Stuff

Sechs Dinge, die ich beim Theaterstück über Pornosucht gelernt habe

Zum Beispiel, dass Pornosucht wie Heroinabhängigkeit funktioniert.
9.11.16

Foto: pornosüchtig.de

YouPorn, PornHub, stöhnende nackte Frauen als Projektion auf der Bühne—so fängt es an, und so habe ich mir Pornosüchtig im Berliner Admiralspalast vorgestellt. Die Erwartungen, die die Veranstalter im Vorfeld weckten, waren groß: Mich würde der "Broadway Comedy Hit" erwarten, verkündete die Einladung: "10 Jahre ausverkauftes Haus in New York, jetzt live in Berlin. Eine Show, die man sehen sollte." Und am Ende sollte sich die große Frage klären: "Wann ist der Mann ein Mann?" Ich, als 23-jähriger Mann und durchschnittlicher Porno-Konsument, hoffte also nicht nur, eineinhalb Stunden gut unterhalten zu werden. Nein, am Ende könnte mich das Stück noch etwas über Männlichkeit lehren.

Pornosucht

Anzeige

finde ich sehr spannend: Das Internet macht es möglich, dass wir im Jahr 2016 innerhalb weniger Stunden mehr medial vermittelte nackte Haut zu sehen bekommen könnten als Menschen im 19. Jahrhundert in ihrem ganzen Leben. Anders als in den USA bekommt Pornosucht in Deutschland noch relativ wenig Aufmerksamkeit. Wie viele Menschen hier pornosüchtig sind, weiß man nicht genau. Aber Deutschland gilt nach den USA als zweitgrößter Pornografiemarkt der Welt, monatlich erscheinen in Deutschland über tausend neue Porno-DVDs. Laut dem

Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft

(DIJG) ist "Sex" das Wort, das am häufigsten bei der Internetsuche eingegeben wird. Das DIJG schreibt, dass sich 42,7 Prozent aller Internetnutzer pornografische Seiten ansehen, 90 Prozent aller acht- bis sechzehnjährigen Kinder haben sich schon Pornos im Netz angeguckt.

Ein hochaktuelles Thema also, und endlich gab es ein Stück, dass das unterhaltsam aufbereitet. Der Vorhang ging auf, meine Erwartungen waren riesig.

Doch dann begann die Vorstellung

Foto: pornosüchtig.de

Im kleinen Raum des Berliner Admiralspalast ist nur die Hälfte der Stühle besetzt und die Geschichte ist wirr und nicht besonders originell. Die Handlung ist schnell umrissen: Der elfjährige Michael findet im Keller die Pornosammlung seines Vaters und wird "pornosüchtig", das heißt, er konsumiert mehrere Stunden pro Tag Schmuddelfilmchen, über Jahre hinweg. Das verändert sein Frauenbild derart, dass er Frauen nur noch als Dolly Busters und Gina Wilds wahrnehmen kann. Erst als er die Lady seines Lebens heiratet, kommt er endlich über seine Pornosucht hinweg.

Die Witze sind recht platt. Aber wenn der Protagonist die Titel von Filmchen wie Dornmöschen, Es riecht nach Pipi im Taka-Tuka-Land und Sklave Pumuckl und der geile Meister Leder ausruft, muss ich trotzdem lachen—was mehr über meinen spätpubertären Humor aussagt als über die Qualität der Wortspiele. Und nach der Pause erinnert die One-Man-Show eher an Mario Barth als an gesellschaftsrelevante Satire. Der Schluss ist zu rührselig: Die Geburt seiner Tochter heilt den Protagonisten von seiner Pornosucht. Aber die anderthalb Stunden meines Lebens waren nicht vollkommen verschwendet: Der Hauptdarsteller Cyrill Berndt spielte nicht außergewöhnlich, aber doch mit einer darstellerischen Leidenschaft, die mich an irgendeiner Faser meines Herzens berührte. Und am Ende habe ich sogar etwas gelernt.

1. Pornosucht funktioniert genauso wie Drogenabhängigkeit

Michael entdeckt mit elf die Kiste mit Schwanz der Vampire und Vier Fäuste für Julia. Pornos begleiten ihn seitdem durch das Leben. Er ist viel allein zu Hause und macht es sich im Keller mit seiner täglichen Dosis Dolly Buster und Taschentüchern gemütlich.

