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Fragen, die der Feuerwehreinsatz im Berghain aufwirft

Ein Partygänger landet vor Gericht, weil er im Berghain besoffen den Notrufknopf betätigt hat. Die Geschichte wird aber noch besser.
31 Juli 2015, 5:27am

Foto: imago/imagebroker

Am 7. Juli 2014, gegen 0.45 Uhr, drückte Lutz T. (nicht sein richtiger Name) stark alkoholisiert im Eingangsbereich des Berghain den Notrufknopf—und löste damit eine Kette vorhersehbarer, aber trotzdem ziemlich dramatischer Ereignisse aus. Die Musik ging aus, das Licht an und kurz darauf stand dann auch schon die Feuerwehr samt Löschzug vor der Tür. Die Konsequenz: Der 34-Jährige sollte 150 Euro wegen Notrufmissbrauchs zahlen, weil er damals allerdings Einspruch erhob, landete das Ganze erst jetzt vor dem zuständigen Amtsgericht. Das Urteil: der Verkäufer muss zahlen, auch wenn er sich erst nicht so richtig einsichtig zeigte („Macht nichts. Ich habe eh schon genug Schulden.").

So weit, so gut. Tatsächlich gibt es im Fall Lutz T. allerdings einige Fragen, die noch nicht zu unserer vollen Zufriedenheit geklärt wurden. Stellt euer Spirituosenmischgetränk weg und legt den gerollten Schein beiseite, es wird investigativ.

Wer ist um 0.45 Uhr schon im Berghain?

An dieser Stelle ist es vielleicht wichtig, jedem, der noch nie in Berlin weggegangen ist, die Eigenarten des Partylebens in der deutschen Hauptstadt zu erklären. Niemand, der irgendetwas auf sich hält, betritt vor ein Uhr nachts einen Club. Stattdessen betrinkt man sich erst einmal ausufernd in privater Runde, konsumiert unter Umständen auch illegale Substanzen (was wir an dieser Stelle wirklich absolut niemandem empfehlen möchten) und macht sich dann irgendwann, nach mehreren passiv-aggressiven WhatsApp-Nachrichten und Anrufen von Leuten, die irgendwo schon auf einen warten, auf den Weg. Ausnahmen von dieser Regel sind Open-Airs, Konzerte (da macht man vorher die konkrete Stagetime ausfindig und kommt nach der Vorgruppe) und Hauspartys.

Die einzige Entschuldigung, sich um 0.45 Uhr bereits so lange im Berghain gewesen zu sein, dass man total besoffen war, wäre also, sich bereits seit 22 Stunden dort aufzuhalten. Was an einem Montag bei näherer Betrachtung vielleicht gar nicht mal so unwahrscheinlich ist. Schnell zur nächsten Frage.

Müsste so etwas nicht viel öfter passieren?

Das mag jetzt zynisch klingen, aber: Ist es wirklich eine gute Idee, die komplette Sound- und Lichtanlage an den Notrufknopf zu koppeln? Ich meine, wie oft wird wohl einer der komplett fertigen Druffis auf die Idee kommen, dass es eine wirklich total lustige und gute Idee ist, aus Spaß einen Feueralarm auszulösen? Vor allem dann, wenn er dadurch die komplette Party lahmlegt? Ich verstehe absolut, dass es wichtig ist, im Falle eines tatsächlichen Notfalls auch den letzten Besucher im Sexkeller darauf aufmerksam zu machen, dass der Darkroom schnellstmöglich zu räumen ist, aber mir kann niemand erzählen, dass es nicht ständig zu solchen Vorfällen kommt. Wirklich nicht.

Wir haben Darkroom-Fotos von H.P. Baxxter aus dem Berghain.

Wie kann man sich die „25 Minuten Zwangspause" vorstellen?

