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Gründe, Salzburg zu lieben

Weil es viel zu einfach wäre, einen Artikel über die Dinge zu schreiben, die an Salzburg scheiße sind.
25.2.16
Foto: Wikimedia / FAL

Manchmal habe ich Ideen, die ich persönlich für richtig gut halte, für die ich von den Menschen rund um mich aber nichts als Spott und Hohn ernte. Die Idee zu diesem Artikel ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Als ich verkündet habe, dass ich einen Artikel über die Dinge schreiben will, die an Salzburg wirklich großartig sind und meine Salzburger Freunde gefragt habe, was sie an der Stadt gut finden, waren die ersten drei Antworten, die ich (unabhängig voneinander) bekommen habe:

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1. „Die Tatsache, dass ich dort nicht mehr wohnen muss"
2. „Haha, na dann viel Spaß."
3. „Warum machst du dir eigentlich immer dein eigenes Leben so schwer?"

Danach wurde mich schmerzlich bewusst, dass ich dieses Mal komplett auf mich alleine gestellt sein würde. Ich frage mich oft, woran es liegt, dass Menschen aus Salzburg ihre Heimatstadt so gerne hassen—abgesehen von dem unglaublich beschissenen Verkehrsnetz, den Schnöseln, den Touristenhorden, noch mehr Schnöseln, und der Tatsache, dass alle kreativen Leuten früher oder später in die Hauptstadt (oder noch weiter weg) flüchten.

Salzburg als junger Salzburger zu hassen ist fast schon zu einfach. Und wenn man tief genug geht und man als Weggezogener bei seinen seltenen Heimatbesuchen genau genug hinschaut, fallen einem auch tatsächlich einige Dinge auf, die an Salzburg richtig großartig sind.

Der Salzachkai (aber nur stellenweise)

Foto: Horst Lechner / Wikimedia / CC BY 3.0

Die Ufer der Salzach sind zwar einerseits der furchterregendste Teil der der Innenstadt. Der Rudolfskai ist ungefähr vergleichbar mit dem Schattenland in König der Löwen und ihr solltet dort nach 22:00 Uhr unter keinen Umständen hingehen—es sei denn, ihr habt ein irrationales Bedürfnis nach durch die Luft fliegenden Alkopop-Flaschen und Raufereien mit 16-Jährigen (oder ihr seid selbst ein raufender 16-Jähriger).

Andererseits ist der Elisabethkai auf der gegenüberliegenden Seite zwischen Staatsbrücke und Lehner Brücke an den paar Sommertagen, an denen es in Salzburg nicht aus Eimern pisst, der vermutlich idyllischste Ort, den man sich zwischen den Touristenhorden überhaupt wünschen kann. Vor allem, weil man dort sehr lange herumsitzen und dabei sehr viel Dosenbier trinken kann und sich trotzdem nie schlecht vorkommen muss, weil die Gegend dafür einfach zu schön und der Ausblick auf die Festung zu gut ist.

Die Seen

Foto vom Autor

Sicher, in Wien hat man auch ein paar nette Platzerl an der Donau, an denen man baden gehen und den Sommer genießen kann, so wie in den meisten Städten Österreichs. Aber ganz ehrlich: Wenn du einmal die ganzen Seen rund um Salzburg gewohnt bist, dann wirkt ein Großteil der Gewässer anderswo wie eine trübe, unattraktive Pfütze.

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Einen größeren Luxus als Wolfgang-, Fuschl- oder Mondsee vor zu Türe zu haben, kann es für eine Stadt eigentlich gar nicht geben. Solltest du in deinem Freundeskreis mit einer dieser Personen gesegnet sein, die beim Fortgehen ab und zu nüchtern bleiben und mit dem Auto unterwegs sind, könnt ihr sogar direkt nach dem Fortgehen losfahren und eine gute Viertelstunde später rest- oder auch ganz fett den Sonnenaufgang anschauen (und wenn ihr noch in der körperlichen Verfassung dazu seid, natürlich auch schwimmen gehen—aber Safety first, liebe Kinder!).

Der Obdachlose Mann, der bei der Staatsbrücke Blumen anpflanzt

Obdachlose sind in der saubermännischen Innenstadt grundsätzlich ja nicht allzu gern gesehen—in der Altstadt gibt es mittlerweile ein Bettelverbot und die Schlafplätze von Obdachlosen unter der Staatsbrücke sind letztes Jahr auch unbrauchbar gemacht worden.

Aber es gibt einen Kerl, bei dem es niemand jemals wagen würde, ihn aus dem Stadtbild zu vertreiben (hoffe ich zumindest inständig): nämlich den Obdachlosen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Streifen neben der Staatsbrücke zu so einer Art Floristenparadies umzugestalten. Der Typ ist klug, denn er hat offensichtlich erkannt, dass Blumen der coolste und sympathischste Scheiß überhaupt sind und selbst die größten Salzburger Miesepeter sie irgendwie gut finden. In meinen Augen ist dieser Mann einer der wenigen Helden, die es in Salzburg überhaupt noch gibt.

