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The True Crime Issue

Der schwarze Bernie Madoff

Wie Ephren Taylor auf geniale und hinterlistige Art das gute alte Schneeballsystem mit Gott verband und tausende gläubige Schäfchen um ihre Altersvorsorge brachte.
2.12.14

Ephren Taylor spricht in der St. Cajetan Kirche in Denver, Colorado. Foto von Helen H. Richardson/ Getty Images

1913 wurde Charles Russell, ein urchristlicher Prediger aus Pittsburgh, beschuldigt, seine Gemeinde beim Verkauf von Getreide betrogen zu haben. Russell verlangte angeblich horrende Summen für einen „Wunder-Weizen", der nach genauerer Untersuchung nichts anderes als ganz normaler Weizen war. Ein Skandal, der, wie ein Artikel aus der Zeit befand, zeigte, dass „die Sekte von ‚Pastor' Russell nichts anderes ist, als der Versuch Geld zu machen."

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Russells Jünger (heute als Zeugen Jehovas bekannt) bestehen zwar immer noch auf seiner Unschuld, seine Taktik hat sich aber mittlerweile herumgesprochen und wurde im vergangenen Jahrhundert immer wieder auf die eine oder andere Weise von religiösen Bauernfängern, Schlangenölverkäufern und sonnenstudiogebräunten TV-Predigern angewendet, um gottesfürchtige Menschen um ihr Geld zu bringen. Mit der Zeit ist die Masche dabei immer anspruchsvoller geworden, aber die Grundidee bleibt die gleiche: Lobe den Herren, versprich Wunder und wenn alle Augen auf Gott schauen, klau alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Das war jedenfalls die Technik von Ephren Taylor II, Mittzwanziger, Pastorensohn und selbst ernannter „sozialer Kapitalist". Er veranstaltete mit seiner Wealth Tour Live zwischen 2007 und 2010 in Kirchen in den ganzen USA Seminare und pries „sozial bewusste" Investitionen an, die die Gläubigen reich und selig machen würden. Taylor wurde in diesem Sommer festgenommen, nachdem er fast drei Jahre lang auf der Flucht war. Ihm wird vorgeworfen, für ein Multimillionen-Dollar-Schneeballsystem verantwortlich gewesen zu sein, dessen Opfer sogenannte Megachurches in den ganzen USA waren.

Am Anfang war Taylors Auftreten von offensichtlicher Attraktivität. Er vermarktete sich selbst als Pastorensohn aus der Kleinstadt und gleichzeitig als „jüngster, schwarzer CEO eines börsennotierten Unternehmens". Er behauptete, zwei Tech-Firmen gegründet und seine erste Million gemacht zu haben, noch bevor er überhaupt mit der Highschool fertig war. Er versprach „risikoarme, renditereiche" Investitionen, die es den Sparern ermöglichen sollten, „reich zu werden und den Reichtum zu nutzen, um das Königreich Gottes zu errichten", wie er es 2009 einer Kirchengemeinde erklärte. Zunächst in Predigten, dann später in Infomercials, Büchern und Web-Seminaren, stachelte Taylor seine Schäfchen an, indem er die Bibel zitierte, Jesus pries und vage Versprechungen über „wirtschaftliches Erstarken" und neue Häuser machte, während er gleichzeitig traditionelle Kapitalanlagen wie Börsen und Fonds verurteilte. Das Publikum solle seine „Bankberater feuern" und in Taylors risikofreie Spielautomaten investieren-oder, noch besser, sein Geld (im Idealfall alles) in Rentenfonds stecken, mit denen Taylors Firma City Capital Corporation in innerstädtische Unternehmen investieren würde.

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Viele Gemeinden, darunter auch einige mächtige Megachurches wie die New Birth Missionary Baptist Church in Georgia und die gigantische Lakewood Church in Houston, waren begeistert und öffneten ihre Tore (und ihre Geldbeutel) für Taylor. „Er wird euer Leben verändern", sagte Eddie Long, Pastor von New Birth, damals ein einflussreicher TV-Prediger, als er seinen „Freund und Bruder Ephren Taylor" seiner Gemeinde vorstellte. Laut Long war es Gottes Wille, „Taylor zu finanzieren, damit er sein Werk tun kann".

