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Die Kamerafrau, die Flüchtlingskinder getreten hat, antwortet: „In diesem Moment ist etwas in mir passiert“

Sie bedauert zwar ihre Handlungen, spricht aber auch davon, dass sie Angst hatte, überfallen zu werden—und das Schicksal ihr ein Kind in den Weg gelegt habe.
11.9.15

Screenshot via Indavideo

Ende Juli rief der Netzaktivist Sascha Lobo in einem Kommentar dazu auf, Übergriffe von Rechts gegen Fliehende als das zu bezeichnen, was diese seiner Meinung nach sind: als Terrorismus.

Tatsächlich passen rechtsradikale Gewalttaten nahtlos in die Reihe politisch (und, wie im Fall der Abendlandsverteidiger immer auch religiös) motivierter terroristischer Aktivitäten—vor allem, wenn man Terror wie in der gängigen Definition als „die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen" versteht.

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Dieser Gedanke ist dem politisch gegenüberliegenden Lager nicht gerade fremd. Der Terror-Vorwurf ist in der Agitationssprache beider Seiten ein beliebtes Propaganda-Label—so hat im Vorfeld des letzten Akademikerballs auch Heinz-Christian Strache die Antifa als neue SA bezeichnet (die unter anderem 1932 mit einer ersten Terrorwelle gegen Reichskanzler Heinrich Brüning im Erscheinung trat).

Umso wichtiger ist es, den Ausdruck aus dem Griff der Parteien zu befreien und in die allgemeine Diskussion zu überführen. Ist Terror für al-Qaida und IS und damit ausschließlich für gewalttätigen Islamismus reserviert? Oder ist es ein Wort, das sich auch Rechtsradikale gefallen lassen müssen, wenn sie Fliehende in Ungarn mit Steinen bewerfen oder in Deutschland Refugee-Heime anzünden?

Und vor allem: Ist Terror nicht definitionsgemäß das richtige Wort, um zu beschreiben (und ein bisschen auch: zu erklären), was gerade in Ungarn vor sich geht? Die Androhung von Gewalt, um Menschen gefügig zu machen, ist genau, was aktuell in Röszke passiert.

In diesem Klima entsteht auch das, wofür Sascha Lobo in seinem Text den Begriff der „Aber-Nazis" prägt: Jene Gattung der „Ich bin ja kein Nazi, aber …"-Sager, die sich bei aller Beteuerung des Gegenteils in erster Linie vor allem als genau das gebärden, was sie angeblich ablehnen.

Das aktuellste Beispiel dafür ist vermutlich jene Jobbik-nahe Journalistin, die am Dienstag dadurch überregional berühmt wurde, dass sie nahe des Refugee-Lagers in Röszke Tritte gegen fliehende Väter mit Kind und sogar fliehende Mädchen austeilte. Die Kamerafrau, die für den Sender N1 vor Ort war, hat kurz nach Bekanntwerden ihres Verhaltens im Netz ihren Job verloren.

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Am Donnerstagabend, zwei Tage nach den auf Video dokumentierten Vorfällen, ist nun ein Statement der Journalistin erschienen. Darin erklärt sie, dass sie ihre Handlungen bedauert—jedoch nicht, ohne ein „Aber" einzubauen.

„Was passiert ist, tut mir aufrichtig leid. Erst jetzt komme ich dazu, mich zu sammeln, um diese Worte zu schreiben. Ich befinde mich immer noch in einem Schockzustand wegen der Dinge, die ich getan habe und die sie mit mir gemacht haben.
Ich bin ihnen mit der Kamera gefolgt. Mehrere Hundert Migranten sind ausgebrochen und haben die Polizeikette durchbrochen. Einige haben mich gerempelt und ich bin erstarrt. Ich hatte Angst, weil sie in meine Richtung gerannt sind.
In diesem Moment ist etwas in mir passiert. Mit der Kamera in der Hand habe ich nicht gesehen, wer auf mich zukommt. Ich habe gedacht, ich werde überfallen und müsse mich schützen. Es ist schwierig, richtige Entscheidungen zu treffen, wenn der Mensch in Panik ist und viele Hunderte dir entgegenlaufen. Mir ist das in diesem Moment nicht gelungen.
Als Mutter tut mir besonders leid, dass mir das Schicksal ausgerechnet ein Kind in den Weg gelegt hat. Das habe ich in diesem Moment nicht realisiert. Als ich mich selbst auf Video gesehen habe, bin ich in Panik geraten und habe das Geschehene gesehen, als ob es gar nicht ich selbst gewesen wäre.
Es tut mir aufrichtig leid und ich übernehme die volle Verantwortung. Ich bin keine herzlose, kindertretende, rassistische Kamerafrau. Ich habe die politische Hexenjagd gegen mich nicht verdient—genauso wenig wie die vielen dreckigen Morddrohungen gegen meine Person. Ich bin nur eine Frau. Seit dem Vorfall auch noch eine arbeitslose Mutter von Kleinkindern, die in einer Paniksituation eine schlechte Entscheidung getroffen hat. Es tut mir aufrichtig leid."

Das Statement wurde der ungarischen Website mno.hu vom Ehemann der gefeuerten Journalistin übergeben. Bemerkenswert ist—neben der Formulierung vom „Schicksal", das ihr Kinder in den Weg legte—vor allem, dass dieser Rechtfertigungsversuch an sich auf rassistischen Klischees fußt: beginnend mit der Orbán-Diktion von „Migranten" anstelle von Flüchtlingen bis hin zu der Erklärung, die Kamerafrau habe in dem Moment damit gerechnet, überfallen zu werden.

Sicher—genau wie im Fall von „Terror" und den „Aber-Nazis" ist auch das hier nur Sprache. Egal, wie ihre Wortwahl ausgefallen ist, kann diese schwer die Tritte gegen Kinder, die mit ihren Eltern zuerst vor dem Bürgerkrieg in Syrien und danach vor den Zuständen im ungarischen Lager von Röszke fliehen, aufwiegen. Aber genau wie im Fall von „Terror" und den „Aber-Nazis" kann Sprache bestimmen, wie wir die Welt sehen. Das gilt schon für so kleine Wörter wie „aber"—und erst recht für Rechtfertigungsversuche, die als Entschuldigung getarnt sind und dabei doch nur die politische Diktion der Asylgegner verfestigen.

Im Internet sind seit dem Vorfall vom Dienstag neben einer (nicht weniger verurteilenswerten) öffentlichen Pranger-Seite auf Facebook auch mehrere Fake-Profile der Journalistin aufgetaucht. Auf einem mittlerweile gelöschten Account, der die Identität der Jobbik-nahen Kamerafrau kopierte, wurde bereits am Mittwoch eine Entschuldigung gepostet, die so klang: „Es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe, aber ich will immer noch nicht, dass Flüchtlinge in mein Land kommen."

Das Beispiel zeigt nicht nur, wie auf sozialen Medien mit Fake-Profilen Propaganda und teilweise auch Satire betrieben wird—sondern auch, dass die Wirklichkeit dieser Satire leider oft nur hinterherhinken kann.

Markus auf Twitter: @wurstzombie