Sex

Wir waren hinter den Kulissen eines Porno-'Castings'

Wir haben dem Gründer der spanischen Produktionsfirma FAKings einen Nachmittag lang bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut.

von Alberto G. Palomo
27 Mai 2016, 4:00am

Alle Fotos: bereitgestellt von FAKings.com

Pornos sind der Gesellschaft immer einen Schritt voraus. Die Branche weiß noch vor uns, auf was wir stehen, und investiert so intensiv in Forschung und Entwicklung, dass manche pharmazeutischen Konzerne vor Neid erblassen könnten. Man muss sich nur die Entwicklung der letzten Jahre ansehen, um zu erkennen, dass sich das Ganze kecker und vor allem schneller an zeitgenössische Trends anpasst als das Bildungssystem und politische Berater zusammen.

In nur kurzer Zeit sind wir von Erotik-Filmen mit schlechten Dialogen, Geigenmusik und Stöhn-Synchronisation zu reinem Sex in weitläufigen Schlafzimmern oder zu Handkameras in Studentenwohnheimen übergegangen. Wir sind jetzt sogar schon an einem Punkt angekommen, an dem 3D- und VR-Pornos produziert werden.

Laut von Pornhub veröffentlichten Statistiken zum Jahr 2015 stehen Spanier auf Grundlage der angeklickten Tags vor allem auf "Spanierinnen", "Teens", "Anal" und "Casting".

Und wenn wir diese nationale Vorliebe für Landsleute mal außen vor lassen, dann bleiben da noch die Casting-Szenen, die zu den am häufigsten angesehenen Porno-Varianten gehören. Und genau das nutzen die Produzenten jetzt aus, indem sie ein unschlagbares Marketing-Tool an den Start gebracht haben: Darstellerinnen wird für solche Szenen zwischen 200 und 400 Euro gezahlt (das kommt ganz darauf an, zu was sie bereit sind), während für die Darsteller entweder viel weniger oder gar nichts rausspringt. Man geht wohl davon aus, dass es den Männern schon reicht, einfach nur Sex zu haben.

Aber auch bei der Bezahlung der Frauen handelt es sich um eine lächerliche Summe, wenn man bedenkt, dass das dahinterstehende Unternehmen wahrscheinlich Millionen verdient (über den Umsatz sind keine öffentlichen Informationen verfügbar). Cumlouder, die bei Spaniern beliebteste Porno-Website, wird jeden Tag 18 Millionen mal angeklickt, so Daniel Casado, der zuständige Content Manager. Vor wenigen Monaten hat der berühmte Darsteller Nacho Vidal bei dem Unternehmen unterschrieben und außerdem stehen dort einige der bekanntesten spanischen Erotik-Darstellerinnen unter Vertrag. Der Ablauf der "Castings" ist allerdings trotzdem im Grunde branchenüblich: Man schaltet eine Anzeige und wartet auf die Rückmeldungen von interessierten Teilnehmern. Dann erfolgt das "kostensparende" Angebot.

"Die Leute kontaktieren uns über ein Online-Formular. Ein bestimmtes Casting-Format gibt es bei uns nicht, aber wir schauen uns dann vor allem die Frauen und nur in Ausnahmefällen auch die Männer an. Das liegt daran, dass wir bereits einen festen Darstellerstab haben", erklärt mir Casado. "Den Darstellerinnen zahlen wir dann zwischen 250 und 400 Euro, während den Darstellern zwischen 150 und 200 Euro zustehen—aber auch nur, wenn sie abspritzen. Wenn sie das nicht schaffen, dann gibt es nichts", fährt er fort. "Kostenlos wird hier nichts gemacht. Unsere Angestellten arbeiten und dafür werden sie auch entsprechend entlohnt."

Die Bewerber werden darüber informiert, was sie vor der Kamera machen sollen. Dazu müssen sie noch Untersuchungsergebnisse vorlegen, die zeigen, dass sie keine Geschlechtskrankheiten haben. Außerdem geben sie die Rechte an ihren Bildern ab und können im Falle eines beidseitigen Interesses über weitere Möglichkeiten wie etwa Webcam-Shows oder andere Szenen verhandeln.

Ähnliche Arbeitsbedingungen herrschten bei Torbe, dem "Pornokönig", der vor Kurzem jedoch verhaftet wurde und dem nun Kindesmissbrauch, Verbreitung von Kinderpornografie und Menschenhandel vorgeworfen werden. Auf dessen Website PutaLocura.com sind die Vorgehensweisen, die an Cumlouder erinnern, detailliert aufgelistet. "Du willst als Porno-Darstellerin arbeiten? Dann bist du hier genau richtig!"

Ein Screenshot der auf PutaLocura.com aufgelisteten Arbeitsbedingungen

Auf dem obigen Bild wird erklärt, wie man "von Anfang an bezahlt wird." Wie hoch diese Bezahlung ausfällt, bleibt allerdings unklar. "Wie viel Geld unsere Darsteller und Darstellerinnen verdienen, hängt von vielen Faktoren ab—dem persönlichen Vorstellungsgespräch, dem Körperbau und der Arbeitsweise", schreibt Torbe. "Wir bieten hier Pakete von 3, 5, 10 oder 20 Szenen an. Wenn man diese Pakete zusammennimmt, kann man locker mehrere Tausend Euro verdienen. Dazu unterstützen wir die Leute, die im Ausland arbeiten wollen, und helfen auch dabei, Aufträge bei anderen Produktionsfirmen zu bekommen."

