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Sex

Warum ist Tinder so fest entschlossen, sich den eigenen Ast abzusägen?

Die App versucht, uns immer noch verzweifelt weiszumachen, sie sei keine App für Gelegenheitssex.
17.8.15

Foto: Denis Bocquet | Flickr | CC BY 2.0

„I want to cum on ur prety face"

Es ist 8 Uhr morgens. Ich habe noch nicht mal eine Tasse Tee getrunken, aber bin schon mit virtuellem Ejakulat besudelt. Matches sind über Nacht reingekommen, und sie lassen mich mit ein bisschen weniger Appetit auf meine morgendliche Banane blicken. Ganz viel „Baby" und „hast heute abend zeit" und jede Menge Copy/Paste. Meine Damen und Herren, so sieht heute Tinder aus.

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Vor Kurzem hat Tinder selbst scheinbar über Nacht den Verstand verloren, als Twitter-Follower der Dating-App einen 30 Tweets umfassenden „Wutausbruch" zu lesen bekamen, in dem die Vanity-Fair-Redakteurin Nancy Jo Sales im Grunde als prüdes Miststück bezeichnet wurde, weil sie etwas entfernt Negatives geschrieben hatte. In ihrem Artikel „Tinder and the Dawn of the Dating Apocalypse" beschreibt Sales, dass die App wie ein aggressives Lama in die Romantiksuppe unserer Generation spuckt und uns damit die Liebe ruiniert.

Inzwischen wird behauptet, dass es sich bei dem Ausbruch um eine geplante Reaktion auf Sales' Artikel gehandelt haben soll—in anderen Worten, es soll einfach nur ein großer, zynischer PR-Stunt gewesen sein. Lassen wir uns mal nicht von dem deprimierenden Gedanken ablenken, dass wir möglicherweise in einer Welt leben, in der Erotikprofiteure sich zusammensetzen und einen Haufen falsche menschliche Emotionen planen, denn wir sind hier, um über ein sehr viel dringlicheres Thema zu sprechen: Tinders dickes, fettes Imageproblem.

In der Tirade verteidigte der Tweeter, der den Tinder-Account bediente, die App als einen glücklichen Ort und erinnerte uns daran, dass Tinder jede Menge gute Taten auf dem Konto habe: „Sprich mit den vielen Tinder-Paaren—homo und hetero—, die geheiratet haben, nachdem sie sich auf Tinder kennengelernt haben", hieß es da. „Tinder schafft Erfahrungen. Wir schaffen Verbindungen, die es sonst niemals gegeben hätte. 8 Milliarden davon bis dato, um genau zu sein."

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Ob es nun ein Fake-Ausbruch war oder nicht, es ist ziemlich deutlich, dass die Leute von Tinder gerne mitteilen wollen, dass es bei ihnen nur darum geht, sich Strickjacken zu teilen und zusammen am Strand Steine springen zu lassen, und nicht etwa darum, Leute auf Parkplätzen zu ficken. Was ein sehr seltsames Manöver ist, wenn man bedenkt, dass 99 Prozent der Leute die App ausschließlich nutzen, um Sex zu haben. Wie Sales' Artikel uns erinnert, ist Tinder für seine Pionierarbeit auf dem Gebiet des Gelegenheitssex weltberühmt geworden—eine Tatsache, die Mitgründer Justin Mateen so ziemlich von Anfang an nachdrücklich abgestritten hat. Was ziemlich seltsam ist, wenn man bedenkt, dass wir hier von der Firma sprechen, die eine riesige Werbekampagne mit Calvin Klein rund ums Sexting gestartet hat, die von CK-Marketingchefin Melisa Goldie hilfreicherweise wie folgt beschrieben wurde: „Sie verdeutlicht die Wahrheit über die Dating-Kultur: das Treffen, der Sex, die Freiheit, die man in der digitalen Dating-Landschaft hat, und das Unmittelbare daran."

Selbst ohne dass die alte Plaudertasche Goldie Tinders Markenpositionierung offenbart, gibt es jede Menge inoffizielle Apps, die das Hookup-Schema mehr als deutlich machen, so wie Bonfire, das Bilder von Frauen sammelt, damit du sie durchsortieren kannst wie eine verstörende Art Patience.

Der Vanity-Fair-Artikel enthielt interessante Argumente über die Kommodifizierung unserer Liebesleben und die ausbeuterische, aufreißerische Umgebung, die Tinder erschaffen hat (selbst wenn es sich bei Sales' größter Beispielgruppe lediglich um einen Haufen gutbezahlter Frauenhasser handelte). Allerdings sollte die größere Moral ihrer Geschichte vielleicht sein: „Geh nicht auf Dates mit Banker-Arschlöchern". Ich kann mir nicht helfen, es scheint mir einfach unglaubhaft, dass Tinder daran schuld ist, dass diese Banker-Bastarde furchtbar sind, denn sie sind im echten Leben schon einfach furchtbar. Es ist kein Geheimnis, dass die App einfach nur überquillt von spermafingrigen Creeps, die letztendlich nichts anderes von dir wollen, als dass du dich auf ihr Gesicht setzt.

