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Sport

Burnout und Aktionskunst—die Entstehung des Schachboxens

Wir haben uns mit dem Erfinder des Sports getroffen, bei dem sich die Kontrahenten nicht nur mit den Fäusten, sondern auch dem Geist duellieren.
24.11.14

​„Schachboxen ist die Balance zwischen Ehrgeiz und Demut, wir sind auf der Suche nach dem klügsten und schlagkräftigsten Mann der Welt", erzählt mir Iepe Rubingh, als ich ihn im Trainingszentrum der Berliner Schachboxer treffe. Es riecht nach Schweiß. Leise ist das Summen der fluoreszierenden Beleuchtung zu hören. Von der Decke hängen mehrere Boxsäcke und eigentlich ist es so, wie man sich eine Boxtrainingshalle vorstellen würde. Der einzige Unterschied sind die zwei Tische mit Schachfiguren, die neben dem Ring aufgestellt sind.

Iepe Rubingh ist Erfinder des Schachboxens, war früher leidenschaftlicher Sportler, doch verbrachte eigentlich die meiste Zeit seines Lebens damit, Kunst im öffentlichen Raum entstehen zu lassen. Während wir uns auf eine Bank neben dem Ring setzen, erklärt er mir die Entstehung des Schachboxens.

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„Man muss sich seiner Körperkraft und seinem Intellekt zugleich stellen und dies kann einen verdammt demütig machen".

Eigentlich sind die Regeln des Schachboxens einfach. Sechs Runden Schach und fünf Runden Boxen. Man gewinnt entweder per Schachmatt oder KO im Ring. Doch es ist nicht Schachboxen, das so ungewöhnlich ist, ​wie vi​ele behaupten. Mehr ist es die Geschichte um die Entstehung der Sportart und den Einfluss, den sie auf die Gesellschaft nehmen sollte. Man könnte sie als einzigartig bezeichnen und mittlerweile erstreckt sie sich weit über die Grenzen des kleinen Trainingsraums des Berliner Boxkellers.

Fast sieben Jahre nach der ersten offiziellen Veranstaltung wurden unzählige Kämpfe auf der ganzen Welt bestritten. Von kleineren Veranstaltungen in Berlin bis hin zur einer atemberaubenden ​Weltmeisterschaft in R​ussland, die über 2000 Leute in die Halle strömen ließ, entstanden nach und nach mehr Schachboxverbände weltweit. Heute sind neben den USA und England aktive Schachboxer in Indien, China und dem Iran zu finden. Der 40-jährige Holländer hat nicht nur einen Sport ins Leben gerufen, sondern auch ein neuartiges Entertainmentprodukt erschaffen, mit dem er Menschen begeistert.

Schon immer liebte es Iepe, die Menschen mit seiner Kunst im öffentlichen Raum durch beindruckende Installationen und Aktionen zum Staunen zu bringen. Er brachte ​Bäume zum Regnen oder verteilte 40 Liter Farbe auf dem grauen Asphalt der ​Kreuzung des Rosentha​ler Platzes. Betrachtet man seine Aktionen genauer, könnte man sie als eine Art Gesellschaftskritik sehen, doch sie scheinen auch ein Ausdruck von Rückeroberung zu sein. Einem Wiedergewinn, der in der Gesellschaft verloren gegangenen Freiheit.

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Letztendlich war es auch eine seiner Kunstaktionen, aus der die Idee zum Schachboxen entstand. Über mehrere Jahre sperrte Iepe verschiedene Kreuzungen der Welt mit Absperrband ab. Darunter auch den Hackeschen Markt in Berlin und die belebteste ​Kreuzung der Welt im Shibuya ​Distrikt in Tokio. Auf diese stellte er sich mit einem Narrenkostüm bekleidet, hielt den Verkehr auf und es entstand eine seiner „sozialen Skulpturen", wie er sie nennt.

​Wild gesti​k​ulierend befand er sich mitten auf der Kreuzung, die er mit Hilfe von 60 Unterstützern komplett zum Stillstand gebracht hat. Nach kurzer Zeit wurde er verhaftet und seine Aktion brachte ihm einen 10-tägigen Gefängnisaufenthalt ein.

Trotz seiner Zeit im Gefängnis, wertete er die Aktion als einen Erfolg, merkte aber schnell, wie sehr ihn Planung, Umsetzung und letztendlich die kurzzeitige Inhaftierung ausgelaugt hatten.

„Ich konnte nicht mehr, der Akku war einfach leer."

Eigentlich war seine Joker Performance, wie er diese Reihe nannte, als Trilogie angedacht. Angefangen in Berlin, wollte er über Tokio und den New Yorker Times Square bedeutende Kreuzungen absperren und für Aufsehen sorgen. Doch bereits nach seiner zweiten Aktion war er wie ausgebrannt. „Mir war klar, dass ich, bevor ich nach New York gehen würde, fit sein müsste und so begann ich, wieder Sport zu machen."

Es war das Boxen, das ihn auf die Beine brachte. Wie besessen begann er, in dem Berliner Boxkeller zu trainieren. Bei einem Besuch in Amsterdam traf er auf seinen alten Freund Louis Veenstra, erzählte ihm, dass er mit dem Boxen angefangen hatte. „Wie Jungs so sind, forderte er mich spaßeshalber zum Kampf heraus." Dieser Kampf sollte die Geburtsstunde des Schachboxens sein.

