Der reale Horror einer Schlafparalyse

Du liegst im Bett, kannst dich nicht bewegen, kannst nicht sprechen und dunkle Gestalten kommen bedrohlich auf dich zu. Rodney Ascher geht in seiner Dokumentation dem Phänomen der Schlafparalyse auf den Grund.

|
Mai 29 2015, 4:19am

Es beginnt damit, dass du dich nicht bewegen kannst. Es fühlt sich an, als ob du aufwachen würdest, aber deine Arme, deine Beine, dein Kopf und deine Zunge sind wie festgefroren. Du willst um Hilfe schreien, aber du kannst nicht. Dein Körper gehorcht dir nicht mehr. Du bist gelähmt. Während du so daliegst, beginnt deine Atmung, schneller zu werden, dein Herz fängt an zu rasen und plötzlich siehst du sie: eine schemenhafte Figur in deinem Zimmer, die immer näher kommt. Vielleicht ist es ein Mann in einem dunklen Mantel. Vielleicht ist es eine alte Frau, ausgezerrt und hexengleich. Wie auch immer, etwas Unheimliches geht hier vor und du liegst in deinem Bett und kannst nichts machen.

Dieser Horror, den manche Menschen im echten Leben durchmachen, ist auch bekannt als Schlafparalyse: ein Zustand, halb träumend halb wachend, in dem der Körper bewegungsunfähig ist, während man alptraumhafte Schreckensvisionen durchlebt. Manchen Schätzungen zufolge sind ungefähr 6 Prozent der Gesamtbevölkerung davon betroffen und viele davon haben keine Ahnung, was ihnen widerfahren ist. War es nur ein Traum? War es real? War es eine übernatürliche Begegnung? Wird es wieder passieren?

Mehr Schlaf: Ich hab mich auf die Suche nach luziden Träumen begeben.

Nachdem der Filmemacher Rodney Ascher (bekannt für seinen Film Room 237) eine solche Erfahrung erlebt hatte, begann er, andere Menschen zu suchen, denen das gleiche widerfahren war. Er fand schließlich eine ganze Community, in der es von ganz eigenen mythologischen und philosophischen Erklärungen zur Schlafparalyse nur so wimmelte. In seinem neuen Film The Nightmare, der sich auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentation und Horrorfilm bewegt, teilt Ascher die Geschichten von Leuten, die so eine Schlafparalyse erlebt haben und sich damit schwer tun, diese zu deuten. Ich habe Ascher angerufen, um mehr über den Film, seine eigenen Erfahrungen mit Schlafparalyse und den unscharfen Grenzen zwischen Realität und Imagination zu erfahren.

VCE: Wie war dein erstes Schlafparalyse-Erlebnis?
Rodney Ascher: Das erste Mal war vor mehr als 15 Jahren. Ich bin so gegen vier Uhr morgens aufgewacht und konnte mich nicht bewegen, konnte nicht sprechen. Ich wollte um Hilfe rufen—ich lebte damals in einer WG—, weil ich gelähmt war und langsam Panik bekam. Ich konnte nichts hören, aber ich spürte, dass da draußen vor dem Haus etwas war, das mich beobachtete oder auf mich zukam. Plötzlich stand da diese schwarze Silhouette eines dünnen Mannes in meinem Raum—seine Umrisse waren klar zu sehen—und er ging sehr langsam auf mich zu. Ich hatte eine Todesangst. Ich wusste nicht, ob es ein Geist, ein Dämon oder irgendetwas anderes war, aber ich spürte etwas sehr Böses—mir fällt gerade kein besseres Wort ein. Er kam sehr nah an mich heran, beugte sich über meinen Kopf und ich geriet in einen Dämmerzustand. Irgendwie schaffte ich es dann, mich langsam und mühsam aus dem Bett zu schälen—etwa so wie eine Fliege, die sich von einem Klebestreifen befreit. Danach brauchte ich erst mal eine Weile, um mich wieder zu beruhigen.

Ich war fest davon überzeugt, dass mir etwas Übernatürliches passiert war—ich glaubte, dass ich vielleicht von einem Dämon besessen war, und es brauchte ziemlich lange, bis sich mir andere Erklärungsmöglichkeiten eröffneten.

Und wie bist du dann zu diesen anderen Erklärungen gekommen?
Nun ja, das passierte mir zu einer Zeit, als sich das Internet noch in seinem frühen Anfangsstadium befand, ich konnte also nicht so einfach recherchieren. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, hätte ich wohl nicht nach einer Schlafstörung, sondern nach Geisterbegegnungen oder so gesucht—so hatte sich das für mich angefühlt. Als ich dann danach suchte, ob andere Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, war ich schon verwundert, wie vielen so etwas widerfahren war. Manche dieser Erfahrungen waren noch bizarrer und angsteinflößender als meine eigene und ich war so fasziniert davon, dass ich der Sache weiter auf den Grund gehen wollte.

