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Sex

Warum Sadomasochisten die besseren Menschen sind

Wer sich seinen Ängsten und Schmerzen stellt, macht sich frei—und lacht dem Tod ins Gesicht. Ein Plädoyer für SM.

von Pamela Will
12 November 2015, 9:00am

Foto: captain.orange | Flickr | CC BY-ND 2.0

Seit ich weiß, dass man mich zum Orgasmus prügeln kann, fühle ich mich zum ersten Mal in meinem Leben ganz. Was für andere ein Trennungsgrund wäre, macht mich erst richtig geil: Ohrfeigen, Anspucken, liebevolle Demütigungen aller Art. Es ist, als würde ich jeden Winkel von mir spüren, wenn ich nicht nur mit Zärtlichkeiten überschüttet, sondern auch Gegenstand von Erniedrigungen und sonstigen Qualen werde. Eng verknüpft mit der Geilheit ist—so komisch sich das anhören mag—das Gefühl der totalen Geborgenheit: Alles wird gut.

Offenbar müssen manche Menschen einfach damit klar kommen, dass sie solche Empfindungen vor allem durch das Ausleben von Erniedrigungs- und Machtfantasien bekommen, während andere dafür an duftende Kekse aus dem Ofen denken oder wie jemand liebevoll die Decke über sie ausbreitet. Ähnlich hörte sich das bei einer Freundin von mir an, als ich sie vor einigen Jahren nach ihrer Lust am SM fragte: Erst mit dem Gesicht im Dreck und dem verkloppten Arsch im Himmel überkomme sie ein Gefühl dieses Aufgehobenseins. Es erinnere sie an das Gefühl von Kindheit—tatsächlich war sie als Mädchen von ihrer Mutter geschlagen worden. Damals dachte ich, dass sie das bis heute wiederholen muss, sei das Traurigste, was mir jemals im Leben jemand erzählt hat. Heute finde ich die Befreiung, die darin verborgen liegt, wunderschön.

Damit möchte ich nicht sagen, dass alle Sadomasochisten traumatisierte Opfer sind. Aber vielleicht sind sie die besseren Menschen. Weil sie sich mit Abgründen konfrontieren, um dort ein wenig Erlösung zu finden, und nicht so tun, als wären die nicht da. Weil sie die Abgründe ummünzen und Spaß daran haben, weil sie damit spielen und dabei immer aufeinander achten. In keiner anderen intimen Situation habe ich mich zuvor je so behütet und geachtet gefühlt wie beim SM. Denn SMler müssen sich mit einer ganz wichtigen Erkenntnis zum menschlichen Dasein ständig auseinandersetzen: Wir sind alle anders.

Vielleicht wirst du pervers genannt und ich auch. Das heißt jedoch nicht, dass es dir Spaß macht, wenn ich dich gleich über diesen Bock lege, diese Gerte über den Arsch ziehe und dir dann zärtlich befehle, dich bei mir zu bedanken. Kann sein, dass du mir gerade eine Tracht Prügel verpasst und mich angewiesen hast, dabei wie ein Pferd zu wiehern, es aber total widerlich fändest, wenn ich gleich deine Pisse trinken will. Wir gleichen ständig ab, ob der andere OK ist—ohne uns daraus ein Urteil zu bilden. Wenn das klappt, dann eröffnet sich vor uns ein monumentaler Abenteuerspielplatz. Nicht umsonst nennen Sadomasochisten ihre gemeinsamen Gepflogenheiten „Spielen".

Für viele mündet das gar nicht zwangsläufig in Sex. Oft lässt man sich liebevoll den Arsch von jemandem verkloppen, den man sich niemals als Sexpartner vorstellen könnte. Das führt zu Situationen, die ich nicht mehr missen möchte. Wenn ich mich etwa in den Gewölben eines SM-Clubs von einem wildfremdem Mann im Anzug verdreschen lasse, der mir gerade irgendein Märchen davon erzählt hat, warum seine Frau ihn heute nicht begleitet hat. Wirklich, ich mache das nicht, um krass zu sein. Ich mache das, weil ich die Menschen liebe und gleichzeitig in schallendes Gelächter über unsere Existenz ausbrechen möchte. Aber jetzt hallen erst einmal meine Schmerzensschreie über die benachbarte Tanzfläche.

