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Wie sprechen Jugendliche wirklich?

Läuft bei dir, Hurensohn, Swagetti Yolonaise und was Moneyboy damit zu tun hat.
21.1.15

Foto: VICE Media

Letztes Jahr wurde „Selfie" knapp vor „Fail" zum österreichischen Jugendwort des Jahres gewählt. Dass die Wahl ausgerechnet auf das schnelle Selbstporträt gefallen ist, gibt einem den Eindruck, dass das Jugendwort des Jahres von Außerirdischen—oder zumindest sehr alten Leuten—bestimmt wird, die sich irgendwie über YouTube und Facebook-Schnellrecherche ein Bild der Jugendgeneration machen müssen (bevor die mittägliche Sonden-Untersuchung ansteht).

Tatsächlich wird das Wort, Unwort sowie der Spruch und Unspruch des Jahres von der Forschungsstelle für österreichisches Deutsch an der Karl-Franzens-Universität in Graz ermittelt und stellt dabei sowas wie einen sprachlichen Jahresrückblick dar, der Fehltritte und Besonderheiten in der hiesigen Sprachwelt einfangen soll. Doch zwischen den ziemlich treffenden Wörtern des Jahres Frankschämen (2013) und situationselastisch (2014) wirken die Jugendwörter sehr allgemein, plump und irgendwie auch schlampig ausgewählt.

Das ist aber nicht unbedingt die Schuld der Forschungsstelle für österreichisches Deutsch: Jedes Jahr kann man online Vorschläge einsenden und abstimmen, das letzte Wort hat eine mehrköpfige Jury. Dass dabei auch Probleme auftauchen können, findet man auch in der offiziellen Hintergrundgeschichte des österreichischen Jahresworts:

Die Gefahr, dass man dabei daneben liegt, ist groß, da man vielleicht das eine oder andere aus zeitlicher Begrenzung nicht ausreichend wahrgenommen hat.

In Wirklichkeit ist Jugendsprache ziemlich flüchtig und sehr schwer einzufangen. Auf der Uni würde man dazu „ephemerisch" sagen, besonders hip ist das aber nicht. Sie zeichnet sich vor allem durch Übertreibungen, Ironie und das allgemeine Spiel mit der Sprache aus. Aber wie sehen das eigentlich Jugendliche selbst? Ich habe mich mit ein paar tighten Jünglingen—nein Moment, das klingt fürchterlich—Ich habe mich also mit ein paar freshen Kids unterhalten um zu sehen, bei wem es läuft, wer eher so der Hurensohn ist und was sie eigentlich zum Jugendwort 2014 sagen.

In einem Punkt sind sie sich alle einig, Selfie wirkt so, als ob sich das sehr alte Leute ausgesucht haben. Sie verstehen darunter kein Jugendwort sondern einen allgemeinen Begriff, der lustigerweise noch dazu von älteren Menschen sehr oft falsch verwendet wird—ein gescheiterter Versuch, cool zu sein. Die meisten halten das sowieso für nicht bestimmbar. So wird zum Beispiel „Bitch" anscheinend viel öfter verwendet als Selfie und auch irgendwie als besonderer Ausdruck gesehen. Auch „aufbitchen" (im Sinne von sich schönmachen) ist mir aufgefallen. Bitch bitte. Dabei werden eigentlich fast alle Begriffe und Redewendungen sowohl ernst als auch ironisch gemeint, obwohl der Schwerpunkt auf der ironischen Seite liegt. Hurensohn und Spast werden dabei vor allem unter Jungs gern verwendet, sind allerdings selten böse gemeint. Gefällt mir.

Die befragten Burschen meinten auch „Prollotürkisch" ist ziemlich beliebt. „Hey Bruda, kommst du" oder „Ja Lan, ich schwör herst" waren aber auch schon zu meiner Zeit der Renner (in Deutschland heißt das ganze übrigens Kanak Sprak). Überhaupt haben sich Bruda, Brudi und Bro irgendwie in der Jugendsprache etabliert, was bei letzterem natürlich hauptsächlich über das Internet und US-amerikanische Popkultur zu uns gekommen ist. Englisch hat im Vergleich zu damals einen größeren Stellenwert und so gehören Sätze wie „Lookst du mal in den Kühlschrank?" oder „Throw mir mal den Ball zu" zu halbwegs normalen Satzkonstruktionen. Immerhin spielt man noch mit Bällen, irgendwie beruhigend. Das verhasste Akronym „Yolo" wird fast ausschließlich ironisch gemeint, um die (fehlende) Waghalsigkeit von diversen Unterfangen zu unterstreichen. „Das Yoghurt ist abgelaufen, egal—yolo!".

Redet so etwa die Jugend von heute? Ungenuss.

Von den 12 Befragten, von denen übrigens keiner wusste, dass man selbst an der Abstimmung teilhaben kann, sagten immerhin drei dass das Jugendwort „Swagolicious" sein sollte und zwei davon waren für „Swagetti Yolonaise". Einen vollständigen Satz mit Swagetti Yolonaise bilden konnte trotzdem niemand. Zwei der 12 sehen mit „läuft bei dir" —der Sieger in Deutschland—das richtige Jugendwort des Jahres. Die Kids und Jugendlichen meinen, dass fast immer das Internet und/oder (Musik)Videos für die Sprache ihrer Generation verantwortlich sind. Mal ordentlichen twerken oder ein Babo sein. Einer der Jungs meinte, „dass sehr beliebte Musiker wie Moneyboy an sowas Schuld sind". Ich habe lange versucht es zu ignorieren, aber Irgendwie überkommt mich der schleichende Verdacht, dass Moneyboy vermutlich wirklich für ein gutes Drittel der österreichischen Jugendwörter verantwortlich ist—auch wenn mit ihnen trotzdem niemand Sätze bauen kann.

Weiters tut sich die Frage auf, ob eine Trennung zwischen Österreich und Deutschland überhaupt sinnvoll ist. In Deutschland kümmert sich ja der Langenscheidt-Verlag um das Jugendwort des Jahres, dazu passend kommt jedes Jahr ein Wörterbuch mit den gängisten Redewendungen raus. Ob sie mit Sätzen wie „Yo, letztens richtig tight über die Street gesteppt und auf meinem ichhandy getippt yo" oder diesem Promotion-Video jugendsprachlich danebenliegen, müsst ihr entscheiden. Aber die Antwort ist ja.

Fazit ist, dass sich Jugendsprache nur schwer einfangen lässt und auch nicht besonders gut in kleine Wörterbücher stecken lässt. Sie unterscheidet sich oft nicht besonders stark von gängigen Redewendungen oder Slangwörtern, wenn man nicht gerade einen Satz bildet, der in Echt so nie gesagt werden würde. Jugendsprache als solches gibt es vermutlich nicht und man müsste zwischen jeder Menge verschiedenen Mileus und Szenen unterscheiden, abgesehen davon dass man wohl jedes einzelne Bundesland extra untersuchen müsste. Damals als ich noch ein cooler Teenie war, hat man „ur gut" oder „ur dirty, oida" gesagt—danke, Xtina. So kann es also gut sein, dass das Jugendwort 2015 irgendein Wort wird, das wir schon seit Jahren kennen. Wie wäre es mit Twerking? Oder Ungenuss? Am Ende wird es vermutlich eh wieder irgendein Wort, mit dem niemand zufrieden sein wird. Oder I'm in love with the coco.

Schiebt mit Adrian krassen Abfuck auf Twitter: @doktorSanchez