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Popkultur

Dinge, die Bill Murray in seinem Leben richtig gemacht hat

Was kann man über einen Typen noch sagen, über den schon alles gesagt wurde? Eigentlich nur eine Auflistung der Highlights.
21.9.15
Offizielles Still 'St. Vincent' (c) Chernin Entertainment / Crescendo Productions

Bild: Offizielles Still 'St. Vincent' (c) Chernin Entertainment / Crescendo Productions

Wir wissen alle, dass Bill Murray als verurteilter Gras-Dealer anfing, gefühlt ein Dutzend Brüder hat, die auch Schauspieler sind, und es für jeden halbwegs anständigen Menschen auf diesem Planeten komplett unmöglich ist, ihn zu hassen. Er ist der Buddha der Komödie, hat das entwaffnendste Schlingelgesicht aller Zeiten und ist die größte Galionsfigur der asozialen, unmotivierten Underdogs.

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Murray ist Ende 60 und er hat wirklich einiges richtig gemacht in seinem Leben—darunter die Kultivierung dieses gloriosen Schnurrbarts. Hier sind unsere Lieblingsmomente und Meilensteine eines Typen, bei dem unsere ganze Redaktion nicht sicher war, wie alt er jetzt denn wirklich wird (Schätzungen gingen von 40 bis 140).

Er war ein guter Gott

Groundhog Day vom großartigen Harold Ramis haben wir in der Schule damals sogar im Religionsunterricht geschaut, aufgrund der Lebensgleichnisse und der Fülle an breit interpretierbaren Sinnbildern eines sich ständig wiederholenden Tages. Jüngere kennen das Prinzip inzwischen wahrscheinlich eher von Edge of Tomorrow mit Tom Cruise—aber denkt dran, Kinder: Bill did it first.

Als Murrays Figur nach unzähligen Selbstmordversuchen immer wieder unversehrt und existenziell zurückgespielt in seinem Bett aufwacht, hat er eine relativ nachvollziehbare Reaktion: Er meint, er sei ein Gott, und ich war noch nie so OK mit so einer wunderbaren theologischen (beziehungsweise blasphemischen) Ansage, wie wenn sie aus Bill Murrays Mund kommt. Dank sei Bill dem Herrn.

WENN MAN SICH SCHON VERKAUFT, DANN MIT GARFIELD

Es gibt keinen Grund, es zu leugnen: Murray hatte auch seine Karrieretiefs. Diese haben viele Gestalten angenommen und sich unter anderem in der Form von Elefantenfilmen und animierten Klogriffen manifestiert. Besonders Anfang der 2000er war Murray ganz eindeutig zu egal, wo er mitspielt—obwohl Osmosis Jones schon ziemlich geil war. Aber eine Sache wird für immer sein schlimmster Film bleiben: Er hat Garfield seine Stimme geliehen, und zwar in gleich zwei computeranimierten, grottenschlechten, optisch und unterhaltungstechnisch unterirdischen Adaptionen des Lasagnen-Junkies.

"Es hätte auch schlimmer sein können" ist meistens eine lahme Ausrede, aber wenn wir uns ganz ehrlich sind: Gibt es jemanden Passenderen für die Stimme eines anarchistischen Hedonisten-Katers, der gleichzeitig so etwas wie die Animations-Ikone aller Kiffer ist, als Bill Murray? Nicht wirklich. Und wenn man sich schon schauspielerisch verkauft, dann stört die harmlosen Garfields wohl am wenigsten im Lebenslauf. Und dass er Baloo im neuen Dschungelbuch spricht, ist eigentlich trotz des offensichtlichen Moneygrabs, auch schon auch genauso herzerwärmend.

Ein Fun "Fact" am Rande: Bill Murray selbst hat in Interviews behauptet, er habe die Sprechrolle in Garfield nur deshalb angenommen, weil er den Autor Joel Coen mit dem Joel Coen verwechselt hatte, der als Teil der Coen Brothers Regie bei so genialen Streifen wie Blood Simple, The Big Lebowski und No Country for Old Men führt.