Die Gstättengasse

Warum dieser Typ auf einem Verkehrschild herumsteht? Das ist eine Frage, die man sich in der Gstättengasse nicht stellt. Foto vom Autor.

Gegen 4:00 Uhr morgens ist das Ende der Gstättengasse wie eine Mündung, an der drei oder vier Flüsse zusammenfließen—nur dass in diesen Flüssen kein Wasser ist, sondern viele unterschiedlichste betrunkene Menschen, die aus den anliegenden Lokalen strömen: Die Metal-Menschen aus dem Flip, die Soda Club-Hipster, die Schnösel und Minikleid-Trägerinnen aus dem Take Five und dem Haferl, und die Segabar-Meute, die zu keiner dieser Gruppen gehört, aber von allen am betrunkensten ist. All diese Leute sammeln sich dort am Ende der Gstättengasse, dem Nabel der Salzburger Sozialstation, um betrunken aber glücklich miteinander Pizza mit Sauce und Kebap zu essen.

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In trockenen Sommernächten kann man dort sogar fortgehen, ohne einen Fuß in ein Lokal zu setzen, weil die Gtättengasse dann zu einem so großen Menschenmeer wird, dass man dort ohnehin genügend seltsame und unterhaltsame Dinge erlebt. Zugegeben, das Zusammentreffen all dieser unterschiedlichen Leute läuft nicht immer ganz harmonisch ab, und es kann schon mal vorkommen, dass dort eine kleine Massenschlägerei mit 20 oder 25 Beteiligten ausbricht, von der man am nächsten Tag vielleicht sogar in den Nachrichten liest. Aber im Großen und Ganzen sind die Gstättengasse und der angrenzende Anton-Neumayer-Platz ein Ort der (rauschigen) Liebe.

Segabars

Stellt euch zu diesem Bild noch einen x-beliebigen Song von einer Bravo Hits-Compilation der späten 90-Jahre vor, um das ultimative Segabar-Gefühlserlebnis zu erlangen. Foto via Facebook.

Stichwort Rausch: Ich muss zugeben, Segabars hätten es ohne Schwierigkeiten auch in die „Gründe, Salzburg zu hassen"-Liste geschafft. Vielleicht hätte sogar jede der geschätzten 200 Segabars einen eigenen Platz in dieser Liste bekommen. Aber ich bin der Meinung, dass jeder Artikel über Salzburg eine eigene Segabar-Zwischenüberschrift haben sollte, völlig unabhängig davon, worum es in dem Artikel eigentlich geht.

Segabars liebt man so, wie man den Hausmeister aus Scrubs liebt: Eigentlich findet man sie wirklich furchtbar und fast ein bisschen verachtenswert, aber sie bereiten einem letztendlich einfach zu viel Unterhaltung, als dass man sich wirklich ein Leben ohne sie vorstellen könnte. Und an alle, die jetzt zuhause den Kopf schütteln und so tun, als würde das nicht stimmen: Seid ehrlich, ihr werdet schon bald wieder dort hingehen—und ihr wisst es genau. Alleine dafür, dass man sich dort auch an einem Sonntag, einem Montag oder einem Dienstag zu schlechter Musik betrinken kann, als wäre schon wieder Donnerstag, muss man die Segabars eigentlich ein bisschen extra lieb haben.

Die (ziemlich gwante) Sprache

Foto vom Autor

An anderer Stelle habe ich euch schon mal von etwas eigentümlichen, aber wahrlich wundervollen Sprache der Jugendlichen der Salzburg erzählt, die auf den ersten Blick ziemlich wenig mit klassischem Deutsch zu tun hat. In Salzburg nascht man sich was zum putten holen und oder tschurt sich was zum schwechen, wenn man keine Lobe mehr hat. Und auch, wenn sich die Nicht-Salzburger unter euch vermutlich nicht vorstellen können, dass Leute wirklich so kommunizieren, versteht einen in Salzburg fast jeder, wenn man ihnen etwas von Tschuranten und Schwechereien daher schmallert.

Auch dafür mag ich Salzburg—vor allem, weil ich es mir bis heute nicht abgewöhnen konnte, diese Wörter zu verwenden, und es vermutlich nie schaffen werde. Obwohl (oder gerade weil) mich in Wien deshalb manchmal keine Sau versteht. Salzburger bleibt eben Salzburger.

Tori auf Twitter: @TorisNest


Titelbild: Taxiarchos228 | Wikimedia | Free Art License