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Edward Colver ist mehr Punkrock als ihr alle zusammen

In den späten Siebzigern wurde in LA der Punkrock geboren, der Fotograf Ed Colver war am Puls der Zeit und hat das Beste aus der Situation heraus geholt und jeden Moment mit seiner Kamera dokumentiert.
21.1.11

In den späten Siebzigern wurde in LA der Punkrock geboren, der Fotograf Ed Colver war am Puls der Zeit und hat das beste aus der Situation heraus geholt und jeden Moment mit seiner Kamera dokumentiert. Während eines Zeitraums von fünf Jahren schnappte er sich seine kampferprobte 35MM Kamera, einen körnigen B&W Tri-X Film und verbrachte seine gesammte Zeit auf den Punk-Shows der Stadt. So entstand eine visuelle Darstellung der Entwicklung einer Musikrichtung. Shootings von The Adolescents, Wasted Youth, The Circle Jerks, Black Flag, Bad Religion, bis hin zu den Dead Kennedys und vielen, vielen anderen. Die Fotos von Colvert fand man überall, auf Covern, T-Shirts, Flyern, Postern, Magazinen und Fanzeitschriften. Egal auf welches Punkrock-Konzert du heute gehen würdest, ein kleiner Rebell hat auf jeden Fall ein Shirt an, mit einem Ed Colvert Foto drauf.

Heute ist er 61 Jahre alt. Dünn und schlacksig, für Colver ist alles Punkrock. Wir trafen ihn in seinem 100 Jahre alten California Craftsman Bungalow, welches mit lauter schönen Dingen gefüllt ist, abstrakte Antiquitäten, Kunst und Bücher mit schwer verständlichen Titeln. Colvers Zuhause erinnert stark an das Adams Family Haus, mit einem einäugigen Hund, einer riesigen Wüstenschildkröte und einem sprechenden Papagei.

VICE: Welche Musik hast du als Teenager gehört?

Edward Colver: Ich mochte schon immer das Underground-Zeug, welches durch die Mainstream Acts immer etwas unter ging. Ich sagte immer das Yoko Ono das beste an den Beatles war. Ihre früheren Sachen mit John Cage waren großartig.

Wann hast du Musik und Fotografie miteinander verbunden?

In den frühen 60er Jahren habe ich eine Menge britischer Bands gehört und ich wusste ihr Blues war für viele eine große Inspiration. Viele dieser UK Bands haben  grauenvolle Versionen draus gebastelt. Heutzutage wissen das die Kids gar nicht mehr, doch ich wusste das schon ziemlich früh. Meistens fand ich nur das erste Album solcher Bands interessant, danach verlor ich meist meine Begeisterung. Es ist ein wenig seltsam... Meistens packen Bands ihre ganze Energie in ihr erstes Album, später können sie das meist nicht wiederholen. The Pretty Things sind eine meiner Favoriten. Ich mag auch die frühen Who, The Zombies. Die psychedeliche Musik stand in den Startlöchern. Ich sah diese Bands in den späten Sechzigern. 1996 sah ich The Mothers. Ich kenne niemanden, der das von sich behaupten kann. Ich sah auch Captain Beefheart. Ihn mochte ich sehr.

Wie wurde dein erstes Foto veröffentlicht?

Drei Monate nachdem ich mit dem Fotografieren angefangen habe, zeigten Freunde von mir die Bilder Blair Jackson und Reagan McMahon vom BAM Magazin. Sie schauten sich meine Fotos an und fragte mich, ob man sie verwenden könnte. Ich dachte mir, hey das ist doch cool. Damit fing alles an und ich schaute nie zurück. Ich habe nie gedacht, dass ein Fotograf aus mir wird.

Zwischen dem Jahr 1978 und 1983 warst du auf über 1.000 Shows.

Ich war fünf Nächte die Woche, fünf Jahre lang unterwegs. Und das waren nur Punk-Shows, keine Rock-Sachen.

Warum bist du zu den Punkshows gegangen, weil du die Musik gut fandest?