Knapp eine halbe Stunde nach dem Betätigen des Notrufknopfes konnte im Berghain wieder weitergefeiert werden. Was in eben jener Zeit passierte, ist bisher allerdings nicht ausreichend geklärt. Kam es bei der Unterbrechung zu einem kurzen Moment der Klarheit? Gingen die Lichter an, die Leute haben innegehalten und dachten sich plötzlich: Das bin ich. Ein erwachsener Mensch. Todesdrauf und am Rande des Herzinfarkts. Ich stand stundenlang an, um in einen Club zu kommen, in dem auch keine andere Musik läuft als überall anders. Habe ich Spaß? Habe ich WIRKLICH Spaß? Passierte alles in Zeitlupe und wäre eine Kamera vor Ort gewesen und hätte das alles festgehalten, hätte jemand sphärische Musik drunter gelegt, das Ganze auf YouTube hochgeladen und den nächsten großen, viralen Selbsterfahrungsclip gelandet, der auch Jahre später noch auf der Fusion gezeigt wird? Es waren vielleicht nur 25 Minuten, in denen die Welt der Berghain-Gäste stillstand, doch es hätte auch ein ganzes Leben sein können.

Warum gilt eine wirklich, wirklich betrunkene Person eigentlich nicht als schuldunfähig?

Wenn wir mal ganz ehrlich sind (wir sind ja unter uns), waren wir wahrscheinlich alle schon mal unfassbar zua. So sehr, dass im Nachhinein nicht mehr so ganz klar war, warum wir uns unbedingt das Gesicht unserer Mutter tätowieren lassen mussten oder es echt wichtig war, dass wir unserer Volksschulschulliebe bei Facebook schreiben, dass wir uns immer noch nach ihr verzehren. „Ich war betrunken" ist eine der Ausreden, die immer funktionieren. Die Leute verzeihen einem mit nachsichtigem Nicken. Jeder war schon mal an diesem dunklen Ort, der viel zu viel Spaß macht, um ihn nicht immer wieder zu besuchen. Hier schließt sich dann vielleicht auch der Kreis zum sagenumwobenen Berghain.

Wenn es also gesellschaftlicher Konsens ist, dass Betrunkene Dinge tun, für die man sie später nicht so wirklich verantwortlich machen kann, warum hat unser Justizsystem diese unumstößliche Wahrheit noch nicht adaptiert? Kinder unter 14 gelten beispielsweise nicht als strafmündig und sind (in unbetrunkenem Zustand) sowohl motorisch als auch intellektuell zu deutlich mehr in der Lage als ein 30-Jähriger nach 10 Jägermeister-Shots. „Wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung [sic!] oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln" kann außerdem ebenfalls als schuldunfähig erklärt werden (Strafgesetzbuch, §20)—und was ist schwachsinniger und abartiger, als sich bis zum Erbrechen volllaufen zu lassen? Hat keiner dieser Richter jemals Jersey Shore geguckt?

Ist Lutz T. der beste Mensch der Welt?

Vergessen wir mal kurz diesen kleinen Fauxpas. Konzentrieren wir uns darauf, welche absolut grandiose Figur er anschließend bei seiner Gerichtsverhandlung abgegeben hat. Allein die Begründung für seinen Einspruch gegen den Strafbefehl könnte als Plot für eine zweistündige Adam-Sandler-Komödie herhalten: „Ich kann mich doch gar nicht erinnern und damit auch nicht sagen, ob ich das wirklich war."

Richtiges Comedy-Gold war dann allerdings die Antwort, die er laut der B.Z. damals auf die Frage des anwesenden Ordners gegeben hatte, warum er denn eigentlich den Notrufknopf gedrückt habe: „Steht doch drauf: ‚Scheibe einschlagen und drücken'."

Vielleicht ist Lutz T. permanent betrunken und sein Leben ist eine einzige Abfolge von abstrusen Situationen, aus denen er sich mit dummdreisten Bemerkungen immer und immer wieder herausreden kann. Wenn dem so ist, dann möchte ich, dass Tina Fey seine Biografie schreibt und sie anschließend verfilmt. In der Hauptrolle: Der Typ, der bei Parks & Recreation Jean-Ralphio spielt.

Wenn Lisa betrunken ist, versucht sie in aller Regel nicht zu twittern. Manchmal passiert es aber trotzdem.