. Vor 30 Jahren wäre es undenkbar so etwas zu machen, da wir uns auch vollkommen missverstanden fühlten. Die Presse hat es damals einfach nicht kapiert. Bei unserem ersten Album kam Rolling Stones und sagte Dinge wie „…und da gibt es sogar zwei Lieder auf dem Album ohne Gitarre. Und dass soll Rock'n Roll sein?" Unser zweites Album wurde dafür kritisiert, dass wir eine Drum Machine benutzt hatten und deshalb wurden wir sehr schnell sehr  misstrauisch und distanziert, und das ist auch der Grund warum wir unsere eigenen Filme machten.

Jahre später als der Triumphzug von MTV begann, gab es Bands wie Rod Stewart und Nirvana, die keine Ahnung hatten was sie machen sollten, und die vollkommen bevormundet von ihren Plattenfirmen plötzlich mit fremden Filmregisseuren zusammengebracht wurden und die Band würde irgendetwas von einem Pferd murmeln und sofort wäre die Antwort „OK, dann bekommt ihr ein Pferd". Sie zahlten dann immense Summen für dämliche Videos,  inklusive schwachsinniger Babyfotos für Plattenfirmen. Alles war vollkommen substanzlos und hatte nichts damit zu tun was wir uns unter Klang und Bild vorstellten.

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Jede Vorhersage von uns war vollkommen richtig, wie die zum Beispiel als wir in den 70er Jahren meinten, dass das Musikfernsehen alles ändern würde. Es stimmte zwar nicht zu 100%, da wir auch meinten, dass es den Rock'n Roll abschaffen würde, aber der Rest war richtig. Ich dachte mir damals dass „Rock'n Roll ist am Ende und nun wird mit Hilfe von Klang und Bild eine komplett neue Welt und Definition von Pop-Musik und Pop-Kunst gestaltet." Dies wäre das Ende aller Gitarrenbands. Doch die Realität sah anders aus, da eben diese Gitarrenbands sie selben Werbefirmen benutzen um sich neu zu definieren; eben mit Hilfe von ihren eigenen Babyfotos, und nur so schafften sie es zu überleben.

Vice: Was hältst du von den Musikvideos heutzutage? Wie findest du Lady Gaga?

Mark: Nicht besonders beeindruckend. Aber ich mag Lady Gaga, obwohl ich sie am Anfang nicht ausstehen konnte, aber nachdem ich sie traf und eine ihrer Shows live gesehen hatte dachte ich mir „Naja, sie ist zwar noch jung, hat aber Talent; sie spielt das Klavier, singt selber, und schreibt alle ihre Lieder selber." Sie ist jetzt nicht mit David Bowie zu vergleichen als er 22 war aber sie hat ziemliches Talent und sie ist umzingelt von Leuten die sie in die richtige Richtung schieben. Sie ist natürlich mehr eine Marke als eine Künstlerin, und ihre Plattenfirma weiß dass auch und will mehr Geld durch sie machen, aber gleichzeitig geben sie ihr auch richtig gute Filmproduzenten an die Seite und ihre Bühnenshow ist fantastisch. Jetzt kommt es aber darauf an wie sie weitermacht. Mit 30 wird Lady Gaga entweder verbraucht, verdroget, ein Arsch, oder ein großartiger Künstler sein. Und ich hoffe dass ihr Vermächtnis das einer erfolgreichen Musikerin sein wird.

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Vice: In welche Richtung werden sich deine neuen „Musikfilme" bewegen?

Mark: Das was meiner Vorstellung von Klang und Bild am nächsten kommt ist YouTube. Es macht Projekte wie Michael Jacksons „Thriller" überflüssig. Es müssen keine unglaublichen 150 Millionen ausgegeben werden, die besten Regisseure angeheuert werden, und tausend Leute auf den Sets rumlaufen um Erfolg zu haben. All das Geld und Equipment ist natürlich toll und aufregend und die Videos sind gut und so weiter, aber ich finde es viel cooler und aufregender, wenn man die Leute sieht die nur mit einer kleinen Kamera eine richtig originelle und spannende Idee umsetzten und plötzlich 600,000 Treffer die Woche haben. Das ist noch echte Kunst, die ohne all dieses Geld und Marketing auskommt sondern sich nur durch wahre Originalität auszeichnet. YouTube ist sogar in der Hinsicht besser als Madison Avenue, und dafür liebe ich es.

Vice:  Heißt dass jetzt, dass man von dir nur noch schlichte Arbeiten erwarten kann, ohne große Regisseure?

Mark: Naja, alles was wir zuletzt mit Mother gemacht haben - wir erschaffen eine „unreale Realität" in unserer Show - ist unglaublich. Ich glaub dass einzig reale was da noch ist sind wir. Es wird übers Internet rauskommen, was mich auch freut, denn ich habe das Gefühl dass wir zur Zeit richtige Kunst machen und das macht mir richtig Spaß. Du brauchst nicht John Landis oder eine viertel Millionen um ein gutes Video zu machen. Du brauchst nur eine Idee, und dann liegt es an deinem Talent und an deiner Kreativität, was du damit machst. Heutzutage gibt es einen unglaublichen Hunger nach neuen und interessanten Dingen im Internet, dass zwar vollgepackt ist mit Müll, aber immer und zur jederzeit die Möglichkeit eröffnet, etwas besonderes und spezielles zu finden. Und wenn so etwas gefunden wird, dann weiß es in kürzester Zeit jeder.

Ich finde nicht dass die besonderen Sachen im Internet geheim sind. Das Beste wird auch sofort weitergeschickt und das macht es auch in meinen Augen zu einem der wichtigsten Errungenschaften in unserer Zeit. Es ist das, was wahrer Demokratie je am nächsten war. Jetzt müssen wir nur noch darauf warten dass irgendein Land jeden einzelnen Satelliten mit Lasern abschießt und dann wird keiner von uns noch irgendwelche Photos, jedwede Manuskripte oder Geschriebenes, oder sonstigen Sachen haben und alles wird für immer verloren sein. Aber bis das passiert können wir uns alle noch gemütlich YouTube reinziehen.

www.clubdevo.com