Was passiert aus wissenschaftlicher Sicht während einer Schlafparalyse?
Selbst die einfacheren Erklärungsmodelle werden ziemlich schnell ziemlich kompliziert. Das einfachste Modell geht davon aus, dass man in falscher Reihenfolge durch die REM-Phasen geht. Im Schlaf gehst du von REM 1 zu REM 2 und dann zurück von REM 2 zu REM 1, bevor du wieder aufwachst. Wenn du aber direkt aus REM 2—also der tiefsten Phase—zu Bewusstsein kommst, befindest du dich noch halb im Traum. Dein Körper wird im Schlaf normalerweise bewegungsunfähig gemacht, damit du dich in deinen Träumen nicht zu sehr bewegst. Das Gegenteil von Schlafparalyse ist meiner Meinung nach das Schlafwandeln—also wenn dein Körper in der Traumphase nicht runterfährt.

Nichts davon erklärt aber, warum so viele verschiedene Menschen die gleichen Dinge sehen. Und wenn so viele Menschen die gleichen Dinge sehen, sollte es dann nicht auch eine einheitlichere Traumdeutung geben?

Motherboard über das Phänomen der Sexsomnie: Schlafwandlerischen Sex

Welche sind denn die gängigsten Figuren, die Menschen im Traum sehen?
Der dreidimensionale Schattenmann ist wahrscheinlich die am weitesten verbreitete. Viele Menschen beschreiben eine ganz ähnliche Figur, aber mit einem Hut—sie nennen ihn den Hut-Mann. Es gibt noch einen weiteren Hut-Mann, der irgendwie mit UFO-Geschichten zu tun hat, wie genau habe ich aber noch nicht verstanden. Menschen berichten auch von einer alten Hexe oder einem Mantelmann, der dem Sensenmann nicht unähnlich ist. Sonst gibt es auch noch schwarze Katzen, Spinnen ...

Und die gehören alle zur gängigen Mythologie in der Schlafparalyse-Gemeinschaft?
Es ist schon ziemlich komisch, weil diese Berichte so ziemlich das Gegenteil von den UFO-Storys sind. Jeder weiß ungefähr, wie ein Alien aussieht: groß, dünn, schwarze Augen, kleiner Mund. Die Erfahrungen, die Menschen während einer Schlafparalyse machen, sind aber nicht so sehr in der amerikanischen Folklore verbreitet. Man erlebt es erst, sucht dann nach Erklärungen und merkt plötzlich, dass andere Menschen genau die gleichen Sachen gesehen haben. Das macht alles nur noch abstruser.

Gibt es, da der ganze Horror einer Schlafparalyse im eigenen Kopf entsteht, eine Art sozialer Ansteckungsgefahr—also, dass man sich selbst mit den Mechanismen und der Mythologie beschäftigt und dadurch eher Gefahr läuft, selber so eine Erfahrung zu machen?
Das wird tatsächlich von einigen Menschen vermutet. Es gibt dazu aber keine harten Zahlen. Deine Formulierung, dass es „im eigenen Kopf entsteht", ist eine sehr rationale, säkulare und wissenschaftliche Sicht auf dieses Phänomen. Unter den Betroffenen herrscht dazu allerdings kein Konsens und dementsprechend ist es auch eine der Fragen, denen wir in dem Film nachgehen: Ist es etwas, das nur im eigenen Kopf entsteht? Ist es eine Projektion deines Innenlebens oder spürst du etwas, das es tatsächlich gibt, das aber normalerweise unsichtbar ist? Ist es vielleicht etwas Vererbtes, eine von unseren Vorfahren übernommene Sache wie die Jung-sche Idee vom Unbewussten? Ich wüsste nicht, was ich davon unheimlicher finden würde.

Bei Noisey erfährst du, wie du im Schlaf ein Instrument lernen kannst.

Das alles klingt furchtbar, aber gibt es auch Menschen, die eine Schlafparalyse ohne Angst durchleben?
Es gibt eine ganze Menge Menschen, die ihren Frieden damit geschlossen haben. Sie sehen es als Tor zu luziden Träumen und außerkörperlichen Erfahrungen. In einer Online-Diskussion schrieb einer: „Wenn du doch einfach entspannst und keine Angst hast, dann kann dieser Schattenmensch zu deinem Lotsen werden." Darauf antworteten aber andere sofort: „Bist du verrückt? Das sind Dämonen! Du heißt sie in deinem Zimmer willkommen wie ein Feuer in deinem Haus."

Meine letzte Schlafparalyse hatte ich während der Arbeit an diesem Film und ich dachte mir nur, „Oh! Schlafparalyse! Es passiert gerade." Ich versuchte also, mich zu entspannen und dem Geschehen aufmerksam zu folgen. Ich hatte keine Angst, es war mehr wie eine abgefahrene Lichtshow.

Mehr VICE
VICE-Kanäle