Die Filmchen liefern ihm berauschende Glücksmomente, an die er sich gewöhnt. So funktioniert Pornosucht, steht auf der Seite porno-sucht.com: Das Glückshormon Dopamin wird ausgeschüttet, wenn er die nackten Frauen sieht. Sein Körper flippt aus und signalisiert ihm: ran da, fortpflanzen! Im Nachhinein fühlt sich dann alles leer an, das Dopamin ist verschwunden. Aber schon bald will er den nächsten Porno anschauen, um sich wieder mit Glückshormonen zu belohnen. Klingt das alles erschreckend nach deinem Werdegang? Mach dir erstmal keine Sorgen. Ab wann Pornokonsum eine Sucht ist, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Aber sobald man seinen Alltag aufgrund des Konsums nicht mehr gestemmt bekommt und einen Leidensdruck empfindet, kann man von Sucht sprechen.

2. Videorekorder haben die Pornografie revolutioniert

Pornografie gab es schon immer. Auf antiken Vasen wurden Orgien abgebildet, mit der Erfindung der Fotografie kamen im 19. Jahrhundert die ersten sexy Nacktfotos in Umlauf, ab Anfang des 20. Jahrhunderts auch die ersten Stummfilm-Pornos. In den 70er Jahren boomten Sex-Kinos. Aber erst die Erfindung des Videorekorders revolutionierte den Pornokonsum. Er brachte die Möpse und blondierten Pornosternchen in das heimische Wohnzimmer—Porn-On-Demand war geboren. Und damit auch eine fruchtbare Umgebung für die Pornosüchtigen, die im stillen Kämmerlein auf Porno-Binge gehen konnten.

3. Pornosucht verändert dein soziales Leben

Michael sieht jedes Mädchen in seinem Alter als potentielle Pornodarstellerin. Auch die Putzfrau versucht er, in sein Zimmer zu locken, um sich dann mit ihr auszutoben—so wie er das in Pornos gesehen hat. Er möchte "ein versautes Luder" als Freundin. Und richtige Keller findet er auch nicht—zu verlockend ist der Keller mit seiner Pornokiste.

Das ist sehr überspitzt. Aber soziale Abschottung und ein verändertes Frauenbild sind mögliche Auswirkungen der Pornosucht. Wer zu viele Pornos guckt, schämt sich und versteckt sich oft. Und die Sexualisierung von Frauen macht es schwer, ungezwungenen Kontakt mit dem anderen Geschlecht aufzunehmen. Auch der Sex mit einer echten Frau kann durch die krassen Pornobilder langweilig wirken.

4. Pornotitel wie 'Dornmöschen' oder 'Ficki Maus' sind immer noch lustig

Man nehme den Titel eines Klassikers der Filmgeschichte, verändere ein paar Buchstaben und zack, fertig—ein witziger Name für einen Porno. Ich weiß, das ist nicht besonders originell im Jahr 2016. Aber trotzdem bringen mich Bens Hure, Die Schwanzwaldklinik, Aladin und die wunden Schlampen und Bonnie in Clyde zum Lachen. Das alles kann man als primitiven Humor abstempeln. Aber dieses Porno-Genre existiert wirklich. Auch moderne Kinofilme werden sehr oft und sehr aufwändig als Porno parodiert: Avatar, Ghostbusters oder Batman vs. Superman sind jüngste Beispiele.

5. Pornos vermiesen den echten Sex

Michael verliert immer schnell das Interesse an echten Frauen. Das Masturbieren zu Pornos findet er viel spannender—und einfacher. In der Realität sind Frauen nämlich nicht so rallig und wollen ständig möglichst harten Sex. Das passiert auch Pornosüchtigen im echten Leben: Pornos zu gucken, ist einfach. Gangbang, Deep Throat, Hentai—alles, was die Neugierde begehrt, ist nur einen Klick entfernt. Das ist tausendmal einfacher und schneller, als eine Frau aus Fleisch und Blut zu verführen. Um die Pornodarstellerin auf dem Bildschirm muss man sich nicht bemühen, baut keine emotionale Verbindung zu ihr auf. Das Schlimme daran: Das Gehirn stellt sich auf diese Abläufe ein. Und hat keinen Bock mehr auf echten Sex und den ganzen Stress. Klick. Klick.

6. Man kann sich mit einem T-Shirt selbstbefriedigen

Michaels Mutter erzählt dem Jungen, dass er sich nicht an seinen Schniedel fassen soll, weil sonst seine Hände kleben bleiben könnten. Und nur sie hätte die magischen Wörter, um ihn wieder zu befreien. Michael hat dementsprechend Angst und erfindet eine Methode, wie er sein T-Shirt bewegt und sich so selbstbefriedigt, ohne seine Hände zu benutzen. Aber keine Sorge, ich habe jetzt keinen Selbstversuch gestartet.