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Das faszinierende Phänomen der Guevedoces: Erst Mädchen und dann Junge

Guevecodes fehlt ein Enzym, wodurch sie aussehen wie Mädchen, während ihre Hoden im Körperinneren versteckt sind und der Penis erst noch wächst.

von Mark Wilding
19 Oktober 2015, 4:00pm

Catherine (links) mit seinem Cousin Carla — beide sind Guevedoces.

Die Pubertät ist für alle eine schwierige Zeit. Doch manche haben es ein bisschen schwieriger als andere. Jonny hat die ersten Jahre seines Lebens als Mädchen gelebt—bis ihm im Alter von 11 plötzlich ein Penis wuchs.

Jonny gehört zu einer kleinen Gruppe von Menschen in der Dominikanischen Republik, die als „Guevedoces" bezeichnet werden. Sie sehen bei der Geburt wie Mädchen aus, doch später erweisen sie sich als männlich. Vor Kurzem war Jonny Teil der BBC-Dokuserie Countdown to Life, die den Einfluss der Schwangerschaft auf unser späteres Leben untersucht. Ich habe mich mit dem Moderator der Serie, Dr. Michael Mosley, über seine Erfahrungen mit den Guevedoces unterhalten.

VICE: Hi, Michael. Wie kam dir die Idee für die Serie?
Dr. Michael Mosley: Die ersten neun Monate des Lebens sind größtenteils unerforschtes Gebiet. Bis vor Kurzem war es schwierig, sie zu erforschen, doch dank der modernen Technik können wir alles viel besser visualisieren und ein besseres Verständnis entwickeln. Wir fanden, es wäre interessant, diese etwas mysteriöse Zeit eingehend zu untersuchen und zu erkunden, was passiert und was schiefgehen kann. Es sind nur neun Monate, doch was während dieser Zeit passiert, hat einen großen Einfluss auf die nächsten Jahrzehnte.

Wie hast du von Guevedoces erfahren?
Ich habe während meines Medizinstudiums in den 1980ern von dem Thema erfahren. Die Guevedoces wurden von einem Forscher der Cornell University in den 1970ern beschrieben. Ich weiß noch, wie ich davon hörte und mir dachte: „Das ist unglaublich! Kann das wirklich stimmen?" Ich wollte damals schon eine Doku drehen, aber habe keinen Grund gefunden. Bei dieser Serie sagte ich dann: „Wir müssen es einfach machen." Es ist eine so faszinierende Geschichte.

Gibt es dieses Phänomen nur in der Dominikanischen Republik?
Es wurden auch schon im Rest der Welt Gruppen identifiziert. Das Bemerkenswerte an den Menschen in der Dominikanischen Republik ist, dass sie sehr tolerant sind—an anderen Orten werden diese Leute als abnorm gesehen und schlecht behandelt. In der Dominikanischen Republik dagegen denken die Leute so etwas wie: „Ach ja, manchmal stellen sich Mädchen als Jungs heraus. So ist das nun mal."

Dr. Michael Mosley

Wie viel wissen wir darüber, warum das passiert?
Wir wissen inzwischen sehr viel. Sie ist sehr seltsam und interessant, diese Vorstellung, dass man sich mit der Pubertät von einem Mädchen in einen Jungen verwandelt und einem ein Penis wächst. Die Gründe dafür finden sich in der Schwangerschaft. Wir wissen, dass wir bis zur sechsten Woche weder weiblich noch männlich sind. Erst ab diesem Zeitpunkt löst das Y-Chromosom, bei denen, die es haben, die Ausschüttung von Testosteron aus—und vor allem eine besonders potente Form des Testosterons namens Dihydrotestosteron.

Was bei den Guevedoces passiert, ist, dass ihnen ein Enzym fehlt, das Testosteron in Dihydrotestosteron verwandelt, also sehen sie bei der Geburt aus wie Mädchen. Sie haben Hoden, doch diese sind im Körper versteckt und von außen sieht es aus wie eine [Vulva]. Wenn sie in die Pubertät kommen, kriegen sie einen Testosteronschub, der dazu führt, dass ihnen ein Penis wächst und sie aussehen wie Jungen.

Wie kommen diese Kinder mit der Veränderung klar?
Sie haben es häufig schon mal bei einem Cousin beobachtet. Es passiert in einer ziemlich kleinen Anzahl von Familien und dann bei einem von etwa 90 Kindern, also wissen sie, dass es vielleicht passieren wird. Oft sagen die Mütter dann hinterher Sachen wie: „Sie war schon immer recht jungenhaft."

Dennoch werden sie geärgert. Einer der Jungen sah ein, warum seine Schulkameraden ein bisschen überrascht waren, als er von einem Tag auf den nächsten vom Mädchen zum Jungen wurde. Doch insgesamt gibt es sehr viel Toleranz.

