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Dieser Wiener Arzt behandelt unversicherte Flüchtlinge – gratis

Auf Dr. Ernst Hruskas Website steht der Satz: „Unversicherte Flüchtlinge werden selbstverständlich gratis behandelt." Für uns Grund genug, in der Praxis anzurufen und ihn selbst zu fragen, wie es dazu gekommen ist.
8.9.15
Foto von Christopher Glanzl

Auch wenn die Brisanz der Flüchlingssituation hierzulande in der letzten Woche ihren zwischenzeitlichen (und teilweise positiven) Höhepunkt erreicht hat und aktuell zumindest ganz leicht abzuflauen scheint, ist die Situation für Menschen auf der Flucht in Österreich nach wie vor extrem schwierig. Weil der Staat vieles nicht auf die Reihe bekommt, leistet nun eben die Zivilbevölkerung Hilfe—und zwar auf so ziemlich jede erdenkliche Art und Weise.

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Hunderte freiwillige Helfer an den Bahnhöfen in Wien und Salzburg, oberösterreichische Feuerwehrleute, die Flüchtlingen bei 36 Grad Hitze den Tag mit einer Abkühlung versüßen, oder Auto-Konvois, die Menschen aus Ungarn auf eigene Faust über die Grenze holen—viele Österreicher helfen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, und die sind oft viel wirksamer, als man glauben würde. Indirekte Hilfe leistet man ja auch schon, wenn man als Busfahrerin schimpfende Rassisten einfach aus seinem Bus schmeißt, so wie das vor kurzem in Graz passiert ist.

Tag für Tag liest man momentan von solchen couragierten Leuten, und trotzdem freut man sich dann doch immer wieder, wenn man solche Good News hört. Dementsprechend begeistert waren wir, als wir von einem Wiener Arzt erfahren haben, der Flüchtlinge in seiner Ordination behandelt, ohne einen einzigen Cent dafür zu verlangen. Dr. Ernst Hruska ist praktischer Arzt in Rudolfsheim-Fünfhaus, und auf seiner Website findet sich unter anderem der Satz: „Unversicherte Flüchtlinge werden selbstverständlich gratis behandelt." Für uns Grund genug, in seiner Ordination anzurufen und ihn selbst zu fragen, wie es zu diesem Engagement gekommen ist.

VICE: Seit wann bieten Sie an, Flüchtlinge gratis zu behandeln, und was war Ihr Beweggrund dafür?
Dr. Hruska: Eigentlich mache ich das schon immer. Ich praktiziere jetzt seit fast 30 Jahren, und Leute, die kein Geld haben, habe ich noch nie weggeschickt. Die behandle ich immer, das ist gar keine Frage. Aber momentan hängt mir diese ganze blöde Rederei über Flüchtlinge schon so beim Hals raus, dass ich einfach ein kleines Zeichen setzen wollte. Die Menschen sollen nicht glauben, dass es in diesem Land nur fremdenfeindliche Leute gibt. Ich wollte einfach zeigen, dass es auch Menschen mit anderer Gesinnung gibt, die meinen, dass sich unser Land das vollkommen problemlos leisten kann und eigentlich froh sein sollte, über die Menschen die hierher kommen. Sie sind eine Bereicherung für uns. Wien ist ein Sammelsurium an Völkern. Ich selbst heiße Hruska—ich stamme von den Ziegelböhmen des 19. Jahrhunderts ab. Das sind die Gastarbeiter, die in der Zeit der Monarchie nach Wien geholt wurden. Es gibt etliche Wiener, die ähnliche Nachnamen haben und jetzt so tun, als wären sie hier vom Himmel gefallen.

Sie sagen, Sie können es sich problemlos leisten, diese Leute gratis zu behandeln?
Wir als Staat können uns das leisten. Ich kann mir das sowieso leisten, das kostet mir ja nichts. Das kostet mich höchstens ein bisschen Arbeit mit Menschen—das ist das, was ich sowieso den ganzen Tag mache. Und die Menschen, die ich da behandle, sind durch die Bank sympathische, interessante, intelligente Leute. Man muss wirklich froh sein, dass sie zu uns kommen und sie nicht wegschicken. Die sollte man mit Handkuss nehmen.

Mit welchen Beschwerden kommen die Menschen auf der Flucht denn zu Ihnen?
Meistens ist es so, dass sie direkt von der Caritas zu uns kommen. Die Caritas ruft dann eben an, und fragt, ob sie uns ein paar Leute hierherschicken können—aber meistens sind das keine großen medizinischen Sachen und kaum ernsthafte Erkrankungen: Ausschläge, Fieber, Infekte, Lungenentzündungen, Magengeschwüre. Ab und zu sind auch schwierige Sachen dabei, aber die waren bisher selten akut, sondern Vorerkrankungen. Aber da gibt es auch in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern immer eine Möglichkeit, um diese Leute unter der Hand zu behandeln, auch wenn sie keine Versicherung haben.

Wissen Sie, ob auch andere praktische Ärzte das so handhaben wie Sie?
Persönlich kenne ich jetzt keinen, aber ich denke, da gibt es etliche. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Arzt jemanden wegschickt, nur weil er nicht versichert ist—und damit meine ich jetzt nicht Leute, die nicht versichert sind, weil sie zu faul sind, um zur Krankenkasse zu gehen und sich eine neue Karte zu holen. Die schicke ich auch weg, wenn sie nichts Grobes haben. Aber Leute, die wirklich keine Versicherung haben, habe ich noch nie in meinem Leben weggeschickt. Das ist völlig selbstverständlich als Arzt.

Folgt Tori auf Twitter: @TorisNest