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The Magic Hour Issue

Als Malcolm X mit den Nazis

„Ihr wisst, dass wir euch ‚Nigger' nennen. Doch hättet ihr nicht lieber einen ehrlichen weißen Mann, der euch ins Gesicht sagt, was die anderen alle hinter eurem Rücken sagen?" Nation of Islam x American Nazi Party: eine überraschende Allianz.
23.6.15

Am Sonntag, den 25. Juni 1961, erschienen zehn Mitglieder der American Nazi Party (ANP) auf einer Veranstaltung der Nation of Islam (NOI) in Washington, D.C. Der Gründer der Partei, George Lincoln Rockwell, führte sie ins Innere der Uline Arena, eines Stadions, das eine Viertelmillion Besucher fasst. Kerzengerade, mit markantem Unterkiefer und stechenden, gnadenlosen Augen, sah Rockwell aus wie ein perfekter Hollywood-Bösewicht. („Wie viel größer als Hitler er ist", bemerkte Esquire in einem höhnischen Essay. „Und wie viel besser er aussieht.") Das Uline war fast ausverkauft. Die Nazis waren in der Unterzahl—in einem Verhältnis von 800:1. Doch sie waren nicht zu einem finalen Showdown erschienen. Stattdessen wurden sie von Wachen des Fruit of Islam, dem paramilitärischen Zweig der NOI, durchsucht und zu Sitzen in der ersten Reihe geleitet, wo sie mit ihren gebügelten braunen Uniformen und Hakenkreuzarmbinden den Temperaturen von 32 Grad trotzten und stundenlang auf das Hauptereignis der Veranstaltung warteten. Der Hauptredner des Abends, NOI-Anführer Elijah Muhammad, sagte seinen Auftritt wegen Krankheit ab. Laut dem Historiker William Schmaltz folgte der Rede von Malcolm X ein Spendenaufruf, der sich gezielt an die Weißen im Publikum richtete. Rockwell gab 20 Dollar. Als die Life-Fotografin Eve Arnold sich den Nazis mit ihrer Kamera näherte, soll Rockwell (der vermutlich von den Muslimen über ihre jüdische Abstammung informiert worden war) gezischt haben: „Aus dir mache ich ein Stück Seife." (Sie antwortete: „Solange es kein Lampenschirm ist.")

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Wie sich herausstellte, war es unverhohlener Antisemitismus, der als Bindeglied zwischen den beiden Gruppen dienen konnte. Während Rockwell vor Judenhass geradezu überschäumte, unterstützte Muhammad einige rassistische Theorien, darunter die Lüge, Juden hätten den Sklavenhandel finanziert. (Malcolm X hielt sich mit antisemitischen Aussagen zurück und verwies oft auf Muhammads Verschwörungstheorien, anstatt eigene zu äußern). Im Sommer 1961 hätte öffent-liche Hetze gegen Juden die Öffentlichkeit vermutlich noch mehr erzürnt als heute. Zehntausend Kilometer entfernt hatte der Adolf-Eichmann-Prozess in Israel die Welt in seinen Bann gezogen und zu einem starken Anstieg in der Berichterstattung über die Verbrechen des Holocausts geführt. Die Rassentrennung war eine weitere Sache, die beide Gruppen verband. Die Rede, die Malcolm X an jenem Abend hielt, trug den Titel „Separation oder Tod". Rockwell sagte Journalisten gegenüber im Anschluss an die Rede: „Ich stimme ihrem Programm voll zu und habe den größten Respekt vor Elijah Muhammad." Die Frage, wohin man die schwarzen US-Amerikaner schicken solle—die NOI wollte ein Stück der USA, während die ANP für volle Deportation nach Afrika war—sei, so sagte er, sein einziger Streitpunkt mit den Muslimen. Das stimmte nicht ganz. Die Nazis und die NOI waren sich uneinig darüber, ob schwarze Menschen überhaupt Menschen waren. Im Laufe seiner dreijährigen Karriere als bekennender Nazi hatte Rockwell Afroamerikaner wiederholt als „Nigger mit Ring in der Nase", „animalisch" und „nicht besser als Schimpansen" bezeichnet. Erstaunlicherweise waren solche Partnerschaften für die NOI nichts Neues. Sechs Monate zuvor hatte Muhammad Malcolm X zu einem streng geheimen Treffen mit dem Ku-Klux-Klan von Atlanta geschickt. Die zwei Gruppen vereinbarten einen bizarre Waffenstillstand: die Sicherheit der örtlichen Moscheen im Austausch für Unterstützung in puncto Rassentrennung. Doch jenes Treffen hatte einem Zweck gedient. Das Bündnis mit der ANP dagegen brachte den Muslimen keinen offensichtlichen Vorteil. Die Unterschiede zwischen Malcolm X und Rockwell waren existentiell. Während der eine es vom Kriminellen zu landesweitem Ruhm gebracht hatte, war der andere in nur sechs Jahren vom hochdekorierten Marineoffizier zum wahnhaften Nazianführer geworden und hatte damit seine Familie, seine Finanzen und seinen Ruf zerstört. Der Gipfel in Washington muss einen bitteren Kontrast zu Rockwells gewöhnlich eher spärlichen Versammlungen gebildet haben. Von einem Publikum von 8.000 Menschen konnte er nur träumen. Für den Nazianführer bediente das Bündnis eine größenwahnsinnige, absurde Fantasie. „Könnt ihr euch vorstellen, wie die American Nazis eine Versammlung im Union Square [in New York] abhalten", schrieb Rockwell später an seine Anhänger, „vor jüdischen Störern geschützt durch eine dichte Phalanx von Elijah Muhammads strammen schwarzen Sturmtruppen?" Rockwell stilisierte sich zur Zeichentrickfigur. Seiner Auffassung nach war die politische Kritik durch Rechtsextreme aufgrund der jüdisch kontrollierten Medien und dem daraus folgenden Mangel an Aufmerksamkeit ein aussichtsloses Unterfangen. „Ich versuchte es, doch niemand schenkte mir Beachtung", sagte er später einem Interviewer über seine politischen Aktivitäten vor seiner Nazizeit. „Doch niemand kann Nazis ignorieren, die durch die Straßen marschieren." Eine Folge seines amateurhaften Marketings war es, dass Rockwell ausgesprochen inkompetente Menschen um sich scharte: Er zog Horden von Nazis an, von denen er zugab, sie seien „unglaublich dumm." Und doch ließ er es sich nicht nehmen, weiterhin auf den kleinsten gemeinsamen Nenner abzuzielen. Warum sollte sich die für ihre Disziplin bekannte Nation of Islam mit solchen Karikaturen abgeben?

