Damit ihr nicht gleich wieder übermütig werdet, jetzt, wo diese opportunistische Schlampe von Sonne sich aufspielt, als hätte es die letzten vier Monate nicht gegeben, hier eine Geschichte von sibirischer Kälte. Andy Winter (nicht zu verwechseln mit dem Schlagzeuger) war mit seinem Freund Roland Prokein am kältesten Ort der Erde (entgegen anderslautender Gerüchte nicht das Herz deiner großen Liebe) und begegnete dort einem Typen, den das Schicksal so hart gefickt hat, dass die bloße Tatsache seiner Existenz JEDES eurer Probleme dagegen zur absoluten Lächerlichkeit degradiert …Hey Andy, was wolltet ihr überhaupt am kältesten Ort der Erde?Ein Freund von mir, Roland, und ich, wir haben immer unsere Reisen gemacht, unabhängig voneinander. Als ich das erste Mal in Russland war, in Sibirien, war ich in der Region schonmal. Ich habs aber nicht geschafft, weiter vorzudringen, tiefer rein in die Kälte zu fahren. Dann bin ich nach Vladivostock getrampt, aber ich konnte das nicht vergessen, da oben, ich wollte da immer nochmal hin. Auf die Straße des Todes, in das Gebirge …Straße des Todes?Sie heißt Kolyma-Trasse oder Straße des Todes–aus zweierlei Gründen. Zum einen sind dort viele Häftlinge umgekommen. Die Straße wurde in den 40iger Jahren von Stalins Häftlingen gebaut. Sie erstreckt sich 2000 Kilometer bis nach Magadan. Die andere Seite ist, dass dort viele Autofahrer ums Leben kommen, in Schluchten stürzen, oder, wenn das Auto kaputt geht, einen trinken und im Auto erfrieren. Besonders LKW-Fahrer. Es gibt keine Zugverbindung mehr, dort oben, darum brauchen sie die Straße. Sie ist von provisorischen Grabsteinen gesäumt.
Wir dachten, das sei die "Straße des Todes", wurden aber aufgeklärt, dass sie's nicht ist–was ihr hier seht, ist im Vergleich zur Kolyma-Trasse ein Luxushighway.OK, und an diesen zauberhaften Ort wolltest du gerne zurück.Ja. Sowohl mich als auch Roland hat das nicht losgelassen, und dann sind wir zusammen hingefahren.Zum kältesten Ort der Welt?Genau. Das Dorf heißt Oimjakon. Die kälteste Temperatur, die dort gemessen wurde, waren minus 71,2 Grad Celsius in den Zwanzigern.MINUS 71,2 Grad? Scheiße, das ist echt ganz schön kalt.Ja. Auf dem Rückweg ist uns der LKW kaputt gegangen, und wir mussten in einem anderen Dorf haltmachen, und die sagten uns: hier ist es noch kälter. Dort trafen wir auch Polikari.Kälter als minus 71 Grad?Normalerweise ist es dort allgemein "nur" so zwischen minus 50 und minus 60 Grad kalt.Hier jammern die Leute an der Bushaltestelle schon bei läppischen minus 5 Grad.Insert "Frühlingsgefühle" here.Dort habt ihr also diesen Mann, Polikari, kennengelernt?Ja. Er war Förster dort. Wir haben ihm damals unseren LKW verkauft, er wollte ihn unbedingt haben, für die Jagd und so, und wir hätten es nicht mehr geschafft, ihn mitzunehmen, weil unser Visum ablief.Wie lebte er dort?Er hat eine Familie, zwei Kinder–aber nach fünf Jahren, als wir wieder hinfuhren–wir haben uns nicht angemeldet, das macht man in Sibirien nicht; die Leute erinnern sich an dich und heißen dich immer willkommen–saß er da zusammengekauert in der Ecke und hat telefoniert. Ich wollte ihn begrüßen, und er reicht mir seinen Arm hin. Ich will ihm die Hand geben, und sehe - an seinem Arm ist gar keine Hand mehr dran. Den anderen Arm hebt er, um Ronald zu grüßen, und will winken, und ich sehe - da ist auch keine Hand dran.Scheiße.Wir waren echt geschockt und setzten uns hin. Seine Frau war auch weg. Sie ist vor zwei Jahren schon in die Stadt gezogen.Wie ist das passiert?Erst habe ich gedacht, er ist in eine Kreissäge gekommen. doch dann hat er erzählt, dass er mit einem Motorschlitten - Buran - auf die Jagd gefahren war und dann in einen See eingebrochen ist. 25 Kilometer von zuhause weg. Im Eis. Der Motorschlitten ist auf den Grund gesunken und er konnte sich kaum aus dem Eisloch retten. Nicht die Traumsituation bei minus 50 Grad. Nein. Er musste nach Hause laufen und hat für den Weg mehrere Stunden gebraucht. Ein normaler Fußgänger hat so 4 Kilometer die Stunde, und wenn man dann noch angeschlagen ist…
Die Wasserleitungen in Jakutsk werden überirdisch verlegt, weil der Boden permanent gefroren ist.Vor allen Dingen nass - das gefriert doch alles sofort?Ja. Wir nehmen an, dass er etwas getrunken hatte - da spürst du die Kälte nicht so. Als er zuhause war, konnte er nur noch mit den Füßen gegen die Tür treten - um sich bemerkbar zu machen. Anklopfen konnte er nicht mehr, seine Hände fühlten sich schon an wie Metall. Sie fuhren ihn mit dem Jeep ins Krankenhaus, doch die konnten ihm nicht helfen, weil sie da keine Arzneimittel hatten. Darum mussten sie ihn neunhundert Kilometer in die größere Stadt fahren. Das hat ungefähr anderthalb Tage gedauert. Es gibt da ja keine Autobahn, sondern nur Piste. Dort angekommen, konnten sie ihm die Hände nur noch abnehmen.Ist es möglich, in Sibirien ohne Hände zu leben?Eigentlich nicht. Die Leute da sind beispielsweise ständig damit beschäftigt, Holz zu hacken. Du kannst ja nicht einfach die Heizung aufdrehen. Du musst Eisblöcke aus dem See schneiden und sie nach hause schaffen, damit du Trinkwasser hast. Und er kann nichts machen, verdammt, wenn du keine Hände hast, kannst du dir noch nichtmal den Arsch abwischen.An diesem Tag erzählte ihnen ein Einheimischer, dass es nur minus 40 Grad, also eigentlich "ziemlich warm" sei.Wie überlebt er?Sein Onkel hat immer auf ihn aufgepasst, aber als wir jetzt im Sommer da waren, war er ganz alleine da. Es kommt ab und zu mal jemand aus dem Dorf vobei, der ihn ein paar Sachen und etwas zu essen bringt, aber er total frustiert, hing seit Wochen nur an der Flasche. Die er nicht mehr selbst öffnen kann. Er rief immer "Schenkt mir noch einen ein! Einen noch!"Konntet ihr irgendetwas tun?Nicht wirklich–hier hätte der Staat schon eingegriffen, die Versicherung hätte gezahlt, er hätte Prothesen gekriegt oder irgendwas - das gibt es dort alles nicht. Wir hätten ihn mitgenommen, aber er ist dort geboren, lebt seit Ewgkeiten in diesem Dorf. Er will nicht weg. Das ist da so. Die europäischen Russen, die sind anders drauf, die gehen dann auch mal nach Odessa oder so, aber wer in Sibirien geboren ist, der bleibt da.
No man's an island - all women are tents.TEXT: JULIANE LIEBERTFOTOS: ROLAND PROKEIN UND ANDY WINTER
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