Ja. Es war großartig. Das ging damals gegen die typischen Musik-Sachen. Diese Live Shows, die waren etwas echtes. Diese Energie kann man nicht einfangen und auf Vinyl pressen. Zu diesem Zeitpunkt, war die Punk-Szene noch sehr klein. 1978 gab es in LA ca. 200 Punk Kids, da war es noch leicht, der Gruppe beizutreten. Zwei Jahre später gab es schon deutlich mehr Bands, der Punk entwickelte sich, es war eine große beschissene Familie. Jeder kannte jeden. Auch wenn sie meinen Namen nicht kannten, wussten sie, das ich der Fotograf war. Die Kids, die in den Bands spielten sahen mich auf jeder Show. Ich war allgegenwärtig. Damals gab es noch keine VIP-Bereiche oder Presseausweise. Man genoss einfach zusammen die Musik. Das live fotografieren beendete ich dann 1983. Zwei Jahre später machte ich noch etwas für REM. Diese Aufgabe hat mich nicht mehr befriedigt. Auch wenn es immer noch chaotisch ist, heißt es noch lange nicht, dass es auch interssant ist. Es gibt keinen Underground mehr, nirgendwo.

Warst du so ein Punk, wie es die Kids damals waren?

Dafür gibt es keinen Abschluss den man absolvieren muss. Ich war älter als die meisten Jungs und habe schon viel erlebt. Mit 29 Jahren fing ich an Punkshows zu fotografieren. Zu dieser Zeit bestanden die Punk-Bands aus Kids oder Teenagern. Es gabe eine Band, die nannte sich Symbol Six. Die Jungs waren 15, dass heißt ich war doppelt so alt. Die waren wirklich so jung. Ich hab sie aufwachsen sehen und bin mit vielen noch heute befreundet.

Wie entwickelte sich die Szene in den späten Siebzigern?

Auf jeden Fall sehr prägend. Hätte ich damals gewusst, wie wichtig die Phase ist, hätte ich doppelt so viele Fotos geschossen. Unglaublich, wie sich die populäre Kultur damals entwickelt hat. Mein Stage-Dive-Bild ist zu einem Symbol des 20igsten Jahundert geworden. Die Kinder wollten alle fliegen, fliegen von der Bühne.

Du hast damals nicht gewusst, welchen großen Einfluss deine Arbeit haben wird.

Nein, nicht mal annähernd. Es war nur eine kleine Underground Szene. Natürlich hatten Blag Flag 1983 ein Konzert vor 300 Kids, aber niemand hat geahnt, das dies mal ein historischer Moment seinwird. Ich liebe den Fakt, dass ich diese Jungs alle für ihr erste Album-Cover fotografieren konnte. Das erste Cover von The Circle Jerks war auch mein Werk – Gruppen Sex, jeder fand es gut. Solche Bands gucken nicht in ein Telefonbuch, wenn sie einen Fotografen suchen. Da muss man präsent sein, damit sie fragen können: „Hey kannst du uns fotografieren?“ Das mochte ich an meinem Job besonders. Ich habe 33 Jahre als Fotograf gearbeitet und nie eine Telefonliste geführt.

Du konntest wirklich das Feeling von einem Tag einfangen. Wussten die Bands was sie dir zu verdanken haben, hast du Respekt bekommen?

Ja, besonders die Hardcoreszene hat mir oft das Gefühl gegeben. Die erste Welle entwickelte sich aus der Punk-Szene der späten Siebziger – Fear, T.S.O.L, Wasted Youth. Ich erinnere mich an das „Flip“ Foto, welches ich bei einem Wasted Youth Gig geschossen habe. Ich rief Danny an und erzählt ihm von diesem großartigen Bild, denn der Typ hatte einen Wasted Youth-Aufnäher auf seiner Jeans. Der Typ hieß Chuck Burke und war Skater.

Das klingt nach sehr intensiven Freundschaften mit den Bands.

Ich habe meine gesammte Freizeit mit diesen Typen verbracht. Viele der Jungs habe ich mehrmals die Woche gesehen. Einge traf man auf jeder Show wieder, egal zu welcher Zeit. Ich mochte diese Zeit, es fühlte sich wie eine große Party, die nie enden wird.

Habt ihr auch außerhalb von Konzerten Zeit miteinander verbracht?

Mit den Jungs von T.S.O.L., Christian Death, DI, Adolescents und Social Distortion verbrachte ich viel Zeit. Einmal habe ich T.S.O.L. in einem Teppich aus Öl und brennenden Zeitschriften fotografiert. Ich dachte mir, dass kann niemals gut gehen. Glücklicherweise gab es keine Brandopfer.

Hast du ein paar gute Stories über The Red Hot Chili Peppers, Black Flag, etc.? Hast du schon realisiert das die Chili Peppers und Social Distortion heute noch ganz groß sind?

