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Sex

Vom Porno-Star zur Autorin und Feministin—ein Interview mit Jenna Jameson

Früher war sie eine der bekanntesten Porno-Darstellerinnen, heute schreibt Jenna Jameson Erotik-Romane und setzt sich für die Rechte der Frauen ein. Wir haben mit ihr über ihre Wandlung gesprochen.
29 Oktober 2014, 8:21am

Jenna Jameson bei der 2006er-Ausgabe der AVN-Awards in Las Vegas. Foto: Jon Kopaloff/FilmMagic.

In den vergangenen 15 Jahren hat sich Jenna Jameson von der bekanntesten Porno-Darstellerin zu einer erfolgreichen Autorin und zweifachen Mutter gewandelt. Ihre ersten Memoiren mit dem Titel Pornostar: Die Autobiographie hielten sich für sechs Wochen an der Spitze der New York Times-Bestsellerliste. Sie ließ eine Erotik-Roman-Trilogie folgen, von der Spice den letzten Teil bildet und am 18. November veröffentlicht wird.

Obwohl sie die Werbung für ihre Bücher und das Großziehen ihrer Kinder inzwischen ziemlich beschäftigen, ist sie doch immer wieder für eine Kontroverse gut. Letztes Jahr sorgte ihre unschöne Trennung von Tito Ortiz, dem Vater ihrer Söhne, für Schlagzeilen. Bei einem Auftritt in der Fernsehshow Good Day New York wirkte sie benebelt und hatte Schwierigkeiten, Sätze zu bilden. Ungefähr zur gleichen Zeit kündigte sie auch ihre Rückkehr in die Porno-Branche mit Webcam-Shows an. Sie wollte damit mehr Geld für ihre Kinder verdienen. Zuvor hatte sie eigentlich gesagt, dass sie „für diese Industrie nie wieder die Beine breit machen" wird.

In den letzten Monaten hat Jameson jedoch eher durch ihr Eintreten für ihre Überzeugungen von sich reden gemacht. Nachdem War Machine seine Ex-Freundin Christy Mack krankenhausreif geprügelt hatte, war Jameson in der Fernsehshow Dr. Drew on Call zu Gast. Dort setzte sie sich für die Opfer von häuslicher Gewalt ein und diskutierte über das Bloßstellen der Betroffenen. „Männern sollte man nicht das Töten beibringen“, sagte Jameson. „Unterstützt Mack in den sozialen Netzwerken und sprecht von ihr als Heldin und Überlebende.“

Nachdem ich Jamesons Erotik-Roman Honey gelesen hatte, rief ich sie an. Ich wollte mit ihr über das Schreiben und häusliche Gewalt reden—und wissen, warum manche Frauen Pornostar: Die Autobiographie als ihre Bibel ansehen.

VICE: Was hat dich zu deiner neuen Erotik-Roman-Reihe inspiriert?
Jenna Jameson: Alles ist Fiktion, aber ich habe natürlich auch ein Stück von mir und meinen Erfahrungen in die Handlung einfließen lassen. Mit 18 bin ich nach London gegangen, um zu modeln—ganz allein und mit einer Scheißangst. Als ich wieder zurückkehrte, fühlte ich mich wie eine Frau. Ich sagte zu mir: „Eines Tages werde ich alleine nach New York ziehen, selbst wenn es nur für ein Jahr ist. Dort werde ich ich mich neu erfinden, jemand anderes sein und lernen, wie sich das anfühlt.“ Ich fing an, diese Geschichte über ein Mädchen zu schreiben, das eine Art Traum hatte—alles fügt sich dann einfach irgendwie. Ich habe alle Teile von 5_0 Shades of Grey_ gelesen und du kennst mich—ich bin Jenna, für mich war das wie eine Gute-Nacht-Geschichte. Natürlich waren die Bücher interessant und auch sexy, aber ich wurde jetzt nicht wirklich umgehauen. Irgendwie war es vergleichbar mit einem Soft-Porno im Gegensatz zum Beobachten von echtem Sex.

Woran wirst du als nächstes schreiben?
Ich schreibe gerade den Nachfolger von Pornostar: Die Autobiographie. Wie immer habe ich ziemlichen Schiss. Wenn du diese Art von Buch schreibst, dann kehrst du dein Innerstes nach außen. Das ist echt komisch, weil mein Leben am Enden von Pornostar: Die Autobiographie wie das Ende eines Märchens erscheint und danach von Neuem beginnt. Das war so komisch.

Frauen lieben das Buch.
Überall sagt man mir: „Komm schon, Jenna. Wir brauchen den zweiten Teil unserer Bibel!“ Mein Buch wird als Bibel bezeichnet. Das schmeichelt mir sehr.

Glaubst du, dass man sich mit deinen Büchern identifizieren kann?
In meinem Leben ist so viel passiert, da muss es einfach Überschneidungen mit anderen Frauen geben. Sie verstehen mich und meinen Schmerz. Sie kapieren den Witz hinter solchen Sachen wie meinen zehn Geboten, den Tipps und Tricks und so weiter.

Du hast schon eine Drogensucht und schwere Traumata hinter dir. Ist das Schreiben für dich eine Art Therapie?
Schreiben ist ein gutes Ventil. Du weißt, dass ich immer zu 100 Prozent ehrlich bin. Ich habe vier Jahre gebraucht, um Pornostar: Die Autobiographie fertig zu stellen. Ich schrieb das Buch und wollte, dass es so ehrlich und realitätsgetreu wie nur möglich wird. Ich wollte einfach alles rauslassen, weil eine normale Therapie bei mir nichts bringt. Ich streite mich am Ende sowieso immer nur mit den Therapeuten.

