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The Fiction Issue 2015

Ein Auszug aus „Psychedelic Narratives“

„Ich greife die Zimmerdecke und reiße sie weg, neonpinke Brocken wie Lokum—Scheren schnippschnappen rote Fransen aus dem Blutfall—und hinaus! Ta-da! Herrscher, so weit das Auge späht ..."

von Duncan Fallowell
12 August 2015, 4:00am


Foto von Alexander Binder

Aus der Fiction Issue 2015

BERLINER HÜLLKURVE (1)

Ich greife die Zimmerdecke und reiße sie weg, neonpinke Brocken wie Lokum—Scheren schnippschnappen rote Fransen aus dem Blutfall—und hinaus! Ta-da! Herrscher, so weit das Auge späht ...

Komödie: Zwei winzige Engel ziehen meine Lippen zurück zu einem Lächeln.

Tragödie: Flughunde haken meinen Oberkiefer und reißen ihn auf zu einem Schrei.

Raumschiffe fliegen in meinen Mund und kommen schwebend in Bäumen zum Halt, meinen Körper kolonisierend. Die Bewohner brüten wie Puder auf meiner Zunge, bauen Städte, lassen Kometen über das Dach meiner Mundhöhle wirbeln, nach dem Licht, das sie in der fernsten Dunkelheit ahnen. Ich schlucke und sie sind fort.

Vom Balkon in der Salzburger Straße schneidet meine Zigarette eine orangefarbene Parabel in die Nacht und schlägt auf dem Gehweg ein wie eine Detonation aus stiebenden Sternen. Ein Mischling zuckt zusammen. Im weißen Zimmer hinter mir sieht Matthias einen Film in einem weißen Fernseher, zwei Lastwagenfahrer wetteifern um die Gunst einer gelangweilten Frau. Die Bagatelle spinnt ihr Knäuel zwischen meinen Ohren und das Bild schaudert, plötzlicher Regen auf dem Fenster, und ein neues Bild entwickelt sich in der Schale, von einem Jungen, sein Haar im Stacheldraht festhängend. Er ist umgeben von Flutlichtern, doch er rennt trotzdem Richtung Freiheit, seine Füße versinken im Asphalt wie in Schlamm. Es fällt ein Schuss, der seine unendlichen Einzelteile weit und weiter in der stillen Luft zersplittert.

BERLINER HÜLLKURVE (2)

Ein Bad läuft ein. Ich höre die hysterische Stimme eines Moderators auf dem Militärsender. Schritte. Klospülung. Tür schlägt zu. Ist Matthias ausgegangen?

Abraxas sagt: „Deine Stimme ist ein Dreieck."

Morgen in Tempelhof werde ich die Treppe hoch zur Flugzeugtür blicken und Öl sehen, das Stufe für Stufe heruntertropft. Jeden Augenblick könnte eine Stewardess ausrutschen und mit Schwung herunterpurzeln. Sie sollten etwas wegen diesem Öl unternehmen. In dem Frieden, der aus Gegenteilen zusammengesetzt ist, werden selbst die Pylonen ehrerbietig niederknien.

Das Acid in Berlin kommt aus der Humboldt-Universität—gute Qualität. „Deswegen haben die Ostdeutschen es durchgelassen, in der Hoffnung, damit den Westen zu untergraben. So denken die wirklich." Das sagte mir der sanfte Gitarrist.

Die Wanne läuft über und lässt ihre Fracht aus Schaum über den Rand und über den Boden taumeln, ein amöbenartiges Krebsgeschwür. Doch in mir gibt es keine Furcht. Ich sehe meinen Schwanz im Spiegel an. Bin ich allein in dieser Wohnung oder bist du bei mir?