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Sudanesische Soldaten vergewaltigten über drei Tage hunderte Frauen in Darfur

Ein Bericht von Human Rights Watch hat Aussagen von Opfern und Augenzeugen, sowie die Namen von 221 Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden, gesammelt.

von Samuel Oakford
13 Februar 2015, 5:00am

Letzten Herbst haben sudanesische Streitkräfte mehr als 200 Frauen und Mädchen, manche nicht älter als sieben, als Teil eines gnadenlosen dreitätigen Angriffs auf eine Stadt in Darfur vergewaltigt, so ein Bericht von Human Rights Watch, der vergangenen Mittwoch veröffentlicht wurde.

Forscher sammelten Berichte aus erster Hand von mehr als zwei Dutzend Opfern und Augenzeugen um den entsetzlichen Hergang der Verbrechen, die in der Stadt Tabit zwischen dem 30. Oktober und dem 1. November von Soldaten einer nahegelegenen Garnison begangen wurden, nachzuvollziehen.

Seit 2003 haben Kämpfe zwischen Rebellen und den sudanesischen Sicherheitskräften mitsamt verbündeter Milizen 300.000 Menschen in Darfur das Leben gekostet. Letztes Jahr sah sich die UNAMID, die gemeinsame Friedensmission der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen in der Region, mit ernsthaften Vorwürfen von Whistleblowern konfrontiert, sie habe es versäumt, Menschenrechtsverletzungen angemessen zu untersuchen und darüber zu berichten. Ein Bericht über die Vorwürfe, von Generalsekretär Ban Ki-Moon nur Tage vor den Ereignissen in Tabit veröffentlicht, stellte fest, dass die Friedensmission den Fehler beging, Details über Angriffe auf Zivilisten und Personal der Vereinten Nationen nicht an ihr Hauptquartier weiterzuleiten.

Der Bericht von Human Rights Watch kritisiert die sudanesische Regierung aufs Schärfste dafür, den Angriff durchgeführt zu haben und die Ermittlungen in dem Fall zu blockieren. Er stellt auch die erste Reaktion der UNAMID auf die Vergewaltigungen in Frage, da zuerst versucht wurde, die Anschuldigungen herunterzuspielen. Trotz einer Streitmacht von etwa 16.000 Friedenswächtern sowie eigens gegründeter Menschenrechtsteams hat die UNAMID bisher keine Ergebnisse über die Ereignisse der drei Tage veröffentlicht.

„Das sudanesische Militär führte mindestens drei getrennte Angriffe auf die Stadt durch", sagte der Autor des Berichts, Jonathan Loeb, VICE News. „Während jeder dieser Attacken gab es Plünderei, viele Zivilisten wurden geschlagen und eine große Anzahl von Vergewaltigungen wurde begangen."

„Als ich schrie, drückten sie mir einen Stofffetzen in den Mund. Dann vergewaltigte mich der andere."

Zeugen und Opfer berichteten Loeb, dass die Soldaten gesagt hätten, sie seien auf der Suche nach einem vermissten Kameraden, als über 100 von ihnen Tabit am Abend des 30. Oktobers heimsuchten. Männer wurden aus ihren Häusern gezerrt, zum Verhör an andere Orte gebracht und verprügelt. Nachdem sie entfernt worden waren, führten die Soldaten Befehle aus, „Frauen zu vergewaltigen", so ein Deserteur. Einige Opfer erkannten ihre Vergewaltiger eindeutig als Soldaten des Regierungsstützpunkts.

„Sie brachten uns außerhalb des Dorfs. Ich weiß nicht genau, wo wir waren", erinnerte sich eine Frau Anfang Zwanzig namens Rufida, die sagte, dass fünf Soldaten sie und ihre Freundin einfingen. „Wir waren zu zweit und man brachte uns an denselben Ort. Zwei von ihnen vergewaltigten mich und meine Freundin wurde von drei Männern vergewaltigt ... Sie ließen uns da draußen liegen. Meine Mutter und meine Tante fanden uns [am nächsten Morgen]."

Am folgenden Morgen kehrten die Soldaten zurück, um ihren Angriff fortzusetzen. Eine weitere Frau Anfang Zwanzig namens Asal erzählt, wie Soldaten ihren Bruder an einem Baum erhängten, bevor sie sie vergewaltigten.

„Drei Männer kamen in die Hütte. Zwei von ihnen hielten mich fest. Der dritte vergewaltigte mich", sagte sie. „Als ich schrie, drückten sie mir einen Stofffetzen in den Mund. Dann vergewaltigte mich der andere."