Allen heiligen Hoffnungen zum Trotz fielen bei Taylors innerstädtischen Unternehmen—hauptsächlich Waschsalons und Saftbars—nur selten die 12 bis 20 Prozent Renditen ab, die er seinen Investoren versprochen hatte (die Spielautomaten liefen noch schlechter). Wie im klassischen Schneeballsystem wurde das meiste Geld vermutlich benutzt, um Verluste auszugleichen und andere Investitionen zu tätigen, oder aber von Taylor persönlich ausgegeben, für Marketingkampagnen, seine Kreditkarten und Apartments und außerdem dafür, die Karriere seiner Frau als Popsternchen zu finanzieren. In einem vom Justizministerium im Juni angeschobenen Verfahren gibt die Staatsanwaltschaft an, dass Taylor 5 Millionen Dollar veruntreut hat, allein 2 Millionen davon aus Georgia. Eine Beschwerde der Börsenaufsichtsbehörde von 2012 geht sogar noch weiter und beschuldigt Taylor, ein Schneeballsystem in Höhe von 11 Millionen Dollar aufgebaut zu haben, dass speziell auf schwarze Kirchgänger ausgerichtet war.

Mitglieder der New Birth Missionary Baptist Church in Atlanta, GA. Fotos von John Amis-Pool/Getty Images

Caty Lerman, eine Anwältin aus Florida, die einige von Taylors Opfern vertritt, geht davon aus, dass diese Zahlen gerade mal die Spitze des Eisberges sind. „Es gibt da draußen Hunderte Opfer", sagte sie. Und es melden sich immer neue bei ihr. „Betrug, der sich gemeinsame Interessen zu Nutze macht, sogenannter Affinity Fraud, kommt in Kirchen häufig vor, aber es wird nicht darüber gesprochen und das ist ein Problem. Niemand will zugeben, dass diese Dinge passieren und das ist auch der Grund dafür, dass er das solange machen konnte. Viele dieser Leute haben sich geschämt. Oder sie fanden, dass das, was in der Kirche passiert, auch in der Kirche bleiben sollte. Man spricht nicht darüber, lässt ihn nicht verhaften, unternimmt nichts."

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„Wer würde glauben, dass jemand in deine Kirche kommt und deinen Glauben benutzt, um dich zu bestehlen?", fragte Lerman. „Sie dachten, sie wären die einzigen, sie dachten, sie wären dumm gewesen."

Taylors Betrug wiederholte gewissermaßen in kleinerem Maßstab das Schneeballsystem von Bernie Madoff, der europäische Aristokraten und reiche jüdische Familien um etwa 20 Milliarden Dollar betrogen hat. Genau wie bei Madoff ist es auch bei Taylor bemerkenswert, dass sein Schwindel über den relativ kleinen Zirkel hauptsächlich afroamerikanischer Evangelikaler hinaus, auf die er es besonders abgesehen hatte, viel weitere Kreise gezogen hat. Taylor wurde von CNN, Forbes und NPR porträtiert und war Teil einer CNBC-Reportage mit dem Titel „Geheimnisse eines Teenager-Millionärs". Er war in der Talkshow von Montel Williams zu Gast und er behauptete sogar, die Charity-Jugendorganisation Snoop Youth Football League, die niemand geringerem als Snoop Dogg gehört, zu leiten. Und 2008 hielt er auf der Democratic National Convention in Denver ein Seminar über korrektes Investment. Scheinbar kaufte ihm jeder seine brave Messdienergeschichte ab. Dass diese Geschichte genauso falsch war wie seine Investitionen, wusste nur, wer bereits mit ihm zu tun gehabt hatte.

„Eine kurze Recherche bei Google hätte gezeigt, dass er in verschiedenen Landesteilen bereits des Betrugs angeklagt war", sagt Kevin Berger, ein Anwalt aus Kansas City, der mehrere ehemalige Geschäftspartner von Taylor in einem Fall vertritt, der noch in die Zeit vor der Wealth-Tour-Live-Geschichte fällt. „Als er hier fertig war, war das ganze noch keine richtiges Schneeballsystem. Er war bekannt in Missouri. Man hätte einfach nur ein bisschen recherchieren müssen."