In der Doku sagst du, die Familien würden die Kinder behandeln, als seien sie Mädchen, bis sie anfangen, wie Jungen auszusehen, selbst wenn sie bereits wissen, dass die Veränderung bevorsteht.
Absolut. In manchen Fällen entscheiden sie sich, Mädchen zu bleiben. Sie gehen los und lassen sich operieren. Sie sagen: „Ach, was soll's, ich bin so lange schon ein Mädchen, dann mache ich jetzt so weiter." Wir haben uns hauptsächlich mit Leuten unterhalten, die damit zufrieden waren, Jungen zu sein. Doch eines der Kinder hatte ein Tante, die eine Guevedoce war, die weiblich bleiben wollte.

Was haben wir aus der Erforschung der Guevedoces gelernt?
Die Forscher, die in den 1970ern dorthin gereist sind, haben alle möglichen Untersuchungen gemacht. Sie haben bemerkt, dass die älteren Männer nicht besonders ausgeprägte Prostata hatten. Bei den meisten Männern wird die Prostata im Laufe des Lebens immer größer, was alle möglichen Probleme mit sich bringt—zum Beispiel die Unfähigkeit zu urinieren. Tatsächlich gibt es jetzt ein Medikament, das den natürlichen Vorgang bei Guevedoces imitiert, und damit wird jetzt gutartige Hypertrophie (Vergrößerung) der Prostata behandelt. Auch bei der Bekämpfung von Haarausfall hat es sich als recht effektiv herausgestellt.

Glaubst du, die Guevedoces können uns etwas darüber beibringen, wie das Geschlecht in der Gesellschaft behandelt wird?
Es zeigt, wie komplex das alles ist. Eine Sache, die wir in einem späteren Fall untersucht haben, waren Transgender-Kinder—Jungen, die von einem frühen Alter überzeugt sind, Mädchen zu sein und umgekehrt. Ich glaube, schon dass es etwas Genetisches gibt, das im Mutterleib passiert.

Ich kann mir vorstellen, dass das ein sehr gutes Beispiel dafür ist, wie die Zeit während der Schwangerschaft dramatische Auswirkungen auf den Rest des Lebens haben kann.
Was wir daran erkennen können, ist, dass sich alles in unterschiedlichen Stadien im Mutterleib entwickelt, und das Leben auf verschiedene Arten beeinflusst. Im Fall der Guevedoces macht es einen großen Unterschied. Es ist ein bisschen wie bei Matis, dem Transgender-Kind, das in der Sendung vorkommt. Ihr Leben wird sehr stark von diesen frühen Entwicklungen beeinflusst.

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Du hast gesagt, deine Arbeit an dieser Serie habe deine Einstellung zu Geschlechterfragen geändert. Inwiefern?
Ich schätze, ich habe schon einige Zeit lang die Überzeugung gehabt, dass die Hormone im Mutterleib nicht nur einen Einfluss darauf haben, wie wir uns physisch entwickeln, sondern auch darauf, was mit unserem Gehirn passiert. Ich sage nicht, dass Männer und Frauen definitiv unterschiedliche Arten von Gehirnen haben, aber es gibt ganz schön viele Hinweise.

Ich habe für eine Sendung mit Professor Baron-Cohen von der Cambridge University gearbeitet, und er hat diese Vorstellung von „empathisers" und „systemisers". Systemiser mögen Daten und Empathiser sind mehr mit ihren Gefühlen im Einklang. Grundsätzlich fallen Männer in die Gruppe der Systemiser und Frauen sind Empathiser. Er glaubt, und es gibt viele Hinweise darauf, dass die Hormonkonzentration im Mutterleib einen Einfluss darauf hat. Doch es ist ein kontroverser Bereich. Geschlechterpolitik ist sehr kontrovers, ganz einfach, weil sie häufig verwendet wird, um Frauen schlecht zu machen.

Was war das Überraschendste, was du bei der Arbeit an der Serie gelernt hast?
Eine ganze Reihe von Sachen. In der ersten Folge habe ich die Auswirkungen der Ernährung in den ersten paar Stunden der Empfängnis untersucht. Ich habe das Treffen mit der sechsfingrigen Familie auch sehr genossen. Ich habe mich gefreut, endlich eine Sendung über Guevedoces zu machen, weil mich das schon lange fasziniert hat. Ich fand es einfach toll, so viele ungewöhnliche und interessante Menschen kennenzulernen. Ich dachte vorher, ich wüsste ziemlich viel, aber eigentlich war das Gegenteil der Fall.

Was sollen Zuschauer bei der Doku hoffentlich lernen?
Dass es eine wundervolle, unentdeckte Lebensphase gibt, an die wir uns nicht erinnern können, aber die trotzdem den Rest unseres Daseins beeinflusst. Ich hoffe, Faszination und Toleranz verbreitet zu haben.

Danke, Michael.