Eine dritte und letzte Welle von Vergewaltigungen wurde in der Nacht vom 31. Oktober bis in den Morgen des 1. November begangen. Khatera, eine Frau Anfang Vierzig, berichtete den Ermittlern, dass Soldaten, die behaupteten, ein Bewohner der Stadt habe einen von ihnen getötet, ihr sagten: „Wir werden dir zeigen, wie die Hölle wirklich aussieht."

„Dann fingen sie an, uns zu schlagen. Sie nahmen meinen Mann mit während sie ihn schlugen. Sie vergewaltigten meine drei Töchter und mich", sagte Khatera. „Ein paar von ihnen hielten das Mädchen fest während ein anderer sie vergewaltigte. Dann machten sie mit dem nächsten Mädchen weiter. Zwei hielten das Mädchen fest und ein dritter vergewaltigte."´

Zwei von Khateras Töchtern waren dem Bericht zufolge jünger als elf.

Insgesamt sammelte Human Rights Watch die Namen von 221 Frauen und Mädchen, die berichten, dass sie vergewaltigt wurden.

Tabit ist seit 2009 unter der Kontrolle der Regierung. Khartum benutzt oft angebliche Bewegungen der Rebellen um militärische Interventionen zu rechtfertigen, die zu Greueltaten führen, aber Human Rights Watch sagen, es gäbe keinen Grund anzunehmen, dass Rebellen zur Zeit der Angriffe in Tabit anwesend waren.

Es wurde das erste Mal am 2. November auf Radio Dabanga, einem in den Niederlanden ansässigen Sender, der über und in Darfur sendet, über die Vorfälle berichtet. Die UNAMID, die ihr Hauptquartier etwa 55 Kilometer von Tabit entfernt in al-Faschir hat, versuchte die Stadt erst am 4. November zu erreichen. Das UN-Personal wurde von einer Straßensperre der Regierung aufgehalten und kehrte am 9. November zurück, zu welchem Zeitpunkt man sie kurz hineinließ.

Am folgenden Tag veröffentlichte die Mission eine verblüffende Stellungnahme, in der sie behauptete, sie hätte die Bewohnerinnen der Stadt befragt und niemand habe „bestätigt, dass in Tabit eine Vergewaltigung vorgefallen wäre."

Damals erzählte ein UNAMID-Sprecher VICE News, das Verhältnis zwischen den Bewohnern der Stadt und den dort stationierten Soldaten sei „freundlich", und stellte den Wahrheitsgehalt der Berichterstattung von Radio Dabanga in Frage.

Der Sprecher leugnete ebenfalls, dass Sicherheitskräfte in der Stadt anwesend waren, als man sie am 9. November hineinließ. „Ich sehe nicht, wie auf die Mission irgendeine Art Druck ausgeübt geworden wäre", sagte der Sprecher.

Und doch deutete ein internes UNAMID-Dokument, das später geleaked wurde, darauf hin, dass sudanesische Streitkäfte „in großer Anzahl anwesend" waren, und zwar „in Uniform und Zivilkleidung."

„Sie hätten niemals behaupten sollen, ihre Ergebnisse seien in irgendeiner Weise das Resultat glaubwürdiger Ermittlungen", sagte Loeb. „Sie waren komplett kompromittiert."

Loeb, der seine Ermittlungen aus der Ferne durchführte, fragte sich, warum die Mission, der seit November der erneute Zugang zu Tabit versagt ist, nicht eine ähnliche Ermittlung unternahm.

„Ich bin überzeugt, dass die UNAMID die Mittel hat, bei ihren Ermittlungen im Namen der Menschenrechte viel bessere Arbeit zu leisten", sagte Loeb. „Es ist nicht einfach, diese Art von Ermittlungen durchzuführen, aber es gibt eindeutig Menschen in der Mission, die der Aufgabe gewachsen sind."

Die UNAMID reagierte nicht auf Fragen von VICE News bezüglich des HRW-Berichts. Ein Sprecher der Hauptabteilungen Friedenssicherungseinsätze und Unterstützung für Feldeinsätze teilte VICE News mit, dass die „Vorwürfe der Menschenrechtsverletzung" in dem Bericht sie „zutiefst beunruhigt".

„Trotz zahlreicher Anträge gewähren die Behörden uns keinen Zugang zu dem Gebiet, um unabhängige Ermittlungen durchzuführen", sagte er. „Das hat zum Ergebnis, dass die Vereinten Nationen bisher nicht in der Lage waren, diese Vergewaltigungsvorwürfe zu bestätigen. Die in dem HRW-Bericht enthaltenen Vorwürfe sind derart ernsthaft, dass weitere Ermittlungen umso dringender benötigt werden. Wir betonen erneut, dass nur vollständige Ermittlungen durch die UNAMID helfen werden, Licht ins Dunkel dieser Vorwürfe zu bringen, und wir fordern die sudanesische Regierung auf, der UNAMID uneingeschränkten Zugang zu gewähren."

