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Sex

Was ich als pakistanische Frau im Westen über Sex gelernt habe

Die patriarchale Kultur Pakistans hat mich in meiner sexuellen Entwicklung gestört, doch im Westen konnte ich endlich lernen, auf die Meinungen anderer zu pfeifen.
2.5.16

Wenn es nach den Eltern ginge … Hata-Ganthi-Ritual bei einer Hochzeit im indischen Odisha | Foto: Aditya Mahar | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Pakistan ist eine islamische Republik und der Staat mit den meisten Porno-Suchanfragen der Welt. Diese Tatsache weist auf einen bestimmten Aspekt der pakistanischen Kultur hin: Wir sind geil und wollen Sex, aber wir dürfen auf keinen Fall welchen haben. Sex gilt in Pakistan als absolutes Tabuthema. Männer werden in unserer patriarchalen Gesellschaft dafür generell nicht verurteilt, aber wenn eine Frau aus der Mittelschicht oder ärmeren Verhältnissen beim vorehelichen Sex erwischt wird, wird es für die Betroffene todernst.

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Vor allem Frauen aus den ärmeren Schichten können dann Opfer verschiedenster Formen der Bestrafung werden. Diese Praxis begann mit der Diktatur oder "Islamisierung" unter General Mohammed Zia-ul-Haq, der die Hudood-Verordnungen erließ und damit Zina (Steinigung) und Hudood (Auspeitschen, Amputationen und Ehrenmorde) in das pakistanische Recht einführte. Seine Regierung wies Vergewaltigungsanzeigen von Frauen generell ab, bezeichnete sie stattdessen als Unzüchtige und steckte sie ins Gefängnis. Diese drakonischen Bestrafungsformen sterben zwar allmählich aus, doch in den Köpfen der Fundamentalisten, Imame und Polizeibeamten bestehen sie fort. Die Scharia-Gesetzgebung kann auch für viele andere geschlechtsdiskriminierende Verordnungen in muslimischen Gesellschaften verantwortlich gemacht werden, wie die mangelnde Unterstützung der Meinungsfreiheit, der Frauenrechte und letzten Endes aller Menschenrechte.

Auch wenn ich sexuelle Kontakte mit fast einem Dutzend Menschen gehabt hatte, bevor ich 2012 zum Studieren von Pakistan nach Kanada zog, war das nichts, womit ich offen umging. Rückblickend muss ich auch sagen, dass meine Sexualität damals noch sehr verklemmt war. Durch die ganzen Verbote, die uns während unserer notgeilsten Jahre in dem statistisch notgeilsten Land auferlegt werden, sind wir als postpubertäre Jugendliche gezwungen, kreativ zu werden.


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Zu einem Schäferstündchen konnte man auf verschieden Arten bekommen. Ich habe unter anderem folgende Methoden eingesetzt: Sex in einem Auto mit getönten Scheiben, das mitten im Nirgendwo geparkt stand; mich nachts in das Haus des Sexpartners schleichen; mich in das Büro des Vaters meines Partners schleichen, das zufällig über ein Schlafzimmer verfügte (WTF?). Diese ganzen Dinge mussten natürlich angestellt werden, ohne dass jemand anderes etwas davon mitbekam und meinen alleinerziehenden Vater informierte, der ausgeflippt wäre (sorry, Papa). Hotelzimmer waren ebenfalls äußerst praktisch. In Islamabad, wo ich aufgewachsen bin, gab es allerdings nur zwei Hotels, von denen eins das Marriott war, wo ein Zimmer etwa 150 – 200 US-Dollar pro Nacht kostete – für Teenager, die dann auch noch zusätzlich den Wechselkurs berappen mussten, war das eine unglaubliche Summe. In Pakistan reicht es aber noch nicht mal aus, für seinen sexuellen Zufluchtsort zu bezahlen. Die Person, die das Zimmer buchte (ein Mann), musste als Erstes hochgehen, während die andere dann etwa eine Viertelstunde wartete, um sicherzugehen, dass weder der Portier noch das Sicherheitspersonal mitbekamen, dass wir im Begriff waren, hemmungslosen vorehelichen Sex zu haben.

Und wenn du trotz aller Vorsichtsmaßnahmen erwischt wurdest, bekamst du es mit einem absoluten Shitstorm unbändiger Wut zu tun. Der Freund meiner Tante wurde damals von meinem Großvater zu Brei geschlagen, "zum Schutz ihrer Ehre". Und als meine eigenen Eltern von einem Stelldichein erfuhren, schoben sie einen irrationalen und melodramatischen Anfall darüber, dass ich angeblich mein Leben ruinierte, und verboten mir, jemals wieder mit dem Typen zu reden (nachdem sie seine Eltern und meine Schule informiert hatten).

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Auch über meine Kleidung konnte ich meine Sexualität nicht ausdrücken. Ich musste extrem weite, unvorteilhafte T-Shirts tragen, die meine Figur völlig versteckten.

Nachdem ich dann kurz vor meinem 19. Geburtstag nach Toronto gezogen war – ich war immer noch weit davon entfernt, auch nur einen Ansatz von Ausschnitt zu zeigen –, fiel ich wegen unglaublichen Heimwehs darauf zurück, meine Zeit größtenteils mit anderen Pakistanern aus der Heimat zu verbringen. Irgendwann erkannte ich aber, dass der Umgebungswechsel nur wenig dazu beigetragen hatte, die Vorurteile vieler (aber nicht aller) Pakistaner in Toronto abzubauen. Mit einem Pakistaner anzubändeln, der mit einem pakistanischen Mitbewohner zusammenlebte, war wegen der anerzogenen Angst vor Verurteilung für mich extrem unangenehm. Doch schließlich kam ich mit einem komplett anderen Umfeld in Berührung, das von Menschen mit den verschiedensten Kulturen, Werten und Einstellungen bevölkert war. Dadurch erkannte ich, dass es keinen Grund gibt, mich für die Person zu schämen, die ich gerne sein will. Doch genau dieses Gefühl stellt sich eben ein, wenn du in einer Gesellschaft aufwächst, die dich durchgehend aufs Schärfste verurteilt.