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Eigenen Angaben zufolge hat Murray sich auch beim Einsprechen gewundert, was für ein seltsamer Film das werden würde, wollte aber das Genie der Coens auch nicht anzweifeln. Das dürfte zwar spätestens beim zweiten Teil von Garfield keine Ausrede mehr sein, aber alleine für diese Erklärung muss man ihn auch wieder ein bisschen mehr lieben.

ER IST TATSÄCHLICH EINE "LEBENDE LEGENDE"

bill murray photobombing couple's engagement shoot after slapping his exposed belly tryin to make'em laugh off screen — Josef Zorn (@theZeffo)20. Juni 2014

Ich will hier nicht Murrays Filme und Person mit abgegriffenen Klischees beschreiben. Mir geht es nicht um „die Legende Bill Murray", ich spreche von den tatsächlichen Legenden, die er zu Lebenszeiten bereits um sich herum geschaffen hat.

Murray hat vermeintlich auf offener Straße beim Sandwich eines Fremden abgebissen und dann beim Weggehen mit vollem Mund geschnurrt: "Niemand wird dir glauben." Diese Geschichte hat sich verselbstständigt, wurde zigmal geklaut, neu erzählt, absurd ausgebaut und auf Cola, Pizza, Pommes oder Snickers angepasst. Irgendwie will ich jedenfalls in einer Welt leben, in der solche Dinge wirklich passiert sind.

Noisey: Bill Murray hat auch ein paar wunderbare musikalische Momente in seinem Leben aufzuweisen.

Und das Schöne ist: Diese Dinge passieren auch wirklich. Murray scheint eine omnipräsente Fähigkeit zu haben—vielleicht ist er ja doch Gott?—, an den willkürlichsten Plätzen zu erscheinen, mit frischverlobten Pärchen zufällig auf ihren Fotos zu posieren und bei irgendwelchen Haus-Partys oder Junggesellenabschieden plötzlich mitzufeiern.

Viele Bars und Menschen stellen aufgrund der vielen Murray-Sichtungen auch schon mal Schilder auf: „Tonight Bill Murray drinks for free". Und wenn ihr Glück habt, kommt er tatsächlich, steht mit seinem fabelhaften Halbmastblick hinter der Bar und schenkt dir sogar Tequila ein.

Er war eine neue Sorte (Frauen-)Held

Diese Szene zeigt nicht nur, wie geil das Drehbuch von

Ghostbusters

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und wie verdammt unkonventionell die Figur von Dr. Peter Venkman war, sie stellt auch den Beginn von etwas Neuem dar. In Zeiten, als Figuren wie Stallone und

Schwarzenegger

alphamännlich über die Filmwelt herrschten, gab es mit Bill Murray plötzlich einen Helden für den Durschnittstypen mittleren Alters mit ziemlich unausgegorenen Ambitionen, die Welt zu retten (oder überhaupt nur zu arbeiten).

Er redet Mist, ist aufdringlich und überdreht wie ein Volksschüler, zeigt sich schon mal passiv-aggressiv und geht seinem Objekt der Begierde richtig auf den Arsch. Und trotzdem kann man nicht anders, als ihn für das alles zu lieben. Auf jeden Fall hätte niemand anders Venkmans Rolle so vergebend und inspirierend spielen können wie Murray. Danke für einen einbeinig hüpfenden Heldentypus, der Humor und weirden Charme anstatt Bizeps und Geld salonfähig gemacht hat.

Er hat Indie-Kino wiederbelebt

Ohne Bill Murrays Namen und geniale Auftritte wären unsere liebsten Hipster-Regisseure Wes Anderson und Jim Jarmusch heute sicherlich auch ganz woanders. Ähnlich wie auf Partys, ist ein Film durch einen, wenn auch noch so kurzen, Auftritt von Bill Murray meist um 30 Prozent aufgewertet—siehe den Arschfilm Zombie Land, der auf Nummer sicher gehend und ihn einfach sich selbst spielen lassen hat.

Auch, wenn es wie hier im Fall der Szene aus Rushmore höchstdeprimierend aussieht, würde ich in meiner Frühpension auch gerne betrunken und mit einer Arschbombe Cocktail-Partys ruinieren. Und solche Wünsche kann einem auch nur die fatalistisch-sympathische Ausstrahlung von Bill Murray entlocken.