„In jungen Jahren brachte mir mein Vater das Schachspielen bei. Zum Boxen kam ich eigentlich erst später, denn meine Mutter hielt es immer für zu gefährlich." Sein Vater war es auch, der eine große Comicsammlung besaß, in welcher Iepe in einem Comic Buch des französischen Zeichners Enki Bilal die Geschichte von zwei Männern entdeckte, die sich auf allen Ebenen messen wollten. Sie faszinierte ihn, denn um einen Sieger zu ermitteln, traten sie in einem Schachboxkampf an. „Ich war einfach begeistert von dieser Idee und wollte sehen, ob sich dies auch in der modernen Gesellschaft umsetzten ließ".

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Also begann er, mit Hilfe von einer Handvoll Leute den ausstehenden Kampf zwischen ihm und Louis Veenstra zu planen. Der erste Schachboxkampf der Welt war geboren. Ein Kampf, in dem es nicht die beiden Charaktere aus Enki Bilals Geschichte waren, die sich gegenüber standen, sondern Iepe „The Joker" und Louis „The Lawyer", die versuchten, den bis jetzt erst in einem Comic existierenden Kampf um die Krone des Stärksten und Klügsten in der Realität unter sich auszumachen. Eine epische Schlacht auf geistiger und physischer Ebene. Natürlich sollte auch das Ambiente eines Kampfes von diesem Ausmaß eine gerechte Location erhalten, welche sich schnell in einer alten Kirche in Amsterdam fand. Mit Hilfe der Vermarktung ihres Kampfes durch einen Bekannten der Beiden, erschienen neben der holländischen Presse über 1000 Zuschauer. Jeder wollte sehen, wie sich die beiden Freunde gegenüberstehen würden und ob ein solches Event ​nicht e​her als ein Scherz angedacht war.

Heute treibt Iepe die mittlerweile als Sport anerkannten intellektuellen Kämpfe stetig voran. Mit der Gründung von Chessboxing Global, dem offiziellen internationalen Verband für Schachboxen und einer geschickten Vermarktung finden sich mehr und mehr Anhänger, denen einfaches Schach zu langweilig erscheint und Boxen zu wenig ist. Längst ist Schachboxen ein Teil der Gesellschaft geworden und „das ist das Schönste und Wertvollste, das mir als Künstler passiert ist", wie er sagt. „Meine Kunst hängt nicht im Louvre, nein sie ist wirklich da, erfahrbar und das weltweit."

Vor einiger Zeit wurde der indische Sportfunktionär Montu Das auf die entstehende Kultur um Schachboxen aufmerksam. Er sah ein Video von einer der zahlreichen Schachboxveranstaltungen und kontaktierte Iepe. „In langen Skypekonferenzen versuchten wir, Schachboxen in Indien weiter zu bringen und der Sportart eine bessere Struktur zu geben".

Wie global seine Kunst wirklich geworden ist, sollte er bald merken. Im vergangen August erhielt Iepe eine offizielle Einladung des indischen Bundesstaates West-Bengal und begab sich als Erfinder des Sportes nach Kalkutta, um Trainingseinheiten für Jugendliche, Trainer und Schiedsrichter zu geben. Die gute Zusammenarbeit mit Munto Das, den er als „wichtigen Partner" beschreibt, hat Indien zum größten Schachboxverband weltweit werden lassen. Einer der Gründe ist wohl, dass sowohl Schach als auch Boxen dort eine lange Tradition haben.

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Kurz nach seiner Ankunft bekam er dies auch schnell zu spüren. Die Leute verehrten ihn. „Es kam einer Huldigung eines Gurus gleich", wie er erzählt. „Auf mich wartete ein riesiges Portrait von mir inklusive Willkommensbotschaft, es war verrückt. Ich sollte 150 Sportler trainieren und anfangs stellte ich mir die Frage, wie ich das anstellen sollte. Doch dank der großen Disziplin der Inder hat dann doch alles gut funktioniert. Man muss sich das mal vorstellen: 150 Sportler stehen der Größe nach vor dir, von denen einige sogar das ehrgeizige Ziel haben, Schachboxprofi zu werden."

„Zum Abschluss gab es eine riesige Galaveranstaltung, die für mich organisiert wurde. Dort kam ich mit dem Sportminister des Bundesstaates West-Bengals ins Gespräch. Für mich schien er die Personifizierung der Macht zu sein und das Beste war, dass er vom Schachboxen begeistert war." Er sollte es auch sein, der Iepe ein Stadion schenkte. „Während wir uns unterhielten, betonte der Minister immer wieder, dass wir ein größeres Stadion brauchten, denn ein Spektakel wie dieses bräuchte einen passenden Ort. Am Ende bot mir ein Stadion für 10.000 Leute an."

Für Iepe ist es die kulturelle Komponente, die Schachboxen so besonders macht. Letztendlich hat er das geschafft, was er die Jahre davor auch mit seiner Kunst versucht hat zu machen. Vergleichbar mit einem Kunstwerk hat er eine Sportart geschaffen, die Teil unserer Gesellschaft geworden ist, Menschen begeistert und diese wieder einmal zum Staunen bringt.

Neben der am 21. November stattfindenden Weltmeisterschaft in der Berliner Columbiahalle laufen parallel die Vorbereitungen für das anstehende Event in der neuen Arena in Kalkutta, welche im nächsten November stattfinden wird. Mit seinem zuverlässigen Partner Munto Das, einer begeisterten Schachboxanhängerschaft und einem immer größer werdendem Zulauf scheinen dem jungen Sport also keine Grenzen gesetzt. „Ein großer Traum wäre es, wenn Schachboxen olympisch werden würde." Doch das sei noch einmal eine ganz andere Geschichte.