Eine solche Produktionsfirma ist FAKings. Damit haben wir jetzt auch die Top 3 der spanischen Porno-Schmieden zusammen. Im FAKings-Büro lernen wir Arnaldo Chamorro kennen, den 34-jährigen Gründer des Unternehmens, der auch als Regisseur tätig ist. Er ist nun schon seit 2002 in der Branche aktiv. FAKings existiert seit sechs Jahren und wird täglich 360.000 mal angeklickt. "Dazu kommen dann noch gut 40 Angestellte, die vor den Webcams arbeiten", erzählt er uns.

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An diesem Nachmittag erwartet Chamorro ein Pärchen, das seine erste Szene drehen will. Die Schritte, die besagtes Pärchen dabei schon durchlaufen musste, sind dabei die gleichen wie bei den anderen Produktionsunternehmen. Die beiden sind aus Sevilla angereist und sie werden zwischen 250 und 300 Euro verdienen—die Reisekosten werden dabei noch mal extra abgerechnet. Insgesamt kostet jede Szene, die online geht, Chamorro um die 1000 Euro.

Noa und Tomi, zwei Darsteller von FAKings

Bei dem Pärchen handelt es sich um den 30-jährigen Aitor und die 26 Jahre alte Briseida. Begleitet werden die beiden von Noa und Tomi, zwei bewährten Porno-Veteranen. "Wir sind jetzt seit neun Jahren zusammen und ich habe mich schon immer gerne gezeigt. Ich freue mich richtig darauf, hier loszulegen", erzählt Aitor. Ich frage, was die beiden darüber denken, dass sie Teil eines quasi ewigen Archivs werden, auf das die ganze Welt zugreifen kann. "Das ist uns egal. Wir wollen hier einfach nur Spaß haben", antworten sie mir. Nach einer Dusche suchen sie sich ihre Klamotten und ihre Unterwäsche aus.

Aitor und Briseida bekommen von Tomi und Noa gezeigt, wie es geht

Chamorros Anweisungen sind einfach. Beim Dreh gibt es dank Stativen zwei feste Einstellungen. Dazu kommt dann noch ein Kameramann, der sich zwischen den beiden Pärchen hin- und herbewegt—und das nur in Socken, um nicht zu viel Lärm zu machen. Bevor das Wort "Action!" fällt, hört man nur noch ein wenig unsicheres Geflüster.

"Uns macht das inzwischen nichts mehr aus. Anfangs waren aber auch wir noch etwas beschämt", erzählt mir die 30-jährige Porno-Darstellerin Noa. Die frühere Kellnerin ist nun schon seit neun Jahren in der Erotik-Branche aktiv und macht neben Filmen auch noch Webcam-Shows, Telefonsex sowie Pay-Per-View-Aufträge. "Wenn mir irgendjemand einen anderen Job anbieten würde, dann würde ich Nein sagen", meint sie stolz.

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"Wenn er nicht steif werden will, dann mach dir erstmal keine Sorgen. Das ist alles nur eine Kopfsache", erklärt Chamorro. "Komm einfach rein und dann fangen wir mit den Vorbereitungen an. Wenn dann jeder soweit ist, geht es ab aufs Bett", fährt er fort.

Und so läuft es auch bei den jetzigen Aufnahmen. Zuerst werden die Darsteller vorgestellt und danach beginnt die Action. Noa und Tomi machen dabei den Anfang und lassen nichts aus: Erst verwöhnen sie sich gegenseitig oral und dann haben sie ausgelassen Sex. Währenddessen machen Aitor und Briseida auf dem Sofa rum, ziehen sich anschließend aus und dann kommt es so, wie es sich jeder gedacht hat: schonungsloser Doggy-Style. Als alle fertig sind, herrscht eine zufriedene Stimmung.

Wenn man das Internet durchforstet, stößt man schnell auf Seiten voll mit solchen "Casting"-Szenen, aber auch auf Dutzende Anzeigen, die alle in die gleiche Kerbe schlagen: "Darstellerinnen für Castings gesucht." Als wir dort anrufen, nimmt jedoch niemand ab. Eine der Anzeigen geht auch etwas genauer ins Detail: "Hier handelt es sich nicht um ein echtes Casting, sondern um eine richtige Szene."

Es hat den Anschein, als ob der ganzen Branche ein relativ gefestigtes soziologisches Prinzip als Grundlage dient. Laut den am Anfang erwähnten Pornhub-Statistiken sind 74 Prozent der User männlich, man bleibt durchschnittlich 9 Minuten und 20 Sekunden bei einer Szene und das Durchschnittsalter liegt bei 35,3 Jahren. Wir haben hier also die perfekten Zutaten, um problematische Umstände zu schaffen, bei denen man den männlichen Porno-Darstellern kaum etwas zahlt. Dazu kommt dann noch die wirtschaftliche Lage und die zurückgehenden moralischen Bedenken. Und dennoch bestreitet Chamorro, dass finanzielle Not zur Motivation beiträgt, in einer Erotik-Szene mitzuspielen. "Es ist jetzt nicht so, dass sich die äußerem Umstände überhaupt nicht auf die derzeitige Situation auswirken, aber fast niemand hier macht das Ganze des Geldes wegen. Das ist noch mal eine komplett andere Sache."