Er macht jeden Scheiß mit

Nein, über Garfield haben wir schon gesprochen. Anscheinend bekommt man nicht nur ein Autogramm, wenn man Murray trifft, er spielt auch gleich in deinem kurzen Fake-Trailer mit, wenn du lieb fragst. Diesen Gefallen, den Murray ein paar präpotenten Filmstudenten getan hat, muss dir einfach die Tränen in die Augen treiben—egal ob aus Rührung oder Neid.

Er hat eine Dauerkarte bei Letterman

Auch, wenn es uns Europäer meist nicht besonders interessiert, war Late Show with David Letterman—seit Mai nun unter Kontrolle des genialen Stephen Colbert—ein ziemlich essentieller Teil der TV-Landschaft für die Staaten.

Bill Murray war bei der ersten Folge 1982 zu Besuch und in weiterer Folge über 40 Mal auf Lettermans Sitzgruppe zu Gast. Murrays Auftritte waren immer grandios und vor allem immer begleitet vom Star Wars-Theme. Meine Lieblings-Folge war, als Murray als Liberace verkleidet Lettermans Studioboden aufhackt.

Er hält die allerbesten Ansprachen

Murray hat in seinen 65 Jahren wohl die besten Reden der Menschheitsgeschichte gehalten, egal ob im Film oder bei einem random Junggesellenabend im echten Leben. Für mich hat bei den cineastischen Motivationsansprachen immer die von Scrooged—zu deutsch Die Geister, die ich rief—herausgestochen.

Mir ist scheißegal, dass es sich objektiv betrachtet um moralisierenden Ami-Schmus zur Weihnachtszeit handelt. Ich habe noch nie eine so schmetternde Aufforderung, dass wir alle bessere Menschen sein sollten, gehört, die auch überzeugend war und dermaßen viel Augilulu-Potential hatte.

Er war von Anfang an dabei

Bill Murray ist wie viele Comedy-Größen aus den USA mit Saturday Night Live bekannt geworden. Davor und sich auch parallel überschneidend gab es auch noch National Lampoon, eine Gaudigruppe, die Größen wie John Belushi, Ramis, Chevy Chase und John Candy aufzubieten hatte.

Wie man sieht, waren als Komiker in New York der 70er ein leichtes Penner-Flair und Gesichtsbehaarung à la Waldschrat ein Muss. Und stellt euch vor, im Originaldrehbuch von Ghostbusters waren eigentlich alle diese Irren mit eingeplant—sprich eine Geisterjägereinheit von über 20 Leuten, darunter eben auch Candy, Belushi und Eddie Murphy! In was für einer Welt wir wohl heute leben würden …

Er ist gut gealtert

Wenn man sich Leute wie Jeff Bridges oder Mickey Rourke anschaut, die ich auch zutiefst verehre, aber mit ihren fortschreitenden Jahren ein bisschen irre geworden sind, lobe ich mir fitte Senioren wie Murray. Er sieht in diesem Interview zwar aus, als ob er in der Früh sein Gesicht nicht ordentlich umgeschnallt hätte, aber macht sich ein paar sehr bodenständige Gedanken über das Leben, ohne auf solche Fragen mit billigen Witzen auszuweichen zu versuchen.

Er will nicht mehr abgelenkt sein und mehr im Hier und Jetzt leben—und vor allem richtig alt werden. Das alles kann ich nur doppelt unterschreiben und hoffe, dass mich auch einmal solche Dinge beschäftigen werden, anstatt Frühdemenz oder meine Prostata.

Freuen wir uns mit Murray über ein Leben, in dem man offensichtlich am besten bei den Mitmenschen ankommt, wenn man ruhig bleibt, charmant und auch ein bisschen liebenswert oasch. Und beißt—wann, wenn nicht zur Feier des Geburtstags von Murray—einfach bei der Semmel eines Kollegen oder der Chefin ab, mit einem "niemand wird dir glauben" auf den Lippen. Hoffentlich versteht der- oder diejenige den Gag! Aber sonst macht es wie Murray, probiert doch mal ganz neue, interessante Dinge aus.

Josef auf Twitter:theZeffo