Ich kannte Flea von FEAR bevor er mit den Chili Peppers anfing. Ich habe auch eine Begründung warum sie heute noch erfolgreich sind...Und natürlich dürfen wir Bad Religion nicht vergessen.

Siehst du in Jungs wie Flea oder Henry Rollins etwas besonderes?

Flea war ein unglaublicher Bassspieler, ich finde es schräg, dass er sein Talent so verschwendet hat. Er war unglaublich. Als die Peppers anfingen war es Punk-Funk, sie haben gerockt. Heute mache sie einfach langweilige Songs und Balladen. Das habe ich nie verstanden. Black Flag waren immer großartig. Ihr Frontmann Henry war einfach gut. Ich fotografierte ihre erste Show in Orange County.

Hast du jemals The Germs live gesehen?

Ich sah The Derby Crash Band, aber nicht The Germs und ich weiss gar nicht warum. Ich sah auch nie The Cramps.

Was war mit Darby Crash?

Ich machte ein paar Bilder von ihm. Er sagte immer „hol mir ein Bier!“ Ich glaube er war damals 17 oder 18 Jahre alt, als er diese Lieder schrieb. Ross Williams von Christian Death schrieb seine ersten Lieder mit 17. Es ist sehr beeindruckend für einen Teenager. Sie sind beide schon vor einiger Zeit gestorben. Viele dieser Kids sterben früh. Ich glaube fast jeder Teeny in meinem Buch ist bereits gestorben.

Warum ist das so?

Einer starb bei einem Unfall mit seinem Fahrrad, einer hatte ein Aneurysma, schlechter Lebensstil, Drogen, Überdosis solche Sachen halt. Mir haben viele von den ganzen Drogen in der Punkszene erzählt... Ich hab nie welche gesehen und ich war eigentlich immer dabei. Acid war wohl sehr beliebt und verbreitet, witztig das ich nie etwas davon mitbekommen habe.

Haben dich die Bands als ein festes Mitglied gesehen?

Der Lehrer in meiner Fotografie-Klasse hat mich nie beachtet, doch als er meine Bilder sah mussten alle da bleiben und sie ansehen. Er wusste nicht das es meine waren. „Die kommen von einem Insider. Die Jungs kennen ihn und verstehen sich gut mit ihm. Niemand von euch kann solche Bilder machen.“ Ich konnte mein Ding durchziehn und niemand störte mich.

Hast du irgendwelche besonderen Beziehungen zu jemandem oder einer Band?

Ich finde jeden Freundschaft wichtig. Casey Royer von D.I. und The Adolescents waren immer wichtig für mich. Jello Biafra von den Dead Kennedys ist ein Genie und ich schätze seine Arbeit. Er setzte mich auf die Gästeliste seiner letzten Show und danach redeten wir ein wenig zusammen. „Machst du noch Fotos?“ Ich sagte Nein. „Du hast deine Kamera nicht mitgebracht?“ Ich weis nicht so recht was er von mit wollte. Vor 30 Jahren habe ich ihn in Aktion fotografiert. Damal war das wirklich witzig, da haben die Bilder einfach für sich gesprochen.

Für dich endete die Live-Fotografie im Jahr 1983?

Meiner Meinung nach war das, das Ende der Punkszene. Danach fingen all diese Trash Bands an... Laute, schnelle und widerliche Bands ohne jedes Talent. Dadurch verlor ich jedes Interesse. Ich hatte genaug davon und ich hatte alles getan. Danach habe ich für IRS Records gearbeitet. Und Bands wie Wall Of Voodoo, Lords of the New Church und REM fotogrofiert.

Arbeitest du heute noch mit Bands wie Bad Religion oder Social Distortion?

Die Lizenzen für die Shirts und so Zeug sind immer noch sehr lukrativ für mich. Aber ich habe seit vielen Jahren nicht mehr für sie fotografiert. Ich bin etwas Müde geworden. Hauptsächlich fotografiere ich Aufnahmestudios und Post-Production-Einrichtungen mit einer 4x5 Kamera und das genieße ich. Es ist langsam und ich habe nichts dagegen. Die Leute kennen meine Arbeit und wollen sich keinen neuen suchen.

Ich habe gelesen das du seit mehrern Jahren kein TV mehr schaust. Wie lange denn genau?

Ich glaube seit Mitte der 80er. TV ist teuflisch. Da kommt der ganze Kommerz her. Ich toleriere das nicht. Ich lese die Tageszeitung jeden Tag.

Fotos: Jeff Bender