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Die Frage ist ganz einfach: Warum haben sich alle verarschen lassen? Die Antwort fällt bis heute schwer, aber Taylor scheint sich einige Faktoren zu Nutze gemacht zu haben, die damals gerade besonders im Fokus der Öffentlichkeit standen—ein generelles Misstrauen gegenüber der Wall Street, wirtschaftliche Verzweiflung und eine Faszination für junge Reiche und besonders für solche, die ihr Geld in der Technik-Branche gemacht haben—und er brachte es geschickt fertig, seine Opfer einzulullen.

Im Allgemeinen erlebt Betrug gerade eine Renaissance in den USA. Im vergangenen Jahrzehnt wurden so Schäden zwischen 20 und 50 Milliarden Dollar verursacht.

Religiöse Gruppen sind ein beliebtes Ziel für Betrüger. Wissenschaftler am Center for Study in Global Christianity, die sich mit Betrug und Veruntreuung im kirchlichen Kontext beschäftigen, haben herausgefunden, dass sich der Schaden für die Kirchen weltweit durch Betrug auf 37 Milliarden Dollar beläuft. Joseph Borg, der Börsenbeauftragte von Alabama, schätzt, dass religionsbasierter Betrug bei etwa der Hälfte aller Affinity-Fraud-Fälle im Süden der USA vorliegt und auch an den Fällen im Rest des Landes einen großen Anteil hat. Obwohl es im Detail Unterschiede gibt, kommt am Ende immer das Gleiche raus: Wenn der Glaube das Wichtigste ist, ist es für die Gläubigen schwer zu beurteilen, wann das Vertrauen aufhören sollte.

„Das ist ein große Hürde", sagte Borg. „Wenn man seiner Kirche nicht trauen kann, nicht den Gemeindemitgliedern und nicht den Pastoren, wem dann?"

Im Inneren der New Birth Missionary Baptist Church, wo Taylor Gemeindemitglieder überredet hat, in sein Schneeballsystem zu investieren.

Taylors System war scheinbar speziell auf Kirchen ausgerichtet, die das Wohlstandsevangelium predigen—in den USA ein wachsender Sektor des Christentums, unter anderem vertreten von Predigern wie Osteen und T. D. Jakes, in dem Gesundheit und materieller Wohlstand als Beweis für den Segen Gottes angesehen werden, während die Abwesenheit dieser als Strafe verstanden wird.

„Die Leute wollen, dass ihre Pastoren wohlhabend sind", sagte Kate Bowler, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Duke Divinity School, die das Wohlstandsevangelium untersucht hat. Als Taylor mit seinem Reichtum kokettierte—zum Beispiel mit seinem Apartment im Trump Place, das monatlich 6.000 Dollar kostete, oder der Pop-Hymne „Billionaire" seiner Frau (Taylor wird in den Credits zum Video als Produzent gelistet)—diente das seinen Fans und Investoren keinesfalls als Warnung, sondern vielmehr als Beweis seiner Rechtschaffenheit.

Für Vertreter des Wohlstandsevangeliums, so erklärte Bowler, ist „der Glaube nicht Hoffnung und Vertrauen. Er ist eine spirituelle Macht, die in den Händen der Gläubigen liegt und mit der sie Gottes Handeln beeinflussen können."

Es sei unmöglich zu sagen, meinte Bowler, ob das Wohlstandsevangelium ein Faktor ist, der Affinity Fraud begünstige. Aber sie sagte auch, „dass es Aspekte in dieser Theologie gibt, die Menschen dazu bringen kann, eine Art magische Vorstellungswelt davon zu entwickeln, wie Geld fließt und wie Geld wieder zu ihnen zurückkommen kann. Es scheint so, als ob Leute, die finanzielle Wunder erwarten—und davon ausgehen, dass Gott auf wunderbare Weise Geld zu ihnen schickt—eher interessiert und offen dafür sind, einen Prediger als Antwort auf ihre Gebete zu sehen."

Für die Opfer von Taylor waren das alles leere Versprechungen. Nachdem er fast drei Jahre auf der Flucht war, verhaftete der US Geheimdienst Taylor in einem billigen Apartment in Kansas City, wo seine Frau unter falschem Namen in einem Massagesalon arbeitete. Leman sagte, dass ihre Klienten immer noch auf Gerechtigkeit hoffen, aber dass es auch ziemlich klar wäre, dass das Geld mittlerweile verschwunden sei. „Ich glaube, er hat nichts mehr übrig. Er hat alles rausgeschmissen."