Warum hast du deine Drogenprobleme und die sexuellen Übergriffe öffentlich gemacht?
Ich kann meine Lebensgeschichte nicht erzählen und dabei die Tatsache weglassen, dass ich Drogen nahm und vergewaltigt wurde. Das gehört einfach zu mir. Dadurch wurde ich zu der starken Frau, die zwar umgehauen werden kann, danach aber immer wieder aufsteht. Ich finde, das ist eine ziemlich gute Botschaft für die Frauen dieser Welt: Wenn du umgehauen wirst, dann musst du verdammt noch mal wieder aufstehen.

Wieso hast du damit angefangen, dich für die Opfer häuslicher Gewalt einzusetzen?
Ich habe mich in letzter Zeit so stark gegen häusliche Gewalt ausgesprochen, weil Christy Mack, eine meiner besten Freundinnen, vor gut einem Monat fast zu Tode geprügelt wurde. Es ist schon traurig, dass man berühmt sein muss, um die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen. Das, was ihr jetzt widerfährt, haben aber auch schon andere Frauen durchgemacht: Ihr wird die Schuld in die Schuhe geschoben. Ich will kurz was zu den Leuten in den Social-Media-Netzwerken sagen: Denkt erstmal nach, bevor ihr gewisse Dinge schreibt. Egal für wie witzig ihr es auch haltet, so etwas trifft die Opfer. Ich weiß noch, wie Christy mich aus dem Krankenhaus anrief und fragte: „Warum sagen die Leute, ich hätte das verdient, nur weil ich ein Porno-Star bin?“ Ich konnte es nicht fassen. Meiner Meinung nach muss sich unsere Denkweise ändern. Wir müssen einen Schritt nach vorne machen und uns weiterentwickeln.

Du machst dich für Frauen stark. Nervt es dich, wenn du von Feministinnen kritisiert wirst?
Für Feminismus gibt es nicht nur eine, sondern ganz viele Definitionen. Mit 18 fiel mir auf, dass die Porno-Industrie extrem frauenfeindlich ist. Männer haben das Sagen und bestimmen, was die Frauen zu tun haben, um ihnen dann einen Hungerlohn zu zahlen. Ich sagte mir also: „Als Feministin werde ich da jetzt anfangen und für frischen Wind sorgen. Denen werde ich zeigen, wo der Hammer hängt.“ Ich dachte, dass das die Frauen stärkt. Ich tue das, was ich will, und bekomme so viel bezahlt, wie ich will. Ich verändere die Industrie so, dass Männer nicht mehr alles bestimmen—ich tue das jetzt.

Besitzt weibliche Nacktheit eine gewisse Doppelmoral? Ich werde manchmal komisch angeschaut, wenn ich meinem Baby in der Öffentlichkeit die Brust gebe.
Durch so etwas will man diesen Leuten einfach nur ordentlich den Frack vollhauen. Das macht für mich einfach keinen Sinn. Warum kann sich ein Kerl am Strand einfach so sein Shirt ausziehen und wir müssen uns ständig Gedanken à la „Oh Gott, ich zeige zu viel Bein, ich muss eine Strumpfhose tragen“ machen. Weißt du was? Ich stopf dir mit der Strumpfhose das Maul.

Mit was beschäftigst du dich neben dem Eintreten für Frauenrechte und dem Schreiben deines nächsten Buchs sonst noch?
Ich will demnächst eine Kunstgalerie eröffnen, also male ich. Das macht mir richtig viel Spaß. Das Malen lag mir schon immer. Mein Vater zeichnete viel und mein Bruder ist Tätowierer. Irgendwie habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, aber als ich mit den Drogen aufhörte, haben mir das Zeichnen und das Schreiben wirklich sehr geholfen. Dadurch kommst du runter und kannst deiner Kreativität freien Lauf lassen. Ich arbeite auch gerade an einer Dokumentation—ganz alleine. Dafür benutze ich die verschiedensten Mittel und Medien. Ich will den Leuten einfach die Realität zeigen. Ich will, dass die Öffentlichkeit erfährt, welche harten und unschönen Dinge wir Frauen durchmachen müssen. Glaub mir, nur weil ich „der Porno-Star Jenna Jameson“ bin, bedeutet das nicht, dass mir die ganze Scheiße erspart bleibt—die Unsicherheit und die Sorgen. Weißt du, ich wurde in den letzten neuen Monaten nicht einmal flachgelegt.

Dein Leben ist ganz anders, als es sich viele Leute wahrscheinlich vorstellen.
Es gibt Stunden an Videomaterial, auf dem ich einfach nur am Computer sitze, dabei weine und zu mir sage: „Was mache ich hier eigentlich?“ Aber genau das müssen die Mädchen zu sehen bekommen. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Ich habe Angst, aber ich bin auch stolz auf mein Schaffen und denke sogar schon an mein nächstes Buch. Ich bin jetzt älter und das Schreiben ist mir sehr wichtig geworden. Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch ein Notizbuch für seine Gedanken neben dem Bett liegen haben. So etwas ist sehr wichtig.