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Aufwachsen in Olten

Am berühmtesten Bahnhof der Schweiz aufzuwachsen stärkt den Charakter.
9.7.16

Ich sitze zusammen mit zwei Alt-Hippies, beide um die 60, in ihrer WG in Bern. Es ist ein wenig wie bei den Freak Brothers—krause Bärte, Vinyl, Dosenbier, Gras und ein Hund, der aus Versehen eine Portion Pilze gefressen hat und seither dauernd ein an die Wand gelehntes Gemälde anstarrt. Der eine der Hippies, den ich weniger gut kenne, fragt mich, woher ich komme. Ich sage: "Us Oute." Er verzieht sein runzliges Gesicht und sagt, vielleicht von Kiffer-Paranoia geschüttelt: "Uh nei … Oute esch e graui Stadt!"

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Der Alt-Hippie war seit Jahrzehnten nicht mehr in Olten, sonst wüsste er, dass die 20.000-Einwohner-Stadt nicht mehr so trist ist, wie sie es mal gewesen sein mag. Aber um Olten als grau zu betiteln oder als hässlich oder als Unort, muss man ja auch nicht erst gerade dort gewesen sein. Man muss nicht einmal kürzlich umgestiegen sein in der Stadt, die zuerst und zumeist Bahnhof ist. Da handelt es sich ja mehr um einen nationalen Konsens. "Früecher het's no öppis goute, Oute", die Songzeile von Stiller Haas kann man auch als landläufiges Bonmot bezeichnen.

Ich halte von Lokalpatrioten so wenig wie von jedem Menschen, der glaubt, es zeichne ihn aus, auf welcher Seite einer von Menschenhand gezogenen Grenze er zum ersten Mal in die Windeln gekackt hat. Oder was für einen Nachnamen er trägt. Trotzdem schwingt in meiner Stimme etwas Trotz mit, wenn ich auf die Frage antworte, woher ich komme. "Vo Oute", sage ich und denke "Vo Oute, bitch!" Aus motherfuckin' "Depro City Olten", wie mal ein Grafitti an der Mauer des Kapuzinerklosters verkündete.

Dabei komme ich ja genau genommen gar nicht aus Olten, sondern aus Hägendorf. Also aus der Agglo von Olten. Aber anstatt in die Kreisschule drei Minuten von meinem Elternhaus entfernt pendelte ich ab zwölf täglich ins Gymi, das heisst hoch in die post-apokalyptische Trutzburg genannt Kanti Olten, und damit verschob sich meine Lebenswelt. In meinen ersten Totalabsturz glitt ich in der SBB-Plattenbau-Siedlung Meierhof, das erste Mal mit Zunge küsste ich ein Mädchen auf dem Schützi-Vorplatz am legendären "Stromgitarren Festival" Mad Santa und mein Taschengeld verwandelte ich im Outsider-Shop in Metal-Platten.

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Ich bin also nie bunt gekleidet mit selbstgebastelten Pappmaché-Figuren an Holzlatten beim Schulfest mitmarschiert, aber das können von den fast 20.000 Einwohner, die diese Stadt zählt, sowieso nur die wenigsten behaupten. Auf jeden Fall nicht viel weiter zurück als bis zur letzten Generation—der Ausländeranteil liegt knapp über einem Viertel, von Migrationshintergrund will ich erst gar nicht anfangen.

Wenigstens ein Mal im Jahr Stromgitarren: Mad Santa Festival | Foto von Chris Schaer | Flickr | CC BY-SA 2.0

Wir Oltner—seit ich vor ein paar Jahren meine Homebase in eine Wohnung in der Bahnhofsstadt verlegte, darf ich mich das auch offiziell nennen—können uns auch nicht auf unsere Herkunft berufen. In Olten gibt es kein blaues Blut, nicht mal Patrizier. Olten war immer schon Durchgangsort, Zwischenstopp, erst mit der Industrialisierung wuchsen Grösse und Bedeutung. Natürlich ist der Reichtum auch hier nicht gerecht verteilt. Im Schöngrund an bester Südhanglage sind nicht nur die Gärten etwas grösser als im Bifang- oder Säliquartier und wenn dein Vater im Gemeinderat war, hast du gute Chance, ebenfalls mal im Stadthaus—Bauart 70er-Jahre-Beton-Scheusal—zu sitzen.

Im Gegensatz zu Zürich etwa ist Olten jedoch zu klein für wirkliche Segregation und über Geld spricht man sowieso nicht. Ob das der Grund ist, dass die Badi—bescheiden als Strandbad bezeichnet—zumindest im Sommer zum inoffiziellen Stadtzentrum wird? Weil Haut halt Haut ist? Auf jeden Fall habe ich mindestens einen kompletten Sommer auf der grünen Wiese an der Aare verbracht, schon auch ein wenig wegen der Rutschen, vor allem aber natürlich wegen den Mädchen, auch wenn die Bikinis für mich damals nur Verheissung bedeuteten—vielleicht, weil ich mich halt doch nicht getraute, todesmutig vom Gäubahn-Brüggli in die Aare zu springen.

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Ich war kein Draufgänger, weder tagsüber in der Badi und noch weniger abends, an den mitunter grausamsten Social Events überhaupt: an Teenie-Home Partys. Ob in Olten selber oder in Wangen oder in Lostorf: Alle dort schienen lockerer, erfahrener, cooler als ich—vor allem jene, die schon eine Lehre machten—und während das Gros zu Christina Aguilera, Nelly und Tiziano Ferro tanzte, stand mein 14-jähriges Ich im viel zu grossen Iron Maiden-Shirt in einer Ecke und missbilligte sie, die Pop-Fuzzis. Denn es lag natürlich an dem beschissenen Sound, dass ich nicht auf der Tanzfläche stand und nicht am fehlenden Selbstbewusstsein.