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AMERICAN NAZI PARTY

Die ANP wurde 1959 von George Lincoln Rockwell in Arlington, Virginia, gegründet. Rockwell wurde acht Jahre später von einem Ex-Mitglied der ANP ermordet.

Acht Monate später gab es eine mögliche Antwort. Am 25. Februar 1962 lud man die ANP zu einer zweiten Versammlung ein, diesmal zum Kongress am NOI-Feiertag Saviour's Day in Chicago. Rockwell richtete nach Muhammad selbst das Wort an die Menge. Er stand vor etwa 12.000 Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern, doch der Nazi-Anführer nahm kein Blatt vor den Mund. „Ihr wisst, dass wir euch ‚Nigger' nennen. Doch hättet ihr nicht lieber einen ehrlichen weißen Mann, der euch ins Gesicht sagt, was die anderen alle hinter eurem Rücken sagen?" Als Redner war Rockwell unterhaltsam, strahlte aber nicht besonders viel Autorität aus. Seine Stimme war nicht die eines Führers und das International Amphitheater war kein Nürnberger Reichsparteitag. „Ich fürchte mich nicht, hier zu stehen und zu sagen, dass ich Rassenvermischung hasse und sie bis in den Tod bekämpfen werde", fuhr Rockwell fort. „Doch gleichzeitig will ich alles in meiner Macht stehende tun, um dem ehrwürdigen Elijah Muhammad bei der Umsetzung seines visionären Plans für euren eigenen afrikanischen Boden zu helfen. Elijah Muhammad hat recht: Separation oder Tod!" Das Publikum schwankte zwischen höflichem Applaus und Buhrufen. Zwei Monate später wies Muhammad seine Schäfchen in der NOI-Zeitung dafür zurecht: „Wenn sie für uns die Wahrheit sagen, was schert es uns dann? Dann stellen wir uns auf den Kopf und applaudieren!" Dieser gemeinsame Verweis auf „Ehrlichkeit" und „Wahrheit" gibt uns einen Einblick in die möglichen Wurzeln des Bündnisses. Rockwell und Muhammad betrachteten einander als authentisch, als Menschen, die sich nicht scheuten, ungeachtet der Konsequenzen die Wahrheit—oder zumindest ihre Versionen davon—auszusprechen. Ihre Selbstvermarktung und ihre Legitimität als Anführer waren abhängig von diesem geradlinigen Ruf. Rockwells Existenz war für die NOI ein nützliches Rekrutierungswerkzeug, seine physische Präsenz ein Zeugnis Muhammads eigener Authentizität. Malcolm X steckte nicht in dieser Legitimätsfalle und er ließ durchblicken, dass er Rockwells Hochachtung nicht erwiderte. Als der Nazi 1961 für seine Spende von 20 Dollar Beifall bekam, lachte Malcolm X ins Mikrofon und sagte: „Das war der größte Applaus, den Sie jemals bekommen haben, stimmt's, Herr Rockwell?" Als die Kämpfe um Bürgerrechte der 1950er zu den Triumphen der frühen 1960er führten, fanden sich beide Männer im gewaltigen Schatten von Martin Luther King Jr. wieder. Angesichts der wachsenden Kluft zwischen seiner NOI-Rhetorik und den Erfolgen einer gewaltlosen Bewegungen entschärfte Malcolm X seine Reden. Nachdem er 1964 aus der NOI austrat, machte Malcolm X das Bündnis mit dem Klan Muhammad zum Vorwurf. Im Jahr darauf schickte er ein Telegramm an George Lincoln Rockwell:

„Ich will Sie hiermit warnen, dass ich in meinem Kampf gegen weiße Rassisten nicht länger von Elijah Muhammads separatistischer Black-Muslim-Bewegung zurückgehalten werde, und wenn durch Ihre Agitation gegen unser Volk in Alabama Reverend King oder andere schwarze Amerikaner, die lediglich versuchen, ihre Rechte als freie Menschen zu genießen, körperlich versehrt werden, dann wird man gegen Sie und ihre Freunde vom Ku-Klux-Klan die stärkste physische Vergeltung verüben …"

Drei Jahre später waren beide Männer tot, mutmaßlich von früheren Verbündeten ermordet. Doch der Geist des Bündnisses hat noch heute Bestand. Die Nation of Islam unterhält eine Partnerschaft mit dem weißen Neonazi Tom Metzger. Die American Nazi Party hat auf ihrer Website eine „Seite für nichtarische Sympathisanten" eingerichtet, wo „Nichtweiße" in Form von Spenden „unsere Sache unterstützen" können. Noch seltsamer ist nur das Bündnis, das Malcolm X posthum einging: breite Akzeptanz in der von Weißen beherrschten Gesellschaft, die er sein ganzes Leben lang bekämpfte. Die US-Regierung widmete ihm eine Briefmarke.