Der HRW-Bericht stellte fest, dass es in Tabit seit November eine „konstante Militärpräsenz" gibt und dass Bewohner davor gewarnt wurden, mit Mitglieder der UNAMID zu sprechen.

Während der Sudan UN-Personal davon abhielt, in das Gebiet zurückzukehren, entsandte er am 20. November seine eigenen Ermittler in die Stadt. In einem Bericht, der Anfang Dezember dem Sicherheitsrat vorgelegt wurde, behauptet die sudanesische Regierung, sie sei nicht in der Lage gewesen „ein einziges Opfer oder Zeugen für die mutmaßlichen Ereignisse, oder irgendeinen Beweis, ein Dokument oder etwas Anderes zu finden, das bewiesen oder darauf hingedeutet hätte, dass eine Vergewaltigung stattgefunden hat."

Loeb sagte, die sudanesischen Ermittlung, welche die vollständigen Namen aller Befragten veröffentlichte—und sie somit in Lebensgefahr brachte—sei in keiner Weise glaubwürdig.

„Das hier waren nicht einfach abtrünnige Soldaten, es war ein geplantes Unterfangen der sudanesischen Regierung, all diese Frauen zu vergewaltigen", sagte er.

Die ehemalige UNAMID-Sprecherin Aicha Elbasri, deren Leaken von Informationen über die falsche Handhabung früherer Vorwürfe der Menschenrechtsverletzung seitens der Mission zur Untersuchung des UN-Generalsekretärs führte, sagte VICE News, die UNAMID versäume es oft, bei Vergewaltigungen zu ermitteln—ein Verhalten, das sie als von der Regierung in Khartum gezogene „rote Linie" beschrieb.

„Die UNAMID war nie daran interessiert, zu ermitteln, denn bei Vergewaltigungen zu ermitteln würde bedeuten, dass sie an irgendeinem Punkt die Regierung konfrontieren müsste", sagte sie.

Über einen mutmaßlicher Vorfall 2012, bei dem 20 Frauen in Shangil Tobaya vergewaltigt wurden, berichtete die Mission laut Elbasri zum Beispiel nie. „Es wurde nirgends erwähnt", sagte sie.

Auch wenn eine Kurzdarstellungen der UN-Untersuchung der UNAMID veröffentlicht wurde, so bleibt der vollständige Bericht unzugänglich. Er wird Berichten zufolge sogar einigen Mitgliedern des Sicherheitsrats vorenthalten.

Russland, welches als der engste Verbündete des Sudan im Sicherheitsrat gilt, hat die von Khartum zirkulierte Version der Ereignisse unterstützt und versucht, weitere Bemühungen durch andere Mitglieder zu unterbinden. Die UNAMID-Pressemitteilung vom 10. November, so Human Rights Watch, schien zum „Zwiespalt" des Sicherheitsrats bei einer Sitzung im Dezember, bei der die mutmaßlichen Vergewaltigungen besprochen wurden, beizutragen. Bei dieser Besprechung verkündete Fatou Bensouda, Anklägerin beim internationalen Strafgerichtshof, dass sie ihre Untersuchung von Kriegsverbrechen in Darfur aufgrund mangelnder Unterstützung seitens der Vereinten Nationen einstellen würde. Der IStGH hat aufgrund von in Darfur begangenen Gräueltaten den sudanesischen Präsidenten Umar al-Baschir und drei Mitglieder seiner Regierung der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit angeklagt.

Die Afrikanische Union und die UN verhandeln momentan über die Zukunft der UNAMID, die bereits damit begonnen hat, ihren Personalbestand zu verringern. Fürsprecher befürchten, dass Verurteilungen in Kriegsverbrechensfällen und bei Verbrechen gegen die Menschheit, so wie bei den Vergewaltigungen in Tabit, durch die Ungewissheit noch unwahrscheinlicher werden.

Für die etwa 7.000 Bewohner von Tabit sind diese Missbräuche das jüngste und vielleicht grausamste Kapitel in ihrer Leidensgeschichte, welche bereits seit über einem Jahrzehnt anhält.

„Stell dir vor, Männer vergewaltigen vor deinen Augen deine Frau und du kannst nichts machen", sagte ein männlicher Augenzeuge Human Rights Watch. „Was uns passiert ist, kann man sich nicht vorstellen."

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