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Der triebtäterische Aspekte der App mag etwas sein, das Tinder bisher öffentlich nicht angesprochen hat, doch Mitgründerin Whitney Wolf sah einen Bedarf für eine weniger creepy App (und Art von Kollegen), als sie kündigte und die Firma wegen sexueller Belästigung verklagte (IKR?), weswegen sie Bumble gründete, eine App, bei der Frauen den ersten Schritt machen müssen. Wolfe sagt, die Plattform „schafft die Voraussetzungen dafür, dass Frauen den Anfang machen und sich trauen, was für beide Seiten eine sicherere Verbindung schafft." Anstatt sich zu viele Sorgen über Frauen zu machen, die sich trauen, nahm Tinder das voriges Jahr einfach in sein Geschäftsmodell auf, indem die Firma Tinder Plus auf den Markt brachte—eines der Features ist, dass Gratis-User nur eine bestimmte Anzahl von Rechts-Wischern durchführen können. Aber für den richtigen Preis kannst du so oft wischen, wie du willst. Da kriegt man gleich ein ganz warmes, romantisches Gefühl in der Magengegend, oder?

Foto: Tom Johnson

Allerdings ist es auch ein bisschen viel anzunehmen, dass wir Frauen alle nach einer Beziehung mit Fünftürer und Vorstadthäuschen suchen. Tinder mag davon nicht richtig profitieren können, doch seine Nutzerinnen haben eigentlich nichts gegen ein bisschen Horizontalmambo. Sales könnte sich vielleicht ein bisschen weniger über die moralischen Folgen der „Pussy-Wohlstandskrankheit" auslassen. Sie gibt zu verstehen, dass wir alle unglückselige Opfer der Misogynie sind, aber ich kenne tatsächlich so manche, die einfach Lust hat und für die Tinder seinen Zweck voll und ganz erfüllt. Wenn dieser Zweck eben darin besteht, auf einem schönen Gesicht zu sitzen, das du danach nie wiedersehen musst.

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Ein Teil von Tinders anfänglichem Erfolg kam von der Anonymität, die die App ihren Nutzern ermöglicht. Das war attraktiv für schamhafte Singles, die ihren Deckel auf verzweifelten Dating-Apps suchen—welche sie inzwischen voll und ganz als Teil ihres Lebens angenommen haben. Doch mittlerweile fühlt sich diese relative Anonymität wie ein Nachteil an. Tinder hat 1,6 Milliarden Profile und macht jeden Tag mehr als 26 Millionen Matches, was nahelegt, dass die Dating-Welt voll mit extrem unbeständigen und schnell handelnden Menschen ist. Und in all dem Gewusel weiß einfach niemand von uns, welche von diesen Menschen unsere knappe Zeit wert sein könnten.

Vielleicht ist das wirkliche PR-Problem für Tinder als Tor zum ewigen Glück, dass es einfach zu groß und lukrativ für sein eigenes Wohl geworden ist. Wenn man Tinder heutzutage nutzt, um damit nach Liebe zu suchen, dann ist das ein wenig, als würde man um 3 Uhr nachts in den größten, seltsamsten Club der Welt gehen und „Will jemand es versuchen?" in ein Megaphon brüllen. Es ist einfach zu riesig und zu rasant, um sich noch zu etwas Bedeutungsvollem einsetzen zu lassen.

Munchies: Wie es sich anfühlt, als Barkeeper bei deinem peinlichen Tinder-Date zuzusehen

So süchtig es auch machen mag, sich mit starrem Blick durch eingeölte Bauchmuskeln zu wischen, gibt eigentlich niemandem ein gutes Gefühl. Und niemand will sein Liebesleben einer Marke überlassen, die einen innere Leere verspüren lässt. Trotz Tinders Versuchen, unsere Herzen auf Twitter mit Lovestorys zu wärmen, wollen die meisten von uns die Frage „Wie habt ihr euch kennengelernt?" nicht beantworten mit: „Also, ich musste bei der Arbeit auf die Toilette, hatte dadurch etwas Zeit, und nachdem ich etwa 300 Andere weggewischt hatte, landete ich auf einem Foto von dem Gesicht Ihrer Tochter. Ich war so entzückt von ihrem Lächeln, dass ich sie einfach stalken musste, um sicherzugehen, dass sie nicht fett ist!"

Wenn du je bei einer Party mit Gratisgetränken warst, dann weißt du auch, dass Leute, die jede Menge von dem kriegen, was sie sich wünschen, sich irgendwann auf die Hemdbrust kotzen. Wir hatten auf der Wischparty unseren Spaß, jetzt wollen wir einfach nur nach Hause und kuscheln. Niemand streitet ab, dass es die „Generation Tinder" wirklich gibt—wir sind uns einfach alle nicht mehr sicher, ob wir dazugehören wollen.