Was ich dafür gut konnte (und kann): Bier trinken. Wie es sich für Olten gehört, fanden wir die Zutaten dazu am Bahnhof—aber nicht im zwar historisch wichtigen, in meiner Jugend aber komplett irrelevanten Bahnhofsbuffet, sondern gleich nebendran, im Aperto. Feldschlösschen-Gaschos, Smirnoffs und oder Pesca Frizz—in den Kühlregalen fand man alles, was der Schnapsschrank der Eltern nicht hergab und das meistens auch ohne Ausweis. Das gipfelte dann, als ich und mein Kumpel uns das erste Mal getrauten, ein Bier zu kaufen, prompt darin, dass es uns zwei Polizisten wieder wegnahmen, kaum hatten wir auf unser Draufgängersein angestossen.

Home-Party (um genauer zu sein der Abend, an dem ich zum ersten Mal gekifft habe) | Foto vom Autor

Versorgt mit Flüssigem hatte man danach die Qual der Wahl: Den Hügel hoch aufs "Känzeli" in den Hardwald keuchen, wo die Marihuana-Schwaden sogar den Schokoladenduft übertrumpften, der an klaren Morgen von der Lindt-Fabrik her durch die Stadt wehte und einem je nach Verfassung entweder ein Lächeln aufs Gesicht oder Brechreiz in den Magen zauberte. Oder gleich runter an die Aare, zum "Schandfleck Oltens", an den Ländiweg. In der öffentlichen Wahrnehmung vor allem ein Tummelfeld für verseuchte Junkies, dreckige Punks und vergewaltigende Flüchtlinge, wurde und wird einer der wenigen frei begehbaren Aare-Abschnitte abends vor allem von Jugendlichen bevölkert, die sich einen Suff komplett aus den Händen eines Barkeepers schlicht nicht leisten können oder wollen.

Auch ich sass hin und wieder dort unten (und wurde dabei wohl als schmarotzende Zecke abgestempelt, wobei Anfang der Nullerjahre die Mode-Kombi Springerstiefel-Glatze Gott sei Dank sicht- und spürbar abklang).

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Das Lied von der Schnarchstadt Olten, aus der man als Jugendlicher so schnell als möglich verschwinden will, mag heute nichts mehr sein als ein sich hartnäckig haltendes Klischee, doch für mich als 16-jähriger Metalhead (beziehungsweise als Anhänger jeglicher Subkultur) war es bittere Realität. Weil ich auf die schrägen Blicke der "Beliebten" im Magazin oder im Stadtmix halt keinen Bock hatte. Weil wir doch nicht bereit waren, für das Jazz-Konzert in der Variobar 25 Franken hinzulegen und weil das wöchtenliche Besäufnis im Bini's Pub zwar ganz OK, aber halt doch nicht genug war.

(Unscharfes) Tanzen im Metro | Foto vom Autor

Wer in Olten aufwächst, hat das Gefühl, dass es überall sonst besser ist und zwar nicht zuletzt, weil überall anders halt so verdammt nahe ist. Und so machtest du als Oltnerin und Oltner kurz nach dem 16. Geburtstag dasselbe: Du kauftest dir nicht nur das Halbtax, sondern auch gleich das Gleis 7 dazu und plötzlich war die grosse Welt ganz nah und das Nachtleben-Glück ebenso. Zehn Minuten bis Aarau, zehn Minuten bis KIFF, Flösserplatz und Wenk und nur eine halbe Stunde bis Zürich und somit zu den Clubs, die in den Augen von Stadtzürchern nur Aargauer besuchten.

Oder man gab sich geschlagen, gab sich zufrieden mit dem, was man hatte, hangelte sich an der Handvoll Anlässe durchs Jahr, die doch noch einen Hauch von Lebendigkeit versprachen. Von der Funk Night im Vario Club und vom selbst organisierten Konzert im Judo-Rüümli zum Open Air-Abend am Trimbacher Dorfmäret und den Rainbow-Beats-Sausen in der Schützi (und zwar trotz Reggae-Hass). Und betrank sich halt sonst dort, wo sich alle betranken, an der Fasnacht, der Chilbi, der MiO (die Oltner Version der Basler Herbstmesse, einfach kleiner und langweiliger und ohne Bahnen und Mässmögge, dafür mit Tombola und SP-Bar, bei der man den Preis fürs Bier selber bestimmen darf).

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Und stand dann halt doch an für die "Drink & Dance", die monatliche Abriss-Party im Metro Club. Und fragte sich am nächsten Morgen, ob die von 22:00 bis 23:00 Uhr kostenlos gereichten Alcopops und Biere oder doch der plastikhafte House-Mix schuld daran waren, dass deine Freunde dich irgendwann vom Boden hatten auflesen und in den silbernen Kombi ihrer Eltern hatten stecken müssen, aus dem du dich kurz vor Abfahrt noch schnell lautstark übergeben hattest.

Während Internet-Bubbles erst seit Suchfiltern und Facebook-Algorithmen existieren, gab es soziale Blasen in Städten, die gross genug für Szenen und Quartiere waren, schon immer. Olten war und ist jedoch nicht gross genug dafür, heisst: Wer in Olten aufwächst, feiert, wo und mit wem man gerade feiern kann. Und wenn das dann halt mal doch nicht reicht, fährt in spätestens 30 Minuten der nächste Zug nach Zürich. Oder Basel. Oder zu zwei Hippies nach Bern.

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Titelbild von Claudio Minonzio | Wikimedia | CC BY-SA 3.0