Ich war noch nie religiös und würde auch sagen, dass ich nicht dazu neige, Andere zu verurteilen. Aber nach Toronto zu ziehen und in meiner allerersten Nacht hier am Yonge-Dundas-Square vorbeizukommen, war definitiv ein sexueller Kulturschock. Condom Shack, The Stag Shop, Seduction und wie die ganzen anderen Sex-Shops hier heißen, so öffentlich zu sehen, hat mich ein wenig überfordert – nicht unbedingt auf negative Art. Der subtile Rassismus und die Exotisierung dunkelhäutiger und asiatischer Frauen überwältigte mich ebenfalls und stieß mich auch ab – vor allem deswegen, weil ich kein Tier im Zoo bin (auch wenn das Daten hier dadurch noch spannender wurde, dass man mir sagte, mein ungewöhnlicher Misch-Akzent sei unglaublich attraktiv, und dass ich in den Augen mancher eine ungewöhnliche Ausnahme darstellte). All das brachte mich aber zu dem Entschluss, dass ich niemals mit jemandem ins Bett gehen würde, der ignorant genug war zu glauben, dass alle Pakistanerinnen religiös sein müssen (ja, das kommt vor) und dementsprechend davon ausging, dass ich nicht mit ihm schlafen würde.

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Wie schon gesagt war ich unglaublich verklemmt. Ich hatte keine Ahnung, wie man masturbiert, und keinem meiner pakistanischen Partner hatte es Spaß gemacht, mich zu lecken (tatsächlich wurden viele defensiv, wenn das Thema aufkam). Ich denke, dass das mit der frauenfeindlichen Grundhaltung unserer Gesellschaft zu tun hat, wie auch der Tatsache, dass Söhne in der südasiatischen Kultur generell mehr bewundert werden als Töchter. Das führt bei den Männern zu eine Anspruchshaltung: Sie erwarten, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Hinsicht, ob körperlich oder emotional, über den Frauen zu stehen. Als ich dann meine ersten Erfahrungen mit Männern gesammelt hatte, die großen Spaß daran hatten, bei mir auf Tauchstation zu gehen, wurde mir klar, dass ich mir definitiv zu schade dafür bin, mit jemandem zusammen zu sein, der sich aus rein egoistischen Gründen beim Oralsex nicht revanchieren will. Nachdem ich allmählich immer selbstbewusster im Ausdruck meiner Sexualität und meiner Freiheit wurde, traf ich ein paar Typen über Tinder. Mit einigen von ihnen hatte ich eine unglaubliche sexuelle Chemie und andere nannten mich zu reserviert und zu "prüde" – als sollte ich meine sexuelle Komfortzone einfach seiner anpassen.

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Die meisten pakistanischen Menschen haben vorehelichen Sex, und da Sexualaufklärung so gut wie nicht vorhanden ist, tun viele von ihnen dann schädliche Dinge, wie eine Überdosis "Pille danach" schlucken, weil sie nichts über die Dosierung wissen und die in winzig kleiner Urdu-Schrift gedruckte Packungsbeilage nicht gelesen haben. Oder noch schlimmer, Frauen sind und werden oft zu heimlichen Abtreibungen gezwungen, die häufig anhand schmerzhafter und gefährlicher Methoden herbeigeführt werden, weil Abtreibung im Islam als haram (sündig) gilt und höchstens im Fall der Lebensgefahr für die Schwangere erlaubt wird. In Pakistan haben wir keine Wahl, ob wir Abtreibung befürworten oder nicht; wir sind dazu gezwungen, Abtreibungsgegnerinnen zu sein.

Vielleicht sollten wir der Tatsache, dass die meisten Menschen geil werden und Pakistaner da keine Ausnahme darstellen, endlich Rechnung tragen, und das Tabu um die Sexualität aufbrechen. Viele Millennials aus Pakistan sehen es nicht so und werden zweifellos weiterhin an irgendwelchen abgeschiedenen Orten miteinander schlafen – ohne Zugang zu sicheren Verhütungsmethoden und mit weiterhin unterdrückter Sexualität. Es ist vermutlich das befreiendste Gefühl der Welt, wenn man merkt und akzeptiert, dass die Meinungen anderer nicht mehr das eigene Leben bestimmen. Meine neugewonnene Gleichgültigkeit gegenüber urteilenden Kleingeistern hat mich erkennen lassen, dass meine Welt sich nicht um sie dreht, und hat mich gegen die giftige, urteilende Stimme in meinem Kopf ankämpfen lassen, die mich ständig "Gashti" (Urdu für "Schlampe") genannt hat.

Ich wollte einfach nur eine Frau in ihren Zwanzigern sein, die mühelos selbstbewusst ist, ihre Sexualität annimmt und sich inzwischen einen Scheiß darum schert, was die Menschen in der Heimat über sie sagen oder denken – und das bin ich heute. Die Gründe für diese Entwicklung waren tiefgreifend, doch es ist eindeutig auch eine riesige Erleichterung, nicht länger ein Vermögen für ein Hotelzimmer zahlen zu müssen und in einem Bett Sex haben zu können, ohne ständig die Angst vor hereinplatzenden Eltern im Nacken zu haben.

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