Fotos

Die Heiterkeit und Ethik der Besoffenenfotografie

Auf seinem Instagram-Account zeigt Thom O'Brien, wie normal es in Tokio ist, sturzbesoffen auf der Straße einzuschlafen. Uns erzählt er, wie er seine Arbeit moralisch rechtfertigt.

von Thom O'Brien
07 Juni 2016, 10:22am

Japan hat doch einen ziemlich guten Ruf als hochentwickeltes und kultiviertes Land. Dieser Umstand erklärt wohl auch, warum so viele Touristen dort dann überrascht sind, wie locker damit umgegangen wird, wenn jemand in der Öffentlichkeit einschläft. Und es könnte auch ein Grund dafür sein, warum der Instagram-Account @shibuyameltdown gerade an Fahrt gewinnt.

Die dort zu sehenden Fotos zeigen das partywütige Volk des Tokioer Stadtbezirks Shibuya in verschiedenen Trunkenheitszuständen. Der Kopf hinter dem Account ist dabei Thom O'Brien—ein aus Australien stammender und nun in Tokio lebender Modedesigner, der besagte Fotos anfangs noch zu seinem eigenen Vergnügen gemacht hat. In Australien ist es auch kaum möglich, in der Öffentlichkeit aufgrund des übermäßigen Alkoholkonsums einzuschlafen, ohne danach ausgeraubt, zusammengeschlagen oder festgenommen zu werden. Japans Instagram-Gemeinde ist nun auch auf @shibuyameltdown aufmerksam geworden und das Feedback scheint dabei durchweg positiv zu sein.

Wir haben uns mit Thom O'Brien über die Moral und den Spaß beim Fotografieren von sturzbetrunkenen Menschen unterhalten.

VICE: Machst du das Ganze, weil betrunkene Menschen so lustig sind?
Thom O'Brien: Ja, aus irgendeinem Grund ist das doch die witzigste Sache der Welt. Die User taggen in den Kommentaren auch immer irgendwelche Freunde und schreiben dazu so Sachen wie etwa "Gib dir das". Irgendwie gehört diese Trunkenheit in Japan aber auch schon zum Alltag dazu.

Das heißt, dort ist es normal und legal, in der Öffentlichkeit so betrunken zu sein, dass man irgendwann einschläft?
Richtig. Ich glaube, dass der Alkohol für viele gestresste Geschäftsmänner dort eine Art Ventil darstellt. Und die letzten Züge fahren um Mitternacht. Wenn man also nicht mehr nach Hause kommt und schon rotzevoll ist, dann schläft man einfach irgendwo—egal ob nun in einem Club, in einer Bar oder in einem Restaurant. Deshalb ist das Ganze hier auch so normal. Wenn man nachts zum Beispiel in irgendeine Fastfood-Filiale geht, dann schläft dort die Hälfte der Kunden und niemand wird dazu aufgefordert zu gehen. Hier arbeiten die Leute einfach so viel, dass sie jede Gelegenheit nutzen, um mal kurz die Augen zuzumachen. So habe ich in der U-Bahn auch schon Typen gesehen, die sich irgendwo festgehalten und dann einfach im Stehen geschlafen haben. Die sind natürlich nicht betrunken, sondern ruhen sich einfach nur ein wenig aus. Ich glaube, dass die japanischen Büroarbeiter maximal vier oder fünf Stunden pro Nacht schlafen. Diese ganze Kultur hier ist einfach unglaublich geschäftig.

Die meisten deiner Instagram-Motive sind aber schon betrunken, oder?
Ja, die meisten sind wirklich sturzbesoffen. Es muss sich auch entweder um Partygänger oder Geschäftsmänner handeln. Obdachlose würde ich zum Beispiel nie fotografieren. Am meisten Glück habe ich immer in der Nähe irgendwelcher All-You-Can-Drink-Bars: Dort finde ich eigentlich immer irgendjemanden, der sich die Seele aus dem Leib kotzt oder eingeschlafen ist. Ich weiß aber gar nicht, was ich mit den ganzen Fotos überhaupt machen soll. Der Account dient eher als eine Art Datenbank.

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Bekommst du auch Fotos zugeschickt?
Ja, das kommt auch schon mal vor. Ich finde das sogar ganz gut, weil ich ja nicht ständig unterwegs sein kann, weißt du? Erst letzte Woche hat auch irgendein berühmter Japaner etwas zu meinem Account getwittert und das Ganze ist viral gegangen. So habe ich an einem Tag gut 800 neue Follower hinzugewonnen.

War der Tweet denn positiv?
Ja! Er hat einfach nur so etwas nach dem Motto "Schaut euch diesen Account an, echt witzig!" geschrieben. Die meisten meiner Follower kommen aus der ganzen Welt, aber die ganzen neuen stammen aus Japan.

Verdienst du durch deinen Account irgendwie Geld?
Nein, gar nichts. Das ist einfach nur ein Phänomen, das man so sonst nirgendwo auf der Welt sieht. Und genau das finde ich interessant. Es ist sogar schon so weit gekommen, dass ich mich nach einer Party immer erstmal aufs Rad schwinge und schaue, was so los ist. Motive gibt es zuhauf, aber inzwischen muss das Foto schon irgendwie besonders oder auffällig sein—zum Beispiel durch Erbrochenes oder eine außergewöhnliche Schlafposition.

Findest du es moralisch vertretbar, Menschen in einem solchen Zustand abzulichten?
Auf jeden Fall. Auch ich bin da schon mehrfach Opfer geworden. Wenn ich eine Einwegkamera benutze, dann wachen die Leute durch den Blitz häufig auf und sind dann ziemlich sauer. Wenn sie noch herumkriechen oder kotzen, dann wissen sie ja auch, was da gerade abgeht. Natürlich schmeckt ihnen das nicht und oftmals fordern mich ihre Freunde dazu auf, die Kamera wegzupacken.

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Wie rechtfertigst du dann dein Handeln, wenn die Leute nicht damit einverstanden sind?
Meiner Meinung nach ist das Ganze legitim, weil es ja auf offener Straße stattfindet.

Was hältst du persönlich von diesem Aspekt der japanischen Kultur?
Ich finde das gar nicht wirklich schlimm. Außerdem glaube ich nicht, dass das irgendwo anders auf der Welt so funktionieren würde, weil sofort irgendjemand da wäre, um dich auszurauben. Ich meine, ich sehe hier schlafende Leute, denen das iPhone oder der Geldbeutel aus der offenen Tasche ragt. Und trotzdem lässt man sie in Ruhe.

Das Interview führte Mimi LaMontagne.