Vielleicht sind Sadomasochisten einfach sehr tiefgründige Menschen. Wer einmal um die unendlichen Daseinsformen weiß, kann dieses Wissen so einfach nicht ausschalten. Dieses nagende Gefühl von Grausamkeiten, die genau jetzt überall auf der Welt passieren und uns ständig bedrohen. Sie sind immer da, auch wenn wir die Decke über sie ausgebreitet haben, wo sie weiter vor sich hin wuchern. Wenn ich meine Leidenschaft für SM auslebe, dann lache ich auch dem Tod ins Gesicht, immer wieder. Nicht, weil ich mich ernsthaft in Gefahr bringe, sondern weil ich mit seinen Auswüchsen spiele.

Die Geschichte eines ganz besonderen Fetischs: Als Hund bin ich dazu da, um meinen Besitzer stolz zu machen."

Manche mögen sagen, meine Freundin mit der prügelnden Mutter sei erst geheilt, wenn sie nicht mehr daran denkt und darunter leidet. Ich glaube ihr, wenn sie sagt: Sie muss es immer wieder erleben. Ein Entkommen gibt es sowieso nicht, doch die Erinnerung kann heute mit positiven Erfahrungen verknüpft werden. Gewalt gehört zum Leben offenbar dazu und wir können Befreiung in der Spielsituation finden. Im Gegensatz zu früher braucht meine Freundin keine Angst mehr davor zu haben. Sollte es zu viel werden, hat sie ein Safeword mit ihren Spielpartnern vereinbart und sie kann abbrechen, wann sie will—auch wenn sie es meist nicht tut. Es gibt ihr die Kontrolle zurück, die sie früher nie hatte. Wir kontrollieren unsere Ängste, statt uns von ihnen kontrollieren zu lassen.

Foto: Gabriel Rojas Hruska | Flickr | CC BY 2.0

Deshalb genieße ich es auch, wenn jemand mir befiehlt, Dreck zu fressen. Das ist immer auch eine innere Rebellion gegen die unzähligen Male, in denen Eltern ihre Kinder maßregeln: „Was am Boden liegt, wird nicht gegessen!" Was, zur Hölle, soll dabei passieren? Ha, seht her, ich fresse Dreck! Und mir passiert: rein gar nichts. Ich mache mich frei von Ängsten und Zwängen. Dass sich das positiv auf den Sex auswirkt, ist klar, oder?

Ich weiß nicht, ob das für Vanillas (Menschen, die nicht auf Schweinkram stehen) nachvollziehbar ist—doch seit ich SM für mich entdeckt habe, sind meine Ängste insgesamt viel kleiner geworden. Genau wie meine Wut. Beides lebe ich im Kinky-Spiel in einem geschützten Rahmen aus, daher quellen diese Emotionen nicht plötzlich in völlig unpassenden Situationen aus mir heraus. Wir kennen sie ja, diese kleinen Giftzwerge in uns, die sich maßlos aufregen, weil irgendetwas nicht so läuft, wie wir es wollen. Oft denke ich: So eine Tracht Prügel, sei es als Spender oder als Empfänger, könnte ganz heilsam sein. Dadurch sind wir in der Lage, alle Emotionen von Schuld und Scham bis zu Wut und Machtgelüsten auszuleben, ohne Schlimmes anzurichten.

Sicher, nicht das ganze Leben ist für alle ein Spiel. Aber wir können uns trauen, die entlegeneren Seiten davon zu erkunden. Und im SM-Spiel lernen wir, dass wir selbstbestimmt sind—seien wir gerade der dominante oder der devote Part. Für beide ist es gleichermaßen wichtig, die eigenen Grenzen kennenzulernen, ja sie überhaupt erst zu erkennen. Und die Möglichkeit haben zu sagen: Hier ist für mich Schluss. Gleiches gilt für die Partner, auf die wir immer ein Auge haben. Dann sind wir frei zu spielen—und alles zu sein, was wir nur wollen.

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