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Vice Blog

Ich war Mitglied einer Landjugend und es war nicht die beste Zeit meines Lebens

Gleichberechtigung und Toleranz zählen nicht zu den Dingen, die ich bei der Landjugend gelernt habe.
4.5.15

Bierlos | Flickr | CC by 2.0

Am Land aufzuwachsen brachte viele angenehme Dinge, aber auch viele weniger angenehme Dinge mit sich. Als Kind kann man sich eigentlich nichts Besseres wünschen, als einen Spielplatz zu haben, der sich über unendliche Wiesen und Felder erstreckt. Zu den weniger angenehmen Dingen gehörten in meinem Fall zahlreiche Traditionen, die in meinem Heimatort streng beibehalten wurden, und die damit verbundenen Scheuklappen, die den meisten Dorfbewohnern eine eher beschränkte Sichtweise auf die Welt bescherten. Jemand wie ich konnte sich nicht immer zu 100 Prozent damit identifizieren, in Lederhosen zur Haider-Gedächtnisstätte zu pilgern.

Trotzdem war es die sicherste und einfachste Option, sich einzugliedern, um nicht negativ aufzufallen. Als pubertierender Jugendlicher war das Letzte, was ich wollte, von meinem Umfeld als andersartig gesehen zu werden. Sei es aufgrund meiner nicht vorhandenen Begeisterung für Motoren und Sport, oder meiner Äußerlichkeiten. Ich ließ mir die Haare so schneiden, wie die anderen Jungs sie trugen, kaufte mir Kleidung, die mir nicht gefiel und versuchte so gut wie möglich Interesse an Landwirtschaft und Maschinen vorzutäuschen. Sogar den Moped-Führerschein hab ich gemacht. Ich fühlte mich schon fast satirisch.

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Irgendwann würde auch ich den ganzen Kult um Vereins- und Landleben richtig kapieren, und dann könnte ich vielleicht selbst leidenschaftlich über Traktoren philosophieren, wie ein Padawan, der über Nacht zum Jedi wird.

Und damit ich von diesem Moment nicht komplett unvorbereitet überrascht würde, schloss ich mich sicherheitshalber schon davor einer Organisation an, die mir mit Sicherheit neuen Lebensinhalt geben würde: der Landjugend. Mit ungefähr 14 war es in meiner Gegend das normalste der Welt, der Ortsgruppe beizutreten. Meine Eltern sind Mitglieder gewesen, mein älterer Bruder war bereits dabei, viele meiner Freunde konnten es kaum erwarten und nun war es auch für mich Zeit, mich in Tracht zu werfen und eine zünftige Polka hinzulegen. Jedenfalls waren das meine Vorstellungen vom Leben als Landjugend-Mitglied.

Die Landjugend Österreich ist ein eingetragener Verein und verfolgt keinerlei kommerzielle Absichten. Laut den offiziellen Statuten sind „Persönlichkeitsentwicklung und die aktive Mitgestaltung des ländlichen Raums" Zweck der Organisation. Anders als in Teilen Deutschlands bezeichnet der Begriff „Landjugend" hierzulande nicht etwa einen katholischen Jugendbund—dieser wäre am ehesten gleichzusetzen mit der österreichischen Jungschar. Bei der Landjugend in Österreich geht es vielmehr um den Erhalt von Brauchtümern und Traditionen. Im Grunde genommen alles, woran man sich am Land festhalten kann.

Die Hierarchien der Landjugend sind streng und in vier Bereiche geteilt. Es gibt Bundes-, Landes-, und Bezirksebenen, welche wiederum den jeweiligen Ortsgruppen übergeordnet sind. In Kärnten gibt es über 80 solcher Ortsgruppen. In einer davon war ich Mitglied.

Ed Wohlfahrt | Flickr | CC by 2.0

Vereine sind wichtig für das Leben am Land. Da gibt es zum einen die Trachtenfrauen. Ich habe bis heute noch nicht ganz verstanden, was genau die Tätigkeiten der Trachtenfrauen ausmacht. In meiner ehemaligen Nachbarstadt gibt es jedoch eine Gruppe von älteren Damen, die bei öffentlichen Feierlichkeiten kleine goldene Hütchen tragen und dabei so unfassbar niedlich aussehen, dass ich immer ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich sie insgeheim als „Krampfadergeschwader" bezeichne.

Dann gibt es da noch den Kameradschaftsbund. Die Mitglieder sind in der Regel ehemalige Soldaten, die sich der „Förderung des österreichischen Vaterlands- und Heimatbewusstseins" verschrieben haben. Immer mal wieder wird dem Österreichischen Kameradschaftsbund die Verbreitung von rechtsextremem Gedankengut in ihren Publikationen unterstellt. Was mich betrifft, weiß ich nur, dass sie ständig Fahnen tragen, dabei inbrünstig "Kameradschaftsbund, habt Acht!" brüllen und so gut wie alles mit eisernen Kreuzen schmücken. Es ist wahrscheinlich sowas wie der wahrgewordene feuchte Traum von Andreas Gabalier.

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Landjugend-Gruppen gibt es in jedem österreichischen Bundesland—mit Ausnahme von Wien, weil es hier schlicht und einfach keinen Sinn machen würde. Die Tätigkeiten meiner Ortsgruppe beschränkten sich auf witzige Volkstänze (insofern waren meine Erwartungen also erfüllt) und sehr, sehr viel Bier. Wenn ich jetzt auf der offiziellen Landjugend-Webpräsenz den Unterpunkt „Prinzipien und Werte" lese, muss ich schmunzeln. Zum einen, weil mir ein derartiges „Leitbild" wirklich neu ist. Zum anderen, weil sich darunter Stichworte wie „Toleranz", „Gleichberechtigung von Frau und Mann" und „Nachhaltigkeit" finden. Wow. Ich bin ein bisschen begeistert, aber auch ein bisschen verwirrt. Der hier beschriebene Verein klingt so wunderbar weltoffen und fortschrittlich, dass ich am liebsten sofort Mitglied werden möchte. Meine persönlichen Erfahrungen hatten mit derartigen Grundsätzen jedoch nicht viel zu tun. Vielmehr habe ich die exakten Gegensätze erlebt.

Götz Primke | Flickr | CC by 2.0

Das fing schon an beim gruppeninternen Machtverhältnis. Die höchsten Ämter im Vorstand einer Ortsgruppe ergeben sich aus einem Obmann und einer „Mädlleiterin". Der Obmann ist dabei quasi Chef des ganzen Vereins, die Mädlleiterin hat ,wie der Name bereits verrät, nur die Leitung der Mädels über. Ein Glück, dass es hier eine Benennung gibt, die diffamierend genug ist, um zu erkennen, dass Frauen allerhöchstens sowas werden können wie „Mädlleiterin", aber eben nicht „Obfrau". So viel zum Thema Gleichberechtigung. Abgesehen davon bin ich mir ziemlich sicher, dass mehr als die Hälfte einer Landjugend ungefähr so viel Ahnung von Nachhaltigkeit hat wie ich von Mopeds.

Bezüglich der angepriesenen Toleranz dürfte es auch wenig überraschend sein, dass der Teil der Landjugend, den ich kennengelernt habe, großteils ein ziemlich homophober beziehungsweise rassistischer Haufen war. Das soll jetzt in keinster Weise allgemein gültig wirken—es gibt natürlich immer mehr Ausnahmen und allgemein scheint die Einstellung der Landjugend gegenüber Ausländern oder Homosexuellen gegenwärtig besser zu werden. Während ich Mitglied war, fielen aber gerne fragwürdige Äußerungen. Schlimmstenfalls kam noch ein Hitlergruß hinterher. Hätte man mir damals Toleranz gepredigt, hätte ich vielleicht schon früher mit meinen hoffnungslosen Anpass-Versuchen aufgehört.

Von so zeitgemäßen Prinzipien konnte man damals also bei Weitem noch nicht sprechen—nicht in Kärnten, nicht zu dieser Zeit. Ich würde mich nicht wundern, wenn auch heute noch der ein oder andere Spruch über „dreckige Asylanten" und „scheiß Schwuchteln" kommt.

Für viele Mitglieder ist die Landjugend wahrscheinlich ihr gesamter Lebensinhalt. Sie atmen für die Feste, die Ausflüge, die Volkstänze, die Saufereien, die Gemeinschaft. Und das ist auch vollkommen OK so. Rückblickend betrachtet ist es höchstwahrscheinlich nicht gerade fair, gegen einen Verein auszuholen, dessen offizielle Prinzipien ich eigentlich unterstützen würde. Aber die Wahrheit ist nun mal, dass ich davon in der Praxis nichts mitbekommen habe.

Franz ist nicht mehr bei der Landjugend, aber